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Ausgabe Juni 2017
Musik, Klänge, Rhythmen von Sugata Wolf Schneider

Genüsse und Irrtümer in Bezug auf Schwingungen

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© Sunny studio - Fotolia.com

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Musik ist die transkulturelle Sprache genannt worden. Überall auf der Welt verstehen wir sie, denn sie ist älter als alle Verbalsprachen - die uns trennen, weil sie so verschieden sind. Bei den onomatopoetischen, Laute abbildenden Worten wie Kikeriki, Miau, knurren, klirren, tuscheln ist die lautliche Abbildung noch gut erkennbar, ebenso bei "Kuckuck" als Bezeichnung für den Vogel, der "so klingt". Das Signal soll dabei so ähnlich klingen wie das, was es meint. Hohe Töne in der Musik wirken auf uns anders als tiefe, vielleicht weil Kinder- und Frauenstimmen schon bei unseren Vorfahren in der Steinzeit andere Gefühle in uns auslösten als Männerstimmen. Ebenso lösen Staccato, Legato, Crescendo, laute und leise Töne unterschiedliche Gefühle in uns aus, überall auf der Welt.

Rhythmus
Auch der Rhythmus, dem wir im Rock und Swing und in den Märschen begegnen, ist ein transkulturelles Phänomen. Bei den Schamanentrommeln treffen wir auf urzeitliche Rhythmen, vor allem auf den Herzrhythmus, den wir schon seit langem kennen - schon vor unserer Geburt pochte das Blut unserer Mutter in diesem Rhythmus. Egal, welche der circa sechstausend lebenden Sprachen deine Muttersprache ist, den Herzrhythmus kennst auch du.
Und warum fühlen wir uns fast zwanghaft zur Mitbewegung unserer Füße und Hände verführt, wenn wir am Rande einer Tanzfläche sitzen und die Band einen geilen Rhythmus spielt? Warum sind wir souveräne Wesen da plötzlich so zwanghaft? Und wir sind es in anderer Weise, wenn Menschen den Rhythmus spielen, als wenn eine Maschine ihn spielt. Ich glaube, dass es die Verzögerung ist, die den echten Swing ausmacht: Der Ton oder Schlag des Rhythmusinstrumentes kommt einen winzigen Sekundenbruchteil später als erwartet. Uns, die wir so sehr auf das Eintreffen von Erwartungen getrimmt sind, reizt das. In diesem Falle reizt es uns in euphorisierender Weise, denn wir müssen ja nur diesen winzigen Sekundenbruchteil warten, bis "es" kommt, der so heiß erwartete Schlag oder Ton, was hier die Folter des Wartens so luststeigernd macht wie ein Striptease.

Harmonie
Musik lässt uns tanzen. Keine andere Bewegungskunst oder Sportart ist so gesund wie der Tanz. Gemeinsames Singen verbindet uns Menschen sogar noch mehr als das Tanzen, das macht Chöre zu zuverlässigeren Ekstasen kollektiver Lust als sexuelle Orgien. Aber warum? Woher kommt dieser Lustgewinn, dieses Wohlbefinden? Ist es, weil Schwingungen heilen?
Die Schwingung des Presslufthammers, mit dem unter dem Fenster meines Arbeitszimmers, in dem ich gerade diesen Artikel schreibe, der Asphalt aufgerissen wird, heilt mich leider nicht. Auch die Rasenmäher, die am Samstagnachmittag bei schönstem Sonnenschein die Lüfte über den Villenvororten zum Schwingen bringen, wo Familien in hübsch hergerichteten Gärten ihr verdientes Wochenende gerade beginnen, scheinen keineswegs heilsam zu sein. Sind es vielleicht nur harmonische Schwingungen, die heilen? Aber was ist harmonisch? Ein transkultureller Konsens ist hier schwieriger zu finden als im Falle des Herzschlagrhythmus' der Schamanentrommel.

Good Vibrations
Seit Urzeiten freuen wir uns über Musik und gefällige Töne, über das Tanzen und Singen. Als dann die Physik des frühen 20. Jahrhunderts uns erklärte, dass nicht nur Licht, sondern die gesamte Materie sich sowohl als aus Teilchen (Photonen, Elektronen, Protonen) zusammengesetzt beschreiben lässt, wie auch aus Schwingungen, glaubten wir, dass die guten Gefühle, die wir zuweilen gegenüber anderen Menschen empfinden, von "good vibrations" verursacht sein müssen. Es müssen Schwingungen sein, auch wenn sie vielleicht noch nicht physikalisch messbar sind, die uns da bewegen. Wenn wir dieses "Resonanzprinzip" nur verstehen, dann können wir durch Gedankenkraft das anziehen, womit wir gut "schwingen". Soziale Resonanz fühlt sich gut an. Harmonie heißt, dass "es stimmt". Aber hat das wirklich mit Schwingungen zu tun? Der Zeitgeist der spirituellen Subkulturen ist fest davon überzeugt, und was alle fühlen, das kann doch nicht falsch sein.

Das Resonanzprinzip
Nach all den Jahren der Erfahrung mit Positivdenkern und Schwingungsromantikern muss ich sagen, dass natürlich auch ich ein Freund von "good vibrations" bin, dass sie aber nichts mit Physik zu tun haben, sondern wir haben diese guten Gefühle sozialen Wohlfühltrancen zu verdanken. Bei ausreichend Geschick in der Selektion von Wahrgenommenem und Erinnertem und einem gut gezielten Lenken des Fokus der Wahrnehmung gelingt es einem disziplinierten Positivdenker solche Wohlgefühle zu erreichen: Du bist okay, ich bin okay. Wir mögen uns, weil wir miteinander so gut …. schwingen?
Nein, wir fühlen das, weil wir positiv denken und die Selektion unserer Wahrnehmung gut im Griff haben. "The energy is where the attention is", heißt es hierzu im hawaiianischen Huna. So lange der bei dieser positiven Selektion ausgegrenzte Schatten im Schattenreich bleibt, ist, toitoitoi, nochmal alles gut gegangen. Hoffentlich bleibt er dort. Das Resonanzprinzip lullt uns auf sozusagen magische Weise ein: Mit Weisheit gehandhabt ist es "wunderbar". Für sich genommen ist das positiv selektierende Denken jedoch nicht weise, sondern so gefährlich wie ein Messer, das in der Hand eines guten Chirurgen Heilung bewirkt, in der Hand eines Mörders aber tötet.

Ich identifiziere mich
Wie kommt es nun, dass wir manchmal das Gefühl haben, mit einem anderen Menschen, einer Gruppe, einer Landschaft oder einem Kunstwerk mitzuschwingen, wenn es doch physikalisch dafür keine Erklärung gibt?
Ich erkläre es mir sozialpsychologisch. Das Gefühl "du bist wie ich", oder genereller, wie es in den Upanishaden heißt: "tat tvam asi - auch das bin ich", dieses Gefühl entsteht, wenn ich mich mit dem Wahrgenommenen identifiziere. Das heißt, die soziale Konstruktion meiner Ich-Identität fühlt sich mit der sozialen Identität des Du bzw. des Wahrgenommenen identisch oder wenigstens in wesentlichen Punkten ähnlich. Das kann auch ein geliebtes Tier, eine Pflanze, eine Landschaft sein und ebenso ein visuelles oder hörbares, von Menschen geschaffenes Kunstwerk.

Das Lauschen
Möge der Suchende, der sich in Jahren der Erfahrungen und Experimente durch all die esoterischen Schwingungsphilosophien einmal quer durchgewühlt hat, dabei über das Hören zum Hinhören, Zuhören und schließlich zum Lauschen gelangen. Menschen, Tieren, Pflanzen können wir lauschen, auch den Regentropfen oder einem Springbrunnen. Es ist dies weniger ein Tun als ein wohlwollendes Hereinnehmen, sich darauf Einlassen. Es ist Hingabe.
Wer den in Spiri-Kreisen so viel gescholtenen Mind verabscheut, den sich verselbständigenden Verstand, hier ist der Ausweg: Höre hin, lausche! Was passiert da gerade? Was hörst du? Jeden Moment ist es etwas anderes. In der Stadt sind es oft Verkehrsgeräusche, auch denen können wir lauschen und sie annehmen wie ein Naturgeräusch. Bei Worten einer uns verständlichen Sprache ist das schon schwieriger, aber auch dort geht es. Da kannst du "auf Durchzug" schalten und hörst dann nur noch die Töne, die Melodie, ohne dich von der Bedeutung fesseln zu lassen. Hinhören, Lauschen, Stille. Die Stille hinter den Tönen hören und zwischen ihnen. Ganz Ohr sein, jetzt.
Es gibt keine andere Zeit als diese hier, jetzt. In dieser ewigen Jetztzeit können wir das Uhrwerk des Universums hören, indem wir lauschen.

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Blog: www.connection.de


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