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Ausgabe Juli 2019
Unendliches Bewusstsein ... von Wolf Sugata Schneider


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© BenStudioPRO_AdobeStock

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Das deutsche Volkslied »Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie rauschen vorbei, wie nächtliche Schatten« appelliert an die Freiheit des Geistes gegenüber materiellen Beschränkungen. Sophie Scholl spielte es auf der Blockflöte unter dem Fenster der Gefängniszelle ihrem Vater vor, der dort von den Nazis gefangen saß, und während der Berlin-Blockade sangen die Berliner spontan dieses Lied, als ihr Oberbürgermeister 1948 vor 300.000 Menschen seine Rede »an die Völker der Welt« hielt.
Unsere Fantasie kann bis ans Ende des Universums fliegen. Sie schafft im Bruchteil einer Sekunde, wofür sogar das Licht mehr als 13 Milliarden Jahre braucht, und sie endet nicht einmal am Rande des Universums. Ist das die Freiheit des Geistes, die Unendlichkeit des kreativen Bewusstseins?

Ich möchte hierzu eine Unterscheidung treffen. Gedanken sind sprachliche, also soziale, das heißt bedingte Konstrukte; als solche sind sie nicht frei. Der Hintergrund jedoch, von dem sie sich abheben – auch: aus dem sie entstehen können – ist unendlich. Das Bewusstsein, dessen wir Menschen fähig sind, ist unendlich. Sobald es aber in Form von Worten, Bildern oder bedeutungsvollen Lauten »eingefangen« und ihm Gestalt gegeben wird, ist es nicht mehr unendlich; dann ist es nicht mehr frei, sondern hat eine Form und ist damit gebunden und bedingt; dann unterliegt es Ursache/Wirkung-Prozessen, der Kausalität.

Weitwinkel
Nicht nur in die Weiten des Universums können wir unser Bewusstsein richten, sondern auch auf unser Gesichtsfeld. Dort erleben wir, dass es lenkbar ist, so ähnlich wie das Objektiv einer Kamera. Wir können den Fokus unseres Bewusstseins jedoch auch auf Objekte lenken, auf die unser Auge gerade nicht fokussiert. Wir können damit einen Weitwinkel erreichen, der so weit ist, dass sogar wir selbst, das Subjekt, und das hinter uns Liegende mit umfangen wird. Beim Rückwärtsfahren in meinem Wohnmobil helfen mir meine zwei Außenspiegel und die Rückfahrkamera, auch dabei brauche ich ein Bewusstsein für das hinter mir Liegende, was mir als Wohnmobil-Neuling noch schwer fällt. In der Meditation aber fällt es mir leicht. Da bin bei geschlossenen Augen ich – das Subjekt – Teil meines Blickfeldes, das auch alles hinter mir umfasst; und dieser Blick enthält in der Gegenwart, im Jetzt, die Vergangenheit ebenso wie alle möglichen Zukünfte. Das ist die »offene Weite, nichts von heilig« von der Bodhidharma sprach, der Begründer des Zen, in seinem so überzeugend profanen Ansatz. Wer so meditiert, erfährt, dass das Heilige im Profanen enthalten ist.

Befremdung
Wenn ich sage, dass der Fokus meines Bewusstseins lenkbar ist, wer ist da eigentlich der Lenker? Lenke »ich« dabei »mein Bewusstsein«, so als wären diese zwei getrennt? Die Sprechweisen, welche die Grammatiken unserer Sprachen uns aufzwingen, lassen uns Subjekt und Objekt als getrennt erscheinen. Das Weitwinkel-Bewusstsein hingegen enthält beides, und in dem Maße wie die Wahrnehmung eine hingebungsvolle ist – man könnte vielleicht auch sagen: eine herzliche –, ist das Wahrgenommene ein Teil von mir: Was ich sehe, höre und fühle, das bin ich auch. Nichts ist mir fremd.
Etwas als fremd zu empfinden, braucht eine psychische Anstrengung; es kostet einen zu erbringenden Aufwand. Ich muss ein Objekt »befremden«, um es aus meiner freundlich-kindlich alles aneignenden Wahrnehmung ausstoßen zu können, auch wenn dieses Ausstoßen in der persönlichen Entwicklung vom Neugeborenen zum ich-bewussten Menschen ganz normal ist und evolutionsbiologisch sinnvoll. Soziologen nennen diesen Vorgang »Othering«. Es ist ein Ausgrenzen der Fremdgruppe von der Eigengruppe, der ich mich zugehörig fühle und in der ich beheimatet bin.
Eine Soziologin oder Psychologin, die mein Befremden beobachtet, würde wahrscheinlich nicht sagen, dass ich einen freien Willen habe, sondern dass aus meiner Biografie die Art meines individuellen Befremdens hervorgeht. Ich selbst jedoch empfinde mich als fähig zur Entscheidung und wähle ein freies oder weniger freies Bewusstsein – ein mehr oder weniger an Zoom oder Weitwinkel. Wenn ich mich selbst in die Betrachtung einbeziehe, sei es in der Meditation oder im Alltag mit meditativem Blick, verstehe ich mich als Channel universeller Kräfte, geborgen und beheimatet im Universum, natürlich agierend oder auch ruhend in Gottes Hand.

Rätsel der Wissenschaft
Immer wieder lese ich von Wissenschaftlern, Praktikanten von science (Naturwissenschaften), dass sie das Bewusstsein als das größte Rätsel der Wissenschaft bezeichnen. Warum wir gähnen und schlafen müssen, auch das versteht die Wissenschaft nicht wirklich; noch weniger versteht sie, warum es dunkle Materie gibt oder was es vor dem Urknall gab. Das Allermysteriöseste ist jedoch, dass irgendwann im Lauf der Evolution plötzlich Wesen mit Bewusstsein da waren. Mitten in der materiellen Welt soll es auf einmal Bewusstsein geben. Erst beim Menschen? Oder doch schon bei den Primaten, Hunden und Delfinen? Bei allen sozial lebenden Säugetieren? Bei allen Organismen mit einem zentralen Nervensystem?
Wo zieht man da die Grenze nach hinten, zu den weniger komplexen Lebewesen? Kann es denn sein, dass es in der Geschichte der Evolution bei der Entwicklung zu immer komplexeren Lebewesen auf einmal plopp macht, und das Bewusstsein ist da? Das wäre doch genauso unglaublich wie die These, dass es von Anfang an da war und allem Vorhandenen eigen ist. Vielleicht ist Bewusstsein nur ein Aspekt dessen, was es gibt, Materie ein anderer. Bei genauem Hinsehen erscheint Materie zudem als genauso rätselhaft wie das Bewusstsein. Es gibt Kräfte, die aufeinander einwirken, soweit alles klar, aber Materie? Frag einen Kernphysiker, was Materie ist! Dann wirst du vielleicht doch lieber Heidegger oder Sartre lesen wollen über »Das Sein und das Nichts« oder einfach sagen: Der Tisch fühlt sich fest an, da möchte ich mir lieber nicht den Kopf dran stoßen.

Ich, du, wir alle
Und was ist mit dem Ich-Bewusstsein? Ist es vielleicht das, was den Menschen auszeichnet, das, worin wir Menschen einzigartig sind? Keinesfalls. Wenn man Elefanten, Raben oder Delphinen einen Klecks auf die Stirn gibt, den sie erst im Spiegel sehen, versuchen sie diesen an sich selbst wegzukratzen; sie müssen also erkennen, dass das Tier im Spiegel sie selbst sind.
Ein solches Ich-Bewusstsein erscheint mir als »sehr menschlich«. Unendlich ist es nicht. Kann es sein, dass auch Elefanten, Raben und Delfine Gedanken haben, die so frei sind, dass niemand sie erraten kann? Sogar so frei wie die eines Menschen, der damit das Unendliche berührt?
Vielleicht zeichnet uns Menschen nicht aus, dass wir überhaupt ein Bewusstsein haben, sondern dass wir es ohne große Mühen bis ins Unendliche ausweiten können. Wir können damit die ganze Welt umarmen und sagen: Auch das bin ich! Ein Ökozid wäre für eine so denkend-fühlende Zivilisation nicht möglich. Befremden, Missbrauch, Zerstörung der inneren und äußeren Natur, alles das kann ein Mensch nicht mehr, dessen Ich-Bewusstsein das Ganze umfasst, die Unendlichkeit. Grenzen setzen? Das schon. Grenzen sind für unser Zusammenleben so nötig wie die Zellmembranen für einen Organismus. Aber hinter diesen Grenzen ist die Welt unendlich. In der Weite unseres Bewusstseins ist alles, was es gibt, geborgen.


Wolf Sugata Schneider: Jg. 52, Autor, Redakteur, Kabarettist,
1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection.
Blog: www.connection.de, Kontakt: schneider@connection.de
Workshops und Seminare auf www.bewusstseinserheiterung.info


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