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Ausgabe September 2016
Beitragsreihe 2016 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Agaricus muscarius - Der Fliegenpilz

„So wie ich bin, bin ich ok!“

H. Schäfer: Wie geht es nach der Sommerpause weiter?
Andreas Krüger: Heute möchte ich über agaricus muscarius, den Fliegenpilz sprechen, weil der Fliegenpilz in der Tradition Europas eine Stellung hat, die meiner Meinung nach heute nicht mehr genügend geachtet und gewertet wird. Heute ist Ayahvasca und Pyote in aller Munde, was für viele in Ordnung sein mag, aber als Menschen unseres Kulturkreises glaube ich, dass wir uns auch den Pflanzen und Stoffen zuwenden sollten, die uns umgeben und die zu unserem Biotop gehören.

Wofür steht der Fliegenpilz?
Der Fliegenpilz steht für den Kontakt zur Erde, zu Feen, zu Zwergen, also im Grunde zu Erdgeistern. Menschen in Arzneiprüfungen mit Fliegenpilz träumen oft von Erdgeistern und nicht von Einhörnern, Kentauren oder Engeln – das machen andere Mittel. Obwohl ich kein Fußballfan bin, habe ich bei der EM die Spiele der Isländer gesehen. Island ist ein Agaricusland, wo viele Sagen und Mythen in das tägliche Leben eingewoben sind, wo Straßen so gebaut werden, dass sie die Wohnräume der Erdgeister nicht stören. Wer einmal in diesem Land war, kennt die magisch-mystische Atmosphäre, die da herrscht. Das Besondere ist, dass sie aus der Erde kommt: Da ist nichts Abgehobenes oder Transzendentales, sondern es geht um Erdgeister und Pflanzengeister, um Trolle und Gnome.

Wer braucht dieses Mittel?
Agarius ist ein wichtiges Mittel für Kinder, die das alles sehen und in unserer normalen weißen Welt scheitern, weil sie mit den Dingen, die diese Welt in Form von Mathematik und Rechtschreibung von ihnen fordert, große Probleme haben. Agaricus nennt man auch Studentenfutter, weil es Kindern hilft, in der Schule besser zu lernen. Wobei man da auch immer fragen sollte, ob die ausgewählte Schule die richtige für das Kind ist. Ich glaube nicht, dass ein zwergen- und feensichtiges Kind in einer normalen Staatsschule optimal aufgehoben ist. Aber vielleicht kann sich ein solches Kind in einer Waldorfschule, in einer freien Waldschule oder einer Montessori-Schule phantastisch entfalten. Ich selber war 13 Jahre lang Walldorfschulvater und vorher zwei Jahre Walldorf-Kindergartenvater und ich kann mich erinnern, dass meine Frau kleine Zwerge produzierte und dass es in jedem Walldorf-Kinderzimmer eine Ecke gab, wo Zwerge in Baumstämmen und Moos wohnten. Sie hießen Hottinger-Zwerge, weil sie von einer Frau entwickelt wurden, die Zwerge sehen konnte. Und die Zwerge sagten ihr, dass es gut sei, wenn sie in den Kinderzimmern und Klassenräumen präsent seien. Diese Kinder haben auch noch gelernt zu reimen. Agaricus hat das Symptom „redet in Stabreimen“. Es ist also ein wunderbares Mittel für Kinder, aber auch für Erwachsene, die vielleicht nicht die Ressourcen haben, die man für diese Welt braucht, aber die dafür wunderbare Antennen haben, um die Naturreiche wahrzunehmen.

Gibt es ein weiteres Symptom für Agaricus?
Man könnte sagen, wenn Stoffe aus einem kulturellen Kontext herausgelöst werden, aus einem Kontext von Traditionen, Erfahrungen oder Begleitung durch die Alten und einfach nur konsumiert werden, können sie gefährlich sein. Das gilt besonders für psychodelische Drogen. Wenn Schamanen früher Agaricus nahmen, haben sie sich mit den Bäumen und dem Moos unterhalten und wurden von Zwergen an Plätze geführt, wo ihnen Geheimnisse offenbart wurden. Man hat in Finnland, wo Agaricus die zentrale Droge der Schamanen war, den Urin von Renntieren getrunken, weil die den Fliegenpilz gefressen hatten. Die sind nicht auf Berge gestiegen oder haben an Bäumen gehangen, sondern die haben sich Erdhöhlen gebuddelt. Es gibt einen wunderbaren Film von Doris Dörrie „Nie wieder Sibirien“. Da geht es um sibirische Schamanen. Wenn die eine Initiation wollten, haben sie eine Erdgrube gebuddelt, sich über Nacht rein gesetzt und dann sind ihnen die Erdgeister erschienen.

Und heute?
Heute gehen wir auf staatliche Schulen und irgend jemand kommt mit psychodelischen Pillen. Wir schlucken die, aber nicht, um Einweihung zu erfahren, sondern um einen Kick zu haben, um Farben zu sehen und dem Alltag zu entfliehen. Aber dann machen diese Drogen mit unserem Gehirn böse Dinge. Die Jugendpsychatrie ist voll mit Leuten, die einfach abgeschossen wurden und von ihren Tripps nicht runter gekommen sind. Und da ist Agaricus ein wichtiges Heilmittel für die, die mit Drogen nicht gut umgegangen sind und die keine kompetente Begleitung hatten und keine Schattenarbeit geleistet haben. In den alten indigenen Kulturen wurden diese Drogen in einem großen Kontext von Fasten, Meditation und Schattenarbeit benutzt. Man traf sich nicht nur mal am Wochenende und kippte sich was hinter die Binde. Wenn diese Menschen auf ihren Tripps hängenbleiben oder noch Flashbacks kriegen, dann ist der Fliegenpilz eines unser wichtigsten Mittel: Folge von LSD-Tripp, Folge von Ayuvasca-Nachwirkungen.


Bei Agarcius geht es also in erster Linie um Erdung?
Ich kenne viele junge Leute, die ihren Kopf mit psychodelischen Drogen abgeschossen haben, aber überhaupt keine Erdung hatten: keinen Sex und kein vernünftiges Essen. Agaricus erdet, ist gut kombinierbar mit Leibarbeit oder mit der Stehübung aus dem Qi-Gong. Wichtig ist, wie Graf Friedrich von Dürckheim sagte: „Wer viel meditiert und keine Schattenarbeit macht, den holt der schwarze Mann von hinten.“ Es nützt nichts, wenn ich mir mit Drogen meine Chakren freischieße, ohne mich immer wieder hinzusetzen und zu fragen: „Wo sind meine Schatten?“

Agaricus ist also ein wichtiges Mittel, um Menschen auf ihrem spirituellen Weg zu helfen.
Und nicht nur da. Agaricus ist auch ein wunderbares Mittel für Menschen, die einen Tick haben, wo etwas am Körper zuckt. Da kann der Fliegenpilz das Nervensystem beruhigen. Unter dem Strich könnte man sagen, dass Agaricus ein optimales Mittel ist, um Menschen in Kontakt zu den Naturkräften und Naturgeistern zu bringen. Es geht in der Homöopathie gar nicht darum, dass wir Dinge wegmachen oder Wunderheilungen vollbringen, sondern es geht darum, dass wir den Patienten helfen, zu sich zu sagen: „So wie ich bin, bin ich ok.“
Letztes Wochenende hatte ich ein Seminar mit Schwitzhütte und Hacka, an dem ein Lehrer teilnahm, der mit seinem Leben sehr unzufrieden war, weil die Kinder keinen Naturkontakt mehr haben, sondern nur noch am Handy hängen und kiffen. Nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, machten wir eine schamanische Potenzialreise, bei der ich die Geister um Bilder bat, was er machen könnte. Es kamen Bilder, wo er mit seinen Kindern in den Wald geht, dort Rituale macht und die Kinder mit den Bäumen sprechen, dass sie Visionssuchen und sogar Schwitzhütten und Hacka machen. Erst war er zögerlich, aber ich konnte ihn überzeugen, dass es die Geister waren, die diese Informationen gaben. Er hatte eigentlich eine Klassenreise nach Hamburg auf die Reeperbahn mit seiner 10. Klasse vor. Dann hat er ihnen von seinem Wochenende erzählt und auch mit seinem Direktor gesprochen und alle fanden die Idee gut. Daraufhin sind sie in den Wald gefahren, haben eine Schwitzhütte gebaut, sich Fliegenpilze angeguckt und Hacka getanzt. Die Kinder waren begeistert. Jetzt ist er einer der ersten Lehrer, die keine Städtereisen mehr machen, sondern mit ihren Kindern in den Wald gehen und Hacka tanzen. Das ist back to the roots.

Fazit?
Ohne starke Wurzeln wachsen keine Flügel.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein neuestes Buch „Heiler und heiler werden – Gespräche über Heilkunst“ erschien im Verlag Simon + Leutner, 2013.

Buchtipp:
Heiler und Heiler werden
Andreas Krüger / Haidrun Schäfer
Klappenbroschur, 144 Seiten
ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80
edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag


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