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Ausgabe Mai 2019
Die kleine Biene. Eine therapeutische Geschichte von Steffen Zöhl


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© alle_AdobeStock

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Eine kleine Biene flog emsig jeden Tag aufs Neue über Wiesen und Felder und von Blüte zu Blüte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, was oder warum sie das gerade tat. Sie flog, sammelte Pollen, brachte ihn in den Bienenstock und flog wieder los. Einer ihrer Flügel war etwas kleiner, deshalb flog sie manchmal etwas langsamer als die anderen Bienen. Dennoch brachte sie meistens nicht weniger Pollen als die anderen Bienen. Eines Tages begegnete sie einem Fisch, der in einem kleinen Teich dicht unter der Wasseroberfläche schwamm. „Oh, wie wunderbar muss es sein, schwimmen und unter Wasser atmen zu können, bis in die Tiefen hinabzutauchen - so schwerelos“, dachte sich die kleine Biene und flog weiter.

Dann sah sie eine Ameisenstraße und dachte sich plötzlich: „Wie wundervoll muss es sein, so stark zu sein und so schwere Dinge transportieren zu können. Ameisen sind toll und können auch so schnell auf dem Boden krabbeln“, und flog weiter.

Wiederum etwas später entdeckte sie eine Katze, die zwischen den Blumen spielte. „Katzen sind soo groß und geschmeidig und können herumspielen. Es muss so wunderbar sein, wenn man eine Katze ist.“
Als sie in den Bienenstock zurückkehrte, war die kleine Biene traurig und aufgeregt und ein bisschen durcheinander. Die anderen Bienen bemerkten dies und sprachen mit ihr. Sie erzählte von dem Fisch und den Ameisen und der Katze, die ihr begegnet waren, und wie wundervoll sie es fände, wie diese Tiere zu sein. Unter den Bienen brach eine Unruhe aus. Es bildeten sich Gruppen und man diskutierte, welches der Tiere wohl nun am erstrebenswertesten wäre und warum. Es summte und brummte an diesem Abend im Bienenstock. Da kam die weise Königin aus ihrer Stube und fragte, was ihr Volk so sehr beschäftigen würde.

Aufgeregt versuchten alle Bienen zu berichten und zu erklären, welches Tier zu sein nun von Vorteil wäre. Die Bienenkönigin fragte, wie sie auf die Diskussion gekommen waren. Dann sollte die kleine Biene erzählen, was ihr an dem Tag passiert war. Die Königin hörte aufmerksam zu und fragte dann: „Wer von Euch sammelt gerne Pollen für den Honig ein?“

Alle Sammlerbienen hoben den Flügel. „Wer von Euch fliegt gerne durch die Luft von Blüte zu Blüte?“ Wieder hoben alle Sammlerbienen die Flügel. „Und wer von Euch lebt gerne in unserem Bienenvolk?“ Alle Bienen hoben ihre Flügel.

Die Königin lächelte. „Ein Fisch kann das nicht, eine Katze ebenso wenig. Und auch die Ameisen können all dies nicht.“ Sie schaute gütig auf ihre Bienen. „Jedes Tier hat Fähigkeiten, die es zum Leben braucht und trägt damit seinen Teil in dieser Welt bei. Fische könnten außerhalb des Wassers nicht leben, Ameisen können nicht von Blüte zu Blüte fliegen und Katzen haben noch nie die Welt aus der Luft heraus betrachten können. Freut Euch an der Vielfalt des Lebens ... und seid dankbar für das, was Euch das Leben geschenkt hat.“

Am nächsten Tag flog die kleine Biene wieder los, um Pollen zu sammeln. Doch diesmal flog sie mit einem Lächeln. Sie freute sich und war dankbar, eine Biene zu sein. Auch die anderen Bienen kamen mit Freude, Dankbarkeit und Stolz in den Bienenstock zurück. Und am Abend sprachen sie miteinander, wie schön es ist, eine Biene zu sein. Und im Bienenstock war ein einzigartiges Summen zu hören ...

Der Autor Steffen Zöhl widmete diese Geschichte Jakob und Johann.

Praxis Der Zuhörer - Steffen Zöhl, 2017
www.derzuhoerer-berlin.de/die-kleine-biene


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