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Ausgabe Oktober 2018
Sex für Profis...von Wolf Sugata Schneider

Kann es sein, dass auch Profis noch Lernbedarf haben?

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© anyaberkut- Fotolia.com

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Seit ein paar Monaten bin ich einer der Gestalter des berufs- und alltagsbegleitenden Bildungsprojektes „Sex für Profis“ von der Berliner Paartherapeutin Manuela Komorek und Joachim Kamphausen, dem Verleger der Kamphausen Media. Warum Sex? Haben wir zu diesem Allerweltthema nicht schon genug gehört und gelesen? Und dann „für Profis“? Warum sollten ausgerechnet Menschen, die professionell mit Sex zu tun haben, hierin noch Lernbedarf haben?

Ja, sie haben Lernbedarf, und ich beziehe mich da freudig mit ein unter den Lernenden. Das Thema Sexualität ist endlos vielfältig, spannend, immer wieder erstaunlich, im Positiven wie leider auch im Negativen, und es berührt unsere Existenz zutiefst. Es zeigt Diversität in so unglaublich großem, kaum überschaubaren Maße, so groß wie die Vielfalt der menschlichen Kulturen und Individuen, ja der Natur als Ganzes, dass man kaum weiß, wo anfangen. Es ist der Bereich, in dem sich die Natur fortsetzt, wo Individuen, die doch oft so vereinzelt wirken und sich einsam wähnen, zusammenkommen und sich – ja, vereinigen, sei es nun körperlich, emotional, spirituell oder auch nur im Aufleuchten einer kurzen, ekstatischen Begegnung.

We are oversexed but underfucked
Ich selbst hatte als Jugendlicher so gut wie kein aktives Sexualleben und litt darunter. Sexualität hielt ich dennoch für megawichtig, vielfach verdrängt, ein Schlüssel zum Verständnis dessen, wie Erwachsene ticken und war überzeugt, dass – make love, not war – es weniger Kriege und Konflikte gäbe, wenn wir Menschen ein freieres und lustvolleres Liebesleben hätten. Diese Überzeugungen habe ich in den folgenden Jahrzehnten durch vieles ergänzen dürfen, aber nie ganz aufgegeben. Wir leben heute in einer durch Medien und Werbung übersexualisierten Welt, in der die tatsächliche sexuelle Aktivität aber seit Jahrzehnten kontinuierlich abnimmt. Wir sind zu wenig beheimatet – im Körper, in Liebesbeziehungen, vielleicht auch generell in etwas, das uns Geborgenheit gibt und sagt: Gut, dass du da bist! Willkommen im Leben! We are oversexed but underfucked. Und gewiss auch underloved.

Die Weisheit des Anfängers
Und die Profis? Es scheint ja nun kaum ein sexuelles Thema mehr zu geben, das nicht wissenschaftlich durchleuchtet und in tausend Studien untersucht wurde. Das Internet enthält nicht nur Pornos, sondern auch sehr viel Wissenswertes zum Thema Sex. Dennoch wissen viele Pädagogen nicht genug, um neugierige Jugendliche aufzuklären, die sich im Internet schon mehr als kundig gemacht haben. Selbst Therapeuten und Psychologen, die ja spätestens seit Freud & Co wissen sollten, wie wichtig Sex ist, drücken sich oft um das Thema Nr. 1 herum, weil es eben auch den Therapeuten als Menschen konfrontiert, als Suchenden und Sehnsüchtigen, mit seinen eigenen Vorlieben und (Vor)urteilen. Nachdem ich mich selbst teils therapeutisch, vor allem aber als Autor und Verleger mit dem Thema seit nun mehr als vierzig Jahren eingehend beschäftigte, meine ich: Ja, auch wir Profis haben auf dem Gebiet was zu lernen. Wobei es als Profi gewiss generell gut ist, sich Shunryu Suzukis Devise zu Herzen zu nehmen: Zen mind, beginner’s mind – der Zengeist ist der Geist des Anfängers. Neugierig bleiben, offen auch für einen ganz neuen Blick auf dieses uralte Thema, das tut auch uns Profis gut.

Wo Liebe und Wissen zusammentreffen
Deshalb bin ich mit großer Freude der Einladung von Joachim Kamphausen und Manuela Komorek gefolgt, dieses große Thema – eines meiner zentralen Lebensthemen – anspruchsvoll aufzuziehen. Für alle an Sex Interessierten, insbesondere aber für Therapeuten, Psychologen, Coaches, Paarberater, Masseure, Mediziner, Menschen in den Heilkunstberufen, Pädagogen, Seelsorger und andere, die in ihrer beruflichen Arbeit nicht drum rum kommen, sich eingehend mit der Sexualität zu beschäftigen – liebevoll, achtsam, aber, nicht zu vergessen: auch kundig.
Manuela Komorek lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Berlin und arbeitet dort und online als systemische Paartherapeutin. Mit unserem Projekt „Sex für Profis“ will sie Menschen in Beziehungen zum wertschätzenden Dialog anstiften. Sexualität ist für sie die intensivste und persönlichste Form der Begegnung und zudem als Quelle des Lebens etwas ganz Besonderes. „Wenn Liebe die Antwort ist, was sind dann die Fragen?“ fragt sie und geht mit dieser weltoffenen Haltung unser Bildungsprojekt an.

Fachgespräche zum Thema Nr. 1
Wir nennen es „Sex für Profis – Fachgespräche und mehr zum Thema Nummer eins“. Die Hauptinhalte sind Interviews mit Fachleuten zu dem jeweils von uns gesetzten Thema, die wir online präsentieren. Das erste ist: „Mann trifft Frau (nicht mehr) – oder wer hat eigentlich noch Lust auf wen?“. Damit gehen wir Anfang Oktober online. Das Paket enthält acht Interviews zum Thema und kostet im Einführungspreis 15 Euro. Es folgen im Januar „Wa(h)re Attraktivität trifft virtuelle Realität“ und im März „BDSM versus Slow Sex“. Dann jeden zweiten Monat ein weiteres Thema, über drei Jahre. „Und mehr“, damit sind Live-Events gemeint wie etwa Talkrunden und Vorträge, die man besuchen kann, Seminare mit den von uns interviewten Fachleuten, sofern sie welche anbieten, und anderes.

Die lustige Seite des Ernstes
Zu dem anderen gehört auch der Humor. Wir sind nämlich nicht nur sehr ernsthaft an den Themen interessiert, sondern finden, dass sie immer auch eine humorvolle Seite haben. Und wir fangen damit bei uns selbst an, indem wir uns den Spaß erlauben, zu den jeweiligen Themen Sketche aufzuführen, in denen ich etwa – wir sind beim Thema „MeToo“ – als Harvey Weinstein im halb offenen Bademantel frisch aus der Dusche komme, um die schüchtern wirkende Manuela Komorek zur Drehbuchbesprechung ins Nebenzimmer zu locken – oder sie sich als erfahrene Frau verführerisch im Sessel räkelt und meint, die Frauen sollten sich doch nicht so haben, Männer seien nun mal so.
Im Januar setzen wir unsere Reihe fort mit der Fokussierung auf die virtuelle Realität, die Veränderung unseres Liebeslebens durch Partnersuche im Internet, Pornos, Online-Dating und die kommenden Sexroboter, von denen es heißt, sie seien so ausgefuchst und individuell programmierbar – wer würde dann noch mit einem realen Menschen Sex haben wollen. Im März folgt die Frage, ob wir unser Liebesleben eher intensivieren oder eher entschleunigen sollten: „Gefesselte Lust trifft auf angezogene Handbremse – BDSM versus SlowSex“. Jeweils mit weiteren Texten zum Thema, den Sketchen von Manuela und mir und dem, was uns bis Oktober noch dazu einfällt. Ab Januar wird der Zugang 25 Euro pro Thema kosten.





Autor: Wolf Sugata Schneider, Jg. 52.
Redakteur, Kabarettist
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Mehr Infos zum Artikelthema auf der Webseite:
www.sex-für-profis.de


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