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Ausgabe Juli 2016
Natur, Mensch, Spirit. Von den frühen Kulten bis zur modernen Naturspiritualität. Von Christian Salvesen


Je besser wir die Beziehung von Mensch und Natur verstehen, desto verantwortungsvoller gehen wir mit dem Leben auf diesem Planeten um. Der Autor gibt einen geschichtlichen Überblick

In den vergangenen Jahrzehnten fühlen sich immer mehr Menschen aller Altersgruppen zu einer Lebenseinstellung hingezogen, die der Natur mit Achtung und Achtsamkeit begegnet. Sie versteht sich als Gegenbewegung zur fortschreitenden Zerstörung unseres Heimatplaneten Erde und ist einerseits um ökologische Nachhaltigkeit bemüht, andererseits aber auch um ein tieferes Verstehen, um eine Aufhebung der Trennung von Natur und Mensch. Man kann von einer modernen Naturspiritualität sprechen, die zwar die Lebensweise der Naturvölker hochschätzt, aber nicht übernehmen kann und will. Schauen wir uns zunächst in einem geschichtlichen Überblick das Verhältnis zwischen Mensch und Natur unter dem Aspekt der Spiritualität bzw. Religion an.

Vom Schamanen zum Priester
Bis vor 12000 Jahren waren alle Menschen Jäger und Sammler. Heute leben nur noch einige kleine und vom Aussterben bedrohte Gruppen wie die Pygmäen in Afrika so. Daraus können Ethnologen auf die Lebensweise unserer frühen Vorfahren rückschließen, wie auch Archäologen aus den Höhlenmalereien, Werkzeugen oder Musikinstrumenten der Steinzeit Einsicht in die religiösen Vorstellungen gewinnen. Für die Jäger war (und ist) es überlebenswichtig, dass die Jagd erfolgreich ist und dass niemand durch ein wildes Tier verletzt oder getötet wird. Die bis zu 50.000 Jahre alten Felszeichnungen von Mammuts, Hirschen oder Büffeln, oft zusammen mit den Jägern dargestellt, dienten der magischen Beschwörung – ebenso die Tänze von Schamanen mit oder ohne Tiermasken.
In dieser ersten Naturreligion glauben die Menschen an Geister und Dämonen, die bei der Jagd oder einem Kampf helfen oder stören, die heilen oder töten können. Eine wichtige Rolle spielt meist auch das Totem, das eine magische Verbindung, eine Art Seelenband zwischen Mensch bzw. Clan und einer Tierart, zum Beispiel Bär, Adler oder Känguru symbolisiert. In jeder Stammesgemeinschaft gibt es wenigstens einen Schamanen, der sich in Trance mit übermenschlichen Mächten verbinden kann.
In den Ackerbaukulturen (nachweisbar ab etwa 10.000 v. Chr. bei Jericho) ändert sich das Verhältnis Mensch-Natur und entsprechend auch die Religion. Die Ernte von angebautem Getreide richtet sich nach den Jahreszeiten, das Zeitempfinden ist zyklisch - nicht linear wie bei uns heute. Opfergaben sollen die Götter beschwichtigen, die Gestirne, Himmel und Wetter bestimmen. Die Erde selbst wird als Göttin der Fruchtbarkeit verehrt, die Gemeinschaften sind matriarchalisch, alle Dinge gelten als beseelt (Animismus), es gibt den Ahnenkult und entsprechende Bestattungsrituale. Noch kann von einer Ausbeutung und Zerstörung der Natur nicht die Rede sein.
Auch in der späteren patriarchalischen Epoche der nomadischen Hirten und der Viehwirtschaft ist die Beziehung Mensch-Natur noch weitgehend intakt. Allerdings müssen Ackerbau und Viehzucht und die mit der Sesshaftigkeit verbundene Städteentwicklung wohl als Beginn der „Entfremdung“ verstanden werden, die bis heute ja höchst bedrohliche Ausmaße angenommen hat.
Mit den Städten entstanden die Hochkulturen mit ihren sozialen Hierarchien – Gott-Könige, Priester, Beamte, Kaufleute, Bauern, Sklaven – und den (monotheistischen) Religionen, wo ein höchster Gott den Menschen zu seinem obersten Geschöpf erklärt, das sich die Erde untertan machen möge. Schließlich ist ein Priester nötig, um die Verbindung zwischen Mensch und Gott herzustellen. Die Natur gilt – vor allem im christlichen Mittelalter – eher als störend. Wer sich mit ihr zu verbünden sucht, wird als heidnisch verteufelt und als Ketzer oder Hexe gnadenlos verfolgt.

„Zurück zur Natur!“
Seit den antiken griechischen Naturphilosophen zieht sich aber auch eine ganz andere Einstellung der Natur gegenüber durch die Geistesgeschichte, nämlich die der möglichst unvoreingenommenen Beobachtung zum Zwecke des Lernens, des Entdeckens und der Entwicklung von Technik und Kunst. Für diese Linie stehen große Namen wie Heraklit, Aristoteles, Roger Bacon, Leonarda da Vinci, Giordano Bruno, Francis Bacon, Galilei, Newton, Goethe u.v.m. Allerdings dient das Interesse, auch wenn es aufrichtig ist, letztlich der Ausbeutung der Natur, wie wir am „technischen Fortschritt“ spätestens seit der industriellen Revolution deutlich sehen können. Im Gegenzug zur Industrialisierung wurde in der Romantik die Natur verklärt. Die Gemälde eines Kaspar David Friedrich, die Gedichte eines Joseph von Eichendorff, die Lieder eines Franz Schubert sind wohl die berühmtesten Beispiele dafür. Doch ich möchte hier zunächst auf zwei wichtige Vorläufer des romantischen Naturempfindens eingehen.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) gilt als ein Wegbereiter der Französischen Revolution wie auch der Romantik. Sein Motto „Zurück zur Natur“ und das geflügelte Wort vom „Edlen Wilden“ stehen für eine radikal kulturkritische Philosophie und Pädagogik, mit denen er die Kirche und etliche Denker der Aufklärung gleichermaßen gegen sich aufbrachte. Danach ist der Mensch zwar von Natur aus gut, wird aber durch die Einflüsse der ihn umgebenden Kultur und Gesellschaft immer schlechter. Die Kinder sollten vor diesen Einflüssen möglichst geschützt werden. Und in einem seiner letzten Werke „Träumereien des einsamen Spaziergängers“ schildert Rousseau Erlebnisse in der Stille der Natur, die ihn zu tiefen Einsichten führen.

Naturverklärung
In der Romantik wird die Natur oft als die wahre Welt herausgestellt gegenüber der unangenehmen gesellschaftlichen Realität mit ihren Problemen. Träume, Phantasie, Märchen, eine idealisierte Geschichte des Mittelalters, ein intimer Freundeskreis Gleichgesinnter – das alles bietet gute Fluchtmöglichkeiten. Und so eben auch die Natur, sei sie direkt erlebt in Wanderungen oder dargestellt in Bildern, Liedern, Gedichten und Romanen.
Ein für die Romantik zentrales Symbol ist die „Blaue Blume“. Sie steht für Liebe und Sehnsucht, für das Geheimnisvolle und die mystische Einheit von Mensch, Geist und Natur. Das Motiv der blauen Blume zieht sich durch die Romantik bis hin zur Wandervogelbewegung um 1910, wo die Jugend zur Gitarre Lieder sang. In vielen Volks- und Wanderliedern, die ich noch aus der Schule kenne, wird die Natur besungen. Das mag der heutigen Jugend altmodisch scheinen, doch mit der Blut- und Bodenideologie der Nazis hat es gewiss nichts zu tun. Zur Romantik gehörte auch ein weiterer Trend, der vor allem in England populär war und heute weltweit Anhänger hat: Die Wiederentdeckung heidnischer Religionen, speziell die Tradition der Kelten mit ihren Ritualen, Festen und den Druiden. Und damit verbunden die Welt der Naturgeister, der Elfen, Feen und Kobolde.

Moderne Naturspiritualität
Dazu gehören viele der heutigen spirituellen bzw. esoterischen Angebote: Neoschamanismus, alternative Naturheilverfahren, Neues Heidentum, Runenorakel, Visionssuche u.a. In seinem Arbeitsbuch moderne Naturspiritualität gibt der Experte Hermann Ritter eine fundierte und praktische Einführung in das Thema. Er schreibt: „Eigentlich siezen wir die Natur im täglichen Umgang; wir gehen mit ihr sehr distanziert um, haben keine echte Beziehung mehr zu ihr. Das Ziel der Naturspiritualität ist es, die Natur zu duzen. Es soll erreicht werden, dass die Distanz zwischen uns und der Natur schwindet, wir wieder eins werden mit den Kräften der Natur, der Gottheit, der Welt. Regen und Sturm und Donner sollen nicht länger störende Einflüsse sein, denen wir mit Regenmantel und Schirm begegnen, sondern kraftvolle Elemente, die zu uns und mit uns sprechen. Der Wind erzählt uns dann Geschichten von den weit entfernten Enden der Welt. Die Sonne bringt uns Kraft und Licht. Die Wälder raunen uralte Geschichten, die Haine werden wieder heilig und die Felder sind dann für uns voller Fruchtbarkeit und Kraft.
Wir haben viel verlernt in den letzten Jahrhunderten. Die Naturspiritualität ist ein Weg, um einen Teil dieses Wissens wieder zu erlernen und für uns selbst zu gewinnen. Und wenn man dieses Wissen für sich selbst gewonnen hat, dann kann man aus dieser Kraft schöpfen und die eigene Umwelt (Familie, Kollegen, Freunde) erfreuen und glücklich machen.“

Der Autor Christian Salvesen, 1951, Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet seit 1982 als freier Journalist. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Sein bewegtes Leben, seine Indienreisen und seine Begegnungen mit spirituellen Lehrern aus Ost und West spiegeln sich in seinen Büchern. Weitere Infos zur Arbeit des Autoren auf www.christian-salvesen.de

Buchtipps:
Hermann Ritter: Arbeitsbuch moderne Naturspiritualität. Das Wissen der weisen Frauen und Männer. Synergia.
Bianka Denise Albrecht: Schamanismus der Seele: Ein Erfahrungs- und Arbeitsbuch zur Selbstheilung und Rückverbindung mit der Natur und Seele. Tredition
Michael J. Roads: Geheimnisse von Jenseits und Diesseits - Weitere Reisen mit Pan. Schirner


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