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Ausgabe Dezember 2016
Die Erleichterte - Sabine Mehne im Gespräch mit Martin Frischknecht

Seitdem sie an der Schwelle des Todes stand, hat Sabine Mehne keine Angst mehr vor dem Sterben. Die Integration der Nahtoderfahrung forderte der Mutter von drei Kindern viel ab.

Sie haben vor rund zwanzig Jahren im Verlaufe eines gesundheitlichen Zusammenbruchs ein Nahtoderlebnis gehabt. Was ist Ihnen da zugestoßen?
Sabine Mehne: Ich war damals nicht klinisch tot, sondern steckte in einer sehr schweren gesundheitlichen Krise, die später die Diagnose Krebs nach sich zog. Mir ging es über ein halbes Jahr lang richtig schlecht, ich war schwer krank, hatte hohes Fieber und erlitt schwere Schmerzen. Der Verdacht, dass ich Krebs hatte, wurde erwogen, doch die histologischen Befunde waren nicht eindeutig, was für die Mediziner sehr sonderbar war. Für mich war sonderbar, dass ich beim Auftreten der ersten Symptome eine Vorahnung hatte, die lautete, diese Krankheit habe den Tod im Gepäck. Es war eine innere Ansage von derart hoher Intensität, dass es mir nicht möglich war, sie zu ignorieren.

War das ein Traum, eine innere Stimme – was soll ich mir vorstellen.
Ich kenne das von mir. Es ist eine innere Stimme, die eine ganz besondere Präsenz hat. Wenn ich da hinspüre und es sich in seiner Intensität wiederholt, weiß ich, dass ich mich damit befassen muss. Ich war damals 38, also noch recht jung, arbeitete selbständig als Physiotherapeutin, und unsere Kinder waren noch sehr klein. Das heißt, es war sehr unbequem, diese Botschaft zu vernehmen. Im Rückblick bin ich jedoch sehr dankbar, dass ich es ernst genommen habe und die Möglichkeit zu sterben in Betracht zog. Das entsprach auch der Heftigkeit meiner Krankheit, spielte sich aber alles in meinem Innern ab, während ich nach außen hin versuchte, es nicht zu zeigen. Ich wollte stark und tapfer sein, wie man so schön sagt. Aber in mir drin habe ich mich auf die Möglichkeit zu sterben eingestellt, weil ich es mit einer solchen Eindringlichkeit spürte.
Das klingt befremdlich, aber ich konnte nicht anders. Ich habe innerlich Stück für Stück von meinem Leben Abschied genommen, und daraus erkläre ich mir auch, dass ich damals plötzlich aus dem Körper ausstieg. Dieser Ausstieg geschah oben aus dem Kopf. Mit einem Ruck war ich außerhalb meines Körpers. Das Überraschendste war, dass es so leicht und so schnell ging, dass es das Normalste von der Welt war. Und dass ich gleichzeitig, obwohl ich wusste, ich liege da unten und kann auf mich herabsehen, mich lebendiger gefühlt habe als jemals zuvor.
Die Tatsache, dass mein Bewusstsein nicht mehr an meinen Körper gebunden war, schenkte mir eine Form des Bewusstseins und der Freiheit, wie ich sie nie zuvor besessen hatte, die aber so eindeutig, so überwältigend und klar war, dass ich auch heute noch überzeugt bin, dass diese Dimension das eigentliche Leben ist. Außerhalb des Körpers zu sein, schenkte mir dann auch die Erkenntnis, dass ich völlig frei bin und dass ich dieses Thema der Dualität hinter mir gelassen habe. Im irdischen Kontext stecken wir immer in der Dualität. Hell und dunkel, laut und leise, gut und böse – wir leben immer in diesen Unterschieden, und die waren auf einmal alle weg. Es war alles gleichzeitig möglich.

Und doch gab es diese Dualität von Ihnen als Beobachterin und unter sich die Körperhülle, auf die Sie schauten.
Das war in diesem ersten kurzen Moment so. Doch als ich eins wurde mit Licht, war das nicht mehr der Fall. Auf der einen Seite wurde ich vom Licht wie geholt, auf der anderen Seite war es ein riesiger Sog, und es gab überhaupt keine Chance, dem zu entkommen. Dazu hatte ich allerdings auch gar kein Bedürfnis, denn ab dem Moment, in dem ich den Körper quasi hinter mir gelassen hatte, war ich von diesen wahnsinnigen Schmerzen befreit. Ich hatte das Gefühl, diesen Körper gar nicht mehr zu brauchen. Er war abgelegt, wie man einen Mantel ablegt.

Sie lachen, wenn Sie das sagen. Sind Sie auch aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber Ihrer Familie ins Leben zurückgekehrt?
Bevor ich darauf antworte, möchte ich noch ein bisschen von dem Licht erzählen. Das Licht, dem ich begegnet war und in dem ich aufging, ist nicht zu vergleichen mit dem Licht, das uns vertraut ist und wir mit unseren Augen wahrnehmen können. Dieses Licht war alles. Es war die Freiheit, es war die bedingungslose Liebe, und es war für mich eine Gestalt des Lebens, aber eben nicht mehr in einer irdisch gebundenen Form. Dadurch bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir, wenn wir sterben und den Körper verlassen, weiterhin leben, aber in einer anderen Weise, die wir uns im irdisch Gebundenen einfach nicht vorstellen können.

Als Leben würde sich das wohl kaum noch definieren lassen.
Wenn wir nicht in solche bewusstseins-erweiternden Momente finden, ist das, was wir an irdischem Leben haben, für uns alles, was ist. Für mich war das nicht anders. In dem Licht spürte ich auch eine ganz, ganz große Liebe, wie ich sie so auf der Erde nicht kannte, obwohl mein Leben nicht lieblos verlaufen war. Es ist schwer, dafür überhaupt Worte zu finden, denn eigentlich ist es ein sprach- und begriffsloser Raum. Es war auch das Gefühl: Ich bin gut und richtig, so wie ich bin. Das ist auch etwas, was wir uns im Irdischen oft nicht trauen zu glauben oder von uns zu denken: dass wir gut sind, so wie wir sind.
Dieses raum- und zeitlose Sein führte bei mir auch dazu, dass ich tatsächlich das Gefühl nicht losgeworden bin, meine Identität sei mit dem Licht verschmolzen. Das kleine Ich, das wir manchmal auch Ego nennen und von dem viele versuchen, es in der Meditation loszuwerden, dieses Ich ist mit dem Licht eins geworden. Das ist ein Zustand, der ist unbeschreibbar schön.

Sie sprechen von Momenten. Kennen Sie die konkrete Zeit, wissen Sie, wie lange Ihr Nahtod-erlebnis nach irdischem Maßstab gedauert hat?
Wenn ich versuche, es mit meinem Verstand zu rekonstruieren, würde ich sagen, es waren maximal drei Minuten.

Hatte Ihr Nahtoderlebnis denn einen Einfluss auf den Krankheitsverlauf?
Allerdings. Ich würde sogar sagen, dass es für mich der stärkste Heilungsimpuls war. Ich hatte zum Zeitpunkt des Erlebnisses ja noch nicht mal eine Diagnose. Die kam später, und sie lautete: hochmaliges T-Zell-Lymphom, vergleichbar einer akuten Leukämie. Die Therapie der Wahl war eine Knochenmarktransplantation. Die Chancen, damals eine solche Behandlung zu überleben, waren erschreckend tief. Mir wurde später mitgeteilt, dass ich diese Epoche in der kürzestmöglichen Zeit überstanden hatte. Ebenso wurde mir eröffnet, dass in meinem Fall eine Rückfallgefahr von achtzig Prozent bestand. Eine neuerliche Transplantation kam nicht in Frage. Also lebte ich ein Jahr lang mit der Möglichkeit eines Rückfalls, und das wär es dann gewesen.
Erstaunlicherweise war ich in diesem Jahr wenig ängstlich. Ich spürte in mir eine ungeheure Kraft seelischer und geistiger Natur, die mir einen doppelten Boden schenkte – obwohl ich ja damals noch nicht mal wusste, dass ich ein Nahtoderlebnis gehabt hatte. Das habe ich erst vier Jahre später verstanden, als ich in einer TV-Sendung erstmals auf den Begriff «Nahtoderlebnis» stieß und sofort wusste: Das ist es, was dir widerfahren ist.
Aus der Forschung sind viele Fälle bekannt von schweren Unfällen und Krankheiten, die ein Nahtoderlebnis mit sich brachten und wo es ein Unding war, dass diese Menschen überlebt haben. Und trotzdem ist gerade das geschehen. Heute würde ich sagen, sie haben überlebt, weil sie von dieser Kraft getragen wurden.

Habe ich Sie richtig verstanden: Sie brauchten vier Jahre, um zu realisieren, dass Sie nicht verrückt geworden sind, sondern dass Sie ein Nahtoderlebnis hinter sich hatten?
Bei anderen dauert das noch länger (lacht). Heute werden so viele Menschen von der Schwelle zum Tod zurückgeholt, und dennoch will die Medizin davon nichts wissen. Viele trauen sich auch nicht, über das, was sie erlebt haben, zu sprechen, denn sie spüren ganz genau, wem sie das erzählen können und wem besser nicht.
Ich war in den Jahren nach dem Erlebnis schon sehr sonderbar, und mein Mann hat sich große Sorgen um mich gemacht. Ich habe immer wieder in den Himmel geschaut, als wäre es dort. Ich war in der Zeit wie nicht ich selbst. Für uns beide war es dann eine große Erleichterung, als ich vier Jahre später mal wieder nicht schlafen konnte und mehr oder weniger zufällig auf eine Fernsehsendung stieß, in der mehrfach der Begriff «Nahtoderfahrung» vorkam und ich einen Mann von dem erzählen hörte, was mir doch sehr vertraut vorkam. Ich saß in meinem Bett und nickte immer nur. Als wäre für mich ein Fenster geöffnet worden, und ich konnte verstehen.

Beim spirituellen Weg gibt es die Falle oder die Verstrickung, dass man von den Umständen und der materiellen Bedingtheit einer Erfahrung darauf schließt, es müsse daran liegen. Geradezu verbissen wird dann versucht, diese Umstände zu wiederholen, um da wieder hinzukommen.
Auch bei mir habe ich das gespürt. Ein Freund von mir hat sein Nahtoderlebnis bei einem Unfall gehabt. Danach erlitt er wiederholt kleinere Unfälle, traf dabei aber nie mehr dieses Licht. Das ist es, wohin einen die Sehnsucht zieht. Letztendlich will man ja nicht sterben. Man will in dieses wunderschöne Licht kommen, versteht aber offensichtlich noch nicht, dass es nur möglich ist, dort wieder hinzukommen, wenn man sich ganz dem Leben anvertraut.
Wie ich es bei Willigis Jäger lernte, dem Benediktinerpater und Zen-Meister, bei dem ich Schutz und Unterstützung fand: Das Licht, das wir suchen, ist in uns. Das sagt sich so leicht. Ich muss diese Erkenntnis wirklich in mir spüren. Und das ist dann quasi die zweite Erleuchtung. Erst haut es einen aus dem Körper, wird eins mit dem Licht, dann ist man im Körper wieder drin und kommt irgendwann an diesen Punkt, wo man erkennt: Es ist ja immer da, es ist immer in mir. Ich kann machen, was ich will, das Licht ist immer da.

Woher bezieht ein solches Erlebnis seine Evidenz? Sie schätzen selber, dass Ihre Nahtoderfahrung vielleicht drei Minuten dauerte, und diese doch sehr kurze Zeit hat für Sie alles verändert. Was Sie damals erlebt und geschaut haben, ist für Sie klarer und bedeutender als irgendetwas sonst in all den Jahrzehnten davor und danach.
Da möchte ich unterscheiden zwischen einer Nahtoderfahrung und einer Erfahrung der Transzendenz. Es gibt auch Nahtoderfahrungen, bei denen man nicht eins ist mit dem Licht. Das Lichterleben halte ich aber für die alles entscheidende Veränderung. Das erfahren zu haben, war von einer solchen Überzeugungskraft und Intensität, die alles übersteigt, was ich bisher erlebt habe. Ich habe diese Einschätzung in meinem Leben immer wieder überprüft und tue das noch. Doch es bleibt dabei, ich habe es in der Tiefe gespürt, und daher ist es für mich real.

....Die lange Version folgt noch.


Aus Spuren 121 mit freundlicher Erlaubnis des Verlags – www.spuren.ch.

Buchtipp:
Sabine Mehne, Der große Abflug - Wie ich durch meine Nahtoderfahrung die Angst vor dem Tod verlor, 288 S., gebunden mit Schutzumschlag, Patmos Verlag 2016


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