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Ausgabe Mai 2018
Das Aufwachen und Spiritualität im Leben. ...von Christian Meyer


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© Subbotina Anna- Fotolia.com

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Jeder Mensch hat eine spirituelle Sehnsucht, ganz zu werden, das Einssein mit allem zu leben, auch eine Sehnsucht, ganz lebendig zu sein und authentisch. Wirklich ich selbst zu sein, nicht das was ich sein sollte, was andere oder ich selbst von mir erwarten. Die grundlegendste Veränderung ist das Aufwachen oder Erleuchtung: die Entdeckung, dass unter den normalen Wahrnehmungen, den Gedanken, Bildern, Körperempfindungen und Gefühlen eine tiefere Dimension ist, Grenzenlosigkeit, Weite, Frieden und Glück. Tatsächlich geschieht das Aufwachen immer häufiger, es ist kein Einzelfall mehr. Manchmal wacht jemand auf, die schon lange auf einem spirituellen Weg ist und schon viele verschiedene Methoden ausprobiert hat, manchmal jemand, der erst vor ein paar Wochen von Spiritualität erfahren hat.

Sich selbst verstehen: „Wer bin ich?“
Jede wirkliche Veränderung und auch die Möglichkeit aufzuwachen beginnt damit, dass ich mich selbst verstehe. Warum kehren viele lästige, sogar quälende Verhaltensmuster immer wieder? Ist meine „Hilfsbereitschaft“ wirklich eine Tugend, oder will ich mich nur beliebt machen? Vermeide ich dadurch vielleicht sogar, für mich selbst einzutreten? Wie gut kenne ich eigentlich meine wirklichen Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte? Wie gut kenne ich eigentlich meine Ängste, mit denen ich mich immer wieder aus dem Leben zurückziehe, mich verstecke? Das Enneagramm ist ein unglaublich kraftvolles Werkzeug, das alles zu verstehen. Das Enneagramm erforscht neun verschiedene Charakterfixierungen. Es ist wirklich erstaunlich: Jede und jeder findet selbst seine Charakterfixierung heraus. Aber man sollte gar nicht erst mit irgendeinem Test aus dem Internet anfangen, ein Test kann nur Verhaltensweisen abfragen, aber die Fixierung wird von den tieferen Motiven und Intentionen bestimmt, die hinter dem Verhalten liegen. Viele erkennen die Fixierung schon durch das Lesen des Buches von Eli Jaxon-Bear „Das spirituelle Enneagramm“. Fast alle erkennen ihre eigene Fixierung durch ein viertägiges Seminar „Enneagramm I“.Ein Seminar ist deswegen wichtig, weil man nur in einem Seminar eine ganze Gruppe von Menschen derselben Fixierung trifft. Die eigene Fixierung in anderen zu erleben, ist einfach etwas anderes, als nur ein Buch zu lesen. Und man kann entdecken, was Menschen mit anderen Fixierungen in einem auslösen, wie man auf sie reagiert. In einem Seminar versteht man nicht nur die eigene Fixierung, sondern man entdeckt, wie man die lästigen und leidvollen Muster anhalten und wie man sich all dem, was die Fixierung vermeidet, beginnen kann zu öffnen: der Angst vor der Hilflosigkeit und Verletzbarkeit, der Angst vor Alleinsein und der Angst vor dem Tod. Tatsächlich sagt manch einer, dass er durch die Erkenntnis der Fixierung mehr von sich verstanden hat als in langen Therapien und Selbsterfahrungsgruppen. Das liegt auch daran, dass die Fixierung gerade das Vermiedene, die blinden Flecken zeigt, also gerade auch das, was in Therapien nie zur Sprache kam. Weil jeder weiß, dass jeder eine Fixierung hat, und keine besser oder schlechter ist als die andere, fällt es leichter, sich zu öffnen. Man fängt an, über sich und seine schrägen Muster zu lachen.

Das Spirituelle des Enneagramms
Danach geht die Selbsterkenntnis weiter. Die Charakter-Fixierung zeigt die Oberfläche und macht sie verständlich. Sie zeigt also das, was ich nicht bin. Dadurch kann dann viel leichter die eigene Tiefe, die Weite, die Grenzenlosigkeit erkannt werden. Wenn man seine Fixierung kennt, wird man nicht anfangen, neue Verhaltensweisen einzuüben. Das wäre langweilig und anstrengend. Ich öffne mich den Gefühlen, die mit der Fixierung vermieden wurden. Ich halte mit den Verhaltensmustern an, die nur Ablenkung waren oder andere manipulierten. Dadurch können neue Verhaltensweisen auftauchen, es sind Veränderungen, die unmittelbar im Leben geschehen. Ich kann mich selbst überraschen lassen. Das Leben wird bunter und abenteuerlicher, das Aufwachen leichter.

Verbundenheit im Familienaufstellen erfahren
Spiritualität bedeutet auch, mich verbunden zu fühlen mit den anderen, mit der Welt. Das isolierte Individuum ist eine optische Täuschung wie Einstein sagte. Dies wird besonders deutlich im Familien- und System-Aufstellen. Die Verstrickungen mit der Vergangenheit zeigen sich vor allem in inneren Themen, die wie offene Wunden noch nicht verheilen konnten. Dies und das hätte nicht sein dürfen, so und so hätte man mich nicht behandeln dürfen. Wenn doch meine Eltern bloß anders gewesen wären oder der Lehrer. Natürlich auch auf sich selbst bezogen: Wenn ich doch bloß die Schule nicht geschmissen hätte. Es sind offene Gestalten, die dadurch meine Energie binden, Energie, die mir für das Leben in der Gegenwärtigkeit fehlt. Solche Verstrickungen zu lösen, dafür ist das Familien- und System-Aufstellen ein wirklich wirksames Werkzeug. Es gibt Vorurteile gegen die Aufstellungsarbeit, die sich auf die Anfangszeit des Familienaufstellens bezogen, das sich in Wirklichkeit inzwischen viel weiter entwickelt hat. Auch wenn ich mit einer Depression oder Angstzuständen schon viel individuelle Therapie gemacht habe, ohne dass es sich wirklich gelöst hätte, dann kann oft das Familienaufstellen die Depression beenden, weil sie von einer ungelösten Trauer und verdrängtem Schmerz in einer früheren Generation verursacht sind. Weil man das Schicksal eines früheren Menschen trägt. In der Aufstellung erfahre ich ganz konkret, ganz direkt und unmittelbar die Verbundenheit mit dem Ganzen. Es wird sichtbar, was vielleicht schon seit zwei Generationen tabuisiert und versteckt war. Das macht mich weit und still. Dass es endlich da sein darf, schafft inneren Frieden.

Spiritualität im Leben, nicht außerhalb
Enneagramm und Familienstellen sind zwei wichtige Werkzeuge auf dem spirituellen Weg, die besonders deutlich machen, dass Spiritualität nicht neben dem Leben stattfindet, sondern mich lebendiger und offener für das Leben sein lässt. Sollte Gelassenheit dazu führen, dass ich mich von nichts mehr berühren lasse, von nichts mehr bewegt oder auch erschüttert bin? Das wäre nicht das, was ich wollte. Aufwachen, ganz gelassen sein und sich berühren lassen von der Freude und dem Schmerz, aufwühlen auch manchmal. Der Weg besteht nicht darin, eine Distanzierung zu üben, so lange zu meditieren, dass mir „alles egal“ ist. Ich lerne vielmehr, das Gefühl ganz und lebendig zuzulassen, ohne weglaufen oder etwas machen zu müssen. Nicht dass ich nicht etwas tun könnte, aber das zwanghafte Tun fehlt. Wenn man im Alltag, wenn den Kindern das Schulbrot zu machen oder in der Arbeit eine schwierige Situation zu bewältigen ist, die Fähigkeit entwickelt, das Gefühl ganz zuzulassen, ohne etwas tun zu müssen, wächst wirkliche Freiheit. Das ist die Hingabe an das Leben. Es ist kein Einüben, kein Drill, sondern eine Öffnung. Dann kann wirkliches Aufwachen geschehen, tiefgreifende Erleuchtung. Das macht das Leben wirklich spannend und abenteuerlich.

Christian Meyer ist spiritueller Lehrer und Psychotherapeut.
Er gibt Retreats, Seminare, Treffen und Fortbildungen im ganzen deutschsprachigen Raum und weiteren Ländern und unterstützt viele Menschen, aufzuwachen.

Weitere Infos zur Person, Seminaren und Webinaren: www.zeitundraum.org


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