Artikel - 2020.5-6 - KGS Berlin 2020

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Artikel - 2020.5-6

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Corona und Zeitenwende
Offener Brief von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels

Liebe Freunde, liebe Mitarbeiter für eine bessere Welt!

Wir  leben in einer merkwürdigen Zeit. Die Corona-Geschichte steht für die  Zweideutigkeit einer Situation, die einen Ausweg und eine Aufklärung  braucht, denn es ist die Situation unseres eigenen Lebens. Egal, wer  oder was diese Corona-Sache inszeniert hat und wie sehr der kommende  Zusammenbruch der herrschenden Finanz- und Wirtschaftswelt dabei eine  Rolle spielt:

Wir alle sind an der Geschichte beteiligt – und  wie sie weitergehen wird, hängt weitgehend davon ab, welche Kräfte sich  heute zusammenfinden, um definitiv für eine neue Lebensordnung zu  arbeiten.
Der globale Kapitalismus zerbricht. Er steht vor zwei  Möglichkeiten: entweder Chaos, was wir nicht ernsthaft hoffen können,  oder totalitärer Überwachungsstaat, was wir auch nicht hoffen können.  Wir erleben zurzeit, wie gegen Ärzte und Virologen vorgegangen wird, die  den Mut haben, im Corona-Zusammenhang Fakten zu nennen, die nicht der  öffentlichen Doktrin entsprechen.

Wir wissen, wieviel neue Not  durch die Corona-Geschichte und ihre Kontaktverbote in vielen einsamen  Menschen verursacht wird, wie grausame Dinge jetzt geschehen in Indien,  Kenia und anderen Ländern des globalen Südens.

Aber dennoch: Als  ich (Dieter Duhm) eines Nachts vor dem Haus saß und im Inneren diese  unglaubliche Geschichte in ihrem ganzen Ausmaß spürte, und ich (Sabine  Lichtenfels) an einem Kraftplatz meditierte und auf die Stimme der Welt  lauschte, kam in uns beiden ein Gefühl, als wollte es sagen: „Endlich!“

ENDLICH.  Endlich der Gedanke, dass ein System zu Ende sein könnte, unter dem so  viel gelitten werden musste. Frische Luft und Freude bei Mensch und  Tier, bei Vögeln und Delfinen. Endlich ist Mensch gezwungen zu erkennen,  dass es eine Menschheit, eine Erde, ein Organismus ist, dem er angehört  und aus dem er alle seine Kräfte, seine Lebensfreude und seine  Gesundheit gewinnt. Hier ist seine Heimat.

Endlich! Wir wussten,  dass wir irgendwann an diese Stelle kommen würden. Wenn dieses Licht  angeht, erhebt sich im Herzen der Menschheit das Eine, das alles  verbindet. Arkan Lushwala, ein naher Freund aus indigener Tradition, hat  aus Peru geschrieben: „Viele von uns haben darauf gewartet, dass so  etwas wie jetzt geschehen würde, etwas Machtvolles und Heiliges musste  eingreifen, um die Zerstörung der Lebensquellen zu stoppen.“ Manchmal  erleben wir diesen Punkt, wo das Göttliche zu uns durchbricht und uns  für eine kurze Zeit hineinführt in eine Welt der Gnade, der Vollmacht  und der großen universellen Liebe.
Es ist kein privates Erlebnis, es  ist kein nur individuelles Ich, welches diese Sache erlebt, sondern in  diesem Erlebnis pulst das Herz der ganzen Welt und das globale Herz der  ganzen Menschheit. Es ist die Botschaft einer Welt, die immer auf  Einheit, Liebe und Heilung gerichtet ist. Wir nennen sie die „Heilige  Matrix“. Es ist die verlässlichste Grundlage für die Bildung einer  Bewegung, welche in der Lage ist, sich mit den universellen Kräften zu  verbinden und das Herz der Menschheit zu heilen.

Verbunden mit  dieser Botschaft schauen wir auf den Horizont und sehen neue  Gemeinschaften, sehen freie Liebesbeziehungen, die nicht mehr an  Konkurrenz und Eifersucht scheitern, sehen Landschaften, die sich  vollkommen regeneriert haben, sehen die Freundschaft zwischen Mensch und  Tier, sehen die Heilungswunder von Jesus bis Bruno Gröning oder Anita  Moorjani und die Heilungswunder, die wir selbst erfahren haben, sehen  hinter allen Krankheiten und Zerstörungen die Keimkräfte einer kommenden  Welt, die so real ist, dass die gegenwärtigen Realitäten unserer  entgleisten Zeit wie eine seltsame Fata Morgana erscheinen. Wir wollen  jetzt zusammenfassen, was mit höherer Stimme zu uns kam:

WORTE DER WELTENSEELE AN DIE MENSCHHEIT:
Du  Mensch, deine Stimme wird jetzt gebraucht, deine wahre, deine liebende  Stimme der Anteilnahme und Hilfe für alle, die jetzt Hilfe brauchen.  Wenn du dich an deine ursprüngliche göttliche Natur erinnerst, wenn du  wieder weißt, wer du wirklich bist und warum du auf der Erde bist, werde  ich dir alles zeigen und zuführen, was du zum Leben brauchst. Ich werde  dir zeigen, wie sich in der Liebe zwischen Mann und Frau ein ganzes  Universum spiegeln möchte. Ich werde dir helfen, deine Stimme machtvoll  zu erheben gegen Rüstungsindustrie und Waffenexport, gegen die  Vernichtung von Regenwäldern, indigenen Völkern und ganzen Populationen  im Tierreich.

Ich habe euch Corona geschickt, damit ihr in diesem  Stillstand der Welt noch einmal nachdenkt und zur Besinnung kommt. Ihr  könnt nicht mehr zur gewohnten Normalität zurück. Stoppt die alten  Lebensgewohnheiten von Schmerz, Eifersucht, Konsumgewohnheiten und  Ersatzbefriedigungen; stoppt das unnötige Morden und Sterben; stoppt  euren eigenen Hass; beendet eure gewohnheitsmäßigen Kämpfe gegen dies  und das, auch die in euren eigenen Beziehungen und Gruppen; stoppt die  Verzweiflung – steigt endlich „nach oben“ aus. Dort liegen die  Kraftplätze der Erneuerung. Dort liegt die Macht für die große  Transformation, welche heute für die Erde und alle ihre Bewohner  unausweichlich geworden ist. Nehmt teil an dieser Macht und breitet sie  aus über allen Ländern und Gewässern.

Die Zeit des Kapitalismus  ist vorbei. Errichtet jetzt die Fundamente für eine neue, lebenswerte  Zukunft und für die unendliche Lebensfreude aller Wesen, die euren  Planeten bewohnen.
Dafür gibt es im Bauplan der Schöpfung wunderbare  Möglichkeiten, die ihr leicht empfangen und verwirklichen könnt, weil  ihr selbst sie als kosmische Mitgift in euren Leibern, euren Genen,  euren Herzen tragt.

Zieht die Masken und die Deckel weg, durch  die ihr euch voreinander geschützt habt. Entdeckt eure eigene göttliche  Natur und ihre unbegrenzten Möglichkeiten. Entdeckt die grenzenlose  Macht der göttlichen Manifestation, mit der ihr die Welt verändern  könnt, und entdeckt den Glauben, der Kranke heilt, Völker versöhnt und  „Berge versetzt“.

Tut es nicht halb, sondern ganz. Hört auf mit  unnötigen Grübeleien und Zweifeln, schaut in das Leben und erkennt die  heiligen Kräfte, die da am Werk sind. Lernt das Schauen, das innere  Sehen. Seht die neuen Gemeinschaften, die sich aus göttlichem Urgrund  erheben. – Seht die Liebe der Geschlechter, die sich zu erkennen  beginnen. – Seht die weibliche Quelle und die Liebe aller Kinder, aller  Menschenkinder und aller Tierkinder, zu ihren Müttern. – Lasst eure  Töchter weissagen, lasst eure Väter alles Weibliche und eure Mütter  alles Männliche beschützen. – Seht die Liebe der Tiere zum Menschen. –  Seht die Heimat in der großen Familie des Lebens. – Seht, wie schnell  sich das Leben erneuert, wenn es nicht mehr zerstört wird.

Seht den großen Plan einer konkreten Utopie, die so lange schon auf ihre Verwirklichung wartet.
Danke und Amen. Im Namen der Liebe für alle Kreatur.

Dr. Dieter Duhm ist Psychoanalytiker, Kunsthistoriker, Initiator des  „Plans der Heilungsbiotope“, einem universellen Friedensplan, und  Mitbegründer des Zukunftsprojekts „Tamera“ in Portugal, wo er auch lebt.  Weitere Infos unter www.dieter-duhm.de
Sabine Lichtenfels, Autorin, Friedensaktivistin, Theologin, Mitgründerin des Friedensforschungszentrums „Tamera“ in Portugal.
Aktuelle Projekte sind u. a. die Planung globaler Heilungsbiotope.
Infos zur Friedensarbeit und den Projekten unter www.tamera.org


Mensch, erkenne dich selbst ... von Wolf Sugata Schneider
Manipulation? Schrecklich!!! Von so vielem und so vielen werden wir  ständig manipuliert. Dabei bedeutet das Wort ursprünglich einfach die  Bearbeitung mit den Händen, vor allem im medizinischen Bereich. Also zum  Beispiel Massage. Das empfinden die meisten von uns doch als angenehm.  Wenn uns das körperlich so guttut, warum wollen wir dann nicht auch  psychisch manipuliert werden?

Mir scheint, dass die weit  verbreitete Abneigung gegen Manipulation damit zusammenhängt, dass wir  ahnen, wie leicht beeinflussbar wir sind. Was wir denken, fühlen, sagen  und tun, kommt großenteils nicht aus uns selbst, sondern ist eine Folge  von äußeren Einflüssen, die auf uns einwirken, ohne dass wir sie  durchschauen. Dann wettern wir gegen böse Kräfte in der Werbung, der  Wirtschaft und Politik – ja, die gibt es. Aber das führt meist nicht  weit. Denn um uns von diesen bösen Kräften zu befreien, geben wir uns  anderen Influencern hin, die behaupten, diese bösen Kräfte zu  durchschauen und uns vor ihnen zu bewahren. Frei sind wir dadurch noch  immer nicht, sondern nur von einem Bereich der unerkannten Beeinflussung  zu einem anderen gewechselt.

Wie werden wir frei von  ungewollter Einflussnahme? Das ist gar nicht so leicht. Die Behauptung  davon frei zu sein, ist meistens eine Illusion. Zudem gibt es Kräfte,  von denen ich beeinflusst sein will. Aber auch da weiß ich letztlich  nicht, ob dieser Wille wirklich mein eigener ist, also frei aus mir  heraus entstanden, in mir wurzelnd. Zu oft habe ich Menschen in ihr  Verderben rennen sehen im festen Glauben, damit das für sie und ihre  soziale Umgebung Beste zu tun.
Ein genauer Blick auf unsere  Ich-Identität, das heißt auf den, für den wir uns jeweils halten, zeigt  zum einen den Einfluss unseres Familiensystems, das wir in den  systemischen Aufstellungen erforschen. Dort erspüren Stellvertreter, was  sie in unserer – meist belasteten – Lage empfinden, denken oder tun würden. Sind wir die Person, die da aufgestellt wird? Können wir uns von  der Last der Einflussnahme durch das »System« unserer familiären  Herkunft befreien? Und von der Einflussnahme durch Medien, Politik,  Wirtschaft und der Meinung unserer Freunde in ihren jeweiligen  Echokammern?
Sich von all diesen Einflüssen loszulösen, ist wirklich  nicht leicht. Punktuell gelingt uns das ja, mit ein bisschen Glück auch  mal phasenweise, und wir fühlen uns befreit. Dann aber rutschen wir in  eine neue Identität rein, die wieder ein Gefängnis ist, und sei es die  des Zu-sich-Gekommenen oder Befreiten. Oder, noch spiritueller  gesprochen, die eines Niemand. Im konventionellen Denken schämt man sich  ein Niemand zu sein, in spirituellen Kreisen ist man hingegen stolz  darauf, und hat damit wieder eine Identität gefunden. Diesmal eine, die  beansprucht, von anderen Niemands unterscheidbar zu sein, womit sie als  Karikatur ihrer selbst auftritt, als ein wandelnder Widerspruch, ein  transpersonales Ego.
Die Lebenskünstler unter uns sind zu schlau, um  in diese Falle zu geraten. Sie versuchen etwas anderes: Sie wollen sich  selbst erschaffen – das größte Kunstwerk, zu dem ein Mensch fähig ist.  Als mich selbst Erschaffender werde ich zu Gott, zum ultimativen  Schöpfer, dem Schöpfer meiner selbst, und bin damit in die nächste Falle  geraten, die Münchhausenfalle. Denn wer hat diese Person erschaffen,  die da auf einmal zum Agenten ihrer Selbstschöpfung geworden ist? Ich!  Die Teilung des Ichs in einen Teil, der erschaffen wird, und einen  anderen, der aus sich selbst heraus entsteht, rettet mich also nicht vor dem Stolpern in eine zweite Karikatur meiner selbst.

Der  Physiker Hans-Peter Dürr hat den Gang des Zweibeiners mal so  beschrieben: Auf einem Bein stehend sind wir in einer instabilen Lage.  Von dort aus fallen wir in eine weitere instabile Lage, die auf dem  anderen Bein. Hat dieses Fallen eine Richtung, nennen wir es gerne ein  Vorankommen, Fortschritt, obwohl es doch in jeder einzelnen Sekunde  dieser Bewegung ein Hineinstürzen ist in etwas Ungewisses, Instabiles.  So aber sind wir: Werdende. Unser Vorankommen ist ein  Stirb-und-Werde-Vorgang. Wer ich gerade noch war, der bin nun nicht  mehr. Wer ich bin, kaum habe ich es dämmernd wahrgenommen, verschwindet  es schon wieder, und wer ich sein könnte, ist erst noch im Entstehen.  Ist das die Freiheit, die ich mir vorgestellt hatte, als ich noch von  Erleuchtung und Gottwerdung träumte?
Der Versuch, sich selbst zu  entwickeln, zu entfalten und zu erkennen, um auf diese Weise ein  besserer Mensch zu werden, ist trotzdem ein lohnender. Welcher Teil von  mir da auch immer am Werk gewesen sein mag, um reifer, bewusster oder  intelligenter zu werden und seelisch-psychisch zu wachsen. Das Growth  oder Human Potential Movement, diese so einflussreiche soziale und  therapeutische Bewegung der 60er- bis 80er-Jahre des vorigen  Jahrhunderts speiste sich aus denen, die sich – zu Recht – unvollkommen  fühlten und deshalb wachsen und werden wollten. Sie wollten hoch hinaus:  den »neuen Menschen« erschaffen, nichts weniger als das. Erst dieser  neue Mensch wäre imstande frei zu denken, zu leben und zu lieben.
Wohin  hat uns das gebracht? Heute, im Frühjahr 2020, mitten in der  Corona-Krise, die vielen als die schwerste Herausforderung erscheint,  vor der die westlichen Gesellschaften seit dem Niederringen des  Faschismus im Zweiten Weltkrieg stehen. Die Demokratien, in denen nach  den Autokratien der Vergangenheit doch »das Volk« der Souverän sein  sollte, so war es gedacht, zeigen allenthalben, dass die einzelnen  Bürger und die Gruppierungen, in denen sie sich versammeln und  institutionalisieren, so gar nicht souverän sind. Weit davon entfernt,  sich selbst beherrschen zu können, kennen sie sich selbst nicht einmal.
Gnothi  seauton – erkenne dich selbst« lautete die Inschrift am Eingang des  Apollo-Tempels zu Delphi vor 2.400 Jahren. Auch heute könnte man wohl  kaum einen treffenderen Aufruf über die Eingänge der Therapie- und  Meditationsräume, der Kirchen, Moscheen, Tempel und säkularen  Versammlungsräume unserer Zeit schreiben. Der Mensch ist nicht klüger  geworden in diesen zweieinhalbtausend Jahren, wir sind nur mehr  geworden.
Ein freies Denken, Leben und Lieben ist wohl erst möglich,  wenn wir ein bisschen souveräner geworden sind. Nicht, dass wir erst die  volle Erleuchtung bräuchten, um Liebende sein zu können. Die »volle  Erleuchtung« zu ergattern ist für die meisten Suchenden eh nur eine neue  Sucht, die vielleicht alte Süchte hat ersetzen können, aber nicht das  Leiden mindern konnte. Ich glaube jedoch, dass ein Leben als zugleich  Sterbender und Werdender – im Sinne von Goethes »Und so lang du das  nicht hast, / dieses: Stirb und Werde! / bist du nur ein trüber Gast /  auf der dunklen Erde« – dass wir erst als in diesem Sinne bewusste  Menschen überhaupt hoffen dürfen, Liebende zu werden, politisch  Souveräne und frei Denkende. Ohne Selbsterkenntnis geht es nicht.

Was  werden 2.400 Jahre nach uns die Historiker über diese, unsere Zeit  sagen? Dass sich im Grunde nichts verändert hat in Bezug auf die  menschliche Dummheit? Die meisten von uns würden wohl meinen, dass Homo  sapiens sogar zu dumm ist, um mehr als die nächsten 240 Jahre zu  überleben. Stellen wir uns vor, was ein Blick von dort auf uns Heutige,  in der Corona-Krise Gefangene sagen würde. Sind wir imstande unser Leben  frei zu gestalten, ohne dabei auf Schuldige, uns Einschränkende  außerhalb von uns selbst zu deuten? Vielleicht hatte Blaise Pascal  (1623-1662) ja recht mit seiner Aussage: »Das ganze Unglück der Menschen  rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben  vermögen.«


Wolf Sugata Schneider, Jg. 52
Autor, Redakteur, Humorist.
1985–2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de
Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info


Vom Denken in der Angst zum Handeln in Freiheit ... von Hermann Häfele
Angst ist ein interessantes Phänomen. Und damit meine ich nicht die  natürliche, instinktive Angst, die von unseren steinzeitlichen  Ursprüngen stammt, also etwa die vor wilden, gefährlichen Tieren – diese  Angst spielt mindestens in unseren Breiten kaum noch eine Rolle.
Doch  wir haben uns die Angst erhalten und übertragen sie heute auf eine –  nüchtern betrachtet – sehr übertriebene Art und Weise auf andere Felder unseres Lebens. Angst gibt es heute allerorten. Von manchen Seiten aus  wird sie gar bewusst geschürt. Es gibt zahlreiche Gründe, weshalb wir in der Angst bleiben.

„Angst ist ein Resonanzkiller, sie verhindert, dass wir einen Zugang zur Welt um uns herum aufbauen können. Sie macht  uns gewissermaßen in uns selbst gefangen“, sagt der Soziologe Hartmut  Rosa (Zeitmagazin online vom 03.04.2020).

Angst hat die  althochdeutsche Herkunft „Enge, Engsein“ und eine noch ältere,  indogermanische, nämlich „eng, bedrängend“. Wie also sind wir „bedrängt“  und was ist es, was uns „in uns gefangen“ hält?

Wir sind in  unseren inneren Mustern und Programmen gefangen, und viele halten es  kaum aus, wenn sie – auch durch äußere Umstände – auf sich selbst  zurückgeworfen sind und flüchten in andere, zum Beispiel digitale  Welten. Ablenkungen gibt es ja immer noch mehr als genügend.  Gleichzeitig haben wir – wenn wir denn wollen – aktuell eine  Riesenchance, aufs Neue mit der Welt und vor allem mit uns selbst und  unserem Leben in Beziehung zu treten.
Das Wort „Chance“ geht auf das  frühromanische „cadentia“ zurück und diesem liegt die lateinische Wurzel  „cadentia“ („möglicher Fall, Fall der Würfel, Wahrscheinlichkeit“)  zugrunde. Wie die Dinge letztlich werden, wissen wir nicht. Doch wir  können bestmögliche Voraussetzungen für das „Fallen der Würfel“ für uns  schaffen! Die Chance besteht konkret darin, einen eigenen „Roten Faden“  hinein zu uns selbst und in die Freiheit zu finden bzw. wiederzufinden.

Was bedeuten die Worte „Freiheit“ und „frei“?
Die  indogermanische Wortwurzel für „frei“ stand ursprünglich für „vertraut,  lieb, eigen“ und für „helfen, lieben“ sowie für „Zuneigung,  Freundschaft“, wie der Sprachwissenschaftler Jochen A. Bär erklärt  (www.baer-linguistik.de).

Er schreibt weiter: „… Frei lässt sich  auf die indoeuropäische Wurzel prai- bzw. prî- (›lieben, gern haben,  schonen‹) zurückführen. Die Entwicklung von ›lieb‹ zu ›frei, unabhängig‹  erklärt sich aus einer Vorstellung ‚zu denen gehörig, die man gern hat  und schont‘ – also zu den Verwandten und Stammesgenossen. … Zu derselben  Wortsippe zählen Freund (ursprünglich: ›Nahestehender‹, auch  ›Verwandter‹), freien (›heiraten wollen, werben‹) und Friede  (ursprünglich: ›Zustand des Wohlwollens, der Schonung‹).
In diesem  Sinne definierte der Philosoph Martin Heidegger Freiheit als  „Sein-lassen“, womit er nicht ›etwas unterlassen, sich davon abwenden‹  meinte, sondern ›etwas es selbst sein lassen, ihm seine Eigentümlichkeit  erlauben‹. Also nicht: sich von etwas, sondern für etwas frei machen.“

Um  die Chance zu nutzen, unseren eigenen „Roten Faden“ (wieder) zu finden,  braucht es Mut und die Bereitschaft, bewusster zu werden, mehr  wahrzunehmen und sich selbst Fragen zu stellen: Was habe ich bisher  gemacht? „Fließen“ die Dinge in meinem Leben so, wie ich mir das  vorstelle? Wenn nein, woher genau kommt mein Unbehagen und auf welche  Lebensfelder bezieht es sich (z. B. Beruf, Beziehung etc.)? Was macht  mich aus und habe ich etwas mit meinem Leben zu tun? Spüre ich  Lebensfreude oder ist das doch zu einem abstrakten Begriff für mich  geworden? Fühle ich mich (und meine Umwelt) oder bin ich eher ein  funktionierender Kopfmensch? Führe ich aktiv eine bereichernde  Beziehung? Zu beziehungsweise mit jemand anderem und zu mir selbst? Bin  ich beruflich in Feldern aktiv, wo ich meine Stärken und Präferenzen  sinnvoll und freudvoll einsetze, oder traue ich mich gar nicht so recht,  da überhaupt drüber nachzudenken? Woher genau stammen meine Ängste und  was kann ich tun, um sie zu überwinden?

Mit Hilfe dieser und  ähnlicher Fragen auf Entdeckungsreise zu gehen, kann ausgesprochen  spannend werden. Dabei gilt es, sich selbst mit Mitgefühl und dem  eigenen Leben gegenüber mit Liebe zu begegnen.

Von was will/sollte ich mich befreien und für was will ich frei sein?
Anlässlich  seines 70. Geburtstages sagte Charlie Chaplin: „Als ich mich wirklich  selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht  gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von  allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs  nannte ich das ‚gesunden Egoismus‘, aber heute weiß ich, das ist  ‚Selbstliebe‘“.

Kann so ein Weg „erfolgreich“ sein und Entwicklung gelingen?
Ja, kann er, manchmal ganz anders, als ursprünglich gedacht!

Was kann die Hoffnung bewirken?
Hoffnung  kommt tatsächlich ursprünglich von „aufgeregt umherhüpfen, in Erwartung  hüpfen“ – vgl. auch das „hoppen“ aus dem Mittelniederdeutschen. Manche  kennen noch aus eigener Kindheit das „hoppe, hoppe, Reiter ...“!
Hoffnung  ist nach meiner persönlichen Überzeugung kein gutes Konzept, wenn es  uns fortwährend aus der Gegenwart herauskatapultiert, wenn wir  „anhaften“ an irgendetwas Zukünftigem, das unser Kopf sich einbildet.  Dieses „wenn erst das und das (wieder) erreicht ist, dann werde ich ...“  kennt fast jede/r zur Genüge – so landen wir doch wieder beim ewigen  Aufschieben. Irgendwann, so hoffen wir, wird‘s bestimmt besser …? Nein,  wird es nicht, schon deshalb, weil dieser Zeitpunkt nie eintritt! Oder  vielleicht doch, aber vom Außen beeinflusst in Zeiten von  Ausnahmesituationen während Krisenzeiten?

Wenn das „aufgeregte  Umherhüpfen“ allerdings als Ausdruck von Neugier und Freude geschieht  und aus der Gegenwart heraus, wenn wir alles ‚willkommen heißen‘, was da  kommen mag (einschließlich unangenehmer Dinge), dann sind wir auf dem  richtigen Wege. Dann kann, genau so interpretiert, Hoffnung auch ein  wunderbarer Ausdruck von Lebensfreude sein. Dazu noch einmal Hartmut  Rosa, der es gut auf den Punkt bringt: „Ich verstehe Resonanz als eine  bestimmte, gelingende Form, mit der Welt in Beziehung zu treten. (…) Ich  lasse mich auf eine Sache ein, die mir wirklich etwas bedeutet, die  mich innerlich berührt und bewegt. Ich bin nicht nur passiv berührt,  sondern antworte auf das, was mich da anruft und erfahre mich dabei auch  als selbstwirksam.“ Es gilt, in Resonanz zu gehen, mit dem Außen und  mit dem Innen.  

Machen wir uns also auf in Richtung Freiheit und  machen uns frei – nicht nur von etwas, sondern auch zu etwas. Es lohnt  sich gerade jetzt, in sich selbst zu investieren und sich (womöglich  neu) zu positionieren, in welchen Feldern auch immer (fast immer hängt  ja alles mit allem zusammen). So kommen wir (endlich) in unserem Leben  an. Und das bedeutet: Fühlen und Denken in der Gegenwart – und Handeln  in Freiheit!

Hermann Häfele unterstützt und begleitet Menschen, ihren eigenen Roten  Faden (wieder) zu finden – für die eigene Positionierung, bei  Krisenüberwindung und/oder bei persönlicher Weiterentwicklung in allen  Lebensfeldern. Mehr Infos auf www.roter-faden-coaching.de


Das feste Band - Wie Paare sich in Krisen stärken können ... von Jochen Meyer
Krisen bringen uns in emotionale Ausnahmezustände und stellen für alle  Paare eine besondere Herausforderung dar. Der Berliner Paartherapeut und Single-Coach Jochen Meyer zeigt Paaren, was sie in einer Krise tun  können.

Ob wir gut durch eine Krise kommen, hängt wesentlich von unserem Umgang  mit unseren Gefühlen ab. Habe ich für das, was mich ängstigt und  bedroht, einen Ort in mir? Kann ich damit umgehen oder überwältigt es  mich, so dass ich auf eines der drei angeborenen Muster der Stressbewältigung zurückgreifen muss: Kampf (aggressiv werden,  ausrasten), Flucht (sich abwenden, aus dem Raum gehen) oder Erstarrung  (stumm werden, emotional versteinern).
Haben wir für unsere Ängste  einen Ort in unserer Partnerschaft? Können wir sie unserer Partnerin,  unserem Partner zeigen? Kann sie oder er damit umgehen, wenn wir in  einen emotionalen Ausnahmezustand geraten? Es gehört schon einiges dazu,  sich dem Partner zuzuwenden und zu sagen: „Du, ich fühle mich gerade  vollkommen hilflos, ich gerate in Panik, ich brauch' dich jetzt!“

Was krisenfeste Paare auszeichnet
Welche  Paare kommen am besten durch eine Krise? Es sind die, deren Verbindung  stabil ist. Die Partner haben Vertrauen ineinander, und sie haben Vertrauen in ihre Beziehung. Sie haben schon manche schwierige Situation  durchgestanden und wissen, dass ihre Verbindung belastbar ist. Es gibt  ein festes Band zwischen ihnen. Und dieses Band hält eine Menge aus.
Solch  ein festes Band entsteht, weil beide Partner sich konsequent für die  Bindung einsetzen und sie pflegen. Es entsteht, wenn zwei Partner  zueinander stehen, also loyal und solidarisch miteinander umgehen. Und  es wird stärker, wenn beide im alltäglichen Miteinander aufmerksam  füreinander sind, Rücksicht nehmen und einen liebevollen Kontakt  pflegen.
Wenn solch ein festes Band da ist, spüren wir intuitiv: Auf  meinen Partner kann ich bauen. Ich weiß, dass er es gut mit mir meint.  Ich weiß, dass er fest an meiner Seite steht und dass er mir Halt gibt, wenn ich ihn brauche.

Wie sich eingespielte Paare ihrer Liebe versichern
Das  feste Band ist so stark, auch weil beide Partner sich immer wieder  signalisieren, dass sie sich lieben. Schauen wir genauer hin, dann  erkennen wir ein bestimmtes Repertoire, durch das sie sich ihrer  Verbundenheit versichern: Sie verwenden Codewörter und sprechen in einer  „Beziehungssprache“, deren Bedeutung nur sie kennen. Sie schenken  einander kleine Gesten der Aufmerksamkeit, die wie alltägliche Rituale  regelmäßig wiederholt werden. Sie zeigen sich ihre Zuneigung durch  zärtliche Berührungen. Sie sind zugewandt und offen füreinander; jeder  kennt den anderen. Daher wissen sie auch, wie sich der Partner in  schwierigen Situationen fühlt und was er dann braucht. Beide wissen  intuitiv um die Bedeutung dieser „Maßnahmen“ zur Erhaltung der Liebe.  Sie setzen positive Bindungssignale ein, durch die sie das Band zwischen  ihnen erhalten und stärken.

So nutzen Sie die Kraft von Bindungssignalen in der Krise
Stellen  Sie sich vor, Ihre Partnerin oder Ihr Partner kommt mit der Nachricht  nach Hause, dass er möglicherweise seinen Job verliert. Das ist ein  Problem, das keiner von Ihnen beiden lösen kann. Die Nachricht löst eine  ganze Kaskade von Ängsten und Sorgen bei Ihrem Partner aus, und Sie  spüren sofort: Diese Veränderung kann auch für unsere Beziehung zu einer  Belastungsprobe werden.
In solch einem Moment entscheiden Sie durch  bewusst oder unbewusst eingesetzte Bindungssignale, wie es zwischen  Ihnen weitergeht. Hält das Band oder droht es zu zerreißen?
Gerät  Ihr Partner in einen emotionalen Ausnahmezustand, können Sie eine Menge  tun – zumindest solange Sie selbst nicht gerade emotional am Anschlag  sind. Senden Sie positive Bindungssignale, die das Band zwischen ihnen  aktivieren: Das kann ein liebevoller, sanfter Blick sein. Sie können  auch auf Ihren Partner zugehen, ihn vielleicht in den Arm nehmen und ihn  halten, wenn er so viel Nähe gerade zulässt. Wichtig ist, dass Sie  emotional präsent für ihn sind, ihn spüren lassen: „Ich bin für dich da.  Du kannst mit allem zu mir kommen, was dich bewegt und was dich  belastet!“
Wenn Sie sich umgekehrt vorstellen, sie selbst wären in  einer vergleichbaren emotionalen Notlage: Was würden Sie sich von Ihrem  Partner, Ihrer Partnerin wünschen? Was müsste sie oder er tun? Welche  Worte würden Sie gern hören?

Sätze, die Bindungsbotschaften enthalten. Erkennen Sie sie?
  • Du bist mir wichtig. Du bedeutest mir sehr viel. Ich möchte wissen, wie es dir geht.
  • Ich möchte, dass es Dir gutgeht und dass du klar kommst. Kann ich etwas für dich tun?
  • Ich bin für dich da. Du kannst mir alles erzählen, egal wie schlimm es für dich ist. Ich halte das aus.
  • Überfordert sein, ratlos sein, verzweifelt sein: All das ist erlaubt!
  • Wir gehen da jetzt gemeinsam durch.
  • Keiner von uns kann jetzt alles richtig machen, aber wir bleiben zusammen.
  • Wir  haben schon ganz andere Krisen durchgestanden, erinnerst du dich? Wenn  wir das hier hinter uns haben, werden wir noch stärker sein!

Achten  Sie auf die innere Haltung, die hier zum Ausdruck kommt. Umso sicherer  Sie und Ihr Partner sich in Ihrer Haltung sind, desto weniger Worte  werden Sie brauchen.
Machen Sie sich klar: Jeder Satz, den Sie nicht  sagen; jede Geste, auf die Sie verzichten, enthält ebenfalls eine  Bindungsbotschaft. Nur eben eine andere. Und die wird auch eine Wirkung  haben auf Sie beide und das Band zwischen Ihnen.
Wer gerade Stress  hat und emotional überfordert ist, braucht einen verständnisvollen  Partner und keinen, der ihm noch mehr Probleme bereitet. Krisen sind  eine wunderbare Gelegenheit für Paare, die Bindungssprache zu erlernen  und sich positive Bindungssignale zu geben. „Ich bin grad am Anschlag  und kann jetzt nicht auf Dich eingehen. Aber das bedeutet nicht, dass Du  mir nicht wichtig bist. Ich liebe dich trotzdem!“ Auch das ist eine  Möglichkeit, die Verbindung zu halten. Selbst dann, wenn das Band gerade  nicht spürbar ist.  
In Zeiten zunehmender Verunsicherung wird die  Sehnsucht nach stabilen Beziehungen größer. Unsere Bindungsbedürfnisse  sind angeboren; wir alle sehnen uns nach einem Partner, der in  Krisenzeiten für uns da ist und der uns signalisiert: „Bei mir bist du  sicher. Bei mir kannst du dich aufgehoben fühlen. Zu mir kannst du immer  kommen, egal womit. Komm her und lass uns schauen, was wir jetzt machen  können.“

Ich sage nicht, dass das immer leicht ist. Paare, die  in alten Konfliktmustern feststecken und sich schon oft verletzt haben,  können den mitgeschleppten Groll oder die Angst vor neuerlicher  Verletzung nicht einfach beiseite packen und durch ein paar gut gemeinte  Worte ersetzen. Aber auch sie können lernen – zum Beispiel im Rahmen  einer Paartherapie – auf ihre jeweiligen Bindungsbedürfnisse zu achten  und bewusster mit ihnen umzugehen. Sie können sogar schon jetzt etwas  für ihre Bindung tun: Sich immer dann, wenn ihre Beziehung gerade stabil  ist, liebevolle Gesten und positive Bindungssignale schenken. So können  auch sie das Band zwischen ihnen beleben und festigen.

Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer lebt und arbeitet als Paartherapeut und  Single-Coach in Berlin. Er bietet unter anderem Online-Seminare für  Paare an: „Sicher durch die Krise. Durch Bindungssignale die Beziehung  stärken“. Weitere Infos und seine Kontaktdaten, Telefon und E-Mail  finden Sie auf www.jochen-meyer-coaching.de


Räume bewusst gestalten ... von Judika und Eilert Bartels
Die „Corona-Krise“, fordert uns alle auf eine für viele Menschen neue  Weise heraus. Das gilt besonders auch für Paare. In Zeiten von  Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen wird nun noch wichtiger, was uns  von jeher auch in unserer Praxis Leitgedanke ist: „Stabile, erfüllende  Paarbeziehungen setzen eine gute Beziehung zu sich selbst voraus“. Den  eigenen Raum wahrnehmen und würdigen zu lernen, ist nicht nur dafür  wichtig, sich abgrenzen zu können, sondern ganz besonders auch, um  bewusste gemeinsame Räume der Begegnung miteinander gestalten zu können.  Das gilt umso mehr, wo wir derzeit wegen „Corona“ und der  Ausgangsbeschränkungen „aufeinander hocken“.

Vielleicht haben wir  ja auch gerade jetzt die Chance, mit- und aneinander zu wachsen! Es mag  sein, dass viele Paare sich im Moment, oder ohnehin schon länger, im  Besonderen auf verschiedene Weise aneinander gebunden fühlen. Sich  bewusst zu machen, dass Sie – auch, wenn Sie sich gebunden haben –  dennoch ganz und eigenständig sind, gibt Ihnen die Möglichkeit, sowohl  Freiräume für den Einzelnen als auch gemeinsame Räume des Miteinanders  zu gestalten. Die „Corona-Krise“ ist eine Herausforderung, aber auch  eine Chance, dies für sich und miteinander zu lernen.

Wir haben  uns dazu ein paar Gedanken gemacht, die wir Ihnen hier gern als  unterstützende Anregungen mitgeben möchten. Das Wichtigste zuerst:   Machen Sie sich klar, dass es überall, wo Menschen zusammenleben, sowohl  Raum für jede und jeden Einzelnen braucht, als auch so etwas wie Räume  des gemeinsamen Erlebens: ohne Grenzen kein Raum. Völlig klar: Schon  unser Körper definiert sich über seine Grenzen. Unsere Haut bildet ganz  natürlich eine Begrenzung unseres Körpers. Ohne Begrenzung würden wir  unsere Gestalt und unser Gefühl für uns selbst verlieren. Wenn wir z. B.  in einem Auto sitzen, sind wir darüber hinaus sogar in der Lage,  „unseren Raum“ bis zu den Grenzen der Autokarosserie auszuweiten. Und  wir reagieren verständlicherweise empfindlich, wenn jemand die Grenzen  gegen unseren Willen übertritt, etwa, wenn uns jemand in den Kofferraum  fährt, oder auch nur beim Spurwechsel zu nahe kommt. Gleichwohl freuen  wir uns vielleicht auch, wenn wir nicht alleine Auto fahren, sondern  einen freundlichen Menschen zur Mitfahrt in unseren Raum einladen  können. An diesem Beispiel wird klar: Es braucht Grenzen. Sie sind ein  ganz eigener Mensch. Ein Mensch mit eigenen Grenzen, aus denen heraus  Sie Ihren eigenen Raum gestalten, den Sie für sich alleine haben, aber  in den Sie auch andere Menschen einladen können, wenn Sie möchten. Und  erst das Bewusstsein für Ihren eigenen Raum macht es möglich, zu  unterscheiden zwischen „Dies hier ist mein eigener Raum“ und „Das ist  unser gemeinsamer Raum“. Diese Unterscheidung ist wichtig! Denn ohne ein  klares Gefühl für den eigenen Raum lassen sich auch willkommene  gemeinsame Räume nicht gestalten! Um beim Autovergleich zu bleiben: Dann  spüren Sie nicht mehr klar, ob Ihr Gegenüber gerade unwillkommen in  Ihrem Kofferraum ist oder sich freundlich eingeladen hat, und sich als  Mitfahrer auf dem Sitz neben Ihnen in Ihrem Raum befindet.

Räume gestalten
Wenn  wir, bezogen auf das Zusammenleben zweier oder mehrerer Menschen, von  Räumen sprechen, so meinen wir damit innere Räume, also sinnbildliche  Räume. Zum Beispiel sind Sie ein eigener individueller Mensch mit ganz  eigenen Gedanken, Bedürfnissen und Wegen, diesen zu folgen. Äußere Räume  sind somit die reale Umgebung. Zum Beispiel die Zimmer der gemeinsamen  Wohnung, oder auch nur ein Bereich innerhalb eines Zimmers, wie ein  Arbeitsplatz, ein Lesesessel …, aber auch Zeiträume, innerhalb derer  innere und äußere – eigene und gemeinsame – Räume gestaltet werden.  Fangen Sie also am besten damit an, sich Ihren eigenen Raum bewusst zu  machen.

Gestaltung des inneren Raums
Nehmen Sie sich hierfür  doch einmal ein Stündchen Zeit für sich. Nehmen Sie sich einen Stift  und ein Blatt Papier zur Hand und schreiben auf, was Ihnen dazu  einfällt: Wenn Sie auf Ihre eigenen Bedürfnisse blicken, auf das, was  Sie gerne tun, was Ihnen wichtig ist, was Sie allein tun wollen oder  auch müssen, und worüber Sie ich freuen, es in Gemeinschaft zu machen.

Punkte auf dieser Liste könnten zum Beispiel sein:
Arbeiten  (das muss ja schließlich sein); ein Buch lesen; Yoga praktizieren;  essen; schlafen; einfach chillen und niemanden sehen und hören; mich  abreagieren, wenn ich wütend bin; spazieren gehen (zu zweit);  joggen  (allein); duschen oder baden; Sex haben (mit mir allein oder gemeinsam;  Heimwerken; Musik machen; mit Freunden telefonieren; Social Media; am PC  gamen …
Was auch immer Ihren persönlichen Bedürfnissen und  Prioritäten entspricht, schreiben Sie es auf. Sie sehen schon: Wenn man  einmal bewusst darüber nachdenkt, ergibt sich fast von selbst, wo Sie  gern Zeit und Raum für sich alleine haben möchten, oder wo Sie sich über  gemeinsame Zeit und gemeinsamen Raum freuen.

Nun haben Sie  schon eine gute Grundlage für die Gestaltung des äußeren Raumes.  Zeichnen Sie doch einmal den Grundriss der gemeinsamen Wohnung auf. Was  erleben Sie in den verschiedenen Bereichen Ihrer Wohnung? Nehmen Sie  verschiedenfarbige Stifte zur Hand und tragen in die Grundrisszeichnung  ein: Wo in der Wohnung ist für Sie „mein“ Bereich? Wo ist die Ecke, das  Zimmer, wo Sie sagen können: „Ja, hier fühle ich mich wohl und sicher.“,  oder: „Hier kann ich zur Ruhe kommen.“, oder auch: „Hier mag ich es,  wenn wir uns begegnen.“, oder: „Hier komme ich richtig in Aktion.“, was  auch immer Ihren Bedürfnissen nach eigenem Raum entspricht.  Möglicherweise gibt es eine Ecke, einen Bereich oder ein Zimmer, wo sie  gerne sagen: „Hier funkt mir keiner rein! Hier darf nur ich verändern  und gestalten.“ Oder ist Ihnen das vielleicht gar nicht so wichtig?  Spüren Sie da ruhig einmal hin, wie es wirklich ist! Je nachdem, ob Sie  über eine große Wohnung, ein großes Haus mit vielen Zimmern verfügen,  oder ob Sie sich eine kleine Einzimmerwohnung teilen, können nun ganze  Zimmer, vielleicht aber auch einfach ein Bord eines Regals und Ihr  Lieblingsstuhl „Ihr Raum“ sein, in dem Sie bestimmte Dinge gern erleben  oder tun.

In einer Krise, aber auch sonst im Alltag raten wir:
Gestalten  Sie sich Zeiträume, um miteinander zu sprechen, und zwar über  Wesentliches: über das, was Ihren inneren Raum ausmacht. Ihre  Bedürfnisse, Wünsche, Visionen, Ängste. Vielleicht lösen sich darüber ja  sogar langjährige Missverständnisse auf.
Denken Sie nur an die  obere Brötchenhälfte, die wir so oft dem Partner überlassen, weil wir  denken, er oder sie möge diese lieber als die untere Brötchenhälfte!  Tauschen Sie sich mit Ihrem Partner über Ihre jeweiligen Raumbedürfnisse  aus. Vielleicht gibt es Überschneidungen oder „Raum-Konflikte“? Wie  lassen sich diese lösen? Welche Ideen lassen sich entwickeln? Vielleicht  lässt sich beispielsweise die Nutzung des Regals im Wohnzimmer anders  aufteilen? Und vielleicht lassen sich Zeiträume vereinbaren, in denen  derselbe Bereich einmal „mein“ Raum und einmal „dein“ Raum ist?  Übrigens: Wie andere Räume auch, haben Zeiträume eine Begrenzung, einen  Anfang und ein Ende. Sorgen Sie gut für sich, indem Sie sich selbst die  Freiheit verschaffen, Ihren eigenen Raum zu gestalten. Dadurch kann es  im partnerschaftlichen Miteinander leichter fallen, auch dem anderen  diese Freiheit einzuräumen. Und gleichzeitig wissen Sie vielleicht  besser, was Sie gerne bewusst gemeinsam miteinander erleben wollen. Und  das ist nicht nur in Zeiten von Krisen (Corona) wichtig. Aber warum  sollten Sie diese besonderen Zeiten nicht auch dafür verwenden, sich das  für die Partnerschaft bewusst zu machen? Kommen Sie gut durch  Krisenzeiten und vor allem: Bleiben Sie körperlich und seelisch gesund!

Judith und Eilert Bartels sind Paar- und Sexualtherapeuten und führen  zusammen die Praxis „Beziehungsperspektive“ in Berlin. Eilert Bartels  ist Autor des Buches: „Männliche und weibliche Erregungskurven“. Der  Inhalt hinterfragt geschlechtliche Zuschreibungen und ist ein Plädoyer  für eine sexuelle Selbstbestimmung jenseits von Scham und  Rollenklischee. Außerdem hat er ein Buch herausgebracht: „huMANNoid:  Männer sind Menschen“. Weitere Infos und Kontaktdaten unter  www.beziehungsperspektive.de


Sollen wir uns trennen oder nicht? von Regina Tamkus
In Paarbeziehung zu leben berührt unser tiefes Wesen vom Menschsein und  unser Zugehörig-Sein. Wir brauchen diese Erfahrungen, stimmig gemeint  und geliebt zu sein, um uns entwickeln zu können. Jeder, der sich für  eine Paarbeziehung entscheidet, weiß aber auch: Es ist nicht leicht, in  der Beziehung zu sein, wenn wir uns selbst verloren haben und eine  Reaktivität uns und dem Anderen etwas antut. Das belastet die Liebe.  Viele Paare kennen dann diesen Gedanken: „Ich kann nicht mehr, ich will  mich von Dir trennen“, der zu einem inneren erschöpfenden Zustand werden  kann. Dabei sprechen die Frauen diesen Gedanken oft aus, Männer  sprechen diesen Gedanken eher nicht aus.

Sind wir sicher, dass wir wissen, was der Gedanke meint?

Wenn  er in einer Klarheit und Präsenz ausgesprochen ist, steht er am Ende  eines längeren inneren Prozesses und berührt eine nächste stimmige  seelische Bewegung für einen oder beide in der Partnerschaft.

Doch  oft ist er infolge einer inneren Reaktivität ausgesprochen wie eine  Drohung und will den Partner zwingen, endlich zu sehen, was wir  brauchen, und uns das zu geben. „Bin ich Dir wichtig?“, „Du für mich da,  wenn ich Dich brauche?“, „Stehst Du zu mir?“
Das kann hinter dem  Rückzug der Männer stecken ebenso wie im Ausrasten der Frauen. Es  berührt tiefste Bindungsthemen. Mann und Frau verstehen sich jedoch in  dieser Reaktivität nicht.

Erfahrungsgemäß beschreibt sie eine  innere Not, die unerträglich ist und die wir nicht haben wollen. Jeder  wird es mehr oder weniger kennen: „Ich habe mich in einer  Ernsthaftigkeit gezeigt, bin nackt, doch der andere ist nicht da, nicht  präsent, innerlich geschlossen. Ich bin nicht in Resonanz gekommen, kann  ihn nicht erreichen“. Man kann diesen Zustand nicht aushalten und geht  weg oder greift an. Er löst die frühkindliche Verlassenheitsgeschichte  aus: „Ich bin zu viel, ich schäme mich, keiner will und versteht mich“.  Streit, Wut und Hass oder Rückzug sind die automatische Reaktion auf  diese Kränkung. Kommt das zu oft vor und gibt es keine Erfahrung von  Öffnung und stimmiger Berührung, dann lenkt die Reaktivität die  Beziehung und landet in Trennung.

Wovon trennen?
In diesem  Zusammenhang wollen wir uns wahrscheinlich von dieser wiederholten  Erfahrung trennen, dass die Berührung, die innere Not keine Resonanz im  Anderen findet und dadurch die Seele nicht entspannen kann.
Was  verletzt, ist die Abwesenheit, die fehlende Präsenz des Partners und der  Partnerin. Das ist ein ernst zu nehmendes Thema in Zeiten von ständig  präsenten Handys und Internet.
An dieser Stelle lohnt es sich, den  Trennungsimpuls zu überprüfen. Können wir lernen, mit diesen Stellen der  Not für sich selbst und dann füreinander präsent zu bleiben und sich  wirklich dafür zu interessieren? Können wir auch lernen mit der  Erfahrung präsent zu sein, eine bestimmte Resonanz nicht zu bekommen?  Dann wird der Trennungsimpuls ein Königsweg zu Mitgefühl,  Selbsterkenntnis und Liebe: Wie kann ich lernen, an diesen Stellen nicht  abzuhauen oder anzugreifen? Was kann ich tun, Dir das zu erleichtern?

Die  seelische Arbeit in der Liebe lohnt sich. Sich zu trennen oder nicht,  entscheidet sich meines Erachtens bei den Fragen, ob noch Liebe da ist  und ob es eine Bereitschaft gibt, sich tiefer aufeinander einzulassen  und aus der Reaktivität lernen zu wollen. Ich hatte ein Paar, das sich in 14 Jahren 3-mal getrennt hat. Nachdem sich beide auf die seelischen  Hintergründe eingelassen haben, erkannten sie, was trennend wirkt, zogen  wieder zusammen, haben geheiratet und noch 2 Kinder bekommen.

Regina Tamkus ist Diplom-Psychologin und psychologische  Psychotherapeutin. Aus eigener Erfahrung und der eigenen Arbeit entstand  ein inneres Wissen, dass den Menschen, die zu ihr kommen, bei der  Lösung derer Sorgen helfen kann. Aus ihrer langjährigen Erfahrung hat  sie ein wirksames Angebot aus der seelischen Forschung zum Bewusstwerden  unbewusster Muster in der Partnerwahl für Paare und Singles entwickelt:  „Eros & Psyche“ auf der Basis des 2000 Jahre alten Mythos.
Sie  bietet Intensivseminare an wie „In der Liebe auf die Seele schauen: Ich  kann nicht mehr, ich will mich von Dir trennen“ als  Selbsterfahrungsangebot für Männer und Frauen, die nicht leichtfertig  ihre Partnerschaft und Liebe mit einer Trennung aufs Spiel setzen wollen  oder eine Trennung mit Ruhe und Bewusstheit vollziehen wollen, mit  Blick auf die Kinder. Es richtet sich auch an Menschen, die Trennung  wiederholt erfahren und dafür Verantwortung übernehmen.
Weitere Infos auf www.erosundpsyche.net

Veranstaltungshinweis: Trennungs-Seminar „In der Liebe auf die Seele schauen“ vom 13. bis 16.August 2020




Heilung des Selbstwertmangels ... von Sabine Groth
Der Mangel an Selbstwert und Selbstliebe – ist in Beziehungen  entstanden. In Beziehungen kann er auch wieder geheilt werden. Es gibt  gute Möglichkeiten, die eigenen Minderwertigkeitsgefühle in eine gesunde  Selbstachtung zu verwandeln. Heute mehr denn je.

Wer kennt ihn nicht – den Zusammenbruch des Selbstwerts nach einer  Kritik, Kränkung oder Zurückweisung? Wer hat sich nicht schon einmal  minderwertig und unterlegen gefühlt oder aber auf jemanden herabgeblickt  aus einer vermeintlichen Überlegenheit heraus? Gefühle der Unter- und  Überlegenheit sind menschlich. Dies sind narzisstische Anteile in der  eigenen Seele, die wohl jeder kennt, der sich ein wenig mit sich selbst  beschäftigt hat. Wenn sie jedoch zu groß werden, führen sie in die  narzisstische Störung. Der Begriff „Narzissmus“ wird mittlerweile häufig  als Schimpfwort, also im Grunde selbst aus einer narzisstischen  Perspektive heraus gebraucht.

Die Tragik der narzisstischen  Dynamik besteht in ihrer Spaltung zwischen Aufgeblasenheit und  Geschrumpftheit, zwischen Größenselbst und entwertetem Selbst. Für einen  narzisstischen Menschen ist seine Umwelt bevölkert von überlegenen  Gurus und Autoritäten, denen gegenüber er sich klein fühlt und devot  verhält, und unterlegenem Fußvolk, auf das er hinabschaut und das für  ihn nur insofern interessant ist, als es ihn hofiert oder bewundert.
Menschen  mit einer ausgeprägten Störung in ihrer Selbstliebe sind oft süchtig  nach Bestätigung, Beifall und Bewunderung. Ihr Selbstbild und ihr  Selbstwertgefühl sind abhängig von aufwertenden Rückmeldungen anderer.  Mitunter geht es soweit, dass der eigene Partner als Objekt ständiger  Selbstwertzufuhr missbraucht wird. Bleibt diese aus, kollabiert ihr  Selbstwertgefühl, und sie fühlen sich in ihrer schieren  Existenzberechtigung infrage gestellt. Die Not der narzisstisch  beeinträchtigten Menschen ist groß. Sie leiden an Schuld-, Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen, an ihrer Unfähigkeit mit Kränkungen und  Kritik umzugehen und stabile, gesunde Beziehungen aufzubauen.

Doch es gibt Wege aus dem narzisstischen Leid, Schritte, welche die Selbstliebe stärken:

1. Entscheidung zum Selbstwert
Am  Anfang jeder Veränderung steht meist eine Entscheidung. Die  Entscheidung für den Selbstwert, aus der Opferrolle auszusteigen und  Verantwortung für unser Wohlergehen und unser Selbstwertgefühl zu  übernehmen. Niemand kann uns ein Minderwertigkeitsgefühl geben ohne  unsere Einwilligung.

2. Selbstwert durch Selbstwirksamkeit
Indem  wir selbst die Verantwortung für unser Wohlergehen übernehmen, erleben  wir uns in unserer Selbstwirksamkeit. Wir spüren: Ich kann etwas zum  Positiven verändern – in mir und in meinen Beziehungen. Ich kann mich,  mein Leben und meine Beziehungen gestalten. Ich habe es in der Hand.

3. Schulung der Wahrnehmung und Achtsamkeit
Auf  dem Weg zu größerem Selbstwert hilft es, die Wahrnehmung und  Achtsamkeit zu schulen. Zugang zum wahren Selbst zu suchen, indem wir  unsere echten Gefühle und Bedürfnisse erkennen, indem wir spüren: Das  fühle ich. Das brauche ich. Und danach sehne ich mich.

4. Erlernen von Empathie- und Resonanzfähigkeit
Indem  wir unsere Achtsamkeit für unsere inneren Vorgänge, unsere Gefühle,  Bedürfnisse und Ahnungen schulen, erhöht sich auch unsere Fähigkeit, uns  in uns selbst einzufühlen. Und erst wenn wir Mitgefühl mit uns selbst  entwickeln, können wir uns in andere einfühlen, mit Ihren Äußerungen in  Resonanz gehen und sie angemessen beantworten.

5. Selbstregulation und Selbstberuhigung

Je  mehr die eigenen Gefühle, die eigene Kränkbarkeit und das reflexartige  Reagieren reguliert werden können, umso mehr kann der Andere erfasst  werden. Umso achtsamer können wir unsere Gefühle, Empfindungen, auch  unsere Kritik an unser Gegenüber herantragen. Und umso mehr kann er  diese aufnehmen und damit umgehen. Je besser wir uns bei starken,  schmerzvollen Gefühlen selbst regulieren können, umso größer wird unsere  Fähigkeit, eine Situation so zu gestalten, wie wir sie uns wünschen. In  dem Raum zwischen Reiz und Reaktion liegt unsere ganze Macht.

6. Die alten Wunden heilen
Alte  Wunden können durch die „Arbeit“ mit dem inneren Kind geheilt werden.  Wir können uns behutsam an die oft lange verdrängten Gefühle aus der  Kindheit herantasten. Schmerz, Wut, Trauer und Scham, die damals das  kindliche Selbst überfordert haben, kann das erwachsene Ich heute  ertragen und durchfühlen. Wir können uns daran erinnern, dass wir uns im  Laufe unseres Lebens genug Selbstunterstützung und Selbstfürsorge  angeeignet haben, um von diesen alten Gefühlen nicht überflutet zu  werden. Wir können uns in die Arme unseres Partners oder unserer  Freundin legen, uns halten und nachnähren lassen, solange bis sich etwas  in uns beruhigt.

7. Selbsthilfe bei Selbstzweifeln

Der  inneren selbstabwertenden, zweifelnden Stimme kann eine Stimme  entgegengesetzt werden, die uns an unsere Stärken erinnert. Wenn wir  denken „Ich bin nicht gut genug“. können wir uns sagen: „Das was ich  bin, reicht vollkommen aus.“ Destruktive Selbstkritik wie „Das habe ich  mal wieder nicht geschafft“ können wir mit dem Satz beantworten: „Und  schau, was du schon alles geschafft hast!“

8. Selbstfürsorge und Partnerfürsorge
Tägliche  aktive Selbstfürsorge betreiben, uns selbst Gutes tun, aber auch  schauen, was kann ich zum Glück des Partners und zum Beziehungsglück  beitragen. So wird die Partnerfürsorge wiederum zur Selbstfürsorge. Denn  ist der Partner glücklich, so trägt er das Glück in die Beziehung  hinein und damit auch zu mir.

9. Kränkungsreflexe und die Kette von Streitmustern stoppen
Reflexartige  Reaktionen auf eine Kränkung, wie Rückzug in trotziges Schweigen,  Kränkungswut und Rache müssen erkannt und gestoppt werden. Sie sind  dafür verantwortlich, dass die Kette von Streitmustern in Gang gesetzt  wird, die langfristig jede Beziehung zermürbt. An ihre Stelle muss ein  reifer Dialog gestellt werden.

10. Einüben eines reifen Dialogs

Das  Einüben eines reifen Dialogs mit Selbstoffenbarung und Bekenntnis ist  essenziell, um stabile Beziehungen aufzubauen. Wir müssen lernen „Aua“  zu sagen, wenn uns ein Verhalten, ein Wort oder ein Blick verletzt oder  gekränkt hat, anstatt dies mit Rückzug oder Aggression zu beantworten.

Unsere  Gesellschaft bringt Menschen hervor, deren Selbstwertregulation ins  Pathologische abdriftet, bei denen psychische Stabilität zu  Pseudostabilität führt, Power zu Aufgedrehtheit,  Präsenz zu  Exhibitionismus und Machtbesessenheit. Sie bringt Menschen hervor, die  an den Spitzen von Politik und Wirtschaft sitzen, die mächtig und  zerbrechlich zugleich und daher sehr krisenanfällig sind.

Ein  Mensch dagegen, der sich im positiven Sinne selbst liebt, sich selbst  achtet und gut auf sich selbst achtet, respektiert auch seine  Mitmenschen, seine Mitarbeiter, Vorgesetzten und Untergebenen, die  Menschen, die ihm nahestehen, seine Familie und Freunde. Er hat es  ebenso wenig nötig, sich aufzublähen und über andere zu stellen, wie  sich kleinzumachen und nach oben zu buckeln. Dieser Mensch hat es  aufgegeben, sich mit Normen und Vorstellungen zu identifizieren, die  nicht dem eigenen Wesen entsprechen. Er muss seine menschlichen Grenzen  und Schwächen nicht verschleiern, er kann sich für Fehler entschuldigen  und sich zu dem bekennen, was er fühlt und braucht, anstatt an einer  vermeintlich perfekten Fassade festzuhalten, von der er sich Bestätigung  erhofft.
Er widersteht den Schattenseiten unserer Kultur: dem  Leistungswahn und dem Selbstoptimierungszwang, der viele in den Burnout  treibt. Stattdessen nimmt er sich Zeit für Muße, Zeit zum Verweilen,  Zeit zur Regeneration von Körper, Geist und Seele, Zeit zu leben und  Zeit zu lieben. In einer globalen Welt, in der die meisten schnell von  einem Ort zum nächsten hetzen und in der Heimatlosigkeit zu Hause sind,  beschäftigt er sich mit seinen Wurzeln, seiner Biografie und findet  Heimat in sich selbst.

Der Mensch, der angefangen hat, sich  selbst zu lieben, vermag sich zwischen Empathie und Selbstempathie und  kritischer und selbstkritischer Auseinandersetzung konstruktiv hin- und  herzubewegen. Er begegnet anderen auf Augenhöhe, lässt sich emotional  berühren und wirkt warmherzig. Er kann das Optimum aus sich und seinem  Partner herauslieben und vom Gegner zum Entwicklungshelfer werden. Wir  alle tragen diese Möglichkeiten in uns. Warum ergreifen wir sie nicht?

Sabine Groth ist Seminarleiterin, Paartherapeutin und Autorin. Sie  bietet Paargruppen, Jahrestrainings und Seminare für Frauen zum Thema  „Weiblichkeit“, Einzeltherapie, Paartherapie und -beratung an. Infos unter www.sabine-groth.com

Veranstaltungshinweis:  Paartraining: 7. November 2020, Info und Kontakt unter: www.sabine-groth.com  


Altern in Würde - Wie wichtig die ältere Generation für die Gesellschaft ist ... von Christian Salvesen

Das Altwerden erleben sehr viele Menschen als eine individuelle Krise.  Auch gesellschaftlich wird es zu einem Problem, dass es bei uns zu viele  alte und zu wenig junge Menschen gibt. Aber das Alter bietet auch  ungeahnte Chancen.

Als Teenager dachte ich ziemlich entsetzt, wie  ich mich wohl fühlen werde, wenn ich so alt wie meine Großeltern bin.  Es schien mir unvorstellbar. Nun bin ich tatsächlich über 60 Jahre alt.  Und es kommt mir vor, als sei ich wie immer. Eigentlich fühle ich mich  sogar besser als früher – wenn ich da an all die aus heutiger Sicht  lächerlich erscheinenden Dramen und Gefühlsaufwallungen denke. Als  Senior genieße ich die Ermäßigung der Bahncard und darüber hinaus eine  gewisse Altersgelassenheit. Letztere habe ich mir allerdings wohl nicht  nur durch die bloße Anzahl der Jahre verdient, sondern auch durch ein  jahrzehntelanges Bemühen um spirituelle Erkenntnis. Der Begriff der  Altersweisheit deutet andererseits daraufhin, dass wir durchaus von  selbst – allein aufgrund unserer Lebenserfahrung – im Laufe der Zeit  abgeklärter werden, auch ohne besondere Meditationspraxis.  Wissenschaftler nennen das Gerotranszendenz (von Gero griechisch =  Greis).
Doch bevor ich darauf eingehe, möchte ich noch mal  nachfragen: Alter oder alt sein – wie soll man das überhaupt definieren?  Ab wann bin ich alt? Was sind die eindeutigen Merkmale? Und bestehen da  nicht auch graduelle Unterschiede zwischen einem Jungsenior wie mir und  einem über 90-Jährigen, der nicht mehr gehen kann, keine Zähne mehr hat  und an Demenz leidet? Mir kommt immer wieder der Unterschied zwischen  der äußeren Erscheinung, das heißt dem Bild eines älteren oder alten  Menschen, und dem inneren Kern oder Grundgefühl in den Sinn. Selbst wenn  ich mich im Spiegel sehe, kommt mir das Gesicht nicht so alt vor, wie  es anderen, sehr viel jüngeren Menschen erscheinen mag. Was, wenn ich in  deren Treffpunkten auftauchen und kumpelhaft Hallo sagen würde? Ihre  Reaktion würde mir wohl deutlich zeigen, wie alt ich bin, auch wenn ich  mich nicht so fühle.

Einige Herausforderungen
Zum Thema Alter  gibt es mehr aktuelle Fragen und Probleme, als hier angesprochen werden  können. Zum Beispiel die Altersarmut. Eine Überschrift im Magazin „Der  Spiegel“ lautete einmal: „45 Jahre gearbeitet – 140 Euro Rente!“  Millionen von Menschen über 70 können bereits heute nicht von ihrer  Rente leben, und es werden in den nächsten Jahren weitere Millionen  dazukommen.
Ein weites Feld ist das Thema Gesundheit/Krankheit und  Alter. Es hat sich eine Anti-Aging-Medizin etabliert, es gibt viele und  gute Angebote für Senioren, sich fit zu halten. Doch zugleich sorgt die  medizinische Versorgung von immer mehr immer älter werdenden Menschen  für eine Kostenspirale, die unser Gesundheitssystem kaum noch  verkraftet. Schreckgespenster wie Alzheimer gehen um und fordern nicht  nur die Fachkräfte, sondern auch und gerade die Verwandten und das  gesamte soziale Umfeld dazu heraus, mehr Inspiration, Kraft und  Mitgefühl einzubringen. Alte müssen sich gegenseitig mehr unterstützen.  Die Jüngeren – ohnehin schon in der Pflicht, durch ihre Steuern die  Älteren zu unterstützen – sind auch menschlich aufgerufen, ihre  Verwandten nicht im Altersheim alleinzulassen.

Ich möchte im  Folgenden kurz einzelne Aspekte beleuchten, wie Menschen dem Alter  positive Seiten abgewinnen können, von der Altersweisheit über die  Generativität bis hin zu Aufrufen und Angeboten des Bundesministeriums  für Familie.


Gerotranszendenz
Mit diesem Begriff soll eine  Veränderung der Lebensperspektive und Werte im Alter beschrieben  werden: Von einer eher materialistisch und rationalistisch geprägten  Weltsicht zu einer mehr „kosmischen und transzendentalen Welt- und  Lebensperspektive“. Lars Tornstam, einer der führenden Forscher auf  diesem Gebiet, sieht damit gewisse Merkmale verbunden – wie eine weniger  selbstzentrierte und stärker spirituelle Ausrichtung. Es findet ein  Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben statt, der aber durchaus  positiv zu bewerten ist im Sinne einer Selbstbesinnung und inneren  Stärke. Ältere Menschen entscheiden sich demnach sehr bewusst und  gezielt, ob, wann und wie sie sich sozial einsetzen wollen.

Werteverschiebung
Aus  Intensivgesprächen mit 50 schwedischen Frauen im Alter zwischen 52 bis  97 Jahren geht laut Tornstam eine Werteverschiebung in drei Bereichen  hervor:

Kosmische Transzendenz: Mann/Frau befasst sich verstärkt  mit früheren Generationen, sieht Leben und Tod gelassener und ist  empfänglicher für die mysteriösen Seiten des Lebens. Die Zeit wird  anders erlebt, die Grenzen zwischen Früher und Jetzt verschwimmen, es  wird (anscheinend) eine Kommunikation mit abwesenden oder verstorbenen  Verwandten oder Freunden möglich.

Neu-Definition des Selbst:  bisher verheimlichte oder verdrängte positive wie negative Seiten des  Ichwerden akzeptiert, insgesamt gibt es weniger Ich-Zentriertheit.  Wiederentdeckung der Kindheit und des inneren Kinds, zum Beispiel im  Kontakt mit Enkelkindern.

Soziale Neuorientierung: Oberflächliche  soziale Beziehungen werden aufgegeben, andere intensiviert. Die  Dualität von richtig/falsch wird oft lustvoll „transzendiert“, ebenso  unsinnige soziale Normen und Rollengefüge. Das geht einher mit dem  Bedürfnis, für sich zu sein und sich auf zeitlose Werte zu besinnen.

Mit  dieser Theorie der Gerotranszendenz wird der häufig negativ bewertete  Rückzug älterer Menschen in ein neues positives Licht gestellt. Fitness  und Aktivität sind nicht das Allheilmittel und erfahren hier als  Korrektiv eine Art Gegenmodell. Allerdings gibt es eine weitere wichtige  Komponente, die ihre eigene Bedeutung und Dynamik hat, nämlich die  sogenannte Generativität.

Generativität
Der  deutsch-amerikanische Psychoanalytiker Eric H. Erikson prägte diesen  Begriff, um eine bestimmte Qualität des Lebensabschnitts zwischen 30 und  50 Jahren zu markieren. In dieser Zeit geht es vor allem darum, die  eigenen Energien und Fähigkeiten für die kommende Generation  einzusetzen. Eltern und Lehrer erziehen und lehren die Kinder.  Fürsorglichkeit verhindert die Stagnation im Selbst. In neuerer Zeit  wenden Gerontologen diesen Begriff auch auf ältere Menschen ab 60 Jahren  an, denn sie sind erst recht „generativ“, voller Erfahrung und Wissen,  das sie weitergeben können und möchten. Margret M. Baltes und Frieder R.  Lang schreiben: „Im Begriff der Generativität kommt die Erwartung zum  Ausdruck, dass ältere Menschen sich in ihren sozialen Beziehungen als  weise erweisen, kooperativ, kontaktfähig und ihren Sozialpartnern  zugewandt." Nach Ansicht von Erhard Olbrich umfasst Generativität des  höheren Lebensalters dabei auch Prozesse der Verlustverarbeitung:  „Spätestens jetzt geht es darum, zu erkennen, dass wir nicht ständig  schöner, stärker oder sonst wie besser werden."
Im Modell von Lang  und Baltes sind drei Arten von Generativität herausgearbeitet: a) die  Schaffung von überdauernden Werten, b) die Wahrung kultureller Identität  und c) Selbstbescheidung und Selbstverantwortlichkeit, um die Belastung  anderer (jüngerer) Menschen zu minimieren.

In seinem Vortrag:  „Gerotranszendenz und Generativität im höheren Lebensalter – neue  Konzepte für alte Fragen“, fasst François Höpflinger zusammen:

„Geistig-seelische  Erfahrungen und Entwicklungen sind für ein geglücktes Leben ebenso  wichtig wie äußerlich sichtbare Aktivitäten. Gerotranszendenz und  symbolische Generativität des höheren Lebensalters können zentrale  Gegenmodelle gegenüber einem hyperaktiven Altern darstellen. Die Gefahr  sowohl aktivitätsorientierter Altersmodelle wie aber auch der  'Anti-Aging'-Bewegung liegt darin, dass jugend- und leistungsorientierte  Normen auch das hohe Lebensalter durchdringen, wodurch auch das hohe  Lebensalter allmählich 'harten' Leistungszwängen unterworfen wird.
Die  'späte Freiheit' der Menschen in der nachberuflichen Lebensphase kann  damit gefährdet sein, bevor sie überhaupt richtig aufblühte.“ (Quelle:  www.alter-nativen.ch)

Die Acht Tore zur Weisheit
„Unglücklicherweise  nimmt unsere Kultur die Sichtweise ein, die zweite Lebenshälfte bringe  nur Niedergang, Krankheit, Verzweiflung und Tod. Wir brauchen uns nur  die schockierende Tatsache klarzumachen, dass Amerika unter älteren  Menschen weltweit die höchste Selbstmordrate hat, um zu erkennen, dass  sich die Dinge ändern müssen.“ So schreibt die Kulturanthropologin Dr.  Angeles Arrien in ihrem Buch „Acht Tore zur Weisheit“ und folgert: „Wir  können nicht weiterhin auf die Weisheit verzichten, die künftigen  Generationen unwiderruflich verloren geht, wenn unsere Ältesten an den  gesellschaftlichen Rand gedrängt werden und aus unserem Blickfeld  geraten.“

Die Acht Tore sind:
Das Silberne Tor: Neuen  Erfahrungen und dem Unbekannten entgegen.
Das Tor der Weißen Pfähle: Identitäten verändern, sein wahres Gesicht entdecken.
Das Tönerne Tor: Intimität, Sinnlichkeit und Sexualität.
Das Schwarz-Weiße Tor:  Beziehungen – der Schmelztiegel von Liebe, Großzügigkeit, Enttäuschung  und Vergeben.
Das Bauerntor: Kreativität, Dienen und Fruchtbarkeit.
Das  Knochentor: Authentizität, Charakter und Weisheit.
Das Natürliche Tor:  Die Gegenwart von Gnade – Glück, Erfüllung und Frieden.
Das Goldene Tor:  Nichtanhaften, Hingabe und Loslassen.

Prof. Arrien ist  überzeugt: „Die zweite Hälfte des Lebens bietet uns die Chance,  verstärkt Tiefe, Integrität und Persönlichkeit zu entwickeln.“

Christian Salvesen (geboren 1951) Magister der Philosophie, Literatur-  und Musikwissenschaften, arbeitet als freier Journalist, Redakteur und  Ghostwriter. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist  Künstler und Komponist. Homepage: www.Christian-Salvesen.de


 

Die Hoffnung stirbt zuletzt - Hilfe durch Spiritualität in schwerer Krankheit ... von Peter Maier
Zitat RKI: „Nach einer neuen  Schätzung des Robert Koch-Instituts wurden 2016 in Deutschland rund  492.000 Krebserkrankungen diagnostiziert. Etwa die Hälfte der bösartigen  Tumoren betrafen Brustdrüse (68.900), Prostata (58.800), Dickdarm  (58.300) und Lunge (57.500). „Erfreulicherweise beobachten wir für viele  Krebsarten eher rückläufige Erkrankungsraten, aber trotzdem steigt die  Gesamtzahl der Krebserkrankungen aufgrund der Alterung der  Gesellschaft“, betont Lothar H. Wieler, Präsident des Robert  Koch-Instituts. Daher wird für das Jahr 2020 eine Zunahme der  neudiagnostizierten Krebserkrankungen auf rund 510.000 Erkrankungsfälle  prognostiziert.“ KGS-Recherche auf den Onlineseiten des RKI v. 11.4.2020 und 5.5.2020 - Quelle: www.rki.de/DE/Content/Service/Presse/Pressemitteilungen/2019/16_2019.html

Peter Maier:
Krebs  ist die Geißel unserer Zeit. In unserer Gesellschaft gibt es eine  zweifache Einstellung dazu: Einerseits hoffen alle, selbst nie mit einer  Krebserkrankung konfrontiert zu werden. Man verdrängt diese Thematik  also. Wird jedoch etwa bei einer Untersuchung Krebs diagnostiziert,  gerät man sofort in eine bis dahin unvorstellbare, kollektiv aufgeladene  Angst oder gar Panik. Diese Angst ist sehr verständlich und wohl auch  berechtigt. Den ca. 500.000 an Krebs neu Erkrankten im Jahr stehen in  Deutschland etwa 250.000 Krebstote gegenüber.  Jeder zweite Krebspatient  muss daher letztlich mit dem Tode rechnen, auch wenn die  Todeswahrscheinlichkeit mit jeder Krebsart sehr variiert. Das ist die  ungeschminkte Wahrheit.

Bei Krebs ist die Schulmedizin oft machtlos

Dies  ist erstaunlich, da doch die Schulmedizin gerade bei Krebserkrankungen  mit ihren härtesten Waffen schießt: mit sehr eindringlichen Operationen,  mit starken Körper und Gemüt verändernden Hormongaben, mit  Bestrahlungen, bisweilen in hohen Dosen, und mit Chemotherapie. Dies  geschieht alles, um die als „böse“ eingestuften Krebs-Wucher-Zellen zu  töten und somit möglichst jeden Krebsherd im Körper zu vernichten. In  vielen Fällen sind all diese einschneidenden Maßnahmen dennoch  vergeblich. Die Todesrate beträgt etwa 50 Prozent.

Kritiker  dieser rein technisch-mechanistisch und chemisch ausgerichteten  Schulmedizin, die nur die Symptome behandelt, nie aber wirklich nach den  eigentlichen Ursachen der Krebserkrankung fragt, meinen, dass die hohe  Zahl von Krebstoten teilweise gerade dieser brutalen Art von Medizin und  „Heilbehandlung“ geschuldet ist. Denn die Patienten  werden  irreversibel verstümmelt (durch Operationen), verbrannt (durch die  Bestrahlungen) und vergiftet (durch die Chemotherapien); das Immunsystem  wird zudem massiv geschwächt (durch alle diese Maßnahmen). Dabei  bräuchte man zu einer wirklichen Selbstheilung des Körpers und zu einer  grundlegenden Gesundung gerade ein starkes und widerstandsfähiges  Abwehrsystem.  

Viele Menschen vertrauen unserer Schulmedizin  noch immer blind, die vorgibt, als einzige Instanz wirklich helfen zu  können und das einzige Heilsystem zu sein, das ausschließlich mit  wissenschaftlich anerkannten und damit auch von den  Krankenkassen  akzeptierten Methoden arbeitet.

Technische Geräte, vor allem  bildgebende Verfahren wie zum Beispiel die Magnetresonanztherapie (MRT)  oder die Computertomographie (CT) und Biopsien mit anschließender  pathologischer Untersuchung stehen dabei in der Diagnosefindung im  Mittelpunkt. Auch Operationen werden heute immer aufwendiger und  technisch versierter durchgeführt. So hält etwa bei Prostata-Operationen  in immer mehr Krankenhäusern die sogenannte „Da-Vinci-Methode“ Einzug:  eine den Körper schonende Operation mit Hilfe eines Roboters.

Trotz  all dieser sicher weit gediehenen technischen Verfahren sterben  weiterhin viele Menschen an Krebs. Auch wenn dies die erfolgsorientierte  Schulmedizin nie eingestehen will, muss man feststellen: Sie ist beim  Thema Krebs letztlich machtlos. So viele Menschen, die unserer  vorherrschenden (Schul-)Medizin vertraut haben, erliegen schließlich  doch dem Krebs. Außerdem haben viele Patienten durch die  schulmedizinischen Eingriffe und Behandlungen mit bleibenden  Körperschäden und Problemen zu kämpfen, die die Lebensqualität deutlich  beeinträchtigen. Als Beispiele seien nur Inkontinenz und Impotenz bei  vielen Männern nach einer Prostata-Operation genannt.

Wer oder was kann helfen?
Vor  diesem Hintergrund wird manchem Patient womöglich zum ersten Mal  bewusst, auf welch dünnem Eis er sich gerade bei einer Krebserkrankung  bewegt. Denn hier kommt das Vertrauen in die Schulmedizin – in die  Ärzteschaft im Allgemeinen und in die Onkologen im Besonderen – an seine  harten Grenzen. Bei Krebs versagen die „Götter in Weiß“ mit all ihrem  technischen Know-how so oft. Nun wäre es gut, wenn die Betroffenen noch  eine andere – höhere – Instanz hätten, an die sie sich mit ihren Sorgen  und Nöten und in ihrer (Todes-)Angst, Panik und Verzweiflung wenden  könnten. Denn auch der Partner oder die Partnerin sind in der Regel  völlig überfordert und können eine solche Instanz kaum sein, wenn es um  Leben und Tod geht.

Für manche Patienten ist eine solche Instanz  Gott, das Göttliche, eine höhere Macht, das Universum oder wie dieses  „Höhere“ auch immer genannt wird. Manche bringen einen solchen Glauben  und ein damit verbundenes Vertrauen schon in ihre Erkrankung mit und  erfahren dadurch eine innere Stärkung, im besten Fall sogar eine  Beruhigung ihres durch Diagnose und Operation aufgewühltes Gemüt. Andere  finden erst in der Krankheit neu oder zum ersten Mal zu einem Glauben  an eine höhere Macht, der sie all ihre Sorgen, Ängste und ihre Nöte  anvertrauen können. Der Satz „Not lehrt Beten“ hat angesichts der hohen  Krebs-Todesrate wohl seine tiefe Berechtigung. So erging es auch einem  meiner besten Freunde – Martin, 65 Jahre alt (Name geändert). Sein  Schicksal hat mich sehr berührt, sein tiefer Glaube auch ...

Der „Fall“ Martin
Nach  vielen Jahren entschied sich Martin Anfang März 2019, bei seinem  Hausarzt wieder eine Vorsorgeuntersuchung machen zu lassen. Beim  Bluttest ergab sich ein etwas erhöhter PSA-Wert, dem in der Urologie  bevorzugten Marker, um über einen möglichen Prostatakrebs Auskunft zu  bekommen.

Der Arzt riet ihm daher, bei Gelegenheit einen  Urologen zur näheren Abklärung dieses Wertes aufzusuchen, was Martin  gleich nach Ostern auch machte.

Nach einem kurzen Betasten des  Intimbereichs sagte der erfahrene Urologe zu Martin: „Ihre Prostata ist  nicht in Harmonie. In ihrer rechten Hälfte ist eine Verhärtung  festzustellen.“ Noch dachte sich Martin nichts dabei.

Mit einer  Überweisung in der Hand ging es bereits drei Tage später in die  Radiologie für eine MRT. Der die Untersuchung begleitende Arzt stellte  aufgrund der Bilder einen Knoten im rechten Prostata-Bereich fest und  gab diesem die Kategorie „maligne, Stufe 4“. Ein Blick zu Hause in  Wikipedia irritierte Martin zum ersten Mal etwas: „Maligne“ bedeutet  bösartig, „Stufe 4“ bei Prostata zeigt eine Krebs-Wahrscheinlichkeit von  80 Prozent an.

Der Urologe empfahl Martin daher sofort, zur  genaueren Abklärung eine Biopsie zu machen, die einige Tage später  bereits durchgeführt wurde. Das Laborergebnis war für Martin dann  niederschmetternd: Krebs, nicht nur im bereits diagnostizierten Knoten,  sondern weit darüber hinaus. Die ganze Prostata war bereits von  Krebszellen befallen. Der Urologe empfahl Martin, sich ganz schnell  operieren zu lassen, um einer möglichen Streuung von Krebszellen über  die Lymphbahnen in Organe oder Knochen noch zuvorkommen zu können.

Diese  Diagnose haute Martin um, die Mitteilung des Urologen war wie ein  heftiger Schlag in die Magengrube. Nun endlich erreichte es Gemüt und  Verstand, dass er Krebs hatte, Martin konnte diese Tatsache nicht mehr  verdrängen. Schlagartig ergriff ihn jetzt die bereits erwähnte  „kollektive Angst“, die in unserer Gesellschaft herrscht aufgrund der  hohen Todesrate bei Krebs und der furchtbaren, körper-schädigenden  schulmedizinischen Maßnahmen dagegen. Die Themen „Todesgefahr“ und  „Körperverstümmelung im Intimbereich“ überschwemmten das Gemüt von  Martin unkontrolliert, die bisher von ihm stets verdrängten  Informationen zum Krebs überfluteten ihn nun heftig emotional: mit  Angst, Panik, Angst ...

Was sollte er tun? Wo gab es Hilfe? An  wen konnte er sich in seiner Not, die er vorübergehend als Todesnot  erlebte, wenden? Der Urologe versuchte ihn zu beruhigen – ohne Erfolg.  In gut drei Wochen sollte die Krebsoperation sein. Unmittelbar nach  Verlassen der Arztpraxis setzte bei Martin ein inneres Greifen, ja ein  Hilfeschrei nach dem Göttlichen ein, denn Martin ist gläubig und hat  seit seiner Kindheit ein enges Vertrauensverhältnis zu Gott. Er fühlt  sich einerseits in der Tradition bayrisch-katholischer Volksfrömmigkeit  zu Hause, hat im Laufe seines Lebens aber zugleich eine ganz eigene  spirituelle Haltung entwickelt. Das kam ihm jetzt zu Hilfe.

Heilige Mutter Maria – hilf!
Martin  wusste jetzt, was er zu tun hatte. In der Nähe seines Wohnortes liegt  ein kleiner Marien-Wallfahrtsort auf einem Berg: Maria Beinberg bei  Schrobenhausen im westlichen Oberbayern. Die Kirche zeichnet sich durch  ein großes, den ganzen Altarraum füllendes, eher naiv erscheinendes  Mutter-Gottes-Bild aus. Maria hält das Jesuskind auf dem Arm, um sie  herum ist ein wundervoller goldgelber Mantel gehüllt, der Rest des  Bildes ist in beruhigende blaue Farbe getaucht, verziert mit vielen  goldenen Ornamenten. Das Gesicht der Madonna strahlt Frieden, sowie eine  fast unendlich wirkende Güte und Mitgefühl aus. Schon bei früheren  Besuchen der Kirche spürte Martin, wie ihn dieses Madonnenbild magisch  anzog.

Nun aber wurde die kleine, stille Kirche, in die sich  während der Werktage nur selten einzelne Pilger verirren, zu einem  Zufluchtsort für Martin. An einem der nächsten Nachmittage fuhr er ganz  allein zu „seiner“ Göttlichen Mutter in Maria Beinberg, setzte sich in  eine der vorderen Kirchenbänke und blickte das Altarbild zunächst still  an. Doch dann brach es aus ihm heraus: Er klagte der Göttlichen Mutter,  die er jetzt in dem Marienbild sah, all seine Verzweiflung, seine  momentane innere Not und seine Ängste. Maria in dem Bild war für ihn ein  Ort, an dem er in direktem Kontakt mit dem Göttlichen kommen konnte, ja  die Madonna war nun der weibliche Aspekt des Göttlichen selbst für ihn,  der man all seine Nöte hingeben konnte. Nach etwa einer Stunde bekam  Martin immer mehr den Eindruck, dass ihn Maria verstand und ihm bei  allem, was kommen würde, beistehen wollte. Er spürte ein tiefes  Vertrauen zur Göttlichen Mutter in sich einströmen. Dann gab er bei ihr  ganz offiziell folgende drei Bitten auf:
„Göttliche Mutter, bitte schenke mir die Gnade und den Segen, dass die Operation erfolgreich und gut verläuft.
Göttliche Mutter, bitte schenke mir die Gnade einer umfassenden Heilung aller inneren und äußeren Wunden nach der Operation.
Göttliche  Mutter, bitte schenke mir die Gnade, dass der Krebs vollkommen  verschwindet und dass ich komplett frei von allen Krebszellen werde.  Danke, Amen!“

Martin empfand seine Bitten als ganz „realistisch“.  Denn die beiden Seitenwände der Kirche von Maria Beinberg hängen von  unten bis oben voll mit Votivtafeln, auf denen die Probleme der  Gläubigen bildlich „geschildert“ werden. Darunter steht meist einer der  beiden Sätze „Maria, bitte hilf!“ oder „Maria hat geholfen!“. Um seinen  drei Bitten mehr Gewicht zu geben, schrieb sie Martin in das am Altar  aufliegende „Pilger-Buch“; außerdem zündete er am Lichterbaum vor der  Kirche drei Kerzen an und „besprach“ jede Kerze mit einer seiner Bitten.  Innerlich viel ruhiger und gefestigter verließ Martin nach etwa zwei  Stunden diesen spirituellen Ort, der schon von so vielen anderen  Menschen energetisch aufgeladen war, weil sie hier seit mehreren  Jahrhunderten inbrünstig flehten oder ebenso inbrünstig Danke sagten.

Glaube kann Berge versetzen
Nun  kann man natürlich fragen: Ist das alles nur Budenzauber,  Volksverdummung oder reine Autosuggestion, was ein Martin oder viele  andere Menschen erleben, die sich in ihrer Not in ähnlicher Weise an  Maria, an Gott, das Göttliche, die universelle Kraft oder an einen  Heiligen wenden? Meine erste Antwort darauf ist: Wenn diese  Glaubenshingabe hilft, tiefes Vertrauen zu erfahren, ist sie immer  richtig. Denn Vertrauen muss man haben, wenn man solch heftige  Ereignisse wie eine Krebsdiagnose auch nur irgendwie verarbeiten oder  eine bevorstehende Operation durchstehen will, ohne größeren seelischen  Schaden zu nehmen. Vertraue kann auch auf den Körper wirken.

Sodann  sollte man das Bibelwort Jesu ernst nehmen, dass „Glaube Berge  versetzen kann“.  Sicher hat Jesus diesen Ausspruch im übertragenen Sinn  gemeint. Er wollte damit aber zum Ausdruck bringen, dass dem, der  unerschütterlich glaubt, alles möglich ist im Leben. Kann man also mit  einem solch tiefen Glauben in Gott auch von einer Krebserkrankung  geheilt werden – egal ob mit oder ohne die üblichen schulmedizinischen  Maßnahmen? Ja, davon bin ich überzeugt. Denn Glauben bedeutet Vertrauen.  Wenn jemand sich in seiner Not ganz Gott übergibt und ihn um Führung  und Heilung bittet, dann erreicht dieses Vertrauen als wichtige  emotionale Information auch sofort die Körperebene und kann dort den  Schalter zur Gesundung umlegen – in jeder einzelnen Zelle, gerade auch  in den Krebszellen. Wir Menschen sind eben ein untrennbares  Einheitswesen aus Körper, Geist und Seele. Womöglich würden mir jetzt  viele Schulmediziner, vor allem Urologen und Onkologen, widersprechen.  Dass diese meine Ansicht aber nicht völlig aus der Luft gegriffen ist,  bestätigt u. a. auch die Ärztin Dr. Kelly A. Turner in ihrem  aufsehenerregenden Buch „9 Wege in ein krebsfreies Leben. Wahre  Geschichten von geheilten Menschen“, von dem ich zum Schluss berichten  will.

Gelebte Spiritualität beeinflusst die Heilung positiv
Dr.  Kelly A. Turner ist US-amerikanische Forscherin, Dozentin und Beraterin  auf dem Gebiet der Integrativen Krebsforschung. Ihr  Forschungsschwerpunkt ist die Radikalremission bei Krebs.  Über 20 Jahre  hinweg hat sie die Krebspatienten ausfindig gemacht und dann über lange  Zeiträume begleitet, die eine sogenannte „Spontanremission“ erlebt  haben, also eine aus Sicht der Schulmedizin angeblich sehr selten  auftretende, unerklärliche Heilung. Frau Turner hat über 100 solche  Patienten ausführlich interviewt. Sie wollte herausfinden, was diese  gemacht haben, um schließlich vom Krebs geheilt zu werden.

Bei  keinem der Patienten erfolgte die Heilung von selbst, wie die  Schulmedizin Glauben machen möchte. Die an Krebs Erkrankten haben  vielmehr alle ein ganzes Bündel von Maßnahmen ergriffen, um wieder  gesund zu werden. Daher spricht Dr. Turner auch von „Radikalremission“.  Insgesamt konnte sie bei ihren Interviewpartnern 75 verschiedene  heilsame Faktoren eruieren. Davon traten neun Faktoren bei allen  Patienten in gleicher oder ähnlicher Weise auf (Daher auch der Titel „9  Wege in ein krebsfreies Leben“). Die von ihr gefundenen Faktoren lauten  wie folgt:

Die Ernährung radikal umstellen; die Kontrolle über  die Gesundheit übernehmen; der eigenen Intuition folgen; Kräuter und  Nahrungsergänzungsmittel nehmen; unterdrückte Emotionen loslassen;  positive Emotionen verstärken; soziale Unterstützung zulassen; starke  Gründe für das Leben haben.
Der letzte Faktor lautet: „Die  spirituelle Verbindung vertiefen“. Eine spirituelle Rückbindung der  Patienten kann also einen entscheidenden Einfluss bei der Heilung von  Krankheiten im Allgemeinen und von Krebs im Besonderen haben. Frau  Turner führt in diesem Zusammenhang u. a. mehrere wissenschaftliche  Untersuchungen an, die sich mit der gesundheitsfördernden Wirkung von  Meditation auf den Körper von Patienten befassen. Und Meditation ist  eine spirituelle Übung in allen großen Religionen.

Es existieren  Studien, die den direkten Effekt von Meditation auf das Immunsystem  untersucht haben. Das Ergebnis einer Untersuchung war, dass die Zahl der  produzierten Virus-Antikörper ansteigt, je mehr man meditiert ... Bei  einer anderen Studie zum Immunsystem konnte nachgewiesen werden, dass  Meditation die Telomeraseaktivität in bestimmten Immunzellen erheblich  steigert ... was in Anbetracht der Bekämpfung einer Krebserkrankung  äußerst förderlich sein kann.

Und wie ging es mit Martin weiter?  Die erste Bitte (erfolgreiche Operation) wurde bereits erfüllt. Die  zweite Bitte (Gnade einer umfassenden Heilung) ereignet sich für ihn  gerade. Dieser körperliche Heilungsprozess der Operationswunden, die  wohl ein ganzes Jahr dauern wird, gibt Martin die Kraft, auch der  dritten Bitte an die Göttliche Mutter zu vertrauen: der vollkommenen  Heilung vom Krebs. Für Martin ist daher seine tiefe Verbindung mit dem  Göttlichen wesentliche Grundlage seiner Heilung. Zumindest für ihn kann  Glaube tatsächlich Berge versetzen ...


Peter Maier ist Lehrer für Physik und Spiritualität, Autor. Infos auf www.initiation-erwachsenwerden.de

Literatur des Autors im Verlag Epubli Berlin:
„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“, ISBN 978-3-86991-404-6
„Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen.“, ISBN 978-3-86991-409-1
„Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“, ISBN: 978-3-95645-659-6


Sepia – die Tinte des Tintenfisches ... von Anreas Krüger
Beitragsreihe/Interview über wichtige homöopathische Heilmittel

H. Schäfer: Was ist unser heutiges Thema?
Andreas Krüger: Heute möchte ich über das homöopathische Mittel Sepia sprechen und über einen Aspekt, der mir immer deutlicher wird, weil er eine Dimension von Trauma auftut, die meines Erachtens bisher zu wenig betrachtet wurde. Sepia ist das Hauptmittel für die Verletzung der Würde, der Ehre, für die Verletzung unserer körperlichen Integrität und Autonomie und damit ist es das wichtigste Mittel für die Folgen von Missbrauch und Schändungen in allen Arten und Intensitäten. Es gibt ja bei diesem Thema keine Skala von „ein bisschen bis ganz viel“, sondern das Erlebnis von Würdeverletzung ist etwas sehr individuelles. Das kann von einem Blick oder einem Wort bis zu tagelangem Einschließen variieren und jedes Erlebnis ist gleich bedeutend und gleich ernst zu nehmen. Ich durfte in meiner Praxis schon vielen Menschen helfen – hauptsächlich Frauen, aber auch Männern – dieses Trauma des Missbrauchs und damit der Würdeverletzung so weit zu desensibilisieren, dass für sie wieder liebevolle Beziehungen, Zärtlichkeit und sexuelle Nähe überhaupt möglich wurden. Begleitend zu Sepia waren es auch Aufstellungen und schamanische Interventionen wie Entsetzungen, manchmal auch Traumatherapie nach Peter Levine. Im Grunde waren es oft viele Elemente, die zusammenkamen, um wirklich hilfreich zu sein.

Haben Sie einen konkreten Fall als Beispiel, bei dem Sepia nicht offensichtlich das Mittel der Wahl war?
Zu mir kamen immer wieder Menschen, um über ihre Probleme mit Nähe und Sexualität oder über ihre Ängste und Ekel vor männlicher Gewalt zu sprechen und mich um Hilfe baten, aber ich fand trotz intensiver Forschung keine Anhaltspunkte, wo dieses Trauma ihren Ursprung hatte. Hellhörig bin ich geworden, als ich mit einer Frau sprach, die in einer liebevollen Beziehung lebte, in der aber für sie keinerlei Sexualität möglich war, weil der Anblick ihres unbekleideten Mannes in ihr unerklärliche Ängste bis hin zu Ekel weckte. Die Mittel, die ich ihr gab, bewirkten keine Besserung und dann empfahl ich ihr doch Sepia. Und an dem Abend, an dem sie das Mittel nahm, rief ihre Mutter an und sagte: „Kind, ich habe nie davon gesprochen, aber heute habe ich das Gefühl, ich muss es dir sagen: Ich bin als Kind über Jahre von meinem Onkel missbraucht worden, immer mit der Drohung, wenn ich es jemandem erzählen würde, täte er das auch meinem kleinen Bruder an. Deshalb habe ich das mit großer Verzweiflung und großem Selbstekel über mich ergehen lassen. Ich weiß nicht, warum, aber heute musste ich dir das erzählen.“ Auf einmal war klar, dass sie die Last der Mutter trug – wie wir es ja aus Aufstellungen kennen – und ich habe ihr noch einmal Sepia gegeben und ihr noch zu einer Aufstellung mit ihrer Mutter geraten, um ihr alles zurückzugeben.

Wir haben auch schamanisch gearbeitet und ich durfte das Wunder erleben, dass diese Frau ein halbes Jahr später zu mir kam und sagte: „Lieber Andreas, ich führe zum ersten Mal in meinem Leben eine angstfreie, eine ekelfreie und sogar eine lustvolle Liebesbeziehung.“ Später kam die Mutter zu mir, die ja nachvollziehbar keine lustvolle Sinnlichkeit erlebt hatte und als ich sie mit Sepia behandelte, verlor sie ihre Myome und Polypen und hat im zarten Alter von 75 Jahren eine liebevolle und zärtliche Liebesbeziehung mit einem Mitbewohner ihrer Altersresidenz begonnen. Als ich mit der Mutter arbeitete, kam heraus, dass in der Linie der Mutter alle Frauen schweren Missbrauch erlebt hatten. Das hat sich energetisch bis zu dem Leben der Tochter fortgepflanzt, obwohl in ihrem eigenen Leben nie etwas Derartiges passiert war.

Ich weiß, dass es solche systemischen Phänomene gibt, aber …
… es ist unvorstellbar, dass eine Tochter, eine Mutter, eine Großmutter und eine Urgroßmutter immer mit 30 Jahren einen Tumor des Gebärmuttermundes entwickelt haben, um sich mit dem Leiden zu solidarisieren und ihren Ahnen zu folgen. Hellinger beschreibt in einem seiner Bücher die Geschichte eines jungen Mannes, in deren Krankenakte er las, dass sich die Männer in seiner Linie immer mit 28 Jahren suizidiert haben und an dem Tag, an dem er in der Akte las, bemerkte er, dass der Mann heute seinen 28. Geburtstag hatte. Daraufhin setzte er sich ins Auto, fuhr zu dem Mann hin und … die Pistole lag schon auf dem Tisch. Er konnte verhindern, dass dieser Mann seinen männlichen Verwandten in den Suizid folgte.

Was kann man als Einzelner machen?
Wenn wir den Sepiagedanken noch einmal aufgreifen, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo seit 5.000 Jahren oder seit Einführung des Patriarchats Vergewaltigung gesellschaftlich toleriert wird – es ist noch nicht lange her, dass Vergewaltigung in der Ehe überhaupt strafbar war, und es gibt andere Länder, wo Frauen von ihren Familien verstoßen werden, wenn sie Gewalt thematisieren – dann wird deutlich, dass selbst, wenn wir selber nichts Traumatisches erlebt haben, trotzdem Probleme bestehen, die in unser Leben hineinwirken und unser Leben bestimmen. Darum möchte ich alle Menschen, die diesen Artikel lesen, ermutigen, solche systemischen Zusammenhänge eventuell untersuchen zu lassen.

Haben Sie auch persönlich mit dem Thema Missbrauch zu tun gehabt?
Ich bin als junger Mensch mit 28 Jahren in meiner Praxis sehr stark mit dem Thema Missbrauch konfrontiert worden – wobei mir das selbst noch nie passiert ist und ich auch nicht in diesem Sinne gehandelt habe – und trotzdem kam von Anfang an das Thema Missbrauch in meine Praxis. Am Anfang habe ich versucht, mit der Homöopathie zu helfen, aber irgendwann war ich überfordert mit all dem Leid!
In diesem Zustand habe ich von meinem Homöopathen „Sepia“ bekommen. Und dann hatte ich einen Traum: Ich träumte, dass drei Tanten von mir in diesen Raum kamen mit einem Kind, das furchtbar zugerichtet war, legten es hier auf das Bett, sagten: „Kümmere dich darum“ und dann gingen sie wieder. Ich stand vor diesem Kind, war völlig überfordert und wusste nicht, was ich tun sollte. Als ich aufwachte, rief ich meine Mutter an und fragte, ob sie etwas darüber wüsste. Meine Mutter find an zu weinen und sagte, dass es ein Geheimnis in der Familie sei: „Auf der Flucht waren alle diese drei Tanten mit deiner Großmutter von der roten Armee eingeholt und drei Tage in Scheunen gesteckt worden. Die an Typhus erkrankte Großmutter haben sie mit den Kindern in eine andere Scheune gesteckt. Die Tanten sind zum Glück nicht erschossen worden, sondern lebend aus der Scheune herausgekommen und konnten weiterziehen, haben aber nie darüber geredet. Alle drei sind später mit Ende 50 Jahren an Krebs gestorben.
Für mich war dann klar, dass ich einen systemischen Auftrag hatte, mich darum zu kümmern. In einer Aufstellung habe ich dann gesagt, dass ich es gerne für sie gemacht habe, aber dass ich das nicht ewig machen kann, und habe ihnen einen Großteil des Auftrags zurückgegeben.

Fazit?
Wenn es systemische Übertragungen gibt, lasst systemisch testen, welche Methoden es gibt, aus diesen Teufelskreisen auszusteigen, und denkt immer an Sepia, eines der größten Mittel, auch wenn man selbst nie persönlich betroffen war.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst. Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


Mit Mut und ätherischen Ölen durch Veränderungen ... von Christina Weber
Eine Krisensituation stellt viele vor große Herausforderungen und  Ängste. Die Zukunft ist ungewiss. Das ist sie immer. Aber meistens haben  wir das Gefühl, alles im Griff zu haben. In Ausnahmesituationen kann  aber ein solchens Sicherheitsgefühl abhanden gekommen. Die bewährten  Strategien, Ablenkung oder Kopf in den Sand stecken, funktionieren nicht  mehr. Veränderung ist angesagt. Ich glaube, den meisten Menschen ist  das klar. Nur wie gehe ich Veränderungen an, wenn ich vor Angst und  Mutlosigkeit nicht klar denken kann?

Die Aromatherapie mit  besonderen ätherischen Ölen kann einen wertvollen Beitrag leisten, den  Körper wieder in die innere ausgeglichene Balance zu bringen.

Thymian (Thymus vulgaris Chemotyp Linalool) ist ein wunderbarer Mutmacher, er  lässt die Gedanken zur Ruhe kommen, so dass die innere Kraft spürbar  wird. Zuversicht kehrt zurück und damit auch der Mut, notwendige  Veränderungen (im Innern oder im Außen) anzugehen.

Eine weitere  heilende Essenz ware Petitgrain  (Citrus aurantium var. amara), der Duft  der Blätter des Bitterorangenbaums. Wie eine frische Brise weht Petitgrain durch unsere Gedanken, räumt auf und lässt Klarheit zurück.  Es lenkt die Konzentration auf unser Innenleben, es zentriert uns. Aus  dieser Perspektive kannst du alles mit Abstand betrachten und dich auf  Visionssuche begeben. Die beruhigenden und stärkenden Wirkungen auf das  Nervensystem geben dir die nötige Gelassenheit.

Desweiteren ist  Rosmarin (Rosmarinus officinalis Chemotyp Cineol) ein Unterstützer in  Veränderungsprozessen. Es ist ein freundlicher Duft. Er nimmt dich an  die Hand, wenn du Angst vor Veränderung hast oder dir die Kraft dafür  fehlt. Rosmarin zeigt dir, welche Entscheidungen notwendig sind und  erinnert dich an deinen eigenen wahren Weg. Diese heilende Essenz  gibt  dir Kraft und Entschlossenheit und hilft dir, unrealistische  Vorstellungen zu erkennen und loszulassen.

Diese drei  ätherischen Öle sind wunderbare Begleiter in unruhigen Zeiten. Man kann  sie einzeln oder in einer Mischung verwenden. Eine gute Möglichkeit,  diesen Duft immer bei sich zu tragen, ist ein Riechsalz. Hierfür nimmt  man eine kleine Dose oder Salbenkruke, füllt etwas Meersalz hinein  (bitte kein jodiertes Salz verwenden) und fügt 1 bis 3 Tropfen  ätherischen Öls hinzu. Wenn du die Dose öffnest und bewusst den Duft  einatmest, spürst du wie sich seine Wirkung entfaltet. Um die Wirkung zu  verstärken, kannst du dir eine Affirmation suchen und diese beim  Einatmen aufsagen. Viel Erfolg!

Christina Weber ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Kräuterfrau  mit „Diploma of Aromatherapy (Sydney, Australian)”. Ätherische Öle  begleiten sie nun schon seit fast 20 Jahren. Sie bietet Ausbildungen,  Kurse, Workshops, Kräuterwanderungen und Wilde-Kräuter-Kochkurse in  Berlin an. Weitere Infos und Kontaktdaten auf www.christinaweber.berlin  sowie auf Instagram: aromatherapieberlin oder wilde_kraeuterfee_berlin
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