aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Oktober 2001
Ikonen der Seele - Interview

Homöopathische, systemische und lösungsorientierte Aufstellungen

art9634
Andreas Krüger, homöopatisch arbeitender Heilpraktiker und Leiter der Samuel-Hahnemann-Schule, arbeitet auch mit Familienaufstellungen nach Hellinger. Der folgende Text ist ein Auszug aus einem Interview, in dem er an einem Beispiel die sich ergänzende und Heilung bringende Kombination von Homöopathie und Familienaufstellungen verdeutlicht. Das Interview führte die Heilpraktikerin Renée Stöhr.

Renée Stöhr: Du arbeitest seit einiger Zeit immer mehr mit Familienaufstellungen, wie B. Hellinger sie lehrt. Ist auch das ein Prozess?


Andreas Krüger: Natürlich ist das ein Prozess - und was für einer! Was bedeutet denn systemisches Arbeiten und Denken? Wenn wir systemisch betrachten und arbeiten, stellen wir nicht den Patienten allein in seiner Individualität in den Mittelpunkt und forschen, welche Ursachen für Krankheit und Verstimmung in ihm liegen, sondern wir versuchen zu ergründen, welche Einflüsse, welche Verletzungen, welche Übertragungen aus seiner ihn umgebenden Umwelt, seinem System auf ihn wirken, sprich wie er auf diese reagiert. Wie oft sind wir in der Praxis in einer Situation, wo nach vielen Gesprächen und vielen Verordnungen keine Wandlung eintreten will, wir aber scheinbar alles vom Patienten und seinen Lebensumständen erfahren haben!

Durch systemisches Arbeiten, sprich das Aufstellen seiner Gegenwarts- oder Herkunftsfamilie oder auch ganz bestimmter Probleme, die der Patient hat, werden wir in die Möglichkeit versetzt, Ätiologien zu erkennen, die wir ohne das Aufstellen erst sehr viel später oder vielleicht nie erkannt hätten. Diese Erkenntnis hilft uns, neben dem Heilsamen und Erlösenden des Aufstellens und der darin benutzten Rituale, auch Arzneimittel zu erkennen und anzuwenden, auf die wir im Rahmen des persönlichen Gesprächs allein nie gekommen wären. Vielleicht kann eine Fallbeschreibung hier das Ausmaß der Wichtigkeit solch einer Verbindung erst richtig deutlich machen:

Ein sympathischer, sehr herzlich wirkender, 36-jähriger Mann kam zu mir in die Praxis. Er war homosexuell. Was ihm aber daran ein großes Problem bereitete, war, dass er erwachsene Männer sexuell nicht attraktiv fand. Ausschließlich Kinder erregten ihn. Da er ein ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein gegenüber dieser Veranlagung hatte, lebte er nun seit vielen Jahren sexuell völlig abstinent. Das wiederum machte ihn sehr depressiv und quälte ihn. Was ihm auch immer wieder zu schaffen machte, waren sexuell-sadistische Träume, in denen er Menschen wehtat, indem er sie fesselte und schnitt. Er war vorher bei einem anderen Kollegen gewesen, der an ihm viele homöopathische Mittel ausprobiert hatte.
Da mich die Dramatik des Seelenzustandes dieses Patienten erst einmal deutlich überforderte und mir auch im Gespräch keine neuen Mittelideen kamen, empfahl ich ihm, erst einmal eine Familienaufstellung zu machen, in der Hoffnung, hieraus mehr über die Hintergründe seiner Erkrankung erfahren zu können. Er hatte sich selbst immer wieder als besessen von diesen sexuellen Bildern und Erregungen geschildert - und ist es nicht auch Besessenheit, ein von bösen Geistern Besessensein, das solche Menschen in Missbrauch und Pädophilie hineintreibt? Und ist nicht das richtige homöopathische Mittel oder das richtige systemische Ritual auch ein Exorzistikum zum Vertreiben solcher böser Geister?

Der Klient folgte meinem Vorschlag und unterzog sich einer solchen Familienaufstellung. Auffällig und erschütternd daran war, dass, als er seine Familie aufgestellt hatte - er stellte sie in einem Halbkreis, so dass alle in die Mitte des Raumes auf einen gemeinsamen Punkt schauen konnten - dass alle Aufgestellten in einen Zustand allergrößter Erregung und Angst kamen. Sie beschrieben Entsetzen und Panik, ausgehend von etwas, das sich an dem Punkt befand, auf den sie alle schauten. Es war, als sei das personifizierte Grauen in der Mitte des Raumes und der Stellvertreter des Patienten war so verstört, dass er durch einen neuen Stellvertreter ausgetauscht werden musste. Daraufhin stellte der Aufstellungsleiter einen Teilnehmer in die Mitte des Raumes als Stellvertreter für des unbekannte Grauen. Diesem erging es ebenfalls in allerkürzester Zeit so schlecht, dass er aus der Aufstellung genommen werden musste. Er hatte das Gefühl bekommen, man würde seinen Kopf abschneiden. Daraufhin brach der Aufstellungsleiter die Aufstellung ab. Er entließ meinen Patienten mit der Aufforderung, in seiner Familie nachzuforschen, was es an verschwiegenem Grauen, an verborgener Entsetzlichkeit im Familiensystem geben könnte und empfahl ihm, in 14 Tagen wiederzukommen.

Daraufhin ging der Patient zu seinen Eltern und berichtete ihnen von den Erlebnissen während dieser Aufstellung und erstmals auch von seinen pädophilen Neigungen und seinen sadistischen Träumen. Der Vater brach völlig zusammen und erzählte unter Tränen, dass er einen Bruder hatte, der ebenfalls pädophil gewesen war, aber ohne jegliches Unrechtsbewusstsein darüber war. Dieser Bruder war offiziell im 2. Weltkrieg für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod gestorben. In Wirklichkeit hatte dieser Onkel in dem Dorf, in dem die Familie damals wohnte, einen Jungen missbraucht, geschnitten und ermordet, woraufhin er verhaftet, verurteilt und enthauptet worden war.

Als der Patient wieder zu mir in die Praxis kam und diese Geschichte erzählte, war mir mit einem Mal klar, dass er sich in einer unheilvollen Nachfolge seines vom Vater verschwiegenen und tabuisierten Onkels befand. Oft folgen Kinder gerade verschwiegenen und tabuisierten und verstoßenen Mitgliedern eines Familiensystems nach. Da ich vor Jahren von meinem Lehrer Jürgen Becker in unvergleichlicher Art und Weise das Arzneimittelbild von “Acidum Fluoricum” nahe gebracht bekommen habe, war mir spontan klar, dass dieses Mittel das Heilmittel für meinen Patienten sein müsse, denn es thematisiert seelische Verhärtung, Sadismus, sexuellen Missbrauch, Verlangen zu schneiden, etc. Ich gab ihm sofort Acidum Fluoricum C 1000, 2 Tage je 2x1 Kügelchen, und sofort verschwanden seine quälenden Träume. Er fühlte sich viel gelöster und durch das Wissen, was ihn an Grauen besetzt gehalten hatte, erkannte er, dass nicht er es war, der diese Gefühle wirklich gehabt hatte, sondern dass er sie für jemand anderen gespürt hatte.
Vierzehn Tage später stellte er wieder auf. In dieser Aufstellung sagte er zum Stellvertreter des Onkels folgende Worte : “Onkel, ich nehme dich an als Teil unserer Familie, aber ich verabscheue deine Tat und werde dein Leid nicht mehr tragen und dir nicht nachfolgen. Ich werde in meinem Leben Liebe und Sexualität frei und entwickelt leben.” Der “Onkel” antwortete : “Ja, ich nehme meine Schuld an und es tut mir unendlich leid, aber es ist, wie es ist, und ich muss es tragen. Lebe dein Leben glücklich und zufrieden und ich will dich segnen.” Daraufhin gebot der Leiter der Gruppe dem Onkel, den Saal zu verlassen, was alle Teilnehmer der Gruppe spontan entlastete.

Zwei Wochen später kam der Patient freudestrahlend in meine Praxis und sagte, er hätte sich in einen jungen Mann verliebt, der “aussieht wie ein Gorilla” wegen dessen starker Körperbehaarung. Dabei war ein Merkmal der Pädophilie meines Patienten gewesen, dass ihn jegliche Körperbehaarung bei Männern total abturnte. Er lebt nun schon seit langer Zeit glücklich und erfüllt mit diesem Freund zusammen, die pädophilen Neigungen sind völlig verschwunden und die sadistischen Träume ebenfalls.

Dieser Fall eines potentiellen Täters, der vielleicht ohne die Hilfe von Homöopathie und Familienaufstellung auch zum tatsächlichen Täter hätte werden können, beweist, wie es möglich ist, in der Kombination dieser beiden Therapien nicht nur helfend, sondern wirklich heilend einzugreifen. Dieses Wissen um die grandiosen Möglichkeiten, die sich hier dem Therapeuten eröffnen, versuche ich in meinen Seminaren, die unter dem Titel “Ikonen der Seele” abgehalten werden, an alle die weiterzugeben, deren Anliegen es ist, den Patienten wirkliche und ursächliche Hilfe und Problemlösungen zu geben.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.