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Ausgabe März 2018
Körper, Geist und Seele. Von Wolf Sugata Schneider

Zu einer Ganzheit verbinden? Lieber gar nicht erst trennen...

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© Jürgen Fälchle - Fotolia.com

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Wie können wir Körper, Geist und Seele zu einer Ganzheit verbinden? Wir brauchen sie nicht zu verbinden, sie sind schon verbunden. Wenn wir ihren inneren Zusammenhang und ihre Interdependenz erkennen, genügt das. Meistens.

Ja, meistens, denn manchmal ist Trennung gut. Das gilt auch für die Trennung durch Begriffe und daraus resultierende „konzeptionell einseitige“ Entscheidungen. Wenn etwa ein Chirurg im akuten Fall einer Entzündung des Blinddarms sich hauptsächlich dem körperlichen Vorgang widmet, nicht dem seelischen oder geistigen, ist das klug. Ebenso tut der Dolmetscher einer Verhandlung zwischen zwei Machtpolitikern gut daran, sich einseitig auf das Geistige zu fokussieren, auf die Entsprechung der von ihm übersetzten Worte, nicht auf die körperliche Stärke der beiden Politiker oder die Schlagkraft ihrer Militärs.

Wozu brauchen wir Konzepte?
Körper, Geist und Seele sind Begriffe, die beanspruchen, das Wesen und Wirken des Menschseins zu verstehen. Sie tun, was alle Konzepte tun: Sie trennen, was ohne sie eine Einheit ist und als Einheit wirkt und auch mit ihnen eine Einheit ist und eine solche bleibt. Die Trennung der Welt durch Begriffe ist so oberflächlich wie die politische Karte eines Leuchtglobus gegenüber der geografischen, die erscheint, wenn man das Licht des Globus ausschaltet. Nationen können Armeen bewegen und Gräben ziehen, in begrenztem Maße sogar Flüsse umleiten, aber sie können nicht Gebirge und Meere verschieben. Nationen sind politische Strukturen und als solche so künstlich wie alle Kulturen und Sprachen und die Strukturen des Geistes und der Seele von uns Menschen. Ein Leben ohne Begriffe wäre ein Leben ohne Geist und Kultur. Obwohl Begriffe trennen und wir als spirituelle Wesen die Einheit ersehnen, trennen uns Geist und Kultur voneinander – und das ist gut so, denn diese Vielfalt ist gut, und hinter unseren separaten, durch unsere verschiedenen kulturellen Prägungen getrennten Gestalten wirkt ja die Ganzheit des Körperlichen. Es stimmt auch nicht, dass wir immer die Einheit ersehnen würden. Die Menschen im Fußballstadion wollen, dass die beiden Parteien getrennt agieren. Jede Mannschaft soll für ihr eigenes Ziel kämpfen, den Ball ins Tor des Gegners zu kicken. Würde man sie dem Frieden zuliebe als vereinte Mannschaft auf nur ein Tor schießen lassen, wäre der Spaß vorbei. Das Publikum will Brot und Spiele! Es will nicht nur Brot (die Ökonomie), sondern auch Spiele, in denen Parteien gegeneinander antreten und man mit Spannung erwartet, wer gewinnt.

Die Seele oder Psyche
Körper und Geist, das ist der alte Gegensatz. Alle menschlichen Kulturen haben diesen Gegensatz „gesetzt“, und sie kreieren ihn nach wie vor, teils aus guten Gründen. In Sprüchen wie „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ setzen die Kulturen den Gegensatz als Polarität, manchmal gar als Feindschaft. Aber was ist dabei der dritte Mitspieler, die Seele? Heutzutage mag es leichter sein, von der Psyche zu sprechen als von der Seele, denn die wird von der Psychologie erforscht, während man mit der Seele bald in schwerer fassbare Bereiche gelangt, etwa zu der Frage, was denn aus ihr nach dem Tod des Körpers wird. Sucht sie sich dann einen neuen Körper, anstatt sich aufzulösen? Psychologen erwarten, dass die Psyche im Sterben zerfällt und sich im Tod auflöst. Theologen und Esoteriker haben da andere Vorstellungen – „geistige“, wenn man den schwer definierbaren Begriff der Seele hier vermeiden will. Wie soll man denn „Seele“ definieren? Das sowohl verständlich wie wissenschaftlich haltbar hinzukriegen, ist nicht leicht. Vielleicht könnte man die einzigartige Ganzheit eines Individuums oder sozialen Kollektivs Seele nennen. Dann hätte eine Familie eine Seele, ebenso eine Nation oder Sprache, etwas mysteriöser auch ein Volk; aber ein Berg hätte dann keine Seele und auch ein Biotop nicht, denn einer Ansammlung von Materie, die nicht geistig oder sozial miteinander verbunden ist, würden wir nicht eine Seele andichten – ganz im Gegensatz zu den Denkweisen vieler Naturvölker. Auch wenn es schwer ist, für „Seele“ eine Definition zu finden, die von vielen akzeptiert wird, „gibt es da etwas“, sonst hätten nicht alle (alle?) Sprachen dafür einen Begriff. Vielleicht müssen wir eine gute wissenschaftliche Definition für „Seele“ erst noch finden. Diese sollte auch einbeziehen, was in systemischen Aufstellungen wirkt, obwohl viele Wissenschaftler das bisher noch für Hokuspokus halten.

Die Welt als Gewebe von Ganzheiten
Arthur Koestler hat den Begriff des Holons (von griech. holos, ganz) geprägt, definiert als ein Ganzes, das Teil eines anderen Ganzen ist.
Ken Wilber griff diese Definition auf und sprach von vier Tendenzen eines Holons. Das sind zunächst das Bewahren der Ganzheit (Einheit) und das Bewahren des Teilseins an den größeren Ganzheiten, denen es angehört. Zweitens die „vertikalen“ Fähigkeiten jedes Holons; das ist einerseits die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, d.h. des Sich-Einfügens in eine höhere Einheit, andererseits die zur Selbstauflösung, das heißt des Zerfalls in seine Bestandteile. Man kann in der Politik sehen, wie diese Prozesse ablaufen und versteht dann besser Sezessionswünsche wie die der Katalanen, Schotten und anderer, vielleicht sogar den Brexit, „America first“ und diverse Widerstände gegen „Brüssel“, ebenso wie die Bedürfnisse nach der Bildung höherer Einheiten (die EU, die Weltgemeinschaft). Die Bewegungen innerhalb solcher föderalen Gebilde stehen nie still, so wie auch das Leben der Zellen nicht aufhört, wenn sie einem Organismus angehören, und der einem Lebewesen und das einem Biotop. Auch in allen gesellschaftlichen Konstellationen sind solche Holons in Bewegung: Individuen sind Ganzheiten von Persönlichkeitsanteilen, die sich innerhalb von Zweierbeziehungen und diverser weiterer sozialer Kollektive bewegen. Unsere Zugehörigkeitsgefühle alias Identitätsbeheimatungen bis hin zum Biotop Erde (Gaia) und dem Kosmos als Ganzes können wir so besser verstehen.

Wettbewerb und Kooperation
Wir bewegte und bewegende Holons können so auch den Wettbewerb „kooperativ umarmen“ als einen wertvollen Teil des Ganzen. Adam Smiths „unsichtbare Hand“ des Marktes gehört mit zu einem Ganzen, in dem wir uns sowohl konkurrierend wie kooperativ bewegen; so wie bei sportlichen Wettkämpfen und Gesellschaftsspielen, in denen es Gewinner und Verlierer gibt und doch der Verlierer nicht vernichtet wird. Viele Wettbewerbe sind jedoch – ganzheitlich betrachtet – schädlich. Dazu gehört das Wettrüsten der Militärs zwischen den mehr als 190 Nationen, in die wir unsere Welt aufgeteilt haben. Ebenso der Wettbewerb unter diesen Nationen, für die Multis optimale Steueroasenbedingungen zu bieten; und der innerhalb der Nationen, wo die Smartheit der Finanzbeamten gegen die der Steuerberater (der Reichen) antritt, unterstützt von der Komplexität der für Laien kaum verständlichen Steuersysteme. Der Wettbewerb der globalisierten Wirtschaft hinterlässt mehr Verlierer als Gewinner, von Sportlichkeit und „dabei sein ist alles“ keine Spur.

Musik
Inmitten von alledem suchen wir nach Harmonien und Einklang. Musik ist eine Metapher für diese Sehnsucht und als solche ein Abbild des Seelischen. Über die Zeiten und Kulturen verändert sie sich unablässig und erfindet sich neu in Melodien, Rhythmen und Klängen. Die heutige Weltmusik hat die Vereinigung der Weltkulturen im Zuge der Globalisierung auf ihrem Gebiet begleitet, regionale Holons innerhalb der Weltkultur – einerseits bewahrend, andererseits transzendierend. Und auch hier gibt es Kämpfe um Macht, Märkte und Dominanz – Dissonanzen, die Teil einer größeren Harmonie sein wollen und dies manchmal auch können.

Wolf Sugata Schneider Jg. 52.
Autor, Redakteur, Kabarettist.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de.Kontakt: schneider@connection.de
www.connection.de


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