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Ausgabe Januar 2017
Freude - von Sugata Wolf Schneider


„Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elisium, Wir betreten feuertrunken Himmlische, dein Heiligthum. Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwerd getheilt... Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“ Die erste Strophe des berühmten Gedichtes von Friedrich Schiller, bekannt als »Ode an die Freude«, ist vor allem deshalb so bekannt, weil Beethoven den Text für den Schluss seiner Neunten Sinfonie verwendet hat. Friedrich Schiller schrieb das Gedicht 1785, vier Jahre vor der Französischen Revolution. Eine spätere Fassung veränderte es noch einmal leicht – in der Erstfassung hieß es »Bettler werden Fürstenbrüder« statt »Alle Menschen werden Brüder«.

Europa
Die Instrumentalfassung von Beethovens Vertonung des Gedichtes wurde schließlich zur Europahymne; aus Gründen der politischen Korrektheit ohne Chor, der ja auf Deutsch hätte gesungen werden müssen; Esperanto als Alternative wurde von der Europäischen Kommission abgelehnt. Gerade habe ich mir die Hymne nochmal angehört. Sie hat mich, der ich mich eher als Europäer denn als Deutscher fühle, wieder zu Tränen gerührt, auch deshalb, weil ja Europa gerade wieder zu zerfallen droht. Nach dem Brexit könnte mit Marine Le Pen auch Frankreich aussteigen wollen, das wäre das Ende der politischen Europa-Idee. Dabei hatte es doch so schön begonnen.

Gefühle sind mächtig
Zu allen Zeiten hat die Freude als das tragende, zu Grunde liegende Gefühl von Frieden, Gemeinschaft, Gemeinsamkeit, Solidarität und Liebe die Menschen bewegt. Wenn wir alles das haben wollen: Gemeinsamkeit, Frieden, Liebe, dann dürfen wir dazu nicht nur politische Strukturen schaffen – oder im Privaten Regeln für die gute Partnerschaft aufstellen, wie etwa die der gewaltfreien Kommunikation – sondern müssen auch dem Gefühl Beachtung schenken, das sie trägt. Die Gefühle sind unser Antrieb, der Kopf schafft nur die Strukturen, in denen sich unsere Gefühle dann bewegen. Ohne Antrieb geht nix. Ohne europäisches Gemeinschaftsgefühl gibt es kein Europa, sondern nur ein Gerangel um Präferenzen. Ohne ein Gefühl der Freude im Zusammensein gibt es trotz allem Bemühen um die Vermeidung von Du-Botschaften und all den anderen guten Regeln kein Liebesglück.


Freude als Weg?
Spiris würden aus solchen Erkenntnissen dann so etwas wie »Freude als Weg« machen. Das führt dann aber leicht zu Beschönigung und Schattenverdrängung, zu einem »Zuckerguss über der Scheiße«, wie das während meiner Körpertherapeutenausbildung hieß. Es ist gut, sich auf die Freude auszurichten, aber nicht gut, sich dabei zu belügen. Fake it until you make it? Das funktioniert erstaunlich gut, hat aber seine Grenzen, individuell ebenso wie kollektiv: Das größte Problem der Seichtspiritualität und Popspiritualität unserer Tage ist der oberflächliche Umgang mit dem positiven Denken. Das ist noch immer so, von Dale Carnegies »Don’t worry« und »How to win friends and influence people«, über die Positivdenker des europäischen New Age der vergangenen vier Jahrzehnte bis zu »The Secret« und all den anderen Zuckergussverkäufern unserer Tage.

Selektive Wahrnehmung
Ich halte die Ausrichtung auf das Positive und Erfreuliche für grundsätzlich gut, denn sie stimmt optimistisch, bewahrt vor Depression und Zynismus und hilft bei der Lebensgestaltung in allen Bereichen – solange man sie nicht benutzt, um sich vor der Wahrheit zu drücken. Unsere Neigung zur selektiven Wahrnehmung (bias) ist nicht grundsätzlich schlecht, sie ist sogar überlebenswichtig, aber sie sollte nicht zu Blauäugigkeit, Verleugnung realer Gefahren und extremer Wirklichkeitsverfälschung führen. Deshalb folgen hier ein paar Worte zum Umgang mit Schmerzen.

Wut, die den Schmerz verdrängt
Hinter einem Zuckergusslächeln steht oft Wut, und unter der Wut der Schmerz über ein unerfülltes Grundbedürfnis. Auch der Aufstand der Wutbürger, der uns den Rechtspopulismus beschert hat, ist ein schmerzgeborener: Der Schmerz darüber, dass unsere technisch und wirtschaftlich so enorm leistungsfähige gegenwärtige Weltkultur Milliarden von Armen, Frustrierten und Gedemütigten hinterlässt. Sie hat den Hunger und die Kriege nicht beenden können und setzt die Naturzerstörung in rasendem Tempo fort. Die gewählten Regierungen erwiesen sich als gefügige Marionetten von Marktkräften, gegen die es angeblich »keine Alternative« gibt.
Doch, es gibt Alternativen! Und damit meine ich jetzt nicht die AfD, und will das an dieser Stelle nicht politisch ausführen, sondern psychodynamisch. Für unsere Psyche wäre die Alternative das Zulassen des Schmerzes. Zum Beispiel darüber, wie demütigend es ist, als Bürger, der doch der Souverän sein soll, in Wahrheit nur eine von Profis manipulierende Figur ist. Eine Figur, die schön brav fair gehandelte Waren einkaufen soll, in das für sie passende Rentenangebot einzahlt und zu Weihnachten mal für eine NGO was spendet, während von den wirklich mächtigen Kräften weiterhin die Natur zerstört wird und die Reste von Sozialstaat aufgerieben werden, weil die internationale Konkurrenz die Länder im Ringen um Standorte und Arbeitsplätze zu Bittstellern vor den globalisierten Wirtschaftsunternehmen macht.

Schmerz als Wegweiser
Individuell bedeutet das, einen persönlichen Angriff erst einmal als solchen zu spüren, den Schmerz zuzulassen und sich auf diese Weise die darin verborgene Energie anzueignen. Das verhindert zum einen die Vernarbung der Wunde, die ja eine Verdrängung ist, zum andern auch das Bedürfnis nach Rache, was ja eine Re-Aktion auf den Angriff wäre, also keine souveräne Aktion, sondern nur ein pawlowsches Reagieren auf den Auslöser. Obwohl ich schon einiges an persönlichen Therapien und spirituellen Schulungen erlebt habe, ist das Annehmen persönlicher Schmerzen und das Verweilen in ihnen, so lange bis sie ihren Schatz preisgegeben haben, sich verwandeln und heilen, auch für mich immer wieder eine Herausforderung. Oder, um genauer zu sein: eine Hereinforderung ins Innere. Die dann aufkommende Freude ist eine andere. Das sind dann wirklich Götterfunken, die ins Himmlische führen, ins Heiligtum.

Das Wesentliche ist einfach
Auch diese Zeile in dem Gedicht von Schiller fiel mir auf: »Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwert geteilt«. Der Mode Schwert? Ja, auch die Moden, das Angesagte’, kann uns abtrennen vom Wesentlichen. Auch in den Therapien und spirituellen Praktiken gibt es Moden, die meist nur anders sind, ohne wirklich neu zu sein und eine Vertiefung zu bieten. Sie sind eher eine Ablenkung, vielleicht sogar ein Abtrennung wie durch ein Schwert, denn das Wesentliche ist immer dasselbe, und es ist sehr einfach. Einatmen, ausatmen, das ist doch nicht so schwierig. Wir werden geboren, und irgendwann sterben wir. Irgendwann einmal hört alles auf, und wir dürfen uns an dem freuen, was jetzt da ist, dann braucht unsere Freude keinen speziellen Auslöser mehr.
Das Wichtigste haben wir geschenkt bekommen: das Leben, die Sinnlichkeit, die Fähigkeit Freude und Schmerz zu empfinden und Zusammenhänge zu verstehen, die Einsicht. Im Bewusstsein dieser Geschenke kann das ganze Leben, mit allen seinen Höhen und Tiefen, eine Ode an die Freude sein.


Wolf Schneider, Jg. 52 Autor, Redakteur, Kabarettist 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie 1975-77 in Asien1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift ConnectionKontakt: schneider@connection.deBlog: www.connection.de


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