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Ausgabe Januar 2018
Die Weisheit des Narren. Von Wolf Sugata Schneider


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© Wolf Sugata Schneider

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Nach vier Jahren Studium der Wissenschaften und Philosophie in München war ich, ach, so klug als wie zuvor - und floh. 22 Jahre alt, mit Nietzsches "Also sprach Zarathustra" im Gepäck und einem Buch über die Religionen Indiens, riss ich aus Europa aus in Richtung Asien, denn ich ahnte, dass die Asiaten etwas haben, was wir nicht haben. Das fand ich dann dort auch und wurde im Buddhismus heimisch, in den Sufi-Wegen, der Weisheit der Upanishaden und dem Advaita Vedanta und entdeckte, dass es die Mystik ist, was die Religionen in ihrem Kern ausmacht.
Aber was ist mit meiner Heimat Europa? Wie kann ein so reicher, auch geistig reicher Kontinent wie Europa ohne diese Essenz des Menschlichen auskommen? Wie konnten Millionen von Menschen und ganze Kulturen jahrhundertelang in Religion oder Säkularismus erstarren, sich mit Halbwahrheiten abspeisen lassen und dabei das Tiefste vergessen, den Kern der condition humaine?

Humor als Fluchtweg
Dann stieß ich auf den Humor. Nein, nicht erst dann - Witze, Satire, Lach-Ekstasen und stilles Schmunzeln kannte und mochte ich schon vorher. Aber erst nach den Jahren der Praxis asiatischer Wege wurde mir klar, dass Humor der Zen Europas ist. Auch wenn alle menschlichen Kulturen Humor kennen und ihre je eigene kulturelle Ausprägung davon haben, so hat doch kein Kontinent dieses Gebiet zu solcher Feinheit - und tausend Varianten der Grobheit - ausreifen lassen wie Europa und dabei dieses Wissen und Können auch immer wieder politisch-umstürzlerisch radikal praktiziert wie mein Heimatkontinent. Taoismus, Chan und Zen waren nicht weniger radikal in ihrem Humor und auch die Heyoka-Clowns der Plains-Indianer, aber diese Kulturen - oder genauer die, in denen diese "Verrückten" beheimatet waren -, haben den Humor nicht so sehr zum Zentrum ihres Geisteslebens gemacht wie mein Heimatkontinent. Wo die Komödie inzwischen die höchste aller Kunstformen zu sein scheint, und in dem Europa-Ableger und heutigen Noch-Hegemon USA die satirischen Late-Night-Shows allmählich die Nachrichtensendungen ablösen, weil immer mehr Menschen das Gefühl haben, dass ohne Humor eigentlich nichts mehr zu ertragen ist. Das Privatleben nicht und noch weniger die Politik und die Absurdität einer sinnentleerten Wirtschaft sind ohne ein sich davon distanzierendes Lachen zu ertragen.

Komik und Tragik
Die Feinheit und Tiefe des jüdischen Humors sei in der Verfolgung entstanden, sagen Forscher. So wie der Galgenhumor - wenn sonst nichts mehr hilft, dann nur noch das: "Die Woche fängt ja gut an", sagt der zum Tode Verurteilte, als er erfährt, dass er am Montag gehenkt werden soll. Vielleicht hat dieser Kontinent, in dem man ja nicht an jeder Ecke einen Sadhu oder Ashram findet und wo die Mythen eher säkulare waren, sich in den Humor retten müssen, um nicht zu verzweifeln. Dennoch sind viele verzweifelt, viel zu viele. Der Karneval allein genügt eben nicht. Solch ein kleines Reservat des Komisch-sein-Dürfens, und dann ist am Aschermittwoch wieder Schluss, das kann für eine nach Freiheit lechzende Seele nicht die Antwort sein.
Überhaupt dieses "Hier darf gelacht werden" über den Witzseiten der Zeitungen, das muss einen nach Ganzheit Strebenden doch herausfordern: Hier darf ich lachen und über den Rest nicht? Der echte, tiefe, nonduale Humor akzeptiert keine Grenze dessen, worüber gelacht werden darf. Alles ist belachbar, lächerlich, witzig, komisch und zugleich auch tragisch, schicksalhaft, unausweichlich von der Natur vorgegeben. Je nachdem, wie man drauf schaut. Die Komik liegt im Auge des Betrachters, die Tragik ebenso.

Spielst du nur oder meinst du es ernst?
In den Seelen und Herzen der Menschen war der Narr wohl schon immer da. Als feste Figur im Theater und an den Höfen, als Clown im Zirkus und Narr im Kartenspiel jedoch kam er über den Tarot nach Europa. Die Spielkarten des Tarot sind der europäischen Geschichtsschreibung seit dem späten 14. Jahrhundert bekannt, vermutlich kamen sie über venezianische Händler aus Ägypten ins damalige Italien und von dort nach Frankreich und Deutschland. In diesen Karten spielt der Joker eine große Rolle. Er ist die Null, die Europa im Mittelalter noch nicht kannte - und kirchlicherseits nicht kennen durfte, nicht einmal damit rechnen durften die Händler und waren damit den Orientalen unterlegen, denn die Null galt den Christen als Einfallstor des Teufels.
Zugleich ist der Narr Trumpf, die höchste Karte, denn er kann den Platz jeder anderen Karte einnehmen. Seine Chamäleonnatur macht ihn allen anderen Karten überlegen. Er ist ein Spieler, Schauspieler. So wie Zeus in einigen der griechischen Sagen oder im indischen Konzept des Leela, des göttlichen Spiels: Der Joker ist ein Avatar, er kann sich in jeder menschlichen Form verkörpern. Erst ist er niemand, und dann plötzlich, in der von ihm gewählten Form, ein Jemand. Das macht ihn zum Trumpf, aber auch verdächtig, man traut ihm nicht. Spielst du nur mit mir oder meinst du es ernst? Wir wollen ja nicht jemandem auf den Leim gehen, der nur eine Rolle spielt. Wir wollen den echten Menschen in unserem Gegenüber treffen, die wahre Persönlichkeit. Aber wer ist das, diese wahre Persönlichkeit?

Innen hohl und leer
Wer bin ich? Dieser Frage hat der indische Weise Ramana Maharshi im 20. Jahrhundert unter Suchern aus dem Westen zu erneuter Popularität verholfen. Sie war aber schon immer präsent unter allen, die mit Schauspiel zu tun hatten. Sie war in Gauklern, Clowns und Komödianten präsent, in allen, die ein Spiel spielen, eine Maske aufsetzen, hinter der sich noch ein anderes Gesicht befindet, ein vielleicht wahreres. Oder ist es wie beim Schälen einer Zwiebel, dass nach der letzten Schicht gar nichts mehr da ist? Das ist jedenfalls der Kerngedanke des Buddha und auch des Advaita Vedanta. Du schälst und schälst und suchst und suchst und dann …. ist da nichts. So wie die Persönlichkeit des Narren. Außen viel Firlefanz, innen aber ist er hohl, leer.

Hier bin ich - ich kann nicht anders
Das erinnert mich an die Antwort einer Freundin, der ich die Freiheit des Narren, des Niemands, des Undefinierten und breit Inkarnierbaren angepriesen hatte als Moksha, Freiheit, Verwirklichung und höchstes Ziel der Heldenreise des Menschen. Auch wenn der Narr Trumpf ist, weil er alles sein kann, wolle sie an ihrer Seite, als Gefährten in ihrem Leben, keinen Narren haben, sondern einen Herzkönig, sagte sie. Ich wandte ein: Auch das kann der Narr! Er kann auch Herzkönig sein, denn er kann alles. Er kann als Herzkönig auch ein solcher bleiben, wenn er das will, so frei ist er! Bei einem Herzkönig mit Narrenseele ist für sie aber immer die Gefahr gegeben, dass er irgendwann zu einem anderen wird. Sie will lieber einen Herzkönig, der nicht anders kann als so zu sein, wie er ist.

Jeder Jeck ist anders
Auch die unter uns, die den Weg der verrückten Weisheit gehen, des radikalen Humors und spirituellen Anarchismus, auch sie brauchen eine Heimatidentität. Dass auch diese Heimat fiktiv ist, das wissen sie. Darin unterscheiden sie sich von den Normalos, die noch an eine echte Persönlichkeit glauben, die ihnen zutiefst eigen ist. Aber auch sie, die Befreiten, brauchen eine Identitätsheimat, ein Nest, eine Kuschelzone der Ich-Identifizierung. Eine Adresse. Etwas, das sie unverkennbar macht, wiedererkennbar, unvergleichlich, einzigartig.
Jeder Jeck ist anders, sagt man dazu im Rheinland. Wie tief, wie weise. Auch Europa hat es in sich. Vielleicht muss man gar nicht nach Asien gehen, um Weisheit zu finden. Die Türkei hatte ihren Mulla Nasruddin, Tibet seinen Drugpa Künleg, Japan seinen Ikkyu, die arabische Welt ihren in Layla verknallten Majnun - und wir in Europa haben Komiker, mitten in der säkularen Welt, die an der Oberfläche witzdienstleistende Hampelmänner sein mögen, in ihner Tiefe aber steckt der echte, tragikomische Narr.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52
Autor, Redakteur, Kabarettist
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection
Blog: www.connection.de


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