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Ausgabe Januar 2017
Beitragsreihe 2017 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Platin - die Größe


H. Schäfer: Das neue Jahr steht vor der Tür und damit viele große Vorsätze. Gibt es ein homöopathisches Mittel, das das Thema Größe beinhaltet?
Andreas Krüger: Platinum metallicum – eines der großen Mittel der „materia medica“. Es ist ein Mittel, das mit dem Gefühl zu tun hat, riesengroß zu sein und in diesem Riesengroßsein von der Welt und den normalen kleinen Menschen recht entfernt zu sein. Andererseits aber auch genau das Gegenteil: Das Gefühl zu haben, bei objektiver körperlicher und auch seelisch-spiritueller Größe verschwindend klein und unbedeutend zu erscheinen. Beides finden wir im Platin-Bild und wir merken uns einfach: Größe! Größe ist ein ganz wichtiges Symptom für Platin, so wie Einsamkeit und Kontaktstörung und – im Riemannschen Sinne – Schizoidität: eine Form von Fixierung, die meistens in den ersten Monaten und Jahren des Lebens stattfindet, wenn dem Menschen Wärme, Kontakt und Liebe fehlt und dieser Mensch, um zu überleben, einen Panzer um sich aufbaut, der ihm eine scheinbare Autonomie und Sicherheit gibt, aber ihn dann in letzter Konsequenz wirklich unberührbar macht für Liebe. Dieses Symptom zeichnet sich bei Platin in der Wahrnehmung des Körpers aus und besonders im Bereich des Unterleibes, als wenn er aus Metall bestünde. Darum ist Platin auch eines der großen Heilmittel bei Empfindungsstörungen, also wenn Menschen das Gefühl haben, unberührbar zu sein. Dies ist auf frühkindliche Isolationserlebnisse, Einsamkeit und das Gefühl, nicht geliebt zu werden zurückzuführen.

Sie haben von Riemann gesprochen. Wer ist das?
Fritz Riemann hat ein beeindruckendes Buch geschrieben: „Die Grundformen der Angst“, das ich allen Lesern ans Herz legen möchte. Selten hat mir ein Buch so geholfen, andere Menschen und auch mich zu verstehen. Oft ist ja das Verständnis des Gegenübers der erste Schritt, ihn in seiner Unähnlichkeit anzunehmen, denn scheinbar haben wir alle eine Sehnsucht nach Ähnlichkeit. Trotzdem machen wir immer wieder die Erfahrung, wenn wir diesem Ähnlichen begegnen, dass es zwar ganz nett, aber unter dem Strich oft langweilig ist. Wenn wir aber dem Unähnlichen begegnen, gibt es Potenzial an Wachstum und auch die Möglichkeit, den eigenen Schatten anzunehmen. Gleichzeitig entsteht viel Unverständnis, wenn jemand so unähnlich sein kann. Mir hat Riemann geholfen, das oft schmerzhaft Unähnliche zu verstehen. Im Grunde geht es doch darum, dass wir uns in unserer Andersartigkeit verstehen und da ist Riemann und Platin ein großer Gehilfe. In unserer Schule hängt ein Zitat von Rudolf Steiner: „Freiheit entsteht in der Liebe und im Ringen um das Verständnis des fremden Wollens.“ Um das Verständnis des mir ähnlichen Wollens muss ich nicht ringen. Aber in dem Ringen um des mir Fremden steckt viel mehr Möglichkeit, Liebe und Freiheit zu entwickeln als wenn wir dem uns Ähnlichen begegnen.

Was sind typische Platin-Symptome?
Platin-Menschen sind groß und an ihrer Haltung kann man sehen, ob es eine gesunde oder kranke Form ist. Eine kranke Platin-Frau kann sehr aufrecht laufen, hat eventuell klassisches Ballett getanzt, aber man hat als Gegenüber immer das Gefühl, als wenn sie von oben auf einen herab schaut. Platin ist das wichtigste Mittel in der Rubrik „Hochmut“. Ein Satz, den man bei Platin-Menschen oft hört: „Entweder erleuchtet oder gefühlskalt.“ Scheinbar sind sie von der ganzen Welt relativ weit weg, haben alles gut im Überblick, müssen sich nicht wirklich tief einlassen und sind im wahrsten Sinne des Wortes cool. Platin im gesunden Zustand ist auch groß und aufrecht, aber er hat ein königlich wohlwollendes Lächeln. Eine andere Ausdrucksform der kranken Platin-Menschen ist ein gebeugter Gang trotz ihrer Größe. Da helfen auch keine Osteopathen oder Massagen. Der Hintergrund ist oft Angst, sich in der ganzen Größe zu zeigen, weil es schlechte Erfahrungen gab. Platin hat im unterdrückten Zustand das Gefühl: Wenn ich mich in meiner Größe zeige, werde ich verletzt, ausgegrenzt und kleingemacht.

Was ist die Kernidee von Platin?
Es ist die Wahnidee, ganz allein auf der Welt zu sein. Platin hat das Gefühl: Ich bin so groß und deswegen abgehoben, dass ich keinen Kontakt mit dem niedrigen Menschenvolk habe, auch wenn ich ihn gerne hätte. Aber ich habe ihn nicht durch die Erlebnisse in meiner Kindheit, wo die Rezeptoren für Nähe und Liebe nicht angelegt worden sind. Also bleibe ich da oben und zahle den Preis, dass ich in meiner Tiefe alleine bin. Ich kann zwar oberflächlich cool feiern, aber in meiner Tiefe bin ich unberührt, denn ich habe es als Kind erlebt, verlassen zu werden. Wenn ich mich jetzt darauf einlassen würde, mich meiner eigenen Bedürftigkeit zu stellen und werde dann verlassen, dann sterbe ich. Darum tun sich Platin-Menschen auch ganz schwer mit bedürftigen Menschen. Sie verachten sie regelrecht. Wenn jemand zu einem Platin-Menschen sagt: „Ich brauche dich“, bekommt der solche Angst davor, dass er selber vielleicht jemanden braucht, dass er denjenigen wegstößt. Platin kann Gefühle abschalten.
Dagegen sind Menschen, die gefühlsmäßig von einer Ohnmacht in die andere fallen, relativ gesund. Der Hysteriker ist von allen Fixationstypen der gesündeste, weil er seine Gefühle entweder rausschreit oder -heult (Pulsatilla oder Ignatia). Die sind überhaupt nicht cool, aber die kriegen keinen Krebs. Hysterie ist im Grunde die beste Vorbeugung gegen Krebs. Diese Menschen sind immer unglücklich verliebt und haben ständig das Gefühl, Rilke zu sein, aber sie haben in letzter Konsequenz die gesunden Reaktionsmuster. Der Platin-Mensch sagt dagegen, dass ihm alles zu viel ist und er sich lieber entliebt.

Noch ein Symptom für Platin?
Platin hat die Wahnidee, metallische Implantationen im Körper zu haben. Und er fühlt sich von Außerirdischen besessen. Platin ist das einzige Mittel, das träumt, in seinem Vorgarten würde ein Ufo landen, um ihn abzuholen. Dahinter steht das Gefühl, nicht von dieser Welt, sondern ein Sternenkind zu sein. Er kommt von einem Planeten, wo das ganze hysterisch-gefühlsmäße-irdische Gesabber nicht vorkommt.
Platin ist auch sehr unsozial, denn er kann nicht danken. Dahinter steht die Wahnidee, alles selbst machen zu müssen und sich nicht von anderen abhängig zu machen, denn wenn man sich von anderen abhängig macht, kann man von denen wieder verlassen werden und dann ist man wieder so einsam und bedürftig wie als Kind. Aber kein Mensch macht alles alleine. Deswegen dissoziiert Platin all das, was andere vielleicht mal für ihn gemacht haben und Platin schämt sich auch oft dafür, dass andere ihm geholfen haben, erfolgreich zu werden. Platin hat die Tendenz, die zu verstoßen und die zu verachten, denen sie es verdanken, an dem Punkt zu stehen, wo sie gerade sind.

Fazit?
Platin träumt, dass er nicht eine Treppe herunter gehen kann. Er kann sich nicht dem Volk hingeben, sondern muss da oben stehen und bestenfalls winken. Die Heilung ist, die Treppe runterzugehen und zu allen da unten Danke! zu sagen.
Ich denke, dass Platin ein großes Mittel ist, um in dieser Welt das Soziale, Liebevolle und das Dankbare zu unterstützen. Wer nicht danken kann, muss sich trennen. Und wer sich von allen trennt, ist wieder ganz alleine auf der Welt.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Mehr über ihn auf www.andreaskruegerberlin.de

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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