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Ausgabe Juli 2019
Neun Tage Unendlichkeit ... von Anke Everzt


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© Jag_cz_AdobeStock

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Schon seit frühester Kindheit stellte sich Anke Evertz tiefgehende Fragen über den Sinn des Lebens, die ihr allerdings niemand wirklich beantworten konnte. Das änderte sich schlagartig: Im September 2009 erlebte sie infolge eines Brandunfalls eine außergewöhnlich umfassende Nahtoderfahrung. Sie beschreibt das Erlebte und Ihre Erkenntnisse daraus in Ihrem Buch „Neun Tage Unendlichkeit“. Dieser Bericht eines schier unfassbaren Abenteuers zwischen Leben und Tod erschließt unbekannte Bewusstseinssphären und faszinierende Einsichten in die menschliche Existenz. Und er zeigt eindrücklich, dass unser Bild der Wirklichkeit nichts als ein winziger Ausschnitt aus der Fülle unendlicher Realitäten ist.

Meine Geschichte begann in dem Moment, als mein Körper in Flammen stand und ich begriff, dass ich ernsthaft in Schwierigkeiten war.
Noch heute höre ich das Lodern der Flammen, die mir erbarmungslos ins Gesicht schlugen, und spüre die Luft, die brennend heiß in meinen Lungen schmerzte. Ich befand mich in exakt jenem Zustand, in dem man mit offenen Augen eine Katastrophe auf sich zukommen sieht und begreift, dass es nichts mehr gibt, um das Unvermeidliche abzuwenden.
Mein gesamter Körper brannte lichterloh. Das Feuer hatte sich unaufhaltsam von den Beinen über die Hüften bis zu meinem Oberkörper durch meine dünne Sportkleidung gefressen, und ich hörte das laute Knistern und Zischen, als es meine langen dicken Haare und mein Gesicht erfasste. Es war zu spät! All meine verzweifelten Anstrengungen, der Situation noch zu entkommen, die sich einige Minuten vorher so harmlos angebahnt hatte, waren fehlgeschlagen, und mir war absolut klar: Gleich sterbe ich! Doch statt Angst oder gar Panik löste diese Erkenntnis eine unendliche Ruhe und tiefe Gelassenheit in mir aus. Alle Anspannung schien von mir abzufallen, als statt der ersehnten Luft heiße Flammen meinen Rachen füllten, wie selbstverständlich von dem Gedanken begleitet: Was auch immer nun auf mich zukommen mag, ich bin bereit!
Was danach geschah, kann ich mir auch heute nicht erklären, doch ich weiß, dass genau zu diesem Zeitpunkt die wundervollste und erkenntnisreichste Reise meines Lebens begann.
Als hätte es nur dieses einen Gedanken bedurft, verließ ich in jenem Bruchteil einer Sekunde meinen brennenden Körper und befand mich auf einmal fast zwei Meter von ihm entfernt. Eine unbeschreibliche Neutralität überkam mich, als ich staunend zur Decke hinaufblickte und sah, wie der Ruß der Flammen sie schwarz färbte. Mein lichterloh brennender Körper begann zu torkeln und mit den Armen irgendeinen Halt zu suchen, doch ich konnte ihn kaum noch erkennen. Ich sah nur die gnadenlosen Flammen und spürte die wahnsinnige Hitze, die von ihnen ausging. Mir selbst ging es dabei allerdings recht gut. Gut ist vielleicht das falsche Wort dafür, aber auf jeden Fall spürte ich weder Schmerzen noch Angst, sondern fühlte mich wie ein neutraler Beobachter der ganzen Szenerie. Ich sah, wie mein Sohn ins Wohnzimmer stürzte und sich auf seine brennende Mutter warf, wie der Notarzt kam, begleitete meinen Körper in den Hubschrauber und ins Krankenhaus. Ich verfolgte die Bemühungen der Ärzte, mein Leben zu retten, nahm wahr, wie sie meinen Körper in ein künstliches Koma legten, und wunderte mich höchstens darüber, dass keiner von ihnen die Zeit fand, meine Fragen zu beantworten. Irgendwie gab es mich ab diesem einschneidenden Moment zweimal, wobei ich zu meinem Körper kaum noch eine Beziehung verspürte.
Das größte Geschenk an dieser Erfahrung war allerdings nicht, dass ich endlich meinen Körper verlassen hatte, sondern viel eher, was sich dann in diesem körperlosen, grenzenlosen Bewusstseinszustand ereignete.
Während mein physischer Körper für neun Tage mit schwersten Verbrennungen um sein Überleben kämpfte, fühlte ich mich lebendiger denn je. Ich hielt mich in einer Welt auf, die jenseits all meiner menschlichen Vorstellungen lag, tauchte in Wirklichkeiten ein, die ich nie für möglich gehalten hatte, und fand dadurch mich selbst. Was mir damals natürlich nicht bewusst sein konnte, ist mir heute umso klarer: Ich bin an jenem kühlen Septemberabend für mich selbst durchs Feuer gegangen – im wahrsten Sinne des Wortes –, um neun Tage später als neuer Mensch zurückzukehren.

Das Geschenk des Todes
Wenn ich heute gefragt werde, wer ich bin, kann ich darauf nur noch sehr schwer eine Antwort geben. Nicht, weil ich es nicht weiß, sondern viel eher, weil es einfach keine Antwort auf diese Frage gibt, die sich mit ein paar knappen Sätzen ausdrücken lässt.
Am liebsten würde ich bei dieser Frage mit leuchtenden Augen antworten: »Ich bin ALLES!«, doch das habe ich bisher nur eher selten getan. Stattdessen bin ich vorsichtig und antworte höchstens: »Ich bin ein Mensch mit zwei Leben. Einem Leben vor und einem Leben nach meinem Tod.«
Wenn ich versuche, mich an mein früheres Leben – das vor jenem Ereignis – zurückzuerinnern, fällt mir auch das unglaublich schwer. Es strengt mich an, weil ich mir kaum noch eine Situation oder ein Erlebnis von damals ins Gedächtnis rufen kann. Es fühlt sich an, als sei all das unfassbar weit weg oder als beträfe es das Leben eines anderen Menschen. Mein früheres Leben wirkt wie eine alte Aufzeichnung auf mich, die aber mittlerweile mit etwas Neuem, wesentlich Wertvollerem überschrieben wurde.
Ich weiß noch, dass ich mich früher wie eine Marionette fühlte, die sich im Laufe ihres Lebens sehr erfolgreich in einen Dauerzustand der inneren Leere hineinmanövriert hatte. Ich existierte zwar, aber eher wie ein intelligenter Roboter, der brav funktioniert und all das tut, was er sich selbst beigebracht hat. Ohne Inhalte und ohne ein wirkliches Bewusstsein für mich selbst. Damals fühlte ich mich von einem Zustand der Erfüllung und des Glückes unendlich weit entfernt. Ich weiß noch, dass ich immer »raus« wollte. Raus aus meinem Körper, raus aus meinen Gefühlen und vor allem raus aus dem Leben selbst, das ich als unendlich schwer empfand. Heute blicke ich sehr liebevoll auf die Frau zurück, die ich damals war. Sie, die keine Ahnung davon hatte, dass es mich jemals in ihrem Leben geben wird. Sie fühlte sich wertlos, ungeliebt und unendlich einsam. Da sie sich im Laufe ihres Lebens immer mehr selbst verloren hatte, suchte sie ihren Halt im Außen und lebte ein Leben, welches stark auf materielle Sicherheit und Prestige ausgerichtet war. Die Frau von damals manövrierte sich selbst in immer enger werdende Sackgassen hinein, bis sie sich schließlich vor einer dunklen, undurchlässigen Wand befand. Sie hatte verlernt, ihrer inneren Stimme zu lauschen, und vergessen, was sie glücklich machte oder gar erfüllte.

Während mein Körper für neun Tage im Koma lag, wurde ich in Welten geführt, die all meine menschlichen Vorstellungen sprengten.
Hier durfte ich ganz bewusst in mein eigenes, viel größeres, umfassenderes und weiseres Ich eintauchen, welches seither ständig mit mir in Verbindung steht.
In diesen neun Tagen erhielt ich eine umfassende Schulung über den Sinn und die Zusammenhänge meines Lebens, tauchte in die Quelle der Schöpfung ein und fand sie schließlich in jeder meiner Zellen wieder.
Durch den gewandelten Blick auf mich selbst entschied ich mich bewusst ein zweites Mal für mein Leben, und seither komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich fühle mich grenzenlos, frei und voller Freude. Ich fühle mich sowohl in meinem Körper durch und durch zu Hause, als auch mit meinem Wahren Ich verbunden, dem ich die Lenkung meines Lebens übertragen habe. Meinen Körper lasse ich genau das machen, was sich für ihn gut anfühlt, und ich selbst folge ihm einfach dabei. Auch das Wort »müssen« spielt in meinem Leben kaum noch eine Rolle, denn ich habe aufgehört, funktionieren zu wollen. Alle alten Konzepte von Ehrgeiz und Motivation machen keinen Sinn mehr, stattdessen gestaltet sich mein Leben aus meiner inneren Fülle und Freude heraus ganz von Selbst. Ich habe gelernt, alles auf mich zukommen zu lassen, was sich durch mich ausdrücken möchte, und mich diesem Fluss nicht mehr in den Weg zu stellen. Genau dadurch erfahre ich mein Leben heute als ein einziges Wunder und bin mir Selbst unendlich dankbar, dass ich mich auf diesen Wandel so bewusst eingelassen habe. Auch erfüllt mich jeder einzelne Moment mit unendlicher Dankbarkeit, egal ob er sich gerade gut anfühlt oder eher nicht so gut. Ich lebe im JETZT. Dadurch hat natürlich auch mein Verstand eine ganz neue Rolle in meinem Leben eingenommen. Ich plane nichts mehr, hinterfrage nichts mehr und lasse mir von meinem Leben all die Möglichkeiten meiner weiteren Entfaltung in die Hände legen. Aus meinem früheren Nein mir selbst gegenüber ist ein lautes »JA!« geworden, und das begeistert mich jeden Tag aufs Neue.


Buchauszug
mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Buchtipp:
Anke Evertz; Neun Tage Unendlichkeit – Was mir im Jenseits über das Bewusstsein, die körperliche Existenz und den Sinn des Lebens gezeigt wurde. Eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung, Ansata 4-2019, 256 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-7787-7546-2
Webseite der Autorin: www.anke-evertz.de


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