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Ausgabe November 2016
Die goldene Regel. Eine Philosophie der Verbundenheit. Von Christa Spannbauer und Katharina Ceming


„Mag man nun die Welt als ein Gewirr von Atomen oder ein geordnetes Ganzes ansehen, so steht doch so viel fest: Ich bin ein Teil des Ganzen, das unter der Herrschaft der Natur steht; und zugleich bin ich notwendig mit allen mir gleichartigen Teilen in engem Zusammenhang.“ Zu dieser Erkenntnis gelangte der römische Philosoph Marc Aurel bereits vor 2000 Jahren in seinen philosophischen Reflexionen. Auch in den buddhistischen Schriften finden wir die Vorstellung von einem kosmischen Beziehungsnetz, in dem alles miteinander verwoben und wechselseitig voneinander abhängig ist. Was immer in diesem Netz geschieht, hat Auswirkungen auf alles. Und ganz gleich, wo an diesem Netz gezogen wird, gerät unweigerlich das ganze Netz in Bewegung.
„Wenn du glücklich sein möchtest, übe dich in Mitgefühl.“ S.H. der Dalai Lama
Was die Weisen aus Ost und West immer schon wussten, bestätigen uns heute neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft. Die Welt enthüllt sich als ein integrales Ganzes, als ein Lebensnetz, das auf Verbundenheit, Kooperation und gegenseitiger Abhängigkeit basiert. „Jedes Atom ist mit jedem Atom in diesem Universum verbunden“, schlussfolgerte der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr.
Weshalb aber dringt dieses ganzheitliche Weltbild, das bereits seit der Antike bekannt ist und von den modernen Naturwissenschaften in weiten Teilen bestätigt wird, so wenig in unser Alltagsbewusstsein vor? Weshalb fühlen wir uns in einer Welt der Verbundenheit oft so grundlegend von der Welt und unseren Mitmenschen getrennt?

Frei und verbunden
Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit dem vorherrschenden Weltbild zu tun hat, dessen Fundament von der Aufklärung im 17. Jahrhundert gelegt wurde und das bis heute unser gesellschaftliches Denken dominiert. Weit weniger als Verbundenheit wird von diesem die Individualität des Menschen betont. Und seien wir ehrlich: Wir sind ja auch mächtig stolz auf unsere Unabhängigkeit. Und wir glauben so gerne, dass wir unser Leben in eigenen Händen halten und selbstbestimmt und frei leben könnten. Dass wir dabei jedoch grundlegende Abhängigkeiten übersehen, darauf weist der buddhistische Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck hin: „Wir sind verkörpert in einem Leib, der zusammengesetzt ist aus transformierten Pflanzen und Tieren, der kaum fünf Minuten ohne Luft auskommt, nicht lange ohne Wasser und der in seinem Lebensumfeld völlig abhängig ist von anderen Menschen und der Natur.“
Oft ist es eine ernsthafte gesundheitliche Krise, die unserer Selbstüberschätzung einen Dämpfer verpasst und uns bewusst macht, in welchem Ausmaß wir auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen sind. Und wir erkennen, was Marc Aurel damit gemeint haben könnte, als er sagte: „Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten.“ Denn wer sich eingebunden weiß in die Gemeinschaft der Menschen, wer sich dankbar behütet fühlt, wer seine Wurzeln in einer lebendigen Gemeinschaft von Familie, Partnerschaft und Freundschaft hat, der erhält Zugang zu den wahren Glücksquellen des Lebens: Geborgenheit und Liebe.

Ein Teil des Ganzen
„Denke ich also nur daran, dass ich ein Teil eines solchen Ganzen bin, so werde ich mit allem, was sich ereignet, zufrieden sein. Sofern ich aber mit den mir gleichartigen Teilen in enger Verbindung stehe, werde ich nichts gegen das Gemeinwohl tun, vielmehr werde ich, mit steter Rücksicht auf meine Mitmenschen, mein Streben ganz auf das allgemeine Beste richten.“ In den Worten von Marc Aurel zeigt sich ein dankbarer und zugleich empathischer Mensch, der das Gemeinwohl aller im Auge behält. Wer diese Verbundenheit verstanden hat, kann gar nicht anders, als sich tatkräftig für die Welt und seine Mitmenschen einzusetzen. Er weiß: Alles, was wir tun, aber auch das, was wir nicht tun, hat Auswirkungen auf das Ganze. Diese Erkenntnis wurde von allen Religionen und Kulturen in ein ethisches Fundament gegossen: die sogenannte Goldene Regel, die über alle kulturellen Unterschiedlichkeiten hinweg Bestand hat, und die in der Erkenntnis wurzelt, dass das Glück des anderen zum eigenen Glück und dessen Leid zum eigenen Leid führt. Der chinesische Philosoph Konfuzius beschrieb sie mit den folgenden Worten: „Was du selbst nicht wünschest, das tue auch nicht anderen an“, der griechische Philosoph Thales von Milet forderte: „Indem wir niemals das tun, was wir an andern tadeln“, und Buddha drückte das Gleiche mit den Worten aus: „Tue anderen nichts, was dir Schmerzen verursachte, würde es dir getan.“

Von Dankbarkeit und Mitgefühl
Doch wie können wir das, was wir erkannt haben, im Alltag umsetzen, sodass es in unserem Leben Gestalt annehmen kann? Der amerikanische Zen-Meister Bernard Glassman entwickelte hierfür ungewöhnliche, wenn auch höchst wirksame Methoden, um Menschen in diese Erfahrung von Verbundenheit zu führen. In Street-Retreats schickt er diese eine Woche auf die Straßen der Großstädte, wo sie ohne Geld und nur mit dem bekleidet, was sie am Körper tragen, das Schicksal von Obdachlosen teilen. Durch die Erfahrung, gänzlich auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, erfahren die Teilnehmer am eigenen Leibe, was Dankbarkeit ist. Nie mehr, so sagen sie anschließend, würden sie seitdem gedankenlos an einem obdachlosen Menschen vorübergehen. Gewachsen sei mit dem Gefühl der Verbundenheit auch das Gefühl von Verantwortung für andere und die Bereitschaft, für ihr Wohlergehen einzutreten. Deutlich wird: Je weniger getrennt wir uns von unseren Mitmenschen fühlen, desto selbstverständlicher ist es, uns für diese zu engagieren. Je tiefer wir das Leid und die Freude eines anderen Menschen am eigenen Leib spüren und nachempfinden können, desto entschiedener werden wir versuchen, sein Leid zu lindern und seine Freude zu fördern.
Denn das ist es doch, was die Weisen aus Ost und West uns seit jeher lehren und was von der aktuellen Glücksforschung bestätigt wird: Indem wir das Glück anderer fördern, werden wir selbst glücklich. Indem wir anderen helfen, helfen wir uns selbst. Der Dalai Lama gibt uns hierfür das Erfolgsrezept mit auf den Lebensweg: „Wenn du glücklich sein möchtest, übe dich in Mitgefühl.“


Die Autorin Prof. Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg sowie freiberufliche Seminarleiterin und Publizistin. Als Philosophin geht sie in ihren Veranstaltungen und Publikationen besonders der Frage nach, was ein gutes Leben ausmacht. www.quelle-des-guten-lebens.de
Die studierte Literaturwissenschaftlerin Christa Spannbauer ist Journalistin und Filmemacherin. In ihren Publikationen arbeitet sie an gesellschaftsrelevanten Themen. So verfasste sie gemeinsam mit Gerald Hüther das Buch „Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen“ und mit Konstantin Wecker „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“. Weitere Informationen unter www.christa-spannbauer.de.

Buchtipp:
Christa Spannbauer / Katharina Ceming, Denken macht glücklich. Wie gutes Leben gelingt; 184 S., Flexbroschur, € 12,99, Europa Verlag 2016


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