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Ausgabe Oktober 2001
„Hass kann niemals durch Hass besiegt werden...”

Der buddhistischen Lama Surya Das nach dem Terror-Inferno in New York

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“Hass kann niemals durch Hass besiegt werden, Hass kann nur durch Liebe besiegt werden.”, sagt Buddha. Durch die tragischen Ereignisse des heutigen Tages (des 11.9.2001 Anm. d. Ü.) könnten wir am Abgrund eines eskalierenden Krieges im Mittleren Osten stehen. Ich denke, wir müssen in unseren eigenen Herzen und Köpfen erforschen, was wir - als Individuen, als Kollektiv, als Gesellschaft - tun: Tragen wir dazu bei, diese Probleme zu lindern oder aber sie am Leben zu erhalten? Wie können wir Teil ihrer möglichen Lösung sein?

Ich denke, dass zu diesem Zeitpunkt eine Vergeltungsmaßnahme “Auge-um-Auge” nicht die wirklich angemessene Antwort ist. Aber stimmen unsere Staatsoberhäupter dem zu?
Religion sollte zur Förderung von Frieden und Harmonie beitragen, nicht zu Hass und Vorurteilen, Engstirnigkeit, Gewalt und Krieg. Gewaltlosigkeit ist die erste Maxime des Buddhismus und die grundlegende Lehre vieler Weltreligionen, aber schauen wir uns doch an, was in der Welt passiert, gerade jetzt im Mittleren Osten, Bosnien, Belfast und Sri Lanka oder auch in unserer gesamten Geschichte!

Martin Luther King hat gesagt, dass wir die Wahl haben: zwischen einer friedlichen Koexistenz und der Selbstzerstörung. Wissen Sie eigentlich, wie viele Länder auf der Welt gerade jetzt den Krieg erleben? Dutzende - wörtlich gemeint - und dennoch bleiben wir weitgehend von dieser grausamen Realität getrennt.

Derzeit sind wir hier in Amerika normalerweise nicht direkt vom Blutzoll der gegenwärtigen Kriege betroffen, so wie dies sicherlich während einiger Kriege des 20. Jahrhunderts der Fall war. Aber ich glaube nicht, dass der Krieg irgendwo da draußen auf einem Schlachtfeld beginnt, entlang irgendeiner umstrittenen Grenze, oder in einer diplomatischen Runde im Konferenzsaal oder auf einem Wirtschaftsgipfel; der Krieg beginnt mit der Gier, dem Hass, den Vorurteilen, dem Rassismus, der Unkenntnis und der Grausamkeit im Herzen eines jeden einzelnen Menschen. Deshalb liegt das wahre Schlachtfeld, wie Dostojewski sagt, in unserem Herzen.

Wenn wir Frieden auf der Welt wollen - und ich glaube fest daran, dass wir alle ihn wollen - müssen wir uns dieser Tatsache stellen. Wir müssen lernen, mit Ärger und Hass umzugehen, unsere eigenen Herzen zu erweichen und zu “entwaffnen” und im größeren Zusammenhang auf nukleare Abrüstung und Frieden in unserer Zeit hinarbeiten.
Es ist notwendig, global zu denken und lokal zu handeln, bei uns selbst und miteinander zu beginnen - zu Hause, in unserer Familie genauso wie draußen auf der Arbeit und in der Gemeinde, immer größere, alles umfassende Kreise gemeinsamen Sich-Kümmerns und Verantwortlich-Fühlens zu bilden. Das ist der Weg zu einer friedlicheren Zukunft für uns alle.
Heute sollten wir beten und überlegen, was das Wichtigste in unserem Leben ist, welche Schritte wir zu mehr Gewaltlosigkeit in uns selbst, unserem eigenen Leben und auf dem Weg zu einer friedlicheren Welt unternehmen können.

Ich selbst denke darüber nach, wie wir gemäß der buddhistischen Lehren mit Ärger, Hass, Trauer und Verlust umgehen können.

Was wir heute erleben, ist ein tragisches Ereignis monumentalen Ausmaßes, vielleicht vergleichbar mit Pearl Harbor. Und dennoch könnte die Tatsache, dass wir ins Herz von New York und Washington getroffen sind, uns daran erinnern, dass dies genau das ist, was während der Konflikte in anderen Ländern und deren Hauptstädten passiert, und dass wir Amerikaner davon die meiste Zeit gnadenvoll verschont geblieben sind. Ich wünsche mir, dass wir uns dessen bewusst sind, während wir unsere nationalen und politischen Ziele verfolgen, und dabei mehr und mehr unsere Verbundenheit mit den Völkern erkennen und wie viel wir mit den andauernden Konflikten in anderen Teilen der Welt zu tun haben.



Lama Surya Das, 1950 als Jeffrey Miller in New York geboren, ist einer der bekanntesten amerikanischen Lamas der tibetisch-buddhistischen Tradition. Er hat in den vergangenen drei Jahrzehnten von den angesehensten asiatischen Lehrern, darunter Kalu Rinpoche, Goenka Rinpoche und Dudjom Rinpoche, eine umfassende Ausbildung im tibetischen Buddhismus, Vipassana und Zen erhalten. Er lehrt heute weltweit. Surya Das gründete die Dzogchen Foundation und ist Organisator der jährlichen Western Buddhist Teachers Conference.


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