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Ausgabe Januar 2017
Einladung zur Freude - Buchauszüge aus "Das Buch der Freude"

Das Buch der Feude entstand anlässlich des 80. Geburtstages des Dalai Lama, zu dem Desmond Tutu im April 2015 für eine Woche nach Dharamsala anreiste, um mit S.H. dem Dalai Lama eine der wichtigsten Fragen überhaupt zu ergründen: Wie können wir Freude fin

Vergnügen und Genuss
Die meisten Religionen sind zutiefst davon überzeugt, dass sich dauerhaftes Glück nicht über unsere Sinne erfahren lässt. Die Sinne können uns nur vorübergehend Genuss bringen. … Doch worin genau bestand nun der Zusammenhang zwischen Freude und Genuss und zwischen dem, was der Dalai Lama Glück auf körperlicher Ebene und Glück auf geistiger Ebene genannt hat?
„Eure Heiligkeit, viele glauben, dass Sie als Mönch dem Vergnügen und Genuss abgeschworen haben.“ „Und dem Sex!“, fügte der Dalai Lama an, obwohl ich eigentlich etwas anderes im Sinn hatte.
„Was?“, fragte der Erzbischof. „Sex, Sex“, wiederholte der Dalai Lama. „Hast du das wirklich gesagt?“, fragte Tutu entgeistert. „Oh, oh.“ Der Dalai Lama bemerkte die Überraschung seines Freundes, lachte und streckte ihm beschwichtigend die Hand hin, worauf der Erzbischof seinerseits in fröhliches Kichern verfiel. „Also, vom Sex einmal abgesehen…“, versuchte ich wieder zum Thema zurückzusteuern. „Haben Sie dem Vergnügen und Genuss abgeschworen? Ich habe beim Mittagessen ja neben Ihnen gesessen und hatte den Eindruck, dass Sie das wunderbare Essen wirklich genossen haben. Was bedeutet Ihnen das Vergnügen an den Annehmlichkeiten des Lebens?“ „Ich liebe das Essen. Ohne Essen kann mein Körper nicht überleben. Und auch du“, sagte er und wandte sich zu Bischof Tutu um, „kannst nicht immer bloß denken: Gott, Gott, Gott. Und ich kann mir nicht ständig Gedanken machen über Mitgefühl, Mitgefühl, Mitgefühl. Mitgefühl füllt mir nicht den Bauch. Aber, wisst ihr, bei jeder Mahlzeit müssen wir von Neuem unsere Fähigkeit schulen, es ohne Anhaftung zu genießen. … Und nun zu Ihrer Frage. Wenn wir vom Erleben von Glück sprechen, müssen wir unterscheiden: Einerseits gibt es den Genuss über die Sinne. Dafür ist Sex, den ich schon erwähnt habe, ein Beispiel. Wir können Glück aber auch auf einer tieferen, geistigen Ebene erleben, beispielsweise durch Liebe, Mitgefühl oder Großzügigkeit. Dieses tiefere Glück zeichnet sich aus durch die Erfüllung, die man dabei spürt. Sinnenfreuden währen nur kurz, tiefe Freude dagegen dauert sehr viel länger an. Sie ist die wahre Freude.“

Einsamkeit
„Eure Heiligkeit“, sagte ich. „Am Ende unserer letzten Sitzung haben wir über Einsamkeit gesprochen, und ich wollte zu dem Thema noch eine Frage stellen. Mönche verbringen viel Zeit allein. Was ist also der Unterschied zwischen allein sein und einsam sein?“
Der Dalai Lama blickte den Erzbischof an, um zu sehen, ob dieser antworten wollte.
„Nein, ich war nie ein Mönch, Mann. Du fängst an.“
„Mönche sondern sich von der materiellen Welt ab, und zwar nicht nur physisch, sondern auch mental.
In seiner Religion“, sagte der Dalai Lama und zeigte auf den Erzbischof, „glauben die christlichen Mönche stets, dass sie sich im Licht Gottes befinden, und sie dienen Gott mit Hingabe. Wir können Gott nicht direkt berühren, also können wir nur Gottes Kindern dienen: der Menschheit. Deshalb sind wir nie wirklich einsam.
Es kommt stark auf die Einstellung an. Wer voller negativer Urteile und voller Wut ist, fühlt sich von den anderen Menschen getrennt. Er fühlt sich einsam. Wer jedoch ein offenes Herz hat und voller Vertrauen und Freundschaft ist, der fühlt sich nie einsam, selbst wenn er de facto allein ist und sogar wenn er das Leben eines Einsiedlers führt.“ … Der Dalai Lama sagte, wer mit Freundlichkeit und Mitgefühl an andere denke, sei niemals einsam. Ein offenes und warmes Herz sei das Gegengift für Einsamkeit.

Blickwinkel
„Bis jetzt haben wir das Wesen wahrer Freude und die Hindernisse auf dem Weg dorthin behandelt“, begann ich am vierten Tag unserer Gesprächsrunde. „Damit sind wir bereit zum Austausch über die positiven Eigenschaften, die es uns erlauben, mehr Freude zu empfinden.“
Wir hatten besprochen, wie die geistige Immunität Angst, Wut und andere Hemmnisse auf dem Weg zur Freude aus dem Weg räumen kann, aber der Dalai Lama erklärte, dass diese geistige Immunität unseren Geist und unsere Herzen gleichzeitig mit positiven Gedanken und Gefühlen erfüllt. In unserm Austausch einigten wir uns schließlich auf acht Säulen der Freude. Vier davon waren Geisteshaltungen: Blickwinkel, Bescheidenheit, Humor und Akzeptanz. Dazu kamen vier Eigenschaften des Herzens: Vergebung, Dankbarkeit, Mitgefühl und Großzügigkeit.

Bescheidenheit
Als langjähriger Freund und Mitarbeiter des Dalai Lama beschrieb Daniel Goleman dessen Lebenseinstellung: „Der Dalai Lama scheint über alles vergnügt, was um ihn herum geschieht, freut sich an dem, was passiert, nimmt aber nichts allzu persönlich und sorgt oder ärgert sich nicht angesichts dessen, was sich zuträgt.“ Die ganze Woche über erinnerte uns der Dalai Lama immer wieder daran, uns nicht in unsren Rollen zu verfangen, und tatsächlich entsteht Überheblichkeit, wenn wir unsere zeitlich begrenzten Rollen mit unserer grundsätzlichen Identität verwechseln. Als unser Tontechniker Juan dem Dalai Lama das Funkmikrofon anlegte, zog dieser zum Spaß an Juans Don-Quichotte-Bart. Alle mussten kichern und der Dalai Lama am meisten. Damit sagte er: Heute bist du der Tontechniker und ich der Dalai Lama, und beim nächsten Mal sind die Rollen vielleicht vertauscht. Das könnte in einem Jahr sein oder in einem anderen Leben, denn die Vorstellung der Wiedergeburt mahnt uns immer daran, dass unsere Rollen nur vorübergehend sind.

„So viele Menschen“, sagte der Dalai Lama, „tun sich offenbar schwer damit, gut zu sich selbst zu sein. Das ist wirklich traurig. Wir sehen, wenn wir keine echte Liebe und Güte zu uns selbst verspüren, wie sollen wir sie dann auf unsere Nächsten ausdehnen? Wie der Erzbischof gesagt hat, müssen wir daran erinnern, dass der Mensch von Natur aus gut und positiv ist, damit wir daraus Mut und Selbstvertrauen ziehen können. Zu viel Konzentration auf uns selbst führt, wie wir schon gesehen haben, zu Angst, Unsicherheit und Furcht. Wir dürfen nie vergessen, dass wir nicht allein sind. Wir sind Teil einer ganzen Generation und damit die Zukunft der Menschheit. So gewinnen wir Zuversicht und ein Ziel für unser Leben. Außerdem sollten wir erkennen, dass es sehr positiv sein kann, wenn wir um unsere eigenen Beschränkungen und Schwächen wissen. Das kann Weisheit bedeuten. Wer seine Unzulänglichkeit begreift, gibt sich Mühe. Wer denkt: ‚Alles ist gut und ich bin okay, so wie ich bin‘, der wird sich nicht weiterentwickeln. Ein tibetisches Sprichwort besagt: ‚Die Weisheit ist wie Regenwasser – beide sammeln sich an tiefen Stellen.‘ Ein anderes Sprichwort fragt: ‚Wo beginnt es im Frühling zu blühen? Auf den Hügeln oder unten im Tal?‘ Das Wachstum beginnt immer an den tiefen Stellen. Wenn man also bescheiden bleibt, besteht die Möglichkeit, dass man dazulernt. Ich erzähle den Leuten oft, dass ich mich noch immer als Schüler sehe, obwohl ich schon achtzig Jahre alt bin.“

Akzeptanz
Akzeptanz hat nichts mit Resignation oder Niedergeschlagenheit zu tun. Der Erzbischof und der Dalai Lama sind unermüdliche Aktivisten im Kampf um die Schaffung einer besseren Welt für all ihre Bewohner. Aber ihr Aktivismus stützt sich auf eine tiefe Akzeptanz dessen, was ist. Der Erzbischof akzeptierte nicht die Unvermeidlichkeit der Apartheid, aber er akzeptierte ihre Realität. „Wir sind dazu bestimmt, in Freude zu leben“, sagte er. „Doch das bedeutet nicht, dass das Leben einfach oder schmerzlos sein wird. Es bedeutet, dass wir unser Gesicht in den Wind drehen und akzeptieren, dass wir durch dieses Gewitter hindurchmüssen. Es wird uns nicht gelingen, seine Existenz zu leugnen. Die Akzeptanz der Realität ist der einzige Ort, an dem die Veränderung beginnen kann.“

Humor
Es war wirklich erstaunlich, wie viel während dieser Woche gelacht wurde. Zeitweise wirkten der Dalai Lama und Erzbischof Tutu eher wie ein Comedian-Duo als zwei angesehene spirituelle Vordenker. Mit ihren Scherzen, ihrem Gelächter und der Fähigkeit, sich über allzu schlichte Frömmeleien zu amüsieren, sprengten die beiden alle Erwartungen. … In den vorigen Tagen hatten sich der Erzbischof und der Dalai Lama mit ihrem typischen Humor darüber ausgelassen, was ihre Freundschaft so besonders macht. „Er nimmt mich ständig auf den Arm“, sagte der Erzbischof und lachte. „Fast seit unserer ersten Begegnung – weißt du noch? Beim allerersten Mal warst du vielleicht noch ein bisschen zurückhaltend, aber schon beim zweiten Mal hast du mir die Mütze vom Kopf genommen. Man wacht ja nicht morgens auf und sagt sich ‚Ich werde ein Freund des Dalai Lama‘. So etwas geschieht einfach. Irgendwann werden einmal Wissenschaftler kommen und das analysieren. Aber ich glaube, auch er ist nicht aufgewacht – morgens um drei – und hat sich gesagt: ‚Ich glaube, ich werde Freundschaft mit diesem Schwarzen mit der großen Nase aus Afrika schließen.‘ Ich glaube, das kam einfach aus dem Herzen. Wenn wir still waren, entdeckten unsere Herzen, dass sie einander vertraut waren.“

Dalai Lama und Desmond Tutu im Gespräch mit Douglas Abrams: Das Buch der Freude, Lotos Verlag, München, 2016, 380 Seiten


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