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Ausgabe Oktober 2016
Sei gut zu dir! Über die Kunst der Selbstliebe. Von Christa Spannbauer


„Niemanden behandeln wir so schlecht wie uns selbst“. Zu diesem überraschenden Schluss kommt die amerikanische Psychologin Kristin Neff in ihren Studien über Selbstmitgefühl. Die Forschungsergebnisse aus diesem neuen Wissenschaftsgebiet belegen, dass Menschen, die gut für sich selbst sorgen, sich weit schneller von Lebenskrisen erholen, weniger zu Ängsten, Depressionen und Burn-out neigen und über mehr Selbstvertrauen verfügen. Erst eine gesunde Portion Selbstliebe verleiht uns offenbar die nötige Gelassenheit und innere Stärke für die Bewältigung des Alltags und befähigt uns dazu, unser seelisches Gleichgewicht auch in den Stürmen des Lebens nicht zu verlieren.
Doch seien wir ehrlich: Oft sind wir genau davon meilenweit entfernt. Es fällt uns in unserem täglichen Leben erstaunlich schwer, fürsorglich und rücksichtsvoll mit uns selbst umzugehen. Anstatt uns in schwierigen Zeiten tröstend zur Seite zu stehen, ignorieren wir unsere Gefühle und strengen uns nur noch mehr an, um reibungslos zu funktionieren. Anstatt unser Bedürfnis nach Ruhe ernst zu nehmen, jagen wir uns noch eine weitere Runde durch den geschäftigen Alltag. Und während wir dafür sorgen, dass es den Menschen um uns herum gut geht, vergessen wir nur allzu oft uns selbst. Kein Wunder also, dass wir uns oft so erschöpft und überfordert fühlen.

Weshalb uns Selbstfürsorge so schwer fällt
Dabei wäre unser Leben so viel leichter, wenn wir uns in schwierigen und schmerzhaften Situationen Mitgefühl und Fürsorge entgegenbringen könnten. Wenn wir uns, anstatt uns selbst anzuklagen und zu kritisieren, selbst so behandeln würden, wie wir es mit geliebten Menschen tun. Die wir ganz selbstverständlich in den Arm nehmen, sie trösten und ihnen Mut zusprechen. Warum geben wir uns nicht die Wärme und Zuneigung, die wir unseren Kindern, Partnern und Freundinnen so freigiebig verschenken? Weshalb lassen wir uns gerade dann, wenn wir unser Mitgefühl am dringendsten bräuchten, immer wieder selbst im Stich?
Meist ist die Ursache dafür in frühen Prägungen und übernommenen Glaubenssätzen zu finden, die bis heute unser Leben bestimmen. Wir haben die kritischen Stimmen unserer Eltern und frühen Bezugspersonen verinnerlicht, und zwar so tief, dass wir meinen, es wären unsere eigenen. Und immer noch gehorchen wir diesen Stimmen, die uns ständig einreden, dass wir so, wie wir sind, nicht gut genug wären, und die uns dazu antreiben, ein anderer, ein ‚besserer‘ Mensch zu werden.

Wie wir gut für uns selbst sorgen können
Ist es möglich, diese alten Muster der Selbstzweifel und Selbstvorwürfe aufzulösen und im Gegenzug Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge einzuüben? Die moderne Hirnforschung ebenso wie die Positive Psychologie beantworten diese Fragen mit einem klaren Ja. Selbstliebe, auch wenn sie uns nicht mit der Muttermilch eingeflößt wurde, können wir jederzeit erlernen und nachholen. Die Hirnforschung spricht in diesem Zusammenhang von der „Neuroplastizität“, also der Formbarkeit des menschlichen Gehirns. Diese macht es möglich, dass wir bis ins hohe Alter negative Verschaltungen mit neuen positiven Erfahrungen überschreiben können, pessimistische Glaubenssätze mit optimistischen ersetzen und kritische innere Stimmen durch liebevolle ersetzen können. Machen Sie sich bewusst: Schon ein Augenblick, in dem wir mitfühlend und liebevoll mit uns selbst umgehen, kann unseren ganzen Tag verändern. Und viele solcher Momente können unserem Leben eine ganz neue Richtung geben.

Oasen der Selbstfürsorge
Der amerikanische Psychologe Christopher Germer empfiehlt, sich kleine Oasen der Selbstfürsorge und Rituale der Selbstliebe im Alltag zu schaffen. Er rät, bewusst Dinge zu tun, die unseren Körper entspannen, unseren Geist anregen, unsere Seele nähren. Gut für sich selbst zu sorgen, macht unser Leben und das der Menschen um uns herum reich und erfüllt. Und es bewahrt uns in schweren Zeiten davor auszubrennen. Psychologische Studien belegen, dass Menschen, die sich selbst verwöhnen können, über weit mehr Ressourcen und Widerstandskräfte verfügen als Menschen, die sich immer antreiben und an der kurzen Leine halten.
Denn genau das ist ja der folgenschwere Denkfehler, dem wir immer wieder aufsitzen: Wir glauben, dass wir mit unserer Fürsorge für uns selbst anderen etwas wegnehmen und diesen nicht mehr gerecht werden würden. Und wir glauben, dass wir uns selbst nicht so wichtig nehmen sollten. Dabei wäre unser Leben um so vieles leichter, wenn wir genau dies täten: uns selbst wichtig nehmen. Denn ja, wir sind wichtig! Sehr wichtig sogar! Wir sind der einzige Mensch auf der ganzen Welt, mit dem wir unser gesamtes Leben verbringen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Vom ersten Atemzug bis zum letzten. Was also spräche dagegen, uns selbst die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, die wir verdient haben? Unsere Einzigartigkeit zu erkennen, uns selbst anzunehmen und wertzuschätzen und mit uns so umzugehen wie mit unserer besten Freundin oder unserem besten Freund: warmherzig, fürsorglich und rücksichtsvoll?

Selbstliebe ist der Grundstock jeder Liebe
Alle psychologischen Studien weisen in die gleiche Richtung: Nur wer sich selbst liebt, vermag auch seine Mitmenschen wahrhaft zu lieben. Und nur wer gut für sich selbst und seine Bedürfnisse sorgt, kann auch gut für andere zu sorgen. Selbstfürsorge und Selbstmitgefühl stellen uns die Ressourcen zur Verfügung, die wir für unsere liebevolle Präsenz in der Welt benötigen. Deshalb besteht die Kunst der Selbstliebe zuerst einmal darin, gut für sich selbst zu sorgen. Dies setzt voraus, um die eigenen Kraftquellen und Ressourcen zu wissen und diese im Alltag immer wieder aufzufüllen. Indem wir gut für uns selbst sorgen, finden wir zu mehr Zuversicht, Gelassenheit und Lebensfreude. Jeden Tag ein bisschen mehr. Deshalb: Seien Sie gut zu sich!


Die Autorin Christa Spannbauer lebt als Autorin und Journalistin in Berlin. Zuletzt erschien zum Thema im Verlag Herder ihr neues Buch „Sei gut zu Dir, Die Kunst der Selbstliebe“, weitere Infos auf www.christa-spannbauer.de

Buchtipp:
Katharina Cemig, Christa Spannbauer, Denken macht glücklich - Wie gutes Leben gelingt, Europa Verlag 2016


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