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Ausgabe Juli 2019
Als ein Schweben – Kafka und das nicht gelebte Leben ... von tto A. Böhmer


In seinem Buch Lichte Momente berichtet Otto A. Böhmer eben über diese Momente der Schriftsteller und Philosophen, die im Vergleich zu den anderen großen Erleuchtungen eher unspektakulär ausfallen. Sie sind doch erst im Rückblick als tragende Ideen zu erkennen. Im folgenden ein Auszug aus dem Buch über den Philosophen Kafka.

Um den gewöhnlichen Erkenntnisvorgang, auch um den sogenannten gesunden Menschenverstand, mit dessen Hilfe wir ganz ordentlich durch das uns zugemutete Geschehen finden, machen wir uns nicht mehr Gedanken als unbedingt nötig, was durchaus nützlich ist, denn die alltägliche Orientierung, das Wechselspiel von Frage und Antwort, von Tun und Lassen bedeutet Arbeit genug; man muss sie nicht unbedingt hinterfragen, es sei denn, man ist ein Philosoph, dem gerade das Nichtstaunenswerte besonders staunenswert vorkommt. Nun gibt es aber weit mehr Philosophen, als man meint; die einfache Nachdenklichkeit ist kein Privileg für hochkomplizierte Charaktere, womit sich bereits andeutet, dass im Grunde genommen alles, was ist, zum Gegenstand von Neugier und Bedenken werden kann. Die üblichen Antworten, auch die üblichen Verdächtigen genügen dann nicht; man will mehr, eigentlich sogar: alles wissen. Der Dichter Franz Kafka war ein solcher Mensch, der kein Genügen finden konnte: nicht an sich selbst, nicht an der Welt, aber, was schwerer wog, auch nicht an den normalen Erkenntnisvorgängen, die eine Realität voraussetzen und ein Wissen, das sich an ebendieser Realität bedient und abarbeitet. Kafka musste schon früh erleben, dass er in das gewöhnliche Wirklichkeitsverständnis nicht hineinzufinden vermochte; aus den Antworten, die er erhielt, gewann er, anders als seine Mitmenschen, keine einsehbaren Gewissheiten, sondern bestenfalls neue Fragen. In einer seiner frühen Erzählungen, „Beschreibung eines Kampfes“, hat er erstmalig anzudeuten versucht, wie sich ihm das Gegebene gerade dann zu entziehen beginnt, wenn scheinbar alles in Ordnung ist: »Ich hoffe von Ihnen zu erfahren, wie es sich mit den Dingen eigentlich verhält, die um mich wie ein Schneefall versinken, während vor andern schon ein kleines Schnapsglas auf dem Tisch fest wie ein Denkmal steht ... Sie glauben nicht daran, dass es andern Leuten so geht? Wirklich nicht? Ach, hören Sie doch! Als ich, ein kleines Kind, nach einem kurzen Mittagsschlaf die Augen öffnete, hörte ich, meines Lebens noch nicht ganz sicher, meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon hinunterfragen: „Was machen Sie, meine Liebe? Ist das aber eine Hitze!“ Eine Frau antwortete aus dem Garten: „Ich jause so im Grünen.“ Sie machten es ohne Nachdruck und nicht besonders deutlich. Als hätte jene Frau die Frage, meine Mutter die Antwort erwartet …«
Das kleine Kind, das seines Lebens nicht ganz sicher ist, hat Kafka für sich nie zurücklassen können. Er selbst ist, je älter er wurde und dabei in geordneten Berufsverhältnissen pflichtbewusst einen ihm übertragenen Dienst erfüllte, immer unsicherer geworden; ihm versanken »die Dinge« tatsächlich »wie ein Schneefall«, während den anderen, der erdrückenden Mehrheit, zu der er, bevorzugt, seinen gefühlsgroben Vater zu rechnen hatte, »schon ein kleines Schnapsglas auf dem Tisch fest wie ein Denkmal« stand. Für Kafka indes stand gar nichts fest; allenfalls, dass er sich selbst nicht entfliehen konnte – was keine tröstliche Aussicht war: Mein Weg ist gar nicht gut und ich muss – soviel Übersicht habe ich – wie ein Hund zugrunde gehen. Auch ich würde mir gern ausweichen, aber da das nicht möglich ist, freue ich mich nur noch darüber, dass ich kein Mitleid mit mir habe und so egoistisch also endlich geworden bin.
Zur Hinnahme seiner selbst sieht sich Kafka veranlasst, als er zu begreifen beginnt, dass ihm kein gewöhnlicher Umgang mit der Wirklichkeit und ihren Menschen vergönnt sein sollte. Die kleine Episode aus der „Beschreibung eines Kampfes“ ist ihm tatsächlich widerfahren; auch in einem Brief an den Freund Max Brod wird sie erwähnt, und Kafka merkt dazu an, dass er »über die Festigkeit« staune, »mit der die Menschen das Leben zu tragen wissen«.
Er selbst ist zu diesem Zeitpunkt etwa zwanzig Jahre alt und ein folgsamer junger Mann, der sich den elterlichen Karrierewünschen keineswegs entzieht, auch wenn er weiß, dass es ihm nicht vergönnt sein wird, eine Ordnung der Dinge herzustellen, an der er selbst seine Beruhigung findet. Gelingen kann ihm dies nur im schwebenden Leichtsinn des Traums, der sich an keine Zeiten und an keine Dienstvorschriften halten muss. In einer Tagebuchaufzeichnung heißt es: »Ich saß einmal vor vielen Jahren, gewiss traurig genug, auf der Lehne des Laurenziberges. Ich prüfte die Wünsche, die ich für das Leben hatte. Als wichtigster oder als reizvollster ergab sich der Wunsch, eine Ansicht des Lebens zu gewinnen (und – das war allerdings notwendig verbunden – schriftlich die anderen von ihr überzeugen zu können), in der das Leben zwar sein natürliches schweres Steigen und Fallen bewahre, aber gleichzeitig mit nicht minderer Deutlichkeit als ein Nichts, als ein Traum, als ein Schweben erkannt werde. Vielleicht ein schöner Wunsch, wenn ich ihn richtig gewünscht hätte. Etwa als Wunsch, einen Tisch mit peinlich ordentlicher Handwerksmäßigkeit zusammenzuhämmern und dabei gleichzeitig nichts zu tun, und zwar nicht so, dass man sagen könnte: »Ihm ist Hämmern ein nichts«, sondern »Ihm ist das Hämmern ein wirkliches Hämmern und gleichzeitig auch ein Nichts«, wodurch ja das Hämmern noch kühner, noch entschlossener, noch wirklicher und, wenn du willst, noch irrsinniger geworden wäre. Aber er konnte gar nicht so wünschen, denn sein Wunsch war kein Wunsch, es war nur eine Verteidigung, eine Verbürgerlichung des Nichts, ein Hauch von Munterkeit, den er dem Nichts geben wollte, in das er zwar damals kaum die ersten bewussten Schritte tat, das er aber schon als sein Element fühlte. Es war damals eine Art Abschied, den er von der Scheinwelt der Jugend nahm, sie hatte ihn übrigens niemals unmittelbar getäuscht, sondern nur durch die Reden aller Autoritäten ringsherum täuschen lassen ...«
Kafka erkennt, dass er sich weder für die Fassadengänge der Realität noch für die Nichtigkeit einer an träumerischen Kapazitäten ausgerichteten Scheinexistenz zu entscheiden hat; die Wahrheit, die ihm zugemutet wird, liegt in einer Literatur, deren Ansprüche beträchtlich, fast maßlos sind, obwohl ihre Strenge sich vor allem gegen den Urheber richtet. Er muss Schriftsteller sein, und das ohne Wenn und Aber. Als sich ihm diese Gewissheit stellt, der er mit keinen Ausflüchten mehr kommen kann, hat er, paradox genug, die Integration in sein Berufsleben vollzogen. Nach dem Studium der Rechte, der Promotion, einem Praktikum in einer Prager Rechtsanwaltskanzlei arbeitet er seit dem August 1908 in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“, der er, bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung im Sommer 1922, schweren Herzens die Treue hält. Kafka ist ein überaus verlässlicher Angestellter gewesen, der 1910 zum Beamten ernannt und behördenintern regelmäßig befördert wird. Anfangs versucht er noch, spielerisch mit dem Konflikt zwischen beruflicher Pflicht und unnachgiebiger literarischer Neigung umzugehen. In der Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, die zwischen 1907 und 1909 entsteht, heißt es: »Man arbeitet so übertrieben im Amt, dass man sogar zu müde ist, um seine Ferien gut zu genießen. Aber durch alle Arbeit erlangt man noch keinen Anspruch darauf, von allen mit Liebe behandelt zu werden, vielmehr ist man allein, gänzlich fremd und nur Gegenstand der Neugierde ... Alle, die mich quälen wollen und die jetzt den ganzen Raum um mich besetzt haben, werden ganz allmählich durch den gütigen Ablauf dieser Tage zurückgedrängt, ohne dass ich ihnen auch nur im geringsten helfen müsste. Und ich kann, wie es sich natürlich ergeben wird, schwach und still sein und alles mit mir ausführen lassen, und doch muss alles gut werden, nur durch die verfließenden Tage ... «
Auch sie sind es, die Kafka Angst machen: die verfließenden Tage. Sie füllen sein Amt aus, aber an ihm selbst, der die knappe, von hohen Zweifeln besetzte Zeit zum Schreiben nimmt wie ein Ertrinkender den Strohhalm, streichen die Tage vorbei; sie berühren ihn wohl, aber sie gehören nicht der geheimen Welt an, die er durch die Literatur für sich öffnet. Diese Welt ist kein wüstes Land, das in unzugängliches Privateigentum überführt wurde, sondern ein zerlegtes, entfremdetes Dasein, wie es sich erst dem zweiten, dem durchdringenden Blick darbietet, der an Ausschmückung, an Überwucherung und funktioneller Verfügbarkeit nicht mehr interessiert sein darf. Kafkas Welt gleicht einem von nervöser Stille besetzten Glashaus, in dem auch das Steinewerfen nicht mehr lohnt; der Einzelne, der hier umhertappt, erfährt alles, was ihm vorgeführt wird, gedämpft und verschärft zugleich. Die weltabgewandte Seite des Menschen ist verwundbar, und einem Dichter wie Kafka, der sich kein dickes Fell zulegen konnte, muss sie noch viel verwundbarer vorkommen; für ihn gibt es keine Schonzeit, kein Schutzreservat, was allerdings, jenseits herkömmlicher Zufriedenheitserwartungen, auch etwas Gutes für sich hat: »Wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, dass man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biss. Ich glaube, man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.«
Tatsächlich schrieb sich Kafka die Bücher, die er brauchte, »zur Not« selbst, und es war seine eigene Not, die er dabei bediente, nicht die der anderen. Was er zu sagen hatte, machte er durch das Schreiben möglich; dass er dadurch seinen Lesern zugänglicher wurde, lässt sich nicht unbedingt sagen. Die Ängste, die er beschrieb, das mal absurde, mal verzweifelte Ungenügen an der Benennung einer Welt, die ihr Auseinanderfallen in subjektive und objektive Momente niemals verleugnen kann, auch wenn das gewöhnliches Standesbewusstsein Einheitlichkeit und Übereinstimmen suggeriert, entwirft das Bild bleibender Unvertrautheit, die nicht im Privaten aufgeht, sondern der Existenzordnung als solcher die Sicherheit abgräbt. Von Kafka selbst erfährt man damit nicht mal das Nötigste; der Autor bleibt der Geheimnisträger, der er zeit seines Lebens war, ein meist liebenswürdiger Mensch, der sich noch im Offenen bedeckt halten konnte. Ein Mitschüler Kafkas erinnert sich: »Er war immer rein und ordentlich, unauffällig und solid, aber niemals elegant gekleidet ... Wir hatten ihn alle sehr gern und schätzten ihn, aber niemals konnten wir mit ihm ganz intim werden, immer umgab ihn irgendwie eine gläserne Wand. Mit seinem stillen, liebenswürdigen Lächeln öffnete er sich die Welt, aber er verschloss sich vor ihr ... Was mir im Gedächtnis haften geblieben ist, ist das Bild eines schlanken, hochgewachsenen, jungenhaften Menschen, der so still aussah, der gut war und liebenswürdig, der freimütig jedes Andere anerkannte und doch immer irgendwie entfernt und fremd blieb«.
Kafka hat das Befremdliche registriert, ohne es zur Belastungsprobe für andere werden zu lassen; im gesellschaftlichen Binnenverkehr ist er hilfsbereit und zuvorkommend. Auch sein Arbeitgeber, die Versicherungsanstalt, kann mit ihm nur zufrieden sein; er erfüllt die ihm übertragenen Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen. Sein eigentliches Leben, das quer zu den Übereinkünften steht, denen er in den Bürozeiten zuarbeitet, beginnt erst in der Nacht. Dann beginnt er zu schreiben, was ihm nie, nicht einmal ansatzweise, leichtfällt; der Schriftsteller, wie Kafka ihn sieht, führt einen aussichtslosen, aber überlebensnotwendigen Kampf, der gelegentlich unerhörte Wahrheiten aufblitzen lässt, ansonsten jedoch eine Veranstaltung von geringem Unterhaltungswert bleibt. Kafka schreibt um sein Leben, und er wird dafür mit lebenslanger Erschütterung bedacht, von der die anderen kaum etwas mitbekommen; seine unauffällige Teilnahme an der Normalität gewährt ihm eine Art Schutzhaft, aus der er, letzten Endes, nicht mehr entlassen werden will. Sein Leben verträgt keine Alternativen; es ist eine fortwährende Zerreißprobe, die das erträgliche Maß überschreitet. In einem Brief an seinen Freund Brod heißt es: »AIs ich heute in der schlaflosen Nacht alles immer wieder hin- und hergehn ließ zwischen den schmerzenden Schläfen, wurde mir wieder ... bewusst, auf was für einem schwachen oder gar nicht vorhandenen Boden ich lebe, über einem Dunkel, aus dem die dunkle Gewalt nach ihrem Willen herkommt und, ohne sich an mein Stottern zu kehren, mein Leben zerstört. Das Schreiben erhält mich, aber ist es nicht richtiger zu sagen, dass es diese Art Leben erhält? Damit meine ich natürlich nicht, dass mein Leben besser ist, wenn ich nicht schreibe. Vielmehr ist es dann viel schlimmer und ganz unerträglich und muss mit dem Irrsinn enden ... Aber wie ist es mit dem Schriftstellersein selbst? Das Schreiben ist ein süßer wunderbarer Lohn, aber wofür? In der Nacht war es mir mit der Deutlichkeit kindlichen Anschauungsunterrichts klar, dass es der Teufelsdienst ist. Dieses Hinabgehen zu den dunklen Mächten, diese Entfesselung von Natur aus gebundener Geister, fragwürdige Umarmungen und was alles noch unten vor sich gehen mag, von dem man oben nichts mehr weiß, wenn man im Sonnenlicht Geschichten schreibt. Vielleicht gibt es auch anderes Schreiben, ich kenne nur dieses ... «
Ein Schriftsteller wie Kafka rührt an Mächte, an die er besser nicht rühren sollte; er schaut in Seelenabgründe, die dem »naiven Menschen« nützlicherweise verborgen bleiben. Zur Strafe dafür wird er in einer Weise süchtig, die an schmerzliche Hellsichtigkeit gemahnt; er ahnt mehr, als dass er sieht, aber von diesen Ahnungen, die ihm fürchterlich begründet erscheinen, mag er nicht lassen. Der Schriftsteller wird die Geister, die er rief, nicht mehr los; damit muss er leben, damit will er auch leben, denn er weiß, dass er für die Wonnen des Alltäglichen nicht taugt. Stattdessen gerät er in eine produktive Besessenheit, die ihre eigenen Ängste kultiviert: »Was der naive Mensch sich manchmal wünscht: »Ich wollte sterben und sehn, wie man mich beweint«, das verwirklicht ein solcher Schriftsteller fortwährend, er stirbt (oder er lebt nicht) und beweint sich fortwährend. Daher kommt eine schreckliche Todesangst, die sich nicht als Todesangst äußern muss, sondern auch auftreten kann als Angst vor Veränderung«.
Die Angst vor Veränderung ist Kafka nur allzu bekannt, sie begleitet ihn durch die verfließenden Tage und Nächte. Er ist gegen sie angegangen, tapfer, aber nicht sehr erfolgreich. Bis auf wenige Ausnahmen hat er fast immer in Prag gelebt, obwohl er die Stadt verflucht. Auch sein Junggesellendasein will er verändern und es gegen ein Glück eintauschen, wie es ihm andere, mehr schlecht als recht, vorspielen. Zweimal hat er sich verlobt und wieder entlobt; für die Liebe, für Frau und Kind, für ein harmonisches Familienleben ist einer wie er nicht geschaffen, meint er, so dass ihm anscheinend nichts anderes übrig bleibt, als seinen Ängsten zu vertrauen und sich im vorauseilenden Gehorsam zum unglücklichsein anzuhalten, noch bevor er Gelegenheit bekommt, wirklich glücklich zu sein. Das muss auch die dreizehn Jahre jüngere Milena Jesenská-Pollak erfahren, die Kafka im Frühjahr 1920 auf einer seiner seltenen Reisen in Meran kennenlernt. Die Liebe, die beiden widerfährt, hätte für ihn, wenn er entscheidungsfreudiger gewesen wäre, zur großen Liebe werden können; er entzieht sich ihr auf bewährte Weise. Dennoch ist gerade Milena bemerkenswert einfühlsam gewesen; sie schreibt über ihren Freund Kafka: »Er ist ohne die geringste Zuflucht, ohne Obdach. Darum ist er allem ausgesetzt, wovor wir geschützt sind. Er ist wie ein Nackter unter Angekleideten ... Es ist solch ein determiniertes Sein an und für sich, von allen Zutaten entledigt, die ihm helfen könnten, das Leben zu verzeichnen – in Schönheit oder in Elend, einerlei. Und seine Askese ist durchaus unheroisch ... Das ist ein Mensch, der durch seine schreckliche Hellsichtigkeit, Reinheit und Unfähigkeit zum Kompromiss zur Askese gezwungen ist ... Ich weiß, dass er sich nicht gegen das Leben wehrt, sondern gegen diese Art von Leben da wehrt er sich«.
Kafkas Inspiration musste von Anfang an ohne Erleuchtung und den Glanz der Gewissheit auskommen; sie wird im Negativen festgemacht, in der fehlenden Deckungsgleichheit zwischen Begriff und Gegenstand, zwischen innerer und äußerer Wahrheit. Der einzige Ort, an dem der Schriftsteller die Übereinstimmung entzweiter Momente herbeizwingen kann, ist der Schreibtisch; ihn erklärt Kafka zu einem Refugium: »Das Dasein eines Schriftstellers ist ... vom Schreibtisch abhängig, er darf sich eigentlich, wenn er dem Irrsinn entgehen will, niemals vom Schreibtisch entfernen, mit den Zähnen muss er sich festhalten.«
Kafka hat seinen Schreibtisch verteidigt, auch wenn weit und breit keine Angreifer in Sicht waren. Dabei ist ihm manches entgangen, was anderen, den leichter Gestimmten, erwähnenswert erschien; er hat allerdings auch sehr viel mehr gesehen als sie, ohne dass er dafür die Welt draußen abklappern musste. Letzten Endes ändert allerdings ein kleines Stück Heimat nichts daran, dass der Mensch, ist er denn in etwa so wie Kafka geraten, im Großen und Ganzen gar keine Heimat finden kann; für ihn ist kein Ort, nirgends. »Er fühlt sich auf dieser Erde gefangen, ihm ist eng, die Trauer, die Schwäche, die Krankheiten, die Wahnvorstellungen der Gefangenen brechen bei ihm aus, kein Trost kann ihn trösten, weil es eben nur Trost ist, zarter kopfschmerzender Trost gegenüber der großen Tatsache des Gefangenseins. Fragt man ihn aber, was er eigentlich haben will, kann er nicht antworten, denn er hat – das ist einer seiner stärksten Beweise – keine Vorstellung von Freiheit.«

Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Literaturhinweise: zu entnehmen im Buch auf Seite 349







Buchtipp: Otto A. Böhmer: Lichte Momente – Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk.
DVA Sachbuch 11.2018, 352 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-421-04803-5


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