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Ausgabe Oktober 2001
Die Wilde Frau - das Herz der Psyche

Rahel S. Fabian und Angela Przibilla-Heidt: In unserem „zivilisierten“ Lebensraum halten die meisten Frauen ihre wilden Anteile in Zaum.

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Warum scheitern wir immer wieder in Beziehungen? Es scheint so, als wäre wahrhafte Nähe, wahrhafter Austausch zwischen Frau und Mann innerhalb einer Liebesbeziehung nicht möglich. Die Wurzeln hierfür finden wir in der Geschichte des Patriarchats. Mit dessen Beginn endete eine lange, friedliche und fruchtbare Ära matriarchaler Kulturen.
Wir alle kennen die Auswirkungen der Unterdrückung und Knechtung von Frauen, des Weiblichen, welche das Patriarchat mit sich brachte, Auswirkungen, die trotz aller Emanzipation weit bis in die heutige Zeit reichen. Die Gründe für diese Misere jedoch einzig in der männlichen Welt zu suchen, wäre zu einfach, denn sie allein kann den Wechsel nicht herbeigeführt haben. Es bleibt die Frage, wo der Anteil der Frauen in dieser Dynamik zu finden ist.

Betrachten wir die verschiedenen Aspekte der Weiblichkeit, die in ihrer Gesamtheit die Wilde Frau ausmachen, wird ziemlich schnell deutlich, welche Energien in uns Frauen seit Jahrtausenden gar keinen oder nur wenig Raum haben. Gelingt es uns, all diese Aspekte der weiblichen Urkraft wieder zu einem Gleichgewicht zusammenzufügen und in unser Alltagsleben zu integrieren, wird sich die Wilde Frau in ihrer ganzen Schönheit und Kraft offenbaren. Dies wird sich auch auf unsere Liebesbeziehungen auswirken. Denn wenn wir uns selbst, unserer wilden Frau treu sind, gibt es nichts mehr, was wir fürchten müssen, nichts mehr, was wir verleugnen müssen. Wir sind offen für das Leben, weil wir in unserer eigenen Lebendigkeit sind, offen für wahrhafte Begegnungen. Wir sind in unserer Kraft und unserer Lust, unerschütterlich und unzerstörbar in der Tiefe.

Die Wilde Frau in uns ermächtigt uns, einen Zugang zu unseren inneren Sinnesorganen zu finden, so dass wir unsere eigenen Innenrhythmen wieder bewusst wahrnehmen können. Verschaffen wir uns jedoch keinen Zugang zum Aspekt der Wilden Frau, bleibt uns diese Wahrnehmung verschlossen oder dringt nur halb in unser Bewusstsein. Auf diese Weise überschreiten wir immer wieder unser eigentliches Maß und geraten aus dem Gleichgewicht. Unser untrügliches, weibliches Instinktgespür geht verloren und wir geraten in Situationen und Zustände, die uns allmählich zermürben und krank machen. Wie oft drücken wir diese Tatsache in unserer gefühlsmäßigen Sprache selbst aus, wie oft hören wir es auch von anderen Frauen: sich hässlich fühlen, schuldbewusst, verwirrt, lustlos, ausgelaugt, deprimiert, verunsichert, schwach, überflüssig, schmutzig, schamhaft, furchtbar verletzlich, unfähig sich so zu zeigen, wie man ist. Oder ständig eine Wut im Bauch haben, dabei aber stecken geblieben sein, bedrückt und unkreativ. Wir sind zickig, zurückhaltend, frustriert, können uns auf keine tiefere Beziehung einlassen, unsere Arbeit nicht sinnvoll einteilen, sind viel zu leicht herumzukriegen, viel zu lieb, geduldig und nett und würden irgendwann gerne blutige Rache für alles nehmen. Wir fühlen uns mutlos, etwas auf die Beine zu stellen, etwas Neues zu wagen, obwohl wir durchaus wissen, dass wir die Fähigkeiten dazu besitzen. Wir muten uns zu viel oder zu wenig zu, halten fest, was wir eigentlich loslassen müssten, haben Angst, unsere Stimme zu erheben, entgegengesetzte Meinungen zu äußern, Angst zu handeln, uns bloßzustellen, Angst davor zurückzubeißen, wenn einem nichts anderes übrigbleibt, Angst, etwas alleine zu unternehmen, zu reisen, unsere Werke vorzuzeigen. Dies alles sind Anzeichen für eine gestörte Beziehung zur eigenen Wildnatur. So fühlen wir uns manchmal von allem verlassen, fern von Göttin und Welt, einfach abgeschnitten. Dann sind es der Haushalt, der Intellekt, die Arbeit oder eine lähmende Apathie, welche uns gefangen nehmen - dies sind die Zufluchtsorte, wenn man seine Instinkte verloren hat.

Wenn wir im Dämmerzustand dahin vegetieren, mutlos durch alle möglichen Einöden irren, wenn wir alles Mögliche ausprobieren ohne den gewünschten Erfolg, wenn wir suchen, ohne zu wissen, was, wenn wir zu zweifeln beginnen an der versprochenen Erlösung und Erleuchtung, wenn wir von einem Workshop zum nächsten rennen und am Ende immer noch mit dem Gefühl dastehen, nicht gefunden zu haben, wonach wir suchten, wenn wir uns in Beziehungen flüchten und uns dennoch verloren fühlen, dann wird es aller höchste Zeit, die Wilde Verbündete in uns aufzusuchen. Denn sie ist unser Vehikel und unser Wunschziel zugleich.


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