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Ausgabe September 2018
Entschleunigen durch Vereinfachen...von Wolf Sugata Schneider


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© olezzo - Fotolia.com

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Um zu entschleunigen, müssen wir unser Leben vereinfachen. Wie leicht oder schwer ist das? Wenn wir es als schwer empfinden, müssen wir wohl auch unsere Suche nach der Einfachheit vereinfachen. Und wie schwer ist das? Aha, das geht also noch endlos so weiter! Wir sind Gefangene. Worin denn? In uns selbst und im Glauben, dass es schwer ist.
Soweit der spirituelle oder existenzialistische Ansatz. Er sagt: Greif dich an deiner eigenen Nase und zieh dich von dort her aus dem Sumpf! Geh von dem Ort aus, wo du eh schon bist, dem „Hier&Jetzt“. Das gilt immer, und das geht auch immer.
Trotzdem ist es sinnvoll, Strategien zu haben. Zum Beispiel hilft es Prioritäten zu setzen. Das entschlackt den Kalender, die Wohnung, auch den Freundeskreis kann es entschlacken, die Vielfalt der Hobbys und Interessensgebiete sowieso. Hilfreich sind dabei Lebensziele: Wofür bin ich eigentlich auf der Welt? Was will ich (noch) hier? Speziell nach der Lebensmitte greift dieses »noch«, weil der Tod sich merklich nähert. Für die Berufs-, Wohnungs- und Partnerschafts-Anfänger greift es sowieso. Aber die brauchen meist eher Entspannung in der Hinsicht, dass diese Suche eine lebenslange bleiben wird und nicht im Alter von 25 oder 30 abgeschlossen ist.

Hilfsmittel, die nicht helfen
Trotz unzähliger Hilfsmittel, die unser Leben erleichtern und vereinfachen sollen, empfinden wir Zeitgenossen uns mehrheitlich als gehetzt und gestresst. Wir haben unsere Daten in der Cloud und dort auch, wie praktisch, einen Kalender und unser Adressbuch, alles über Handy erreichbar. Unser Navi aktualisiert sich von selbst, wir müssen keine Landkarten mehr kaufen, die in keine Hosentasche passen und zudem veralten. Wir können uns per SMS verabreden, an unbekannten Orten zurechtfinden und eine Zugverspätung dem Abholer am Bahnhof ankündigen. Und wenn wir etwas wissen wollen, brauchen wir nun kein kluges Buch mehr dazu, oft nicht mal mehr einen Experten, wir finden, was wir brauchen, per Google oder Wikipedia. Alle diese Erleichterungen unseres Lebens im Alltag sollten unser Leben deutlich entstressen. Warum fühlen wir uns trotzdem gehetzt, oft sogar noch mehr als in der Zeit, bevor wir diese technischen Hilfen hatten? Warum gibt es trotz dieser vielen Hilfsmittel immer mehr Fälle von Burnout und den starken Rückzug ins Annodazumal, in »damals war doch noch alles besser«?

Angst vor der Leere
Ich glaube, der Grund dafür ist, dass wir die Leere nicht ertragen können. Ein Kalender, der keine Termine enthält, ein Zimmer das leer ist, ein Tag, an dem nichts zu tun ist, macht vielen Menschen erst einmal Angst. Da packt uns die Sinnkrise. Wofür bin ich eigentlich hier auf der Welt, am Leben, wenn nichts zu tun ist? Wenn kein Termin mich stresst und keine zu bewältigende Aufgabe mir Feuer unterm Arsch macht, wer bin ich dann, und wozu bin ich da? Alle diese Fragen waren auch vorher schon da, bevor es das Internet gab und Handys und unser soziales und wirtschaftliches Leben nicht so schnell getaktet war wie die heutigen Musikvideos. Auch damals hatten wir schon Angst vor der Leere und mieden Stille und Tatenlosigkeit, weil dann Langeweile aufkam und hinter der Langeweile das Gefühl, in ein sinnloses Leben hineingeworfen zu sein, in eine Familie, ein Land und eine Sprache, die wir nicht gewählt hatten. Wir haben Krankheiten, Behinderungen und auch noch diese ganze systemische Last aus der Welt unserer Ahnen, was soll das alles? Ohne die vielen Hilfsmittel spürten wir das noch nicht so krass.

Damals und heute
Die Sehnsucht nach Stille war schon immer da, zugleich mit der Furcht vor ihr, aber sie versteckte sich damals mehr. Heute liegt alles blank. Unsere Nerven liegen blank, weil das Sich-Verstecken vor der Leere und der Sinnkrise nicht mehr so leicht ist. Wir sind verletzlicher geworden, durchschaubarer allein schon durch unser Internetprofil und das, was man da alles herauslesen kann. Als Reaktion auf diese Durchschaubarkeit hat auch unsere Profilierungssucht zugenommen, sie ist ausgefuchster und aufwändiger geworden und hilft doch nicht gegen die Angst vor der Leere. Nun wollen wir nicht nur, was Wirtschaft und Politik anbelangt, aktuell informiert bleiben, sondern auch in Bezug auf unsere vielen Freunde in den sozialen Netzwerken. Sogar unser Profil müssen wir updaten, nicht nur die vielen Programme und Apps auf den digitalen Geräten – was für ein Dauerstress! Wer da nicht zu meditieren lernt, ist verloren. Meditierst du schon, oder hetzt du noch? Nun hat der Stress auch die Meditation erfasst und die Anzahl der Yoga- und spirituellen Leistungskurse, die man zu absolvieren hat, um bedeutend zu sein.

Leben im Wohnmobil
Seit ein paar Monaten lebe ich überwiegend im Wohnmobil. Bis Jahresende werde ich meine bisherige Wohnung – es ist nicht viel mehr als ein Zimmer in einem großen Haus – auflösen und ganz im Wohnmobil leben. Mein Leben ist schon jetzt in vieler Hinsicht sehr einfach, nun soll es noch einfacher werden. Ich will vor allem weniger verwalten. Dieses Jahr habe ich noch ein großes Haus zu verwalten, in dem auch Flüchtlinge aus Afrika leben. Ich will weniger Dinge um mich haben, weniger Ballast. Dafür muss ich gut auswählen, was ich noch behalten will. Was ich wirklich brauche, ist sehr wenig. Auch bei meiner Tätigkeit als Freelancer muss ich weiterhin gut auswählen, was ich tue und für wen. Akzeptieren, was ist? Ja, auch was mein gutes Auswählen anbelangt.

Entspannt in die Leere hineinfallen
Die Computerisierung und Digitalisierung kann unser Leben vereinfachen. Ob diese Meisterleistungen der Technik unser Leben jedoch tatsächlich erleichtern, hängt von unserer geistigen Reife ab. Messie sein geht nun gar nicht mehr. Der Umgang mit Technik und Bürokratie verlangt von uns heute mehr denn je die Fähigkeit entspannt in die Leere hineinzufallen, das heißt zu meditieren. Der größte Teil der uns aufgezwungenen Verwaltung und ein Großteil der Technik sind Selbstzweck oder Selbstbedienung und ganzheitlich gesehen überflüssig.

Auch schon zu Buddhas Zeiten, im reichen Nordindien der Jahre um 500 v.u.Z. war es gut, meditieren zu können, um mit den überall lauernden Veränderungen gut umzugehen – mit der Unzuverlässigkeit der Mitmenschen und mit Krankheit, Alter und Tod. Heute ist diese Fähigkeit noch wichtiger geworden, denn der Takt der Veränderung ist heute schneller. Zwar ist unser Leben durch die vielen technischen Hilfsmittel theoretisch leichter geworden, in der Praxis aber gehen wir mit alledem nur selten gut um. Unsere Defizite sind geistiger Art: den Lebenssinn finden, uns fokussieren, nicht auf dusselige Lebensphilosophien hereinfallen, die uns vermeintlich verankern. Wir müssen gut wählen können, klar Ja sagen, klar Nein sagen, alles das hilft. Wir müssen uns selbst und andere lieben lernen und dem Tod ins Auge schauen. Alles das entstresst.

Ist doch alles ganz einfach
Denn im Grunde ist alles ganz einfach. Einatmen, ausatmen. Hat es geklappt? Nun nochmal: einatmen, ausatmen. Ist auch das gelungen? Und nochmal. Hat doch nicht wehgetan. Hat entspannt. So kann es weitergehen. Auf der Basis werden wir auch den Rest noch wuppen.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de.
Kontakt: schneider@connection.de
www.bewusstseinserheiterung.info


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