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Ausgabe November 2018
Angst bewusst fühlen... Ausschnitte aus dem Buch von Safi Nidiaye


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© highwaystarz - Fotolia.com

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In dem Buch von Safi Nidiaye „Gefühle sind zum Fühlen da“ geht es um den falschen und richtigen Umgang mit Gefühlen. Um einzelne Gefühle, Gefühlsketten, -knoten und -gruppen. Um Verhaltensmuster, die aus diesen Gefühlsketten entstehen. Welches Gefühl verbindet sich mit anderen Gefühlen zu einem hartnäckigen Klumpen, und zu welchen Reaktionen führt diese unselige Verbindung? Was verbirgt sich eigentlich hinter unseren negativen Emotionen? Wie kann man das herausfinden, und wie kann man den negativen Verhaltensmustern ihre Grundlage entziehen? Welche seelische Wunde muss da geheilt werden, und wie kann man sie heilen?

Im folgenden ein Kapitel aus dem Buch über die Angst:

Mein größtes Hindernis heißt Angst
Über Angst, Furcht, Panik und Unsicherheit sowie das Gefühl der Unerträglichkeit. Und: der Nutzen der Angst.

Wenn Angst uns beherrscht, ist sie ein Tyrann, der unser ganzes Leben im Griff hat. Sie hindert uns daran zu tun, was wir eigentlich tun möchten, sie engt uns ein und schränkt unsere Freiheit ein.
»Eigentlich möchte ich jetzt vor Freude hüpfen, aber ich habe Angst, dass es lächerlich wirkt. Deshalb verkneife ich es mir.«

Von Angst beherrscht, verbergen wir unser wahres Wesen hinter einer Maske.
»Wenn ich mich so stark zeige, wie ich eigentlich bin, werde ich nicht geliebt. Daher zeige ich mich lieber von meiner schwachen Seite.« (Oft ein Frauenthema)
»Wenn sie mitkriegen, wie unsicher ich bin, machen sie mich fertig. Daher habe ich mir angewöhnt, mit herrischer Sicherheit aufzutreten.« (Oft ein Männerthema)
»Ich zeige mich allen gegenüber liebenswert und hilfsbereit, auch wenn ich mich manchmal über sie ärgere, sie lästig finde oder sie mir total gleichgültig sind. Aber ich habe Angst, dass sie mich ablehnen, wenn ich mich so verhalte, wie ich mich fühle.«

Angst, die uns beherrscht, zwingt uns, Ja zu sagen, wenn wir Nein meinen, macht uns korrupt, abhängig, beeinflussbar, schwach. Und oft auch lieblos.
»Ich habe solche Angst, zu kurz zu kommen, dass ich mich immer vordrängele.«
»Wenn eine Beziehung wacklig wird, dann sorge ich immer dafür, dass ich derjenige bin, der geht. Ich würde es nicht ertragen, verlassen zu werden.«

Strategien gegen die Angst
Es gibt viele Strategien, mit Angst umzugehen: die Angst überwinden; das Gefürchtete beherzt angehen; die Angst herunterspielen oder -reden (»Es ist alles halb so schlimm«); sich desensibilisieren; laut pfeifen im Dunkeln, sich und der Umwelt verkünden, dass man keine Angst hat; sich Vertrauen einreden (»Ich vertraue dem Fluss des Lebens. Ich vertraue …«).
Aber ist es wirklich eine so gute Idee, unser eigenes Gefühl, eine Äußerung unserer Seele, aus unserem Herzen zu verbannen? Es durch ein künstlich erzeugtes anderes Gefühl zu ersetzen? Als Feind zu betrachten? Und geht es davon weg?

Angst überwunden – und trotzdem noch ängstlich
Ich war immer ein großer Angsthase. Als ich einmal eine Einladung erhielt, an einem Feuerlaufen teilzunehmen, nahm ich sie als Herausforderung an. Ich dachte, wenn ich das schaffe, dann habe ich nie wieder Angst. Der Holzstoß war drei Meter hoch und viele Meter lang, und wir sahen ihn herunterbrennen, bevor wir dann auf seinen glühenden Kohlen laufen sollten. Dank einer exzellenten Vorbereitung durch den Leiter habe ich es tatsächlich geschafft durch die Glut … nicht etwa zu laufen, sondern langsam zu spazieren! Es war unglaublich, und ich war sehr stolz darauf. Zu meiner großen Enttäuschung war ich aber nachher genauso ängstlich wie vorher. Heute könnte ich mir nicht vorstellen, so etwas noch mal zu tun.

Wenn Sie Körperzentrierte Herzensarbeit üben, werden Sie mit ziemlicher Sicherheit einige Ängste entdecken, die Sie längst überwunden glaubten. Ja, die Angst tritt vorübergehend in den Hintergrund, wenn ich dem Feind fest ins Auge blicke. Ja, ich bin danach vielleicht öfter in der Lage, gefürchteten Personen oder Situationen fest ins Auge zu blicken. Ich entwickele Mut, Frechheit, Kühnheit.
Aber irgendwo, tief in den Zellen meines Körpers, sitzt immer noch die Angst. Genau die Angst, die ich in den Hintergrund gedrängt habe. Auf diesem Terrain zeigt sie sich nicht mehr – vielleicht weil sie weiß, dass sie dort doch nicht wahrgenommen wird; dafür zeigt sie sich auf einem anderen.

Wie Angst und Unsicherheit getarnt, aber dadurch nicht ausgemerzt werden
Hugo: In meiner Arbeit hatte ich mir angewöhnt, sehr sicher und autoritär aufzutreten, um meine Unsicherheit zu verbergen. Ich hatte Angst, dass man mich fertigmachen würde, wenn man entdecken würde, wie unsicher ich wirklich bin. Viele Menschen fürchteten mich, und das machte mich stärker. Ich hielt Angst und Unsicherheit für überwunden.
Aber dann gab ich meinen Beruf auf, um in einem anderen ganz neu anzufangen. Auf einmal war ich wieder voller Angst und Unsicherheit. Wieder ließ ich sie nicht zu, schob sie zurück und tarnte mich durch extrem selbstsicheres Auftreten. Meine neuen Kollegen und Untergebenen begannen, mich zu fürchten, abzulehnen, zu verurteilen und schließlich als Feind zu sehen; da sie mich aufgrund meines sicheren Auftretens als überlegen betrachteten, fanden sie es in Ordnung, mich mit allen, auch sehr unfairen Mitteln zu bekämpfen. So schafften sie schließlich genau das, wovor ich mich eigentlich hatte schützen wollen: mich »fertigzumachen«. Erst als ich mich meiner Angst und Unsicherheit erbarmt, sie endlich einmal gefühlt und ins Herz geholt hatte, brauchte ich den Panzer nicht mehr und begann, mich offener zu zeigen. Nun fingen die Leute an, mich als Mensch zu sehen und zu akzeptieren. Dadurch fühlte ich mich sicherer.

Die Angst fühlen, statt sie zu bekämpfen
Solange wir mit Angst identifiziert sind und sie für eine Tatsache halten, brauchen wir Strategien, um mit ihr umzugehen, wenn wir uns nicht einfach weiter von ihr tyrannisieren lassen wollen. Aber wenn wir begriffen haben, dass Angst ein Gefühl ist und als solches wahrgenommen werden kann, brauchen wir keinerlei Strategien mehr.
Ich bin nicht die Angst, die Angst ist auch keine Tatsache, die mich einnimmt, besetzt, beherrscht, größer ist als ich – sie ist einfach ein Gefühl (neben vielen anderen Gefühlen), und wenn ich sie bewusst wahrnehme, erkenne ich, dass sie unendlich viel kleiner ist als ich.

Angst haben macht klein, Angst fühlen macht groß
Ich muss zu einer Unterredung mit einem Menschen, vor dem ich mich fürchte. Ich habe Angst. Am liebsten würde ich umkehren. Der Mann schafft es noch jedes Mal, mich zu einem Nichts schrumpfen zu lassen. Auf dem Weg zu ihm wird mir meine Angst bewusst, und ich nehme mir einen Moment Zeit, um sie wahrzunehmen, anstatt sie einfach nur zu haben. Ich kann sie in meinem Körper spüren: in meinen wackligen Beinen, meinem flachen Atem, der Anspannung, die meine Schultern hochzieht. Eigentlich bin ich jetzt schon geschrumpft, obwohl ich noch gar nicht vor ihm stehe. Die Angst ist es, die mich schrumpfen lässt, nicht dieser Mann! Jedenfalls nehme ich diese Angst nun zum ersten Mal wirklich wahr.
Jetzt bin ich an seinem Büro angekommen, er öffnet die Tür, ich übe immer noch, die Angst bewusst wahrzunehmen, und … seltsam: Auf einmal ist der Mann eigentlich ganz freundlich und respektvoll und kommt mir überhaupt viel kleiner vor als sonst. Da hatte ich offensichtlich eine furchterregende Gestalt aus meiner Kindheit auf ihn projiziert!

Angst, die bewusst wahrgenommen wird, schützt uns vor Irrtümern und Gefahren, macht uns achtsam, gibt uns Zeit, uns zu überlegen, was wir tun oder sagen wollen. Auf diese Weise macht sie uns letztlich sicher und stark.

Angst bewusst zu fühlen kann auch körperliche Symptome erleichtern
Manchmal äußert sich Angst sehr stark in körperlichen Symptomen, die dann wiederum Angst machen. Diese Symptome lassen sich lindern, indem man sich der Angst zuwendet, anstatt sie zu verdrängen.
Susie: Ich hatte eine heftige, schmerzhafte Blasenentzündung. Trotz guter ärztlicher Versorgung überfielen mich in der Nacht Panikattacken, wenn ich an meine Krankheit dachte. In der Not fiel mir plötzlich ein, dass ich völlig mit meiner Angst identifiziert war. So fing ich nachts im Bett an, Herzensarbeit zu machen mit meiner Angst und Panik.
Wie nie zuvor habe ich erfahren, wie die Angst – mitten in der Situation selbst – gegenstandslos wurde und ich sie als pures Gefühl erkennen konnte. Es überfielen mich immer wieder neue Wellen der Angst, also begann ich den Prozess von vorn, und die Wellen wurden kleiner. Ich wurde ruhiger, die Schweißausbrüche und das Zittern hörten auf, die Schmerzen wurden weniger, und ich konnte in Ruhe wahrnehmen, dass ich nicht gar so krank war, wie ich befürchtet hatte.

Angst bewusst zu fühlen hilft auch in realen Gefahrensituationen
Auch wenn es um eine reale Bedrohung von außen geht, hilft es, sich von seiner Angst zu desidentifizieren und sie bewusst als Gefühl wahrzunehmen.
Esther: Vor Jahren bin ich einmal nachts überfallen worden. Die Panik hat mir die Kraft gegeben zu flüchten, sodass nichts weiter passiert ist. Danach hat mich lange die Angst vor weiteren tätlichen Angriffen verfolgt. Bis ich es gewagt habe, diese Angst einmal in ihrem vollen Ausmaß zu fühlen (wenn es um reale Bedrohungen geht, braucht das erst mal Mut) und mein Herz für sie zu öffnen. Der wichtigste Herzensschlüssel war »Beachtung«.
Ich habe mir dann vorgestellt, wie es ist, wenn ich diese Angst tatsächlich bewusst in Gefahrensituationen mitnehme und beachte; und ich habe gemerkt, dass ich mich dann selbst inmitten einer realen Situation mehr geschützt fühle: geschützt durch meine eigene Präsenz, dadurch, dass ich bei mir bin, bei meiner Angst, dass ich sie nicht im Stich lasse. Unabhängig von dem, was außen passiert, gibt mir das innerlich ein Gefühl von Schutz, ich bin dann nicht ganz so ausgeliefert.
Außerdem macht es mich sehr aufmerksam, sehr wachsam und bedachter. Ich wittere Gefahren dann schon lange im Voraus und kann ihnen aus dem Weg gehen. Allerdings nur, wenn ich die Angst ganz bewusst wahrnehme – nicht, wenn ich mich unterschwellig von ihr beherrschen lasse. Dann benehme ich mich eher wie ein kopfloses Huhn.

Was hinter der Angst steckt
Wie jedes negative Gefühl bezieht sich Angst auf einen Schmerz. Es ist dieser Schmerz, den wir fürchten, vor dem wir flüchten, uns verschließen, den wir abzublocken versuchen. So wie Sehnsucht sich in Wirklichkeit, wenn man sehr tief hinschaut, nicht auf ein äußeres Objekt bezieht, sondern auf ein Gefühl, so ist es auch bei Angst. Es ist nicht der autoritäre Mann, den ich fürchte, auch nicht seine Worte, sein Verhalten, seine Handlungsweise mir gegenüber; es ist vielmehr die Art, wie ich mich fühle, wenn er sich so verhält. Es tut mir nämlich weh.

Ich habe Angst, dass er mich wieder anschnauzt, mir wieder vorhält, was ich alles falsch gemacht habe. In Wirklichkeit fürchte ich mich jedoch nicht davor, sondern vor dem Gefühl, das in mir ausgelöst wird: »kleingemacht, gedemütigt, erniedrigt«. Das erkenne ich allerdings nicht als Gefühl, sondern halte es für eine Tatsache. Sobald ich aber diese Demütigung gefühlt, mit dem richtigen Bewusstsein wahrgenommen habe, erkenne ich, dass es keine Tatsache ist, sondern ein Gefühl. Eines, das ich übrigens schon lange in mir trage, und das von diesem Menschen nur geweckt, aber nicht verursacht wird.
Nun, da ich es fühle und als Gefühl in meinem Herzen halte, kann das Verhalten dieses Mannes mir nichts mehr anhaben. Es ist seine Sache. Ich kann seinen Ausführungen jetzt auch viel offener zuhören. In manchen Punkten hat er ja recht. Aber das empfinde ich nicht mehr als demütigend für mich.


Panik: Wenn Angst sich ins Unerträgliche steigert
Panik ist eine Verbindung von zwei Gefühlen: erstens Angst und zweitens das Gefühl, etwas nicht aushalten zu können. Hinzu kommt manchmal Orientierungslosigkeit (nicht wissen, wohin). »Nicht aushalten können« ist auch ein Gefühl – eine Umschreibung für eine Emotion. Solange ich damit identifiziert bin, denke ich, dass es eine Tatsache ist: dass ich es tatsächlich nicht aushalte.

Ich weiß nicht, wohin ich fliehen soll. Trotz aller Panik gelingt es mir, die bewusste Wahrnehmung einzuschalten und mich erst mal dem zuzuwenden, was ich gerade spüre: meinem Atem, der schnell geht, großer Unruhe in meinem Körper, einem Ziehen und Zappeln in alle Richtungen. Das ist das Gefühl, es nicht aushalten zu können. Es braucht, dass ich es als Gefühl wahrnehme und mich seiner erbarme, indem ich es fühle, bei ihm bin, es nicht im Stich lasse. Da beruhigt es sich. Dann weiß ich, was zu tun ist.

Elemente, die oft in Panik enthalten sind:
Schock, Angst, nicht aushalten können, der Wunsch zu fliehen, Rat oder Orientierungslosigkeit; Sehnsucht (hier: nach Sicherheit). Und dann natürlich das schlimme Gefühl, auf das die Angst sich bezieht, zum Beispiel angegriffen, vernichtet, getötet zu werden; das kann man sich auch noch als Gefühl anschauen: Obwohl es als potenzielle Tatsache erscheint, ist es dennoch zugleich ein Gefühl, das man wahrnehmen kann. Allerdings gelingt dieser Part eher nicht in der realen Gefahrensituation, sondern besser ruhig zu Hause in der »Trockenübung «.

Mehr Gefühle rund um die Angst
Außer Panik gibt es noch einige mit Angst verwandte Gefühle: Unsicherheit, Ängstlichkeit, Furcht, Schüchternheit, Scheu. So blockierend und einschränkend Angst, Unsicherheit und verwandte Gefühle auf uns wirken können, wenn wir mit ihnen identifiziert sind, so wertvoll werden diese, wenn man sie bewusst wahrnimmt: Sie schützen uns davor, übereilt, unbedacht und unaufmerksam zu handeln.
In einigen Gefühlen ist Angst verborgen, beispielsweise: Peinlichkeit (Angst, lächerlich zu erscheinen), Scham (Angst, als schuldig, schlecht, lächerlich gesehen zu werden oder Ähnliches), Unentschlossenheit (Angst, etwas falsch zu machen, die falsche Entscheidung zu treffen), Eile, Hetze, unter Druck sein (Was wäre schlimm daran, wenn Sie sich nicht beeilen? Wovor haben Sie Angst?), Beflissenheit, Eifer, Zurückhaltung (Sind auch Gefühle und nicht nur innere Haltungen! Was wäre schlimm daran, wenn Sie die Zurückhaltung aufgeben? Wovor fürchten Sie sich?).

Fazit: Angst, Unsicherheit und ähnliche Gefühle erweisen sich als wertvolle Begleiter, sobald du sie bewusst wahrnimmst. Sie schützen dich vor Fehlern und Gefahren.

Buchauszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlags Integral.

Im Buch können Sie weitere Kapitel z. B. über seelische Grundschmerzen, Sehnsucht und positive Gefühle sowie über die Veränderung - Das Tor zur Wandlung - Der Vogel zur Freiheit - lesen.



Lesetipp:
Safi Nidiaye: Gefühle sind zum fühlen da,
Das Handbuch vom positiven Umgang mit negativen Emotionen,
Integral 8.2017, 352 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-7787-9278-0


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