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Ausgabe März 2019
Angst und Erkenntnis – und die Methode der Ironie. Über den Philosophen Sören Kierkegaard ... von Christian Salvesen


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Sören Kierkegaard

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Der weltberühmte dänische Philosoph Sören Kierkegaard war schon Mitte des 19. Jahrhunderts brennend an den Dingen interessiert, die uns rastlose Menschen des Medienzeitalters immer stärker umtreiben: Zweifel, Angst, Lust, Verführung, die Frage nach unserer Existenz, die Suche nach Liebe und Glauben. Kierkegaard war ein hochbegabter, komplizierter, lustiger und ironischer Mensch, ein klein bisschen wahnsinnig, sehr sensibel und hoch emotional. Der Journalist Christian Salvesen widmet ihm folgende Zeilen:

Immer wieder setzte sich der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) so aufrichtig wie möglich mit sich selbst, seinen geheimsten Wünschen und Ängsten auseinander. Seine umfangreichen Tagebuchaufzeichnungen geben davon Zeugnis. Sie wurden posthum in sein Gesamtwerk eingefügt, das in über 40 Sprachen erhältlich ist.
Viele seiner Gedanken kreisten um die Angst. Wohl nie zuvor und danach hat ein Philosoph Angst so in den Mittelpunkt seiner Interpretation der Welt und des Ganzen gerückt. Doch was wirft mich denn unerbittlicher und unausweichlicher auf mich selbst zurück als Angst? Wenn ich finanzielle Sorgen habe, da können mir Freunde helfen. Aber wenn ich im Gefühl der Angst verloren bin, erscheinen auch soziale Kontakte – etwa ein Gespräch mit Freunden – wenig hilfreich. Kierkegaards Analyse der Angst hat Existentialisten wie Heidegger, Sartre und Jaspers inspiriert und ist heute immer noch aktuell. Denn fast 10 Prozent aller Deutschen leiden unter Angst und Panikattacken, die medizinisch behandelt werden. Existenzielle Angst ist nicht die Sorge um die Existenz im Sinne von Überleben, sondern eine unbegreifliche Angst ohne konkretes Objekt. Angst vor dem Tod, vor dem Leben, vor dem Nichts, vor der Angst selbst.
Wer mit dieser Angst immer wieder selbst konfrontiert und zugleich hoch gebildet und philosophisch-religiös ambitioniert ist wie Kierkegaard, der sucht nach einem entsprechenden Ausdruck in Worten. Die Philosophie des Westens war und ist an allgemeingültiger Erkenntnis interessiert. Ein Gefühl wie Angst passt da ebenso wenig hinein wie Liebe. Auch wenn jeder Angst kennt: sie als Weg der Erkenntnis zu nutzen und zu beschreiben – dafür steht Sören Kierkegaard in Europa historisch als erster Philosoph.
Heute wissen wir auch von Schamanen unterschiedlicher Kulturen, dass Angst als Torwächter zur Erkenntnis angesehen wird. Und der spirituelle Lehrer und Psychologe Christian Meyer zum Beispiel unterstützt die Menschen darin, den existenziellen Ängsten, der Angst vor Bodenlosigkeit, der Einsamkeit, der inneren Leere und Weite und auch der Angst vor dem Tod zu begegnen, sich ihr zu stellen und durch sie hindurchzugehen.
Es sieht ganz so aus, als hätte sich tatsächlich vor Kierkegaard kein Philosoph im Westen mit der Angst in Zusammenhang mit Erkenntnis befasst. Und das spricht dafür, ihn als ersten Existentialisten zu bezeichnen. Denn ein Merkmal dafür, dass eine Wahrheit nicht nur im Verstand wiedergekäut, sondern existenziell erlebt wird, sind Gefühle. Es muss allerdings nicht immer Angst sein. Es kann auch Freude sein!

Ent- und Verwicklungen
Kierkegaard hat zu erklären versucht, wie ich mich als individueller Mensch entwickeln kann. In der Ästhetischen Phase genieße ich kindlich die Welt, wie sie sich den Sinnen darstellt. Doch es kommt zu einer ersten Verzweiflung, denn ich ahne, dass ich nicht dieser Körper bin, sehe aber keinen Ausweg vor dem Tod.
Die nächste Ethische Phase gibt mir eine neue Perspektive. Was ich bin, habe ich nicht selbst erschaffen. Doch wer oder was steckt dahinter? Ich zweifle an dem, was ich tue und bin, finde aber auch nicht das Vertrauen in eine höhere Instanz. Andererseits: Was lässt mich leben, wenn nicht etwas Höheres, das ich zwar nicht erkennen und begreifen, auf das ich mich jedoch verlassen kann und „Gott“ nenne? In der Religiösen Phase akzeptiere ich, dass mir Gott das Leben gegeben hat. Ich bin von dieser mit dem Verstand nicht greifbaren Quelle in allem abhängig, in jedem Moment. Von diesem unbegreiflichen Gott wurde ich ins Dasein gesetzt und werde auch weiter geleitet. Es gibt hier ganz aufschlussreiche Parallelen zu dem, was spirituelle Lehrer seit Jahrtausenden und gerade heute verstärkt in Westeuropa und den USA verkünden. Kierkegaard hätte sich in der Philosophie der Veden und zum Teil auch des Buddhismus zuhause gefühlt. Ja, es gibt einen inneren unsterblichen Kern des Menschen. Und um diesen ins Bewusstsein zu heben, bedarf es spiritueller Praxis. Nun hatte sich Kierkegaard in seinen letzten Lebensjahren allerdings zunehmend in ein ideales und absolutes Christentum hineingedacht und -gefühlt und in diversen Zeitungsartikeln der Protestantischen Staatskirche Dänemarks den Krieg erklärt.

Die Ironie der Geschichte ist …
Auf seine ganz eigene, durch die westliche Tradition vorgegebene Weise hat sich Kierkegaard eine Methode der Darstellung gewählt, die er „Ironie“ nannte.
Ironie und Humor sind Mittel der Distanzierung. Wie grenze ich mich von dem erlebten und beschriebenen Inhalt ab? Und warum? Nun: Immer wieder heißt es in allen spirituellen Texten des Ostens: Ich bin nicht der Geist (die Gedanken) und der Körper. Entsprechend sollten mich die Texte – seien sie alt oder neu – darauf aufmerksam machen. Es geht darum, die übliche Identifikation zu durchbrechen. Sokrates hat das mit seiner Fragemethode vorgeführt. Keine Dogmen. Frage dich selbst, erkenne selbst!
Kierkegaard hat Sokrates sehr geschätzt und wollte mit den Pseudonymen für seine Bücher auch den inneren Abstand demonstrieren. Sein erstes und bis heute immer noch bekanntestes Werk „Entweder – Oder“, wo es um die „Alternative Sinnlichkeit“ oder moralische Verantwortung geht, hat er unter dem Pseudonym Victor Eremetia veröffentlicht. Schon bald wusste in Kopenhagen natürlich jeder, wer dahinter steckt. Doch Kierkegaard benutzte weiter unterschiedliche „falsche“ Autorennamen für seine Buchveröffentlichungen.
Schon im Erstlingswerk ist der Umgang mit der Ironie sehr raffiniert. Im Vorwort gibt der Herausgeber Victor Eremita (siegreicher Eremit) bekannt, er habe in einem Schreibtisch Papiere entdeckt, die er im Folgenden veröffentlicht. Die Texte erschienen ihm jedoch in ihrer Charakteristik unterschiedlich, so dass er sie nach Autor A und B geordnet habe. Und so erscheint der erste Teil mit unterschiedlichen Texten zum Thema Liebe – darunter auch einer zu Mozarts Oper „Don Giovanni“ unter A – während unter B das Thema Ethik angesprochen wird, allerdings zum Teil ausdrücklich in Bezug auf A. Eben hier zeigt sich bereits die komplexe Denkart von Sören Kierkegaard, die zugleich einen Angriffspunkt für seine Kritiker bietet: Die einen sind schockiert über seine Kritik der Kirche, die anderen finden, er verstecke sich feige hinter seiner „Ironie“.

Würdigung
Sören Kierkegaard wurde zwar erst im 20. Jahrhundert in Deutschland bekannt, doch er wirkte mit seinen Schriften auf bekannte Philosophen wie Heidegger und Jaspers und auf Theologen wie Wilhelm Barth und Rudolf Bultmann. Seine Philosophie enthält viel mehr, als hier überhaupt nur angesprochen werden konnte. Sie ist in sich selbst rätselhaft und entspricht konsequent Kierkegaards Überzeugung, dass keine allgemeinen Sätze letztlich irgendetwas mit mir zu tun haben.

Im Grunde ist das alles Bla-Bla. Wer bin ich wirklich? Das ist die Frage. Und die zu stellen, dazu hat Kierkegaard angeregt. Zu seiner Zeit unpassend, zu unserer Zeit anscheinend auch. Denn während Richard Wagner zu seinem 200. Geburtstag ständig in allen Medien präsent ist, kommt Kierkegaard so gut wie gar nicht vor.

Faszinierend finde ich übrigens seine kompromisslose Haltung in Verbindung mit der Ironie. Wie kann ich etwas so vehement vertreten und zugleich durch falsche Namen etc. präsentieren? In den letzten Jahren hatten skandinavische Autoren und Filme Hochkonjunktur. Vielleicht kommt ja mal ein Film über Sören Kierkegard. Ich würde gerne sehen, wie die innere Auseinandersetzung mit der eigenen Existenz dargestellt wird. Es ist ein zeitloses Thema und zugleich immer hochaktuell.

Aus Sören Kierkegaards Tagebuch:
„Wer will ich sein? Es kommt darauf an, meine Bestimmung zu verstehen, zu sehen, was die Gottheit eigentlich will, dass ich tun soll; es gilt, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will. ... Was nützte es mir, dass die Wahrheit kalt und nackt vor mir stünde, gleichgültig dagegen, ob ich sie anerkennte oder nicht? Worauf es ankommt, ist nicht die Masse von Erkenntnissen, sondern das innere Handeln des Menschen. ... Es kommt mir vor, als hätte ich nicht aus dem Becher der Weisheit getrunken, sondern sei in ihn hineingefallen. ... Ich will nun versuchen, den Blick ruhig auf mich selbst zu heften, und will beginnen, innerlich zu handeln; denn nur dadurch werde ich fähig sein, gleich wie das Kind sich bei seiner ersten bewusst vorgenommenen Handlung "ich" nennt, mich in tieferer Bedeutung "ich" zu nennen. ... So sei denn das Los geworfen – ich gehe über den Rubikon.“

Die letzte Eintragung in seinem Tagebuch vom 25. September 1855, knapp zwei Wochen vor dem Zusammenbruch, lautet: „Die Bestimmung dieses Lebens christlich. Die Bestimmung dieses Lebens ist: zum höchsten Grad von Lebensüberdruss gebracht zu werden. Derjenige, der, also zu diesem Punkt gebracht, festhalten kann, oder derjenige, dem Gott dazu verhilft, festhalten zu können, dass es Gott ist, der ihn aus Liebe zu diesem Punkt gebracht hat, er macht, christlich, die Prüfung des Lebens, ist für die Ewigkeit reif. Durch ein Verbrechen bin ich entstanden, ich bin entstanden gegen Gottes Willen. Die Schuld, die jedoch in einem Sinne nicht die meine ist, wenn sie mich auch in Gottes Augen zum Verbrecher macht, ist: Leben zu geben. Die Strafe entspricht der Schuld: aller Lust zum Leben beraubt zu werden, zum höchsten Grad von Lebensüberdruss gebracht zu werden.“

Christian Salvesen (1951), Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Ghostwriter. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Homepage: www.Christian-Salvesen.de


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