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Ausgabe Dezember 2016
Wahres Annehmen und Loslassen. KGS im Gespräch mit dem Buchautor Christian Meyer

Über den Weg in die innere Stille, vertiefende Selbsterfahrung und Meditation – ein Gespräch mit dem Berliner Psychotherapeuten und spirituellen Lehrer Christian Meyer anlässlich seines neuen Buches „Ein Kurs in wahrem Loslassen“.

Thomas Simon-Weidner: Christian, dein neues Buch beschreibt einen Übungsweg zu mehr innerer Freiheit. Gleich am Anfang machst du eine Differenzierung, was die Motivation sich auf den Weg zu machen betrifft. Du unterscheidest dabei zwischen persönlichen Wünschen, Zielen und wirklichen Motivationen. Welche Motivationen sind in deiner Arbeit wirklich tragfähig, und welche Motivationen spiegeln sich da wieder?
Christian Meyer: Es gibt wirklich zwei unterschiedliche Motivationen. Das eine ist das Motiv, das alle Menschen bewegt, nämlich dass sie innerlich mit sich im Einklang sein wollen. Mit sich im Einklang sein, bedeutet lebendig zu sein – mit allen Sinnen lebendig zu sein, zu spüren und zu fühlen. Es kommt dabei darauf an, dass man das spürt und fühlt, was man wirklich selber ist und nicht das, was man sein sollte.
Das zweite Motiv besteht darin, dass der Mensch – und ich glaube alle Menschen – eine noch tiefere Sehnsucht danach hat, ganz zu sein, eins zu sein und wir alle auch eine Ahnung davon zu haben, dass es einen tiefen Frieden und ein tieferes Erfülltsein gibt - eine tiefere Wirklichkeit, ein tieferer Frieden und eine wirkliche Sehnsucht nach Erfülltsein. Viele Menschen nehmen diese Sehnsucht nicht mehr wahr und verschieben sie auf bestimmte Objekte oder Konsum.

Könnte man folglich sagen, das waren auch bei dir die Triebkräfte, auf diesen Weg zu finden - die Psychotherapie zu vertiefen , sich auf inneres Gewahrsein einzulassen, den Weg in die Stille, in die Meditation zu suchen und dann festzustellen, dass dieser Weg tatsächlich ein -wirkungsvolles Instrument ist.
Ja, sicher. Das ist der Grund, warum ich Psychologie studiert habe und Psychotherapeut geworden bin und auf diesem Weg immer wieder mit mir selber gearbeitet habe, immer wieder auf der Suche nach lebendig sein, authentisch sein. Dann habe ich dabei zunehmend entdeckt, dass das lebendig und authentisch Werden das eine ist und dass das Aufwachen und die tiefere Wirklichkeit das andere - und dass beide Hand in Hand gehen.

Das zweite wird oft als die spirituelle Dimension beschrieben. Wenn man sich im asiatischen Raum umschaut, beim tibetischen Buddhismus beispielsweise, dann bekommt man dort sehr gute Anleitungen zur Meditation, was die geistige, spirituelle Ebene betrifft. So heißt es, es ginge darum „die Natur des Geistes zu entdecken“. Wenn man ein bisschen buddelt, findet man auch Stellen, in denen von inneren Dämonen die Rede ist. Du legst den Schwerpunkt deiner Arbeit gerade auf das Einladen der Gefühle und zu lernen, unsere Gefühle zuzulassen, anzunehmen und loslassen zu können.
Das ist schon eine Orientierung, die auch älter ist – die man schon vor acht Jahrhunderten bei Johannes Tauler findet – und es ist vor allem der Weg, mit dem man durch die Gefühle sowohl lebendig wird als auch weitergehen kann zum Aufwachen oder zur Erleuchtung oder wie immer man das nennen will. Es zeigt sich, dass man zum Aufwachen und zur Erleuchtung nicht dadurch kommt, dass man beobachtet und dissoziiert, wie es fast überall in der Meditation gemacht wird, sondern dass man sich vollständig lebendig erfährt, die Gefühle annimmt und sie richtig ausfüllt und sich dadurch selbst immer tiefer entdeckt und die tiefere Wirklichkeit schließlich entdecken kann.

Das ist ähnlich dem Nachbelichten, um den Begriff Licht ins Spiel zu bringen. Es hat ja mit Bewusstsein zu tun, also dass man mit Bewusstsein beobachtet, dass man die Instanz des „Inneren Beobachters“ freundschaftlich annimmt …
… um gleichzeitig sowohl dieser freundliche, liebevolle Beobachter zu sein, als auch der vollständig fühlende, erleidende, aushaltende, sich bewegen lassende und immer tiefer Loslassende zu sein.

Gerade das Loslassen findet sich schon im Titel deines neuen Buches und im Untertitel benennst du dann den Weg durch das Tor des Fühlens. Zu unserem Thema der Meditation und Stille ist mir eine schöne Stelle aufgefallen, wo es um den Weg in die innere Stille geht. Dort heißt es: „Da weitet sich der innere Raum, weil niemand mehr da ist, der etwas ändern will, niemand, der irgendetwas halten möchte, festhalten oder behalten; vielmehr ist man einverstanden mit dem, was war, und einverstanden damit, dass es vergangen ist. … Man spürt, man fühlt, und noch tiefer erfährt man es, dass nichts wirklich ist von all dem, woran man sich eben noch erinnerte und was man sich als Vergangenheit vorstellte.“ Da wird gesagt, dass der Weg ein Prozess ist, der in die Gegenwärtigkeit führt. Das ist wohl der gemeinsame Nenner mit allen, die Meditation lehren – auch innerhalb der Psychotherapie.

Und der Psychologie. Es ist ja so – und das wissen die wenigsten Menschen: Wir haben hier im Abendland, also in Westeuropa, nicht nur die Tradition der Psychotherapie und der Psychotherapeuten, sondern darin enthalten ist auch eine Tradition der Erleuchtung, weil nahezu alle wichtigen Psychotherapeuten im letzten Jahrhundert nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung wollten, sondern weiter gegangen sind, im Grunde Erleuchtung finden wollten. Das ist etwas, was die wenigsten wissen. Jemand wie Fritz Pearls hat ganz konkret geschrieben: Er wollte eine Methode entwickeln, mit der der westliche Mensch aufwachen und Erleuchtung finden kann.

In deinem Buch steht es etwa so formuliert: Um die Fähigkeit ganz drinnen und ganz draußen zu sein (zu beobachten und zu fühlen) zu entwickeln, braucht es in der Praxis eine bewusste Einladung und Annahme der Gefühle. Das macht man ja nicht, weil es so schön ist, Menschen von ihren Gefühlen erzählen zu hören, sondern weil über unsere Gefühle wie Trauer, Leid und Schmerz auch die persönlichen Dramen ins Bewusstsein kommen. Um sie zu erlösen, muss man sie belichten. Erst dann fühlt man sich frei.
Es ist ja so: Wenn man ein Gefühl wirklich ausfüllt, dann merkt man, wie sich der Körper und die Seele lösen, durch das Ausfüllen und zu-Ende-Fühlen eines Gefühls.
Und umgekehrt, jedes Gefühl, das festgehalten, ignoriert, verleugnet und verdrängt wird, macht eine Anspannung und Verkrampfung. Das ist die Alternative. Dazwischen steht die Angst vor den Gefühlen, die Angst vor der Unaushaltbarkeit, und wenn man sich dieser Angst nähert und sie annimmt und nicht davor zurückschreckt, dann lernt man wieder – „wieder“ muss man sagen, denn als Kind konnten wir alle fühlen – das Fühlen und merkt darüber, indem man es ausfüllt, wie man innerlich immer gelöster und weiter wird und dadurch einen immer größeren Zuwachs an Freiheit gewinnt. Je gelöster man sein kann, desto freier fühlt man sich unmittelbar und man ist umso gelöster, je weniger Gefühle man weggedrängt hat. Man wundert sich, dass es nicht immer schon auf der Hand lag und man denkt: Mein Gott, kann ich nicht komplexere Sachen darstellen und etwas intellektuell Befriedigenderes machen? Aber es ist so einfach. Zum Glück weiß man, dass in Wirklichkeit alle Wahrheit einfach ist.

Du schreibst, die aufsteigenden inneren und äußeren Dramen in ihren unterschiedlichen Formen helfen auf dem Weg zu sich selbst. Die eigene Vergangenheit fühlen zu dürfen und zu können heißt, sich selbst innerlich vollständiger anzunehmen. Als letztes möchte ich noch zu einem schwierigen Punkt kommen, wo du zum Thema Sterblichkeit und Tod sagst, es reiche nicht, sich auf den Himmel zu freuen. Kannst du kurz erklären warum.
Es gibt zwei Punkte: Der eine ist, dass das Ich das Bedürfnis nach Kontinuität hat und nach einem Konzept darüber, was sein wird. Je mehr man so einem Konzept anhängt, desto mehr läuft man Gefahr, nicht mehr unmittelbar mit der eigenen Erfahrung verbunden zu sein. Dem, was ich jetzt erfahre, kann ich mich wirklich nur dann ganz zuwenden, wenn ich auf Zukunftsvorstellungen verzichte. Wenn man verzichtet, dann ist dieser Augenblick und diese Erfahrung, die jetzt ist, das einzige, was da ist und dann kann ich mich ihm vollständig überlassen. Sobald ich diese Zukunftsvorstellung habe, ist das Einlassen auf die Gegenwärtigkeit schon eingegrenzt und erschwert.
Als nächster Schritt kommt hinzu: Um mich auf diesen Augenblick, auf diese Gegenwärtigkeit einzulassen, muss ich die Möglichkeit der Leere und des Nichts und des nicht-mehr-Seins akzeptieren. Ich werde mit der Leere konfrontiert und bin ihr ausgesetzt und muss das aushalten. Nur dadurch kann ich in die Leere hinein sinken, nur dadurch kann ich die Tiefe dieses Augenblicks erfahren, weil ich dann in einer Position bin, wo ich mich nicht mehr an etwas festhalte.
Zukunftsvorstellungen haben immer die Wirkung, dass man sich an etwas festhält. Die Menschen, die zur Arbeit gehen, halten sich an der Vorstellung fest, dass sie demnächst im Urlaub schöne Tage haben werden und das rettet sie über die Monate der Arbeit und auch über die Unzufriedenheit hinweg, weil sie etwas haben, an dem sie sich festhalten können.
Mir selbst komme ich nur dann wirklich nahe, wenn ich auf Vorstellungen verzichte und diesen Augenblick jetzt annehme. Und dann bin ich auch mit der Möglichkeit des Nicht-Tuns konfrontiert. Deshalb stelle ich eine Zukunftsperspektive, wenn ich sie denn hätte, in Frage und sage: Stopp, ich will mich jetzt auf den Augenblick einlassen und auch auf die Möglichkeit des vollständigen Nichts. Und darin enthalten ist dann auch die Angst vor dem Sterben. Nicht vor der Vorstellung von Tod, sondern vor dem unmittelbaren Vernichtetsein und der inneren Bodenlosigkeit. Darin enthalten ist aber die größte Chance, endlich mal ganz frei zu werden - indem man in die Leere hinein und durch die Leere hindurch taucht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Meyer, geboren 1952, ist Diplom-Psychologe und spiritueller Lehrer und lebt im Berliner Umland. Seine Arbeit, die Spiritualität und Psychotherapie verbindet, zeichnet sich durch ihre große Systematik, Klarheit und Direktheit aus. Kernpunkt ist die Arbeit mit Gefühlen, deren vollständiges Erleben eine tiefere Schicht des Bewusstseins erfahrbar macht, was letztlich zum Erwachen führen soll. Um möglichst vielen Menschen auf der Suche nach Selbstverwirklichung und innerer Freiheit helfen zu können, gründete er in Berlin das spirituelle Zentrum „zeit-und-raum“, Grunewaldstr. 18, 2. HH, 10823 Berlin. Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.zeitundraum.org

Buchtipp:
Christian Meyer, Ein Kurs in wahrem Loslassen, Durch das Tor des Fühlens zu innerer Freiheit, 352 S., gebunden mit Schutzumschlag, Arkana Verlag 2016


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