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Ausgabe November 2016
Wege aus der Ohnmachtsfalle. Von Jochen Meyer

Was wir tun können, wenn wir in unseren Beziehungen die Macht abgeben.

Warum lassen sich so viele Menschen in ihren Beziehungen schlecht behandeln? Warum binden sich viele immer wieder an Partner, die sie klein halten, ausnutzen oder hintergehen? Möglich ist dies nur, solange wir anderen zuviel Macht über uns geben. Nehmen wir die Macht wieder zu uns und treten ernsthaft für unsere Bedürfnisse ein, haben wir auch erfüllendere Beziehungen.

Auf dem Empörungs-Trip: Hauptsache, ich habe Recht!
Manchmal kommen Klienten zu mir ins Coaching, die mit ihrer Beziehung unzufrieden sind. Kaum sind sie da, schon beschweren sie sich über ihren Partner. So ist es auch bei Anne (Name geändert): Matthias, ihr neuer Freund, sei distanziert und illoyal zu ihr; er würde sie nicht richtig lieben. Er verbringe manchmal Wochenenden ohne sie, ohne ihr zu sagen, wo er sei. Sie habe den Verdacht, dass er untreu sei, weil er noch mit seiner letzten Freundin Kontakt habe. Natürlich hätten sie auch schöne Zeiten miteinander und im Bett sei es geradezu fantastisch, aber sie wisse nicht, wo sie bei ihm dran sei. Um so mehr Druck sie ihm mache, desto distanzierter würde er. Vielleicht wolle er sie ja gar nicht wirklich? Vielleicht ist er ja beziehungsgestört und könne gar nicht lieben? Anne wirkt rat- und hilflos. Von mir erhofft sie sich Verständnis und dass ich ihr sage, was sie tun soll.
Während ich Anne zuhöre, fällt mir auf, wie empört sie von ihren Erlebnissen berichtet. Sie schildert jedes kleinste Detail mit akribischer Genauigkeit und legt mir eine scheinbar unwiderlegbare Kette von Indizien dafür vor, dass Matthias untreu sei. Während sie erzählt, steigert sie sich immer weiter in ihre Erregung hinein. Sie zittert am ganzen Körper, spricht mit brüchiger Stimme und klagt ihren Freund vor mir an: „Was tut dieser Mann mir an? Wie kann er nur so zu mir sein?“ Ich spüre ihr Entsetzen, doch ich spüre auch: Ihr geht es jetzt nicht um die Lösung ihres Beziehungsproblems – wenn ihr neuer Freund tatsächlich so destruktiv wäre wie sie ihn darstellt, könnte sie ihre Lage durch eine Trennung schnell verbessern. Anne geht es vielmehr darum, ihrer Empörung Luft zu verschaffen. Sie will mich als Verbündeten an ihrer Seite wissen. Unbewusst sucht sie nach meiner Bestätigung, dass sie mit ihrer Wahrnehmung im Recht sei und ihr Freund im Unrecht. Immer wieder möchte sie mich in die Rolle eines Richters bringen, der ihr längst getroffenes Urteil bestätigt und die moralische Hinrichtung ihres Partners legitimiert: „Es stimmt doch, dass mein Freund beziehungsgestört ist? So verhält sich doch kein normaler Mann! Der Typ ist doch echt ein Schwein, oder?“ Doch auf dieses Interpretationsangebot lasse ich mich nicht ein, denn ich sehe ein ganz anderes Thema hinter ihrer Empörung: Anne hat die Macht an ihren Freund abgegeben.
Anne erlebt das Verhalten ihres Freundes als kränkend und verletztend. Sie fühlt sich ohnmächtig – das ist das entscheidende Motiv – und sie versucht, ihre Macht über das Geschehen wiederzuerlangen, indem sie sich zur Richterin aufschwingt und ihren Partner als moralisch unzulänglich herabwürdigt. Wenn sie scheinbar schon keine Macht über ihren Freund ausüben kann, dann ist sie ihm nun zumindest moralisch überlegen – und das fühlt sich gut an für ihr angeschlagenes Selbstwertgefühl.
Wenn du dich länger als fünf Minuten über deinen Partner aufregst, gibst du die Macht an ihn ab!
Die Macht an den Partner abgeben: Das ist ein beliebter Trick, um sich vor der eigenen Verantwortung zu drücken. Das tun wir, wenn wir lieber kneifen als für uns selber einsetzen wollen. Diesen Weg wählen wir, wenn wir lieber ausweichen statt uns einer Auseinandersetzung stellen; wenn wir lieber klein beigeben wollen statt unserem Gegenüber Grenzen zu setzen und selber machtvoll zu sein.

Einige beliebte Formen, wie wir die Macht an unsere Partner abgeben:
sich empören: sich übermäßig über den anderen aufregen
ihn runtermachen, ihn schlechtreden (vor anderen, aber auch im inneren Monolog)
sich über den Partner beklagen („Du bist schuld an meinem Unglück!“)
ihn mit Vorwürfen überziehen
sich zum Richter machen, den moralisch Überlegenen spielen
dem anderen die kalte Schulter zeigen, ihn mit Liebesentzug bestrafen
am Partner rumnörgeln, meckern

Wer selbstbewusst liebt, wird sich nicht über seinen Partner stellen
Anne ist jetzt an einem spannenden Punkt angekommen, was ihre Zusammenarbeit mit mir betrifft. Denn manche Klienten – Frauen wie Männer – steigen aus, wenn ich sie frage, ob sie einen eigenen Anteil am Konflikt haben. Manche brechen sogar den Beratungsprozess ab, wenn ich andeute, dass sie die Macht an ihren Partner abgeben. Nicht alle wollen da hingucken und sich eingestehen, dass sie sich in der Opfer-Rolle eingerichtet haben und sich so selbst um das Glück in der Liebe bringen, denn wer selbstbewusst und aufrichtig liebt, wird sich niemals über seinen Partner stellen. Doch offenbar ist es für manche immer noch leichter, weiter dem Partner die Schuld zu geben und gegen ihn anzukämpfen, als emotional selbständig zu werden und mutig für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse einzustehen.

Wer die Macht an seinen Partner abgegeben hat, kann sie auch wieder zu sich nehmen
Anne ist jetzt klar: Wenn sie an ihrer bisherigen Strategie festhält, wird sie sich nicht weiterentwickeln und in jeder neuen Beziehung das altbekannte Muster wiederholen: Sie wird ihrem Partner die Macht über sich geben und sich selbst in die Ohnmacht schicken. In den folgenden Coaching-Sitzungen überlegt Anne nun, wie sie anders auf Matthias zugehen kann. Ich frage sie, wie sie ihre wichtigsten Bedürfnissen besser erkennen und ihrem Partner mitteilen könnte. Anne beginnt nun, Matthias davon zu erzählen, wie es ihr in den schwierigen Momenten mit ihm geht und was sie sich dann von ihm wünscht: Vor allem ein klareres Bekenntnis zu ihr als seiner Partnerin! Anne stößt dabei immer wieder an ihre Grenzen. Sie merkt, dass sie anfangs weder sich selbst noch ihrem Freund über den Weg traut. Wenn sie ihre „kritischen Punkte“ zur Sprache bringt und sich damit verletzlich zeigt, muss sie all ihren Mut zusammennehmen. Doch anders als befürchtet reagiert Matthias positiv: Er hört ihr aufmerksam zu und bemüht sich deutlich mehr um sie.
Anne nennt ihre neue Strategie „Sich selbst ein guter Anwalt sein“ (statt über den Partner richten); und um so länger sie sich als Anwältin für ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse sieht und lernt, sie ihrem Freund mitzuteilen, verändert sich ihr Gefühl von Unterlegensein. Ihre alte Ohnmachts-Erfahrung – „Ich erreiche ihn nicht, er geht eh nicht auf mich ein, ich kann machen was ich will“ – wird allmählich abgelöst von der Erfahrung, mit ihren Bedürfnissen willkommen zu sein.
Sie merkt, dass Matthias gar nicht so untreu und distanziert ist, wie sie bisher gedacht hat. Da sie ihn nun mit neuen Augen sehen und mit neuem Selbstvertrauen gegenübertreten kann, entsteht eine tiefere Verbindung zwischen ihnen. Beide begegnen sich nun mehr als Partner und müssen einander nicht mehr so feindselig belauern. Auch Annes Selbstbild verändert sich: „Bisher war ich eine Frau, die gegen Männer ankämpfen und um jeden Krümel Liebe fighten musste – jetzt, wo ich meine Wünsche und Ansprüche klarer ausdrücke, fühle ich mich viel öfter ebenbürtig und viel mehr auf Augenhöhe.“ Als sie das Coaching mit mir nach einigen Monaten beendet, fühlt sich Anne Matthias gegenüber stark und eigenständig. Sie muss sich nicht mehr über ihren Freund empören und ihn schlechtreden, um sich selbst überlegen zu fühlen. Anne hat die Macht wieder zu sich genommen, ihre Ohnmacht losgelassen und sich als Frau und Partnerin neu aufgestellt. Das Geschenk ihres mutigen Einstehens für sich selbst ist eine vertrauensvolle Beziehung, mit der sie erstmals glücklich ist und sich auf einem guten Weg sieht.


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. www.jochen-meyer-coaching.de


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