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Ausgabe Oktober 2001
Verrückte Weisheit

Sylvia Wetzel über verrücktes Verhalten und Gelübde und deren verschiedene traditionelle und moderne Interpretationen.

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Wer vom Buddhismus hört, denkt an Mönche, Zölibat, Klöster, kluge Schriften und Meditation und vermutlich an den Dalai Lama. Vielleicht auch an tibetische Yogis, die in vergangenen Jahrhunderten ihre Umwelt durch ihr unkonventionelles Verhalten verstörten und erheiterten. Die tantrischen Traditionen des Buddhismus verehren die 84 Mahasiddhas (maha = groß, siddhi = besondere Kräfte), achtzig Yogis und vier Yoginis, die als Fischer und Prosituierte, Jäger und Marktweiber, Räuber und Sesamverkäuferinnen ein sehr gewöhnliches Leben meist am unteren Rand der indischen Gesellschaft führten.


Sie konnten - so erzählt es die Legende - durch ihre geistigen Kräfte alle menschlichen Bedrüfnisse und Schwächen auf dem Weg zum Erwachen nutzen. Den Begriff „verrückte Weisheit“ selbst gibt es im tantrischen Buddhismus des alten Indien nicht. Klassische tantrische Texte erwähnen „verrückte“ Gelübde: Der Yogi oder die Yogini geloben das Gegenteil dessen zu tun, was die üblichen ethischen Regeln nahelegen. Sie versprechen „zu töten, lügen, stehlen, sexuelles Fehlverhalten zu üben und sich mit Drogen und Alkohol zu berauschen.“ Wozu soll das gut sein, fragten sich die europäischen Gelehrten des ausgehenden 19. Jh., als sie diese Texte lasen?

Wozu soll das gut sein, fragten sich auch die buddhistischen Mönche im alten Indien? Der „Mainstream“ der buddhistischen Bewegung interpretierte diese Aussagen zu allen Zeiten symbolisch. Man war der Meinung, es gehe auch hier darum, negative Tendenzen in uns zu „töten“. Als Kriterium für „echte“ verrückte Weisheit gilt im Allgemeinen die positive Auswirkung des Verhaltens auf andere Menschen. Wenn Yogis in der Vergangenheit „saufend und hurend“ durch Tibet zogen und andere Menschen dadurch Schaden erlitten, handelte es sich dem gesunden Menschenverstand und der offiziellen Auffassung zufolge um „falsche Heilige“. Man könnte allerdings auch anders argumentieren: Normale Menschen verstehen das Verhalten der Heiligen sowieso nicht. Vielleicht erleben Frauen, die von offiziell zölibatär lebenden Mönchen oder nicht-ordinierten Lehrern als „tantrische Geliebte genommen“ wurden und werden, in Wirklichkeit große Fortschritte auf dem Weg? Wer weiß das schon?

Eine kleine humorige Geschichte dazu: Auf der Ersten Internationalen Konferenz Westlicher Buddhistischer LehrerInnen im indischen Dharamsala 1993 wurde u.a. auch über unethisches Verhalten von Lehrern aus Asien und aus dem Westen gesprochen. Der Dalai Lama zitierte einen alten Text, in dem es heißt, verrücktes Verhalten setze voraus, dass der Yogi alles Urteilen hinter sich gelassen habe. Einer der Teilnehmer schlug daher vor, Lamas mit zweifelhaftem Lebenswandel einem Geschmackstest zu unterziehen: Wer sich weder vor Eiter und Blut, noch vor rohem Hunde- und Pferdefleisch ekle, dem könne man seine „verrückte Weisheit“ abnehmen. Ein anderer Ansatz versteht Aussagen über „verrückte Gelübde“ oder „verrücktes Verhalten“ eher als Anregung zur Meditation. Stellen wir uns dieses „verrückte Verhalten“ in der Meditation vor, können wir unbewussten Neigungen auf die Spur kommen. Diese Interpretation scheint gut zur modernen Tiefenpsychologie zu passen. Wir hören in diesem Salon einige Geschichten über „verrücktes Verhalten“ und „verrückte Gelübde“ und stellen traditionelle und moderne Interpretationen vor. Es gibt ausreichend Zeit zum Gespräch.



Literatur: S.Wetzel: Das Herz des Lotos. Frauen und Buddhismus. Fischer 1999.
Hoch wie der Himmel. Tief wie die Erde. Theseus 1999.
Peter Gäng: Tantrischer Buddhismus. Experimentelle Mystik, radikale Sinnlichkeit. Theseus 2001.


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