aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2016
Wenn du mich willst, musst du klar sein. Von Jochen Meyer

Wie du ambivalente Beziehungsangebote zurückweist und eindeutige bekommst.

Julia war mit Ralf nur wenige Monate zusammen. Ihre Beziehung pendelte zwischen Phasen inniger Nähe und emotionaler Entfremdung. Da Ralf sich immer wieder von Julia zurückzog, wechselten Liebe und Zurückweisung auf unberechenbare Weise einander ab. Im letzten Heft von KGS Berlin ging es um die Dynamik solcher Double-Bind-Beziehungen. In dieser Ausgabe beschreibe ich nun, wie Julia die Trennung von Ralf überwindet und den Weg in eine verbindliche Partnerschaft findet.
So richtig die Trennung für Julia war: Mit ihr ist die Beziehung zu Ralf noch lange nicht vorbei. Durch den Beziehungsabbruch hat sie zwar den Kontakt mit Ralf beendet und den unheilvollen Zyklus von Annäherung und Abstoßung außer Kraft gesetzt. Doch es vergehen mehrere Wochen, bis sie wieder in ihr normales Leben zurückfindet und nicht mehr in einer unguten Mischung aus Angst und Sehnsucht an Ralf zurückdenkt. Und es vergehen weitere Monate, bis sie ihre seelischen Erschütterungen verarbeitet hat und sich wieder für eine neue Liebe bereit fühlt. Julia nimmt in dieser Zeit meine Unterstützung in Anspruch und kommt regelmäßig zu mir ins Coaching. So muss sie nicht alleine mit ihren Erfahrungen fertig werden und kann das Erlebte gemeinsam mit mir tiefer reflektieren - auch ihre eigenen Anteile an der gescheiterten Beziehung.

Wieder bei sich selbst ankommen
In den ersten Wochen nach der Trennung kreisen Julias Gedanken noch oft um Ralf. Wird es bei der Trennung bleiben? Oder nimmt er wieder Kontakt zu ihr auf? Wie konnte es überhaupt zu dieser Beziehung kommen? Hätte es nicht doch eine Chance für ihre Liebe gegeben? Auch wenn sich Julia gedanklich über diese Fragen weitgehend klar ist - ihre Gefühlswelt ist noch immer von der ambivalenten Zerrissenheit der Double-Bind-Beziehung geprägt. Mal sehnt sie sich nach Ralf zurück, mal fühlt sie wieder ihre Angst vor ihm und seinem abwertenden Verhalten. Dann steigt wieder die Trauer um die gescheiterte Beziehung in ihr auf. In den Gesprächen mit mir erkennt sie, wie gut es ihr tut, wenn sie ihr eigenes Lebensglück wieder mehr in den Mittelpunkt stellt und sich aktiv um ihre Gesundung kümmert. Achtsamkeits-Übungen helfen ihr, ihr eigenes Energiefeld zu spüren – etwa ihre seelische Kraft, die ihr die Trennung ermöglicht hat, oder ihre Lebensfreude, die sie sich jetzt zurückerobert.
Langsam beginnt Julia innerlich zu realisieren, dass das Drama der ambivalenten Beziehung vorbei ist. „Ich bin wieder in Sicherheit“, sagt sie. Zugleich realisiert sie, dass ihr die Beziehung mit Ralf nicht gut getan hat: „Bei aller Liebe, die da war – ich brauche etwas anderes!“ Julia wird klar, dass sie erst einmal weiteren Abstand benötigt, um das Erlebte zu verarbeiten: „Es ist wie nach einem Unfall oder einer Krankheit: Da steht man auch nicht gleich wieder auf und macht weiter, als wäre nichts gewesen – da nimmt man sich die nötige Zeit, um wieder gesund zu werden!“

Neuen Halt in sich selbst finden
Mit größer werdendem Abstand ändert sich Julias Blick auf ihre Beziehung mit Ralf. Immer stärker wird ihr Bedürfnis, die eigenen Anteile zu verstehen. Wie konnte ich in diese Beziehung hineingeraten? Was hat es mit mir zu tun? Wofür könnte es gut sein, dass ich diese Erfahrung gemacht habe? In den Gesprächen mit mir kommt Julia darauf, dass schon die Beziehung ihrer Eltern von Ambivalenzen bestimmt war. Schon als kleines Mädchen erlebte sie, wie ihr Vater ihre Mutter auflaufen ließ, wenn diese sich liebevoll an ihn schmiegen wollte. Und sie erinnert sich, wie ihre Mutter damals um die Zuneigung ihres Vaters kämpfte, wie sie sich anpasste und alles versuchte, um ihm näher zu kommen – bis sie depressiv wurde und resigniert aufgab. Als wir über ihre früheren Beziehungen und ihre Partnerwahlmuster sprechen, erkennt Julia weitere Zusammenhänge: „Ich war mir nie sicher, ob ein Mann mich so sehr liebt, dass er mit mir zusammenbleibt. Ich habe mich nie so gefühlt, dass ich das beanspruchen darf. Tief in mir zweifele ich wohl bis heute daran, dass ich die Liebe eines Mannes wirklich verdiene. Wenn ich an meine früheren Partner denke, dann habe ich mich als Frau auch nicht besonders selbstbewusst gefühlt. Ich habe mich nicht als gleichwertige Partnerin gesehen, eher als eine Frau, mit der man es nicht allzu ernst meinen muss.“ Diese aufrichtige Selbstdiagnose ist zugleich der Start in eine vollkommen neue Zukunft, denn Julia wird schlagartig klar: „Nur wenn ich mich ernst nehme, werden die Männer es auch tun. Von jetzt an bin ich eindeutig eine Frau für was Festes – und nicht eine Frau für irgendwelche Nähe-und-Distanz-Spielchen!“

Sich auf eine verbindliche Liebe ausrichten
Was Julia hier formuliert, nenne ich „Hineinwachsen in eine neue Identität“. Für mich sind das oft die schönsten Momente im Coaching-Prozess. Wenn ein Klient blitzartig zu einer neuen Erkenntnis gelangt. Auch Julia erlebt es so, als sie von sich als „Frau für etwas Festes“ spricht: „Das ist ein Gedanke, den ich noch nie gedacht habe. Das liegt komplett außerhalb meiner bisherigen Möglichkeiten, was meine Beziehungen betrifft.“ In den Coaching-Sitzungen setzt Julia diese Erweiterung ihres Selbstbildes fort. Während einer Aufstellungsübung erforscht sie, was passiert, wenn sie sich als Frau selbstbewusst fühlt, gut mit sich verbunden ist und aus einem Gefühl für ihre Würde auf den Platz ihres zukünftigen Partners schaut. Sie spürt, dass sie von ihrem nächsten Partner eindeutige Botschaften erwarten darf; ja dass sie ein klares Bekenntnis nicht einmal einfordern muss – ihr nächster Partner gibt es ihr gern und freiwillig – er steht zu ihr. Sie spürt aber auch, dass es dafür ein Bekenntnis zu sich selbst braucht. Ich schlage Julia vor, ein Commitment zu formulieren; und sie schließt einen Vertrag mit sich selbst: „Ich erwarte von nun an eindeutige Beziehungsangebote. So wie ich mich selbst ernst nehme und ambivalente Beziehungsangebote ausschlage, gehe ich nur noch Verabredungen mit Männern ein, bei denen ich spüre, dass sie es ernst mit mir meinen. Ich gehe nun als ‚Frau für was Festes‘ in meine Verabredungen und nicht mehr als Frau, die für alles offen ist – und die das Spiel den Männern überlässt. Dafür übernehme ich die Verantwortung und das verspreche ich mir.“
Immer wieder erlebe ich, dass solche Commitments tiefgreifende Veränderungen bewirken. Entscheiden wir uns, für fragwürdige Angebote nicht mehr zur Verfügung zu stehen, spielen wir bestimmte Spielchen einfach nicht mehr mit, dann verschwinden sie wie von selbst aus unserem Leben. Mit dem Tag, an dem Julia ihr Commitment mit sich eingeht, ändert sich etwas für sie. Sie beginnt, sich wieder mit Männern zu treffen. Sie spürt, dass sie sich sicherer und gefestigter ihnen gegenüber fühlt. Und auch die Männer erscheinen ihr „irgendwie ernsthafter, anders als früher“. Trotzdem geht nicht gleich alles gut: Als sie Andreas kennenlernt und ihr ein Mann zum ersten Mal ein eindeutiges Beziehungsangebot macht, ist sie es, die Panik bekommt und sich erst einmal nicht einlassen kann. Julia muss sich nun ihren Bindungsängsten stellen und lernen, einem verbindlichen Mann Vertrauen zu schenken. Auch sie darf lernen, dass sie sich auf einen Mann einlassen kann, der sie ganz will – ohne sich zu verlieren oder sich von ihm abhängig zu machen. Für diese Schritte braucht Julia noch einmal einige Monate. Doch zum Glück ist Andreas geduldig und kann ihre Entwicklung unterstützend mitvollziehen. Sie bildet eine neue Identität als Frau aus und beginnt eine Liebesbeziehung, mit der sie zu neuen, für sie bisher nicht erreichbaren Ufern vorstößt.


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. www.jochen-meyer-coaching.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.