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Ausgabe September 2018
Achtsamkeitsmeditation eine Entschleunigung inmitten der Unruhe... von Evelyn Rodtmann und Christel von Scheidt


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© Kati Molin - Fotolia.com

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Entschleunigung ist für Viele ein Sehnsuchts-Wort geworden, genauso wie Gelassenheit oder innere Ruhe. Raus aus der Hektik, raus aus dem Hamsterrad und bitte endlich ein bisschen „Ruhe da oben“ im Oberstübchen.

Beim Stöbern zu dem Begriff im Internet, trafen wir immer wieder auf die Bezeichnung „Trend“: Wir glauben nicht, dass die Sehnsucht nach Entschleunigung ein Trend ist, sondern vielmehr eine Notwendigkeit. Dies spüren immer mehr Menschen und uns scheint, dieser Wunsch nimmt stetig zu. Nicht umsonst gibt es noch viele weitere Ansätze in diese Richtung: „Slow Food“, Wandern - z.B. den Jakobsweg pilgern oder einfach nur in der Natur sein – ganz im Trend: „Waldbaden“, „Urban Gardening“, Schrebergärtnern sowie die „Digital-Detox-Tage“ – übersetzt digitales Entschlacken. Bei dieser Übung sollen die Menschen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne darauf verzichten, elektronische Geräte wie Smartphone, Tablet oder Computer zu verwenden und sich so bewusst einer stetigen Vernetzung und Erreichbarkeit entziehen, um damit Stress zu reduzieren und wieder mehr mit der physischen Welt zu interagieren. Alle aufgezählten Methoden bilden ein wirkliches Gegengewicht zu der Hektik und Schnelligkeit und zum Stress des Alltags und Gedanken wie: „Ich muss noch schnell...“

Wozu sollen wir uns mit Achtsamkeit und Meditation beschäftigen?
Weil wir in einer Welt leben, die ständig an Tempo zulegt und die meisten von uns nicht komplett daraus aussteigen können oder wollen. Um darin bestehen zu können, benötigen wir also nicht nur Gegengewichte, sondern vielmehr einen inneren Paradigmenwechsel. Neben dem entspannenden Buddeln im Kräuterbeet am Wochenende, braucht es eine neue, andere innere Haltung, die uns in den hektischen Momenten entschleunigt und die uns hilft, der Hektik im Kopf - den vielen Gedanken und Sorgen - anders zu begegnen.

Wissen, was wir tun während wir es tun…
…ist ein wesentlicher Aspekt von Achtsamkeit. Das klingt zwar ziemlich selbstverständlich, ist es aber nur bedingt. Wir bemerken das z.B. dann, wenn wir Routinehandlungen durcheinanderbringen, d.h. die Milch in den Orangensaft gießen statt in den Kaffee. Dann sind wir in der Regel gehetzt oder abgelenkt und mit den Gedanken ganz woanders. Richtig interessant wird es, wenn wir die Definition genauer fassen: Zu wissen, was wir denken, fühlen und im Körper spüren, während wir denken, fühlen, spüren. Wenn wir also merken würden, dass wir mit den Gedanken woanders sind (und vielleicht auch noch, wo wir in Gedanken gelandet sind), können wir uns früher bewusst werden, dass wir gerade dabei sind, die Milch in den Orangensaft statt in den Kaffee zu gießen und diese Handlung noch stoppen. In der Bewusstheit können wir innehalten und wieder da sein – bei uns und bei dem was wir gerade tun. Denn unsere Fähigkeit mit den Gedanken woanders zu sein als in der Gegenwart ist ja eine! wesentliche Ursache unseres Gefühls von ständiger Hektik (zusätzlich zu den Stressauslösern von außen). So sind wir körperlich da, wo wir gerade sind, gedanklich meist jedoch schon weit voraus, bei Problemen, die noch gar nicht da sind und daher auch noch gar nicht gelöst werden können (oder weit zurück in Situationen, an denen wir nichts mehr ändern können). Für das Überleben unserer Vorfahren war dies eine großartige Überlebensfähigkeit, die uns von anderen Lebewesen unterscheidet, aber in unserer dicht getakteten und hochkomplexen Welt wird sie immer mehr zu einer enormen Belastung.

Dazu kommt noch die so genannte „Negativitätstendenz“, das heißt unsere menschliche Tendenz ist, eher über Probleme und Schwierigkeiten als etwas Schönes nachzudenken, die in früherer Zeit ebenfalls wichtig zum Überleben war (Siehe Rick Hanson: Das Gehirn eines Buddha.). Und da wir so viele ungelöste Probleme und nicht abgearbeitete To-do-Listen haben, gibt es ständig mehr als genug, worüber wir uns Gedanken machen könnten. Auch dann, wenn wir eigentlich schlafen wollen oder das Frühstück machen oder an den schönen Rosenbeeten im Park vorbeiradeln. Wir tun zwar etwas, was zur Entschleunigung beitragen könnte, aber da wir nicht wirklich geistig an dieser Stelle sind, sondern bereits die nächsten Meeting-Themen wild im Kopf herumkreisen, werden nur die Gehirnbereiche aktiviert, die mit Antrieb oder Angst und Sorgen zu tun haben. Und das ist – jetzt wagen wir mal den Zeigefinger etwas zu heben – keine Bagatelle. Wenn diese Bereiche aktiviert sind, werden Stresshormone ausgeschüttet, das Nervensystem geht in den Bedrohungszustand, Blutdruck, Puls, Blutzucker und Blutfette steigen an, die Wahrnehmung verengt sich, wir spüren den Körper weniger. In diesem Zustand sind Gelassenheit und innere Ruhe gar nicht möglich. Die Diskrepanz zwischen dem, wie wir uns gerade fühlen und dem, was wir uns wünschen, wird immer größer. Eine häufige Reaktion darauf ist es, sich noch mehr anzustrengen und zu versuchen diesen ganzen Stress in den Griff zu bekommen. Für das Nervensystem heißt das, in einen noch größeren Anspannungs- und Bedrohungsmodus zu gehen.

Wenn dann doch einmal nichts zu tun ist, ist unser „Gewöhnt-Sein“ an das ständige (innere) Tempo und unsere innere Anspannung/Unruhe derart groß, dass es sogar eher unangenehm sein kann, in die Ruhe zu kommen, so dass wir uns lieber weiter mit irgendetwas beschäftigen, als mal einfach nichts zu tun.

Wahrnehmen, was wir tun, während wir es tun – aber wie?
Es braucht Übung, die Aufmerksamkeit bewusst im gegenwärtigen Moment zu halten und selbst unsere schnellen Gedankensprünge und auch das körperliche hohe Anspannungsniveau bewusst mit zu bekommen, und gelingt vielleicht erst mal nur für ein paar Sekunden. Unser gedanklicher Autopilot dagegen ist eine gut geölte Maschine, so dass wir es gar nicht merken, wenn wir schon wieder innerlich davon flitzen. Und das zeigt sich auch in unserem Verhalten: Statt entspannt zu sitzen, stehen wir gleich wieder auf, um noch schnell was zu erledigen. Doch unser ganzer Körper „ruft“ nach Ruhe und Erholung – wir haben nur verlernt es zu „hören“ – es sei denn, der Ruf wird sehr laut z.B. in Form von Verspannungen, ständigen Rücken- oder Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Problemen.

Wir sehen also, dass es sehr wichtig ist, sich täglich eine Auszeit zu gönnen und sich z.B. zur Meditation zu setzen, sei es nur für 5-10 Minuten, einfach nur spüren und fühlen, was gerade da ist. Es gibt Leute, die meinen: „Meditieren ist nichts für mich, das macht mich unruhig.“ Klar, gibt es Unruhe, denn es ist ja Unruhe da – die Übung ermöglicht es uns vielmehr, wahrzunehmen, wie es gerade um unseren inneren Spannungspegel bestellt ist. Wir können in der Meditation nur da sitzen und freundlich zugewandt wahrnehmen, wie unruhig wir sind. Wahrnehmen, wie schnell die Gedanken wieder zu der To-do-Liste springen und uns vorgaukeln, dass es besser wäre, wenn wir dies oder jenes noch schnell erledigen, anstatt hier rum zu sitzen. Doch auch dieser Impuls darf kommen und gehen und ich darf mich dabei unruhig und unwohl fühlen. Und mir mit großer Freundlichkeit immer und immer wieder sagen, dass es jetzt schwer ist, mich in meiner Unruhe bewusst zu erleben. Aufzuhören, dagegen anzukämpfen, dass es mir so geht, wie es mir geht. Ich muss es nicht gut finden, sondern mir diesen kleinen Raum verschaffen, einfach nur da zu sein. Absichtslos. Bedingungslos. Freundlich.
Um das gewohnt schnelle Herumspringen der Aufmerksamkeit zu verlangsamen, ist es hilfreich, die Aufmerksamkeit in der Achtsamkeitsmeditation zu verankern, z.B. beim Atem. Einatmen, Ausatmen … dem Sirenengesang unseres Antriebssystems lauschen und widerstehen … einatmen, ausatmen.

So können wir erkennen: auch ein Hamsterrad, dass sich ständig dreht, hat diesen stillen Punkt im Zentrum der Radnabe. Wenn wir diesen zentralen stillen Punkt immer wieder aufsuchen können, finden wir die Ruhe, auch inmitten all der Aktivitäten - in uns und um uns herum.


Evelyn Rodtmann: Lehrerin für Achtsamkeit und Selbstmitgefühl, Zertifizierte MBSR- und MSC-Lehrerin, Anglistin (M.A.), HP für Psychotherapie, Tel. 030-623 32 17, mail@achtsamkeit.berlin, www.achtsamkeit.berlin

Christel von Scheidt: Dipl. Psychologin, MBSR-Lehrerin, Trained Teacher für MSC - Achtsames Selbstmitgefühl Leiterin der Tagesklinik Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus Berlin, www.naturheilkunde.immanuel.de


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