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Ausgabe Januar 2019
Eigene Träume leben ... von Helga Reimund


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© pavelgr_shutterstock.com

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Ich erinnere mich noch an das erste Buch, das ich geschenkt bekam. Wobei geschenkt es nicht ganz trifft. Redlich verdient hatte ich es mir. Ich war drei Jahre alt. Meine Eltern meinten damals, ich sollte mich von meinem Schnuller trennen. Und um mir das zu versüßen, versprachen sie mir ein Märchenbuch. Also verzichtete ich auf den Schnuller. Eines Abends stand ich dann in der großen Wohnküche meiner Oma. Ich wusste nicht was los war, aber der Augenblick war feierlich. Und ebenso feierlich überreichte mein Vater mir ein sehr dickes Buch. Ich erinnerte mich nur dunkel an die Vereinbarung und nahm es verwirrt entgegen. Als ich es aufschlug, war ich enttäuscht. In dem Buch fand ich nur viele Buchstaben. Ich konnte aber doch nicht lesen!

Seit damals ist viel Zeit vergangen, aber ich erinnere mich noch klar an diesen Abend. Ich habe damals eine wichtige Erfahrung gemacht, war aber viel zu klein, um daraus etwas lernen zu können. Damals fragte ich mich, warum ich dieses Buch hatte haben wollte? Ich blätterte darin herum und fand ein paar Bilder. Es waren Tuschezeichnungen, sehr düster, nichts für ein so kleines Kind. Sollte ich mich freuen? Es war doch die Belohnung für tapferen Verzicht. Also akzeptierte ich, dass dieses Buch wohl mein Traum gewesen war.

Heute frage ich mich, wie oft wir verführt werden, uns Träume verkaufen zu lassen, die wir nie geträumt haben. Träume, die wir von Eltern, Lehrern, Hochglanzmagazinen oder der Werbung übernehmen. Wie oft empfinden wir Dinge als erstrebenswert, weil jemand anders sie uns so verkauft, weil alle es so machen oder nur weil sie teuer und Symbole für Macht und Erfolg sind?
Die lebhafte Erinnerung an mein Kindheitserlebnis führt mich auch zu der Frage: „Arbeiten wir hart, weil wir etwas haben wollen oder wollen wir etwas haben, weil es uns als Lohn für harte Arbeit erscheint?“ Noch wichtiger vielleicht: Für was sind wir bereit, Energie und Lebenszeit zu opfern? Was hat für uns Wert? Welches Leben wollen wir aus unserem tiefsten Herzen leben? Wie werden wir (wieder) ganz und glücklich? Stellen wir uns diesen Fragen nicht, sind wir in Gefahr, an unserem ureigenen Leben vorbeizuleben.

Der Ursprung vieler Krisen ist nicht gelebtes „echtes Leben“. Wer schon als sehr kleines Kind fremde Träume übernehmen oder die Wünsche seiner Eltern erfüllen musste, verliert den Kontakt zu sich selber. Ohne diesen haben wir aber kein stabiles Fundament. Der Verlust des Kontaktes zu unserem Wesenskern beginnt oft schon in den ersten Lebenswochen.
Alice Miller drückte es in „Das Drama des begabten Kindes“ so aus: Die Eltern sind auf ein bestimmtes „Sosein“ ihres Babys angewiesen. Sie sind dann stolz auf ein Baby, das durchschläft, schnell trocken ist, ein tapferes Kind, das nicht weint, wenn es sich wehtut, ein vernünftiges Kind, das schon mit vier Jahren Rücksicht nimmt auf seine müden Eltern oder keinerlei Anzeichen von Eifersucht zeigt, wenn ein Geschwisterchen geboren wird. Doch es sind resignierte Kinder, die oft schon früh den Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Wünschen aufgeben mussten. Sie übernehmen den Stolz der Eltern auf ihre Fähigkeit, sich selbst zu verleugnen. Sie können sich selbst nicht mehr spüren und vergessen ihre eigenen Träume, um sich angenommen und liebenswert zu fühlen. Der Weg, auf dem fremde Maßstäbe und Träume übernommen werden, wird so in der Kindheit gebahnt und mit den Jahren zur Autobahn ausgebaut. Dann reichen schon Kleinigkeiten, um am Selbst und dem eigenen Lebensstil zu zweifeln, um fremde Werte zu übernehmen. Wie schnell verspricht man sich von allerlei Lifestyle-Tipps endlich Erfüllung und Lebensglück! Doch letztlich sind es nur Selbstoptimierungsmaßnahmen, als „Wellness“ getarnt oder in Form von Armbändern, die jeden Schritt aufrechnen und uns unsere sportliche Bilanz vor Augen halten. Und anstatt glücklicher, fühlt man sich am Ende nur wieder unzulänglich. Nicht schön genug, nicht schlank genug, nicht reich genug, nicht glücklich genug. Dabei bedeutet wirklich glücklich sein „nur“, mit sich selbst im Reinen, sein Leben an seinen eigenen Werten auszurichten.

Der bekannte österreichische Psychotherapeut Alfried Längle sagt: Erfolg oder Misserfolg ist nicht wichtig, die Stimmigkeit ist wichtig. Darauf kommt es an. Wahres Glück verspürt nur, wer in Übereinstimmung mit seinen eigenen Werten und Träumen lebt.
Nur dann können einem die unvermeidlichen Wechselfälle des Lebens nicht viel anhaben.

Viele Menschen kämpfen mit Depressionen, Sucht, Essstörungen, Burnout und psychosomatischen Beschwerden, deren seelische Ursache oft lange verborgen bleibt. Und je mehr sie versuchen sich zu perfektionieren, umso mehr verkommt der Weg zu den eigenen Träumen zu einem überwucherten Pfad, der mit der breit ausgebauten Autobahn der falschen Träume und fremden Ziele nicht konkurrieren kann. Unser Gehirn ist nämlich ein Schlawiner. Es übertölpelt uns, weil jede Veränderung energieaufwendig ist. Statt wirklich etwas im Leben zu verändern, wird oft nur nach Möglichkeiten gesucht, den eingeschlagenen Weg schneller und effektiver zu befahren.

Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben, „Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten!“ Aber so funktioniert unser Gehirn. Es ist auf Sparsamkeit programmiert und schüttet Belohnungsstoffe aus, wenn wir immer und immer wieder das gleiche tun. Diese Botenstoffe sind wie Drogen, sie machen süchtig. Und so fährt man jahrein, jahraus auf der Autobahn, die man seit seiner Kindheit kennt.

Je mehr Zeit vergeht, umso selbstverständlicher erscheint der eingefahrene Weg. Ob wir uns auf dieser Bahn unseren Zielen nähern? Um diese Frage zu beantworten, brauchen wir mehr Überblick. Dieser ganzheitliche Blick gelingt, wenn wir uns mit unserem inneren Kind verbünden. Stellen Sie sich einen Haufen mit tausend Steinen vor. Hat ein Mensch keine Verbindung zu seinem inneren Kind, ist sein oder ihr Selbstwertgefühl wie ein Turm aus übereinander getürmten Steinen. Der Turm ist wacklig und bevor alle Steine verbaut sind, wird irgendein kleines Missgeschick den Turm zusammenbrechen lassen. Es dauert lange, den Turm neu zu errichten. Mit jedem Erfolg kommt ein neuer Stein nach oben und wir balancieren voller Angst vor dem nächsten Sturz auf seiner Spitze. Ein Mensch, der in liebevoller Verbundenheit mit seinem inneren Kind die eigenen Träume lebt, hat dagegen ein sicheres, breites Fundament. Darauf baut das Selbstwertgefühl auf wie eine Pyramide. Geht etwas schief, kann schon mal ein Stein von oben runterpurzeln. Na und? Man atmet tief durch, schüttelt sich und steht nur eine Etage tiefer als vorher. Bei Gelegenheit legt man den Stein wieder an seinen Platz und ist schon wieder „oben auf“.

Als Kind waren Sie klein und hilflos und konnten nicht anders, als den Vorstellungen der Erwachsenen zu folgen. Aber heute sind Sie erwachsen und stark. Wenn Sie diese Stärke nicht spüren können, dann weil Ihnen Ihre Träume schon genommen wurden, als Sie noch sehr klein waren. Dass Sie Ihre Energie beim Verfolgen fremder Ziele verlieren, dass Sie nicht auf Ihr stabiles Fundament vertrauen können. Ihr inneres Kind ist das liebenswerteste Wesen, dem Sie auf diesem Planeten begegnen können. Glauben Sie das nicht? Dann konnten Ihnen Ihre Eltern wahrscheinlich nicht die Liebe und Fürsorge geben können, die Sie gebraucht und verdient haben. Verbünden Sie sich mit Ihrem inneren Kind und Sie finden bei sich, was Sie bisher bei anderen suchen. Es kann sein, dass sie mit ihm einige seiner Verletzungen und Schmerzen noch einmal spüren müssen. Vielleicht müssen Sie zusammen mit ihm ein paar Tränen vergießen. Aber diese Trauer vergeht schneller als sie gekommen ist und einschränkende Glaubenssätze verlieren ihre Macht. Dieser Prozess macht Sie stärker, glücklicher und liebevoller. Danach sind Sie bereit, nach Ihren eigenen Werten zu leben, Ihre Ziele selbst zu bestimmen und echte Verbundenheit mit anderen Menschen tiefer zu erleben. Besonders wenn Sie eigene Kinder haben, sollten Sie mit Ihrem inneren Kind in Harmonie und tiefer Verbundenheit leben. Denn Sie können nicht weitergeben, was Sie nicht haben.

Es ist nie zu spät, den überwachsenen Trampelpfad zu den eigenen Träumen zu beschreiten und ihn so allmählich zu einem angenehmen Weg auszubauen. Es ist das Abenteuer Ihres Lebens, der Weg zu Ihrem Lebensglück. Schon im 5. Jahrhundert vor Christus forderte der griechische Philosophen Pindar seine Zeitgenossen auf: „Werde, der Du bist!“



Helga Reimund ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet mit Integrativer Psychotherapie, Hypnose und EMDR. Jeder Mensch ist einzigartig und hat ein Recht auf seinen ganz eigenen Weg zu wahrem Lebensglück. Diesen manchmal überwucherten Weg zu einem glücklichen Leben zu ebnen, ist ihr Hauptanliegen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Verbindung mit dem inneren Kind. Webseite: www.psychotherapie-und-coaching-berlin.de


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