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Ausgabe Februar 2017
Beitragsreihe 2017 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Aconit – Hilfe bei akuten Schockzuständen


H. Schäfer: Herr Krüger, über was möchten Sie heute sprechen?
Andreas Krüger: Ich möchte heute über ein Mittel, aber auch über ein homöopathisches Phänomen an sich sprechen, was meiner Meinung nach viel zu wenig beachtet wird: der Schock. Ich habe über mehrere Jahre bei Peter Gienow miasmatische Homöopathie studiert. Seitdem kann ich Menschen helfen, denen ich vorher mit der seelen- und prozessorientierten Homöopathie nicht helfen konnte. Dieser miasmatische Ansatz geht von der Vererbung von Krankheiten aus – also etwas, was wir mitgebracht haben und deswegen mit prozessorientierter Homöopathie oder Psychotherapie nicht zu lösen ist. Aber nach einigen Studienjahren bei Peter Gienow habe ich festgestellt, dass selbst diese Art von Homöopathie manche Patienten nicht positiv beeinflussen kann. Es war auch seine Erfahrung nach einigen Misserfolgen, dass in manchen Fällen ein Schock zugrunde liegt – ein tiefes, schockierendes Trauma des Patienten, was in seinem System zu einer Schockstarre führt, die normale Regulationsmechanismen völlig aushebelt. Solange diese Schockstarre vorliegt – der Schamanismus spricht von einem Seelenverlust und sagt „wenn ich einen Schock und damit einen Seelenverlust erlitten habe, kann ich das nicht im hier und jetzt heilen“, sondern muss dieses Erlebnis zurückholen, um es heilen zu können. Demnach ist ein Organismus, der sich in einem Schockzustand befindet mit Hilfe der klassischen Homöopathie nicht heilbar. Man kann die Symptome ein wenig lindern, aber man bekommt keine Heilung bis zur völligen Wiederherstellung hin. Deshalb muss man als erstes diesen Schock auflösen, regulieren, desensibilisieren und wenn die Regulationsmechanismen wieder funktionieren, dann kann man traum-orientierte, schatten-orientierte, miasma-orientierte oder klassisch-orientierte Arzneimittelfindung betreiben. Deshalb bleiben viele Patienten bei optimaler Therapie ungeheilt, weil ihr System aufgrund eines Schocks nicht reagiert. Und deshalb möchte ich heute das Mittel der Homöopathie vorstellen, das für akute Schockzustände zuständig ist: Aconit, der blaue Eisenhut.

Was ist denn ein Schock?
Ein Schock ist alles, was das Energiesystem so massiv belastet und in einen solchen Angstzustand versetzt, dass es eine Kontraktion vornimmt, um zu überleben. Es zieht sich zusammen, weil es das Gefühl hat, sterben zu müssen, wenn es offen bleibt. Je nachdem, wie stark der Schock war, kann er gelöst werden durch fünf Minuten Reiben des Milchpunktes, durch liebevolles im-Arm-Halten, durch ein warmes Lavendelbad, durch Arnica oder Rescue-Tropfen. Aber wenn der Schock wirklich stark ist – ich werde überfahren oder mein Kind stirbt oder mein Mann verlässt mich nach 20 Jahren von einem Tag auf den anderen – also wenn Dinge passieren, die unser System total erschüttern, dann hilft kein Lavendel und kein Rescue, sondern dann bildet sich ein Panzer um das Herz, um sich nie mehr öffnen zu wollen. Wenn man von der guten Richtung guckt, ist der Schock ein Versuch des Organismus, Schmerz durch Wiederholung zu vermeiden. Das bedeutet letztendlich, dass das Leben nicht mehr wirklich stattfindet. Wie oft konnte ich Menschen helfen, die seit 10 Jahren in einem ungewollten Zölibat lebten, obwohl sie erfolgreich und auch schön waren. Als sie dann erzählten, dass ihr Partner vor 10 Jahren von einem Tag auf den anderen abgehauen ist, war das so eine Bedrohung, dass sie das Gefühl hatten, sie sterben. Und dann sagt der Organismus: „Das passiert mir nie wieder! Jetzt überlebe ich gerade noch den Tag mit Anti-Depressionsmitteln.“ Und macht dicht. Das lässt sich nicht intellektuell oder körpertherapeutisch lösen, aber was es lösen kann, ist ein homöopathisches Mittel. Bei allen Folgen von Schock sollte man testen, ob es Aconit ist. Es ist viel häufiger Aconit als wir denken. Aconit kann der Unfallschock sein oder als Folge des Verlustes eines geliebten Menschen oder eine durchgefallene Prüfung – alle Zustände, die zu einer Kontraktion des Systems führen, können Aconit-Zustände sein. Manchmal ist auch ein Doppelmittel angesagt. Wenn es eine plötzliche Liebesenttäuschung ist, dann kann es sein, dass Aconit mit Ignatia zusammen gegeben werden muss. Wenn es eine Unfall-Schock-Situation ist, kann Aconit mit Arnica gegeben werden. Wenn es zu Nervenverletzungen kommt, ist Hypericum das geeignete Mittel. Bei einer tiefen Demütigung hilft Staphysagria.

Ist Aconit das einzige Schockmittel?
Aconit ist ein sehr wichtiges Mittel, um den Organismus aus dem Schock herauszuführen. Es gibt aber auch andere Mittel, wenn z.B. der Schock lange zurückliegt und das System über Jahre in dieser Kontraktion war – besonders nach Missbrauch und Schändung – dann ist es oft Opium. Auch hier wieder eine Erfahrung, die ich meinen Lehrern verdanke. In den alten homöopathischen Büchern steht oft: akuter Schock Aconit, chronischer Schock Opium. Ich würde sagen: Fragezeichen. Ich habe oft erlebt, dass Opiumgaben bei chronischen Schocks nichts bewirkten. Getestet kam Aconit heraus. Und ich habe erlebt, dass bei einem akuten Schock mit Aconitgabe nichts passierte. Getestet hat Opium geholfen. Wer von unseren Lesern testet, sollte immer die Rubrik „Schockmittel“ durchtesten. Ich glaube, dass in 90% von Schockzuständen Aconit das Mittel der Wahl ist.

Zum Schluss noch eine spezielle Frage zum Thema Geburt. Das haben wir alle erlebt und sicherlich oft als einen Schock. Ist die Lösung Aconit für alle?
Als ich 1982 meine Praxis aufmachte, hatte ich einen sehr schönen Schicksalsmoment. Eine meiner ersten Patientinnen war eine Hebamme. Damals war die Homöopathie in der Geburtshilfe noch relativ unentwickelt. Heute haben wir zum Glück eine sehr entwickelte Geburtskultur. Damals schrieb der Arzt Friedrich Graf über Themen wie Impfungen und Kinderheilkunde und bildete viele Hebammen aus – dem gebührt eigentlich der Nobelpreis für Medizin! Damals gab es das noch alles nicht und als ich 1983 meinen ersten Hebammenkurs machte, war meine Information: Jede Geburt ist ein mechanisches Trauma, also ein Schock und braucht Aconit. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass 99% meiner Patienten einen Geburtsschock durchlebt hatten. Manche haben es aufgelöst, wenn sie von ihren Müttern ein halbes Jahr lang gestillt wurden. Stillen ist nachweisbar schockauflösend. Menschen, die nicht gestillt wurden, leiden nachweisbar länger unter dem Geburtsschock als gestillte Kinder. Meine Frau ist eine sehr erfolgreiche Craniotherapeutin und sie ist der Meinung, dass jedes Kind, was auf die Welt kommt, prophylaktisch eine Craniobehandlung bekommen sollte, weil Cranio auch eine schockauflösende Wirkung hat. Den Hebammen habe ich zu Aconit geraten, zusätzlich zu Hypericum für die Nervenverletzungen, zu Staphysagria für den Dammschnitt und zu Kalzium carbonicum, um den Menschen in dieser Welt willkommen zu heißen. Aus den Hebammen, die ich damals ausgebildet habe, sind wunderbare Homöopathinnen geworden, die wieder Hunderte von Hebammen ausgebildet haben. Wenn am Ende meines Lebens irgendetwas übrig bleibt und die Buddhisten Recht haben, dass man am Ende seines Lebens sein ganzes Leben noch einmal sieht, dann werde ich sicher Gefühle erleben, wo ich Menschen weh getan habe, aber ich werde auch die Gefühle von glücklichen Müttern erleben, die Dank der Homöopathie schöne Geburten hatten. Und ich hoffe, es geht mir wie C.G. Jung, der ja eine Woche vor seinem Tod im Bett gelegen haben soll und immer nur sagte „It’s so wonderfull!“ Das wünsche ich mir auch und ich glaube, dass mein Wissen über Aconit ein Grund sein könnte, um mir diesen Wunsch zu erfüllen.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Mehr über ihn auf andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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