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Ausgabe Oktober 2016
Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit. Von Maike Wittorff

Die Aufarbeitung eines traumatischen Erlebnisses drängt an bis ans Ende des Lebens. Für die Bewusstwerdung und damit verbundene Befreiung ist es nie zu spät. Zwei Fall-Beispiele:

Eine 42-jährige schwarzhaarige und glutäugige Patientin konsultierte mich wegen einer dramatischen Ehekrise. Direkt nach der ersten Einnahme ihres intersystemisch-homöopathischen Arzneimittels hatte sie einen Traum. Obwohl sie sich eigentlich nie an Träume erinnerte, hatte dieser ihr noch den ganzen Tag lebhaft vor Augen gestanden:
Sie war zu einem Fernsehinterview eingeladen und bekam einen sehr leckeren bunten Cocktail mit Früchten angeboten, den sie freudig annahm. Dann sagte die Journalistin vor laufender Kamera zu ihr: „Alkohol war ja schon immer ein Problem in Ihrer Familie. Kein Wunder, dass es Ihnen so gut schmeckt. Ihr Vater hatte ja auch ein Alkoholproblem.“ Die schöne Patientin hätte vor Scham und Wut mit samt ihrem Cocktail in den Boden versinken können, so bloßgestellt fühlte sie sich. Sie ging niedergedrückt und wutentbrannt nach Hause, im Traum ein großes, schwarzes Haus, in dem ihre Mutter, die das Interview gesehen hatte, auf sie wartete und sie mitfühlend in ihre Arme schließen wollte. Die Patientin konnte den Trost aber nicht annehmen, da ihre Mutter sie in ihrer Kindheit nicht vor der Gewalt ihres alkoholisierten Vaters hatte schützen können, und sie deshalb schweren Groll gegen sie hegte. Sie schloss sich in diesem großen schwarzen Haus in ihr Zimmer ein. Einsam, wütend und traurig wachte sie aus dem Traum auf. Im nächtlichen halbwachen Zustand dachte sie: „So kann der Traum nicht enden!“ und schlief wieder ein. Wundersamerweise setzte sich der Traum fort: Sie öffnete die verschlossene Tür ihres Zimmers, ließ sich von ihrer besorgten Mutter trösten und versöhnte sich mit ihr.
Die Patientin litt an einer sogenannten narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Sie war mit ihren Erlebens- und Verhaltensmustern in ihrer frühen Kindheit - geprägt durch die Gewalt des Vaters und die Hilflosigkeit und Abhängigkeit der Mutter ihm gegenüber - in ihrer seelischen Entwicklung stehen geblieben.
In ihrer Ehe reagierte sie auf die kleinsten Unstimmigkeiten mit bösartigen Wutanfällen; sie war extrem verletzbar und bezog alles auf sich - typische Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeit. Durch ihre aggressiven Durchbrüche verletzte sie ihren Ehepartner immer wieder sehr, so dass ihre Ehe auf Messers Schneide stand. Sie hatte schon sehr viel an sich gearbeitet, eine ausführliche Psychotherapie unternommen, doch diese destruktiven Ausbrüche liefen wie eine nicht aufzuhaltende Naturkatastrophe ab. Sie konnte sich quasi selbst dabei zuschauen, wie sie damit ihre Ehe zerstörte, und doch nicht davon lassen. Immer wenn sich eine größere Nähe und Intimität mit ihrem Ehepartner herstellte, besonders nach gutem Sex, kamen die alten Kindheitsgefühle des Ausgeliefertseins und der hilflosen rasenden Wut mit aller Macht an die Oberfläche. Sie war wie in einer Zeitmaschine in die Kälte und Gewalt ihrer Kindheit zurück katapultiert; hilflos diesen alten Gefühlen ausgeliefert, die sie dann wiederum an den Menschen, die sie am meisten liebte, auslebte.
Die charmante und schöne Patientin saß mit Tränen in den Augen zusammen mit ihrem mittlerweile verzweifelten, verletzten und zu Recht aufgebrachten Ehemann, der ernsthaft eine Trennung erwog, vor mir, und beide wussten sich keinen Rat mehr. Er liebte sie nach wie vor, nur konnte er ihre destruktiven Verhaltensweisen nicht länger ertragen, eine Trennung aus Selbstschutz, wie er es nannte, stand im Raum. Die Situation schien, trotz der zwischen den Ehepartnern bestehenden Liebe, verfahren und hoffnungslos.
Ich gab der Patientin ihr intersystemisch-homöopathisches Arzneimittel, in dem Fall das Arzneimittel des Vaters, der ja diese verheerenden Spuren in ihrer Seele hinterlassen hatte. Danach hatte sie den oben beschriebenen Traum.
Als sie sich das nächste Mal mit ihrer Mutter traf, schaute sie „rein zufällig“ alte Fotos aus ihrer Kindheit an und ihr fiel auf, dass sie ihren Vater nicht mehr nur negativ und abweisend betrachtete wie sonst immer. Sie konnte ihre rasende Wut loslassen und Gefühlen wie Zärtlichkeit und Verzeihen einen Platz einräumen.
Nachdem sie sich mit ihrer Mutter im Traum ausgesöhnt hatte, konnte sie denselben Vorgang im Wachbewusstsein mit ihrem Vater vollziehen und somit endlich die alten Wunden schließen und damit der Vergangenheit angehören zu lassen. So hatte sie Raum geschaffen im Hier und Jetzt für neue positive Gefühle und hing nicht mehr in der ewigen Zeitschleife der Wiederholung negativer Gefühle fest.

Heilung durch Perspektivwechsel
Eine Patientin ruft mich voller Panik aus den Ferien in Südfrankreich an. Ihr ist schwindelig, ihr Kreislauf ist zusammengebrochen und sie fragt mich, welches Arzneimittel sie nehmen soll. Dies ist mindestens ihr zehnter Anruf innerhalb von vier Tagen. Beim Schildern der Symptome und der Situation wird mehr und mehr deutlich, dass ihr Körper jedes Mal ein Symptom produziert, wenn sie dabei ist, sich selbst zuwider zu handeln und nicht auf ihre innere Stimme zu hören. In der aktuellen Situation hatte die Bekannte, die mit ihr verreist war, ihr einfach Geld in die Hand gedrückt und mit dem Satz: „Ich fahre nicht gerne Auto“ von ihr erwartet, in den nächsten Ort zu fahren, um den kompletten Einkauf für sechs Feriengäste alleine zu machen. Da sie es nicht fertigbrachte, Nein zu sagen, produzierte sie mithilfe ihres Körpers einen kleinen Kreislaufzusammenbruch, sodass sie nicht fahren konnte. Sobald dieser Zusammenhang in unserem Gespräch klar und bewusst wurde, gekoppelt mit der Aufforderung meinerseits, auf die Signale ihres Körpers zu hören, verschwand das Symptom. Unser Körper übersetzt uns quasi buchstäblich, was unsere Seele sagen will, wenn der Zugang zur emotionalen Wahrnehmung wegen innerer Konflikte versperrt ist und wir von unserem Weg abkommen.
Doch es ist notwendig, unserem Körper nicht nur zuzuhören, sondern auch danach zu handeln. Eine immer wiederkehrende Übelkeit in bestimmten Situationen, ein Krankwerden an bestimmten Orten oder der Umstand, sich dreimal hintereinander das Bein zu brechen, verlangt nach Erklärung und neuen Wegen. Es geht auch auf dieser Ebene darum, zuzuhören, aufmerksam zu sein, aber gleichzeitig mit Selbstvertrauen und Gottvertrauen nicht in der Reaktion auf unsere Umwelt verhaftet zu sein.
Unser Körper hilft uns auf diesem Weg, er sendet uns Signale z.B. in Form von Symptomen und kann uns, wenn wir sie zu deuten verstehen, von manchem Irrweg abhalten. Unser Körper ist das Haus in dem wir leben, er ist immer unser Freund und Wegweiser und ist ein Sprachrohr für die Seele.
Die ärztliche homöopathische Behandlung unterstützt die Heilung unter anderem durch einen Vorgang, der im Konstruktivismus Perspektivwechsel genannt wird. Zur Herbeiführung einer gezielten Veränderung in der Wirklichkeitskonstruktion eines Menschen muss man zunächst diese Wirklichkeit zu erfassen suchen. Unmittelbare Befragung hilft hier kaum. Jede Beschreibung setzt ja ein Heraustreten aus dem Rahmen des zu Beschreibenden voraus; mit anderen Worten: Um deren Beschreibung geben zu können, müsste der Betreffende außerhalb der von ihm konstruierten Wirklichkeit stehen und sie daher bereits als eine unter anderen möglichen sehen. Gerade dafür aber sind wir selbst blind und bedürfen deshalb eines Anderen.
Die Aufgabe, dieser Andere zu sein, der außerhalb der vom Patienten konstruierten Wirklichkeit zu stehen und diese zu spiegeln vermag, fällt dabei dem homöopathischen Arzt zu, um damit neue Bewältigungsstrategien für ein Krankheitsbild, eine scheinbar unlösbare Situation zu entwickeln. Durch diese Spiegel- und Umdeutungsfunktion, gekoppelt mit einer homöopathischen Arznei, die den Zustand des Patienten in seiner Komplexität abbildet, kann der Patient neue Wege der Problemlösung beschreiten: Similia similibus currentur, Ähnliches sollte mit Ähnlichem geheilt werden, lautet der Grundsatz der Homöopathie. Diesen in einem System vorgeprägter dysfunktionaler Muster fixierten Menschen gilt es mithilfe von Umdeutung einen Wandel, eine Neuausrichtung, einen Perspektivwechsel zu ermöglichen. Die Technik der Umdeutung ist keine neue: Visionäre Unterhändler und Diplomaten benutzen sie von alters her. Sie bietet nicht nur im politischen und gesellschaftlichen System, sondern auch im persönlichen oder im Familiensystem, konstruktiv genutzt, eine Möglichkeit, Lösungen von scheinbar unlösbaren Situationen aufzuzeigen und zum Wohle aller umzusetzen.

Aus: Maike Wittorff, „Heilung beginnt mit Liebe“, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages




Die Autorin Maike Wittorff studierte Medizin und Politologie in Berlin, USA und England. Ausbildung in klassischer Homöopathie, Ohrakupunktur, Hypnotherapie und Tanz. Journalistische, wissenschaftliche, Lehr- und Vortragstätigkeit in England, Schweiz, Griechenland und USA. Seit Jahrzehnten niedergelassen in eigener Praxis in Berlin, jetzt auch in London. 2 Kinder.

Buchtipp:
Dr. med. Maike Wittorff: Heilung beginnt mit Liebe - oder der Ausstieg aus der Täter-Opfer-Spirale
Der neue, hier vorgestellte intersystemisch-homöopathische Behandlungsansatz (ISHT) bietet durch die Heilung auch alter, sogar generationsübergreifender Wunden die Möglichkeit aus der endlosen Wiederholung einer Täter-Opfer-Dynamik herauszufinden.
192 S., Broschur, 14,95 €, J. Kamphausen Verlag 2014


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