aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe November 2016
Liebe sein. Kann man Liebe bekommen und geben? Oder sogar einfach nur sein? Von Wolf Schneider



Was Liebe ist, darüber haben sich schon viele Philosophen den Kopf zerbrochen, die Scherben dieser Versuche liegen seit 2.500 Jahren auf den Treppenabsätzen und in den Mülltonnen der Kulturgeschichte herum. In den Künsten hingegen ist das Thema so zentral, dass kaum ein Roman oder Spielfilm ohne eine Liebesgeschichte auskommt, bei Schlagern geht es sowieso nicht ohne. Und was macht die noble Wissenschaft? Die hat das Thema, man staune, noch kaum erforscht. Obwohl unser Glück oder Unglück, unsere Höhenflüge und Abstürze doch von unserem Liebesleben abhängen wie von nichts anderem. Zu lieben und geliebt zu werden ist uns wichtiger als Geld, Anerkennung und Sicherheit … sagen wir den Meinungsforschern, wenn wir gefragt werden, denn wer will schon als Materialist dastehen. Unser Alltagsleben sieht jedoch eher anders aus. Da suchen wir Sicherheit, wollen Recht behalten und schotten uns ab vor Situationen, in denen wir in Frage gestellt werden.

Die mystische Dimension
Bisher haben die Philosophen und Psychologen, die sich mit der Liebe beschäftigt haben, eher vom Geben und Nehmen gesprochen als vom Sein. Wenn du Liebe bekommen willst, musst du sie geben, sagen sie. Gib, was du dir am meisten wünschst, dann wirst du es bekommen! Oder auch, mit Jesus: Geben ist seliger denn Nehmen. Oder: Mache dich empfänglich für das Glück, den Sonnenschein und die Luft, die du gratis atmen darfst; die Natur liebt dich, sei dir dessen gewahr, dann wirst auch du zu einem Liebenden – und je mehr du davon gibst, umso mehr wird sie. Die Liebe ist kein Nullsummenspiel.
Das ist alles irgendwie richtig. Wir können uns zwischen Haben und Sein entscheiden und zwischen einerseits der Angst und Suche nach Sicherheit, andererseits dem Vertrauen und Austausch von Liebe. Aber es gibt noch eine tiefere Dimension der Erfahrung von Liebe, die neuerdings immer mehr zur Sprache kommt, und das ist die mystische: Wir können Liebe sein. Wie denn? Das ist nicht so leicht zu sagen. Wie alles Mystische können wir es nur andeuten. Das will ich jetzt versuchen.

Dissoziation
Etwas zu sein bedeutet, die eigene Ich-Identität in etwas hineinzugeben. Ich erlebe etwas und empfinde dann, dass ich das bin. Ich nehme es geistig an mich, in mich hinein, in meinen Weltinnenraum; ich identifiziere mich mit dem Objekt und bin das dann. Auch wenn wir wütend, traurig oder verzweifelt sind, können wir das sein; wir sollten es vielleicht sogar sein, denn andernfalls geschieht das, was Psychologen »Dissoziation« nennen, das Sich-Abspalten von etwas Eigenem. Ich empfinde etwas, sage etwas, tue etwas und habe dabei doch das Gefühl, dass ich das nicht bin. Etwas anderes kommt durch mich hindurch. Manche Menschen empfinden das als höchst spirituell, als himmlische Eingabe, gechannelte Botschaft oder Führung durch die Hand Gottes. Psychologen hingegen empfinden das eher als Abspaltung, als eine Ablehnung von Verantwortung: Das erwachsene Ich kollabiert, es drückt sich vor etwas Unangenehmem, das es nicht integrieren kann und regrediert in das kindliche »Ich kann nichts dafür«.

Die Bevorzugung
Liebe zu sein, wie wunderbar, wer wollte das nicht? Wer wollte nicht als engelhaftes Wesen durch die Welt schweben und nur Gutes aussenden? Damit das aber nicht zur Abspaltung von unerwünschten Anteilen der Persönlichkeit wird, müssen wir den Liebesbegriff ausdehnen und auch zu unseren negativen Gefühlen, zu unserer Wut und Trauer sagen: Auch das bin ich! Auch Trauer und Wut und all die anderen negativen Gefühle können ein Ausdruck der kosmischen Liebe sein. Das ist dann zwar »undifferenziert«, aber es entspricht der mystischen Wahrnehmung, eingebettet und eingewoben zu sein in das Ganze, und zum Beispiel auch dem Pantheon der hinduistischen Götterwelt und der griechischen Antike, wo ja nicht nur Aphrodite und Lakshmi als göttlich gelten, sondern auch die Zerstörer Mars und Shiva.
Wenn wir dann innerhalb dieses Pantheons an Gefühlen und menschlichen Strebungen die Liebe als etwas von den Untugenden Getrenntes bevorzugen wollen, müssen wir das individuell Trennende mit dem ganzheitlich Vereinenden in Einklang bringen. Erst dann können wir sagen: Ich bin Liebe, ohne dabei der Abspaltung, Dissoziation und Friede-Freude-Eierkuchen-Spiritualität anheim zu fallen.

Ganz werden
Etwas zu bevorzugen ist voll okay. Bevorzugen, Beurteilen, Wählen und Entscheiden, das sind nicht etwa »unspirituelle« Verhaltensweisen, sondern im Gegenteil, alles das ist für unser körperliches, emotionales und geistiges Leben unentbehrlich. Lebenskunst, echte Spiritualität und Weisheit bestehen darin, alle diese wählerischen und insofern trennenden, das nicht Gewählte ablehnenden Akte auf dem Hintergrund eines größeren und sogar allumfassenden Ganzen zu tun. Menschen früherer Zeiten nannten diesen Hintergrund manchmal die religiöse Dimension, heute nennen wir es eher die spirituelle oder transzendente Dimension.
Und da unter allen Tugenden die Liebe als die größte gilt, wollen wir Zeitgenossen des 21. Jahrhunderts nun nicht mehr nur Liebe geben und empfangen, sondern zur Liebe werden und Liebe sein. Wir wollen eine Bevorzugung ohne Abspaltung. Wir könnten das die Quadratur des Kreises nennen, die Verwirklichung von etwas logisch Unmöglichem. Oder auch Individuation, wie C.G. Jung es nannte: Da kommt die Persönlichkeit zu sich, wird ganz und vereint in sich alles, was auch außerhalb von ihr ist. Dann ist jeder von uns sehr verschiedenen Wesen »das Ganze«.

Das Koan der condition humaine
Oft kommt mir diese Frage vor wie das größte aller Rätsel des Menschseins, der condition humaine: Wie können wir als einzigartige Wesen, die keinem anderen gleichen, doch das Ganze sein? Wenn das gelingt, lieben wir uns selbst und damit alle anderen, weil wir wissen, dass wir jeder und alles andere auch sind. Wir erkennen einander im anderen und sogar in den Dingen, denn auch die Dinge sind Teile des Ganzen – organische und anorganische Materie gehen ineinander über, Leben und Tod, Wachheit und Schlafen, sogar Liebe und Lieblosigkeit. Liebe ist nur eine Chiffre für Zuwendung und das sich im Zugewandten Erkennen, es ist wachgekitzelte Lebenslust, Hingabe, Freude und prickelnde Dankbarkeit.

Zu leben heißt zu lieben
Wir können es nicht vermeiden: Zu leben heißt unausweichlich auch zu lieben – wenigstens das zu lieben, was wir vom großen Ganzen jeweils gerade wahrnehmen können. Das ist an dunklen Tagen vielleicht nur ein sehr kleiner Ausschnitt, aber auch dieser kleine Ausschnitt ist nur lebbar mit Akzeptanz und Hinwendung, also Liebe. Und wir können diesen Ausschnitt erweitern. Unsere Liebe kann größer werden, weiter, sogar allumfassend, und sie braucht in dieser Größe nicht auf persönliche Bindungen zu verzichten. Die Einschränkung einer persönlichen Bindung, des sich Vorbehaltens von Liebesbezeugungen auf nur wenige Menschen, nur einen oder eine Gruppe, ein Wir, ist zwar ein vordergründig logischer Widerspruch zur allumfassenden Liebe, aber sie ist lebbar. Sie ist für unser Wohlbefinden sogar nötig. Die Beheimatung in einer solchen persönlichen Liebe, zumindest erstmal zu sich selbst, ist eine gute - ich meine sogar notwendige - Bedingung für das Aufblühen der grenzenlosen Liebe.



Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift „Connection“.
Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.