aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2016
Selbstheilung. Von Wolf Sugata Schneider

Vertraue ich besser in etwas innerhalb oder etwas außerhalb von mir?

Ich gehe zum Arzt, damit er mich heilt. Wenn er es aber nicht schafft, was dann? Oder ist es das Schicksal, dem die Heilung gelingen muss? Wenn sie nicht gelingt, dann habe ich wohl Pech gehabt und muss weiter warten auf Gnade. Das ist eine sehr spirituelle, geradezu egolose Haltung. Sie lässt jedoch weg, was man selbst tun kann. Das ist, gelinde gesagt, suboptimal. Besser, man tut erstmal, was man selbst tun kann in Sachen Ernährung, Bewegung, Beziehungen und Lebensstil und beansprucht erst dann die Hilfe anderer – Menschen und Methoden – und vertraut sich erst dann einer dieser Möglichkeiten an bis … ja vielleicht bis zur Selbstaufgabe, zum Warten auf die Gnade.

Nur Reagieren ist zu wenig
Der Wunsch nach Selbstheilung erschallt im typischen Fall als Reaktion auf ein zu großes Vertrauen in einen Heiler oder eine von einer heilerischen Instanz gepriesene Methode. Die zu hoch bewertete Autorität kann einer der bei uns herrschenden Halbgötter in Weiß sein oder auch ein spiritueller Heiler, der mit mysteriösen Methoden dort einzugreifen versucht, wo die Schulmedizin aufgegeben hat. Solch eine Rücknahme der Verantwortung, die man an eine Autorität abgegeben hatte, kann sinnvoll sein. Wenn sie jedoch zu einem Rückfall in die Überzeugung führt, es ganz allein schaffen zu müssen, ohne Hilfe von außen, verkennt das die Eingebundenheit von jedem von uns in einem Gewebe von Abhängigkeiten und würde deshalb unnötig auf wertvolle Ressourcen verzichten. Wenn ich mich selbst heile, wer heilt da eigentlich wen? Dazu muss ich mich ja erstmal in ein Subjekt und ein Objekt spalten, mich also entzweien in einen, der etwas tut und einen, der behandelt wird. Spaltung in zwei Teile ist nicht immer schlecht, hier widerspreche ich einem Spiri-Klischee. Ein solches Vorgehen ist jedoch in der Regel nicht das, was den Heilungsprozess fördert, der doch eher ein Ganzwerden sein soll, eine Integration von Abgespaltenem.

»Ich werde gefallen«
Selbstheilung ist genau genommen so wenig möglich wie wirtschaftliche Autarkie. Wir können nur in Interaktion mit der Umgebung wirtschaften und uns auch nur in einer solchen Interaktion heilen. Andererseits ist es nicht gut, das Heilmachen dem Arzt zu überlassen oder der jeweils gewählten therapeutischen Methode. Einen wichtigen Teil davon können wir selbst dazu beitragen. Das ist als zunächst mal unser Optimismus, unser Vertrauen ins Gelingen. Das ist der Teil, der von Medizinern dem Placebo zugestanden wird. Dieser Teil macht immerhin, das hat eine Fülle von Studien ergeben, durchschnittlich ungefähr die Hälfte einer Heilwirkung aus. Placebo ist ein lateinisches Wort und heißt übersetzt »Ich werde gefallen«. Möge das Medikament gefallen, die Methode und möge auch ich mir selbst diesen Gefallen tun – und möge der Glaube an diese Wirkung seinen gefälligen Teil dazu beitragen!

Der Mittelweg
Viele Esoterik-Ratgeber tun so, als würde man seine Wirklichkeit komplett selbst erschaffen können. Demnach wären auch Krankheit und Gesundheit etwas selbst Erschaffenes. Dieser Glaube an sich selbst als Ursache stärkt das Gefühl von Selbstverantwortung, was zur Heilung beitragen kann. Wenn es jedoch dem Ich, das sich da als Ursache empfindet, nicht gelingt, eine Krankheit »weg zu bekommen« kann das zur Selbstverurteilung führen und alles so noch verschlimmern. Bessere Heilungschancen hätte ein Mittelweg zwischen einerseits dem Gefühl von Hilflosigkeit gegenüber Medizin & Medizinern und andererseits dem Wahn, alles selbst bewirken zu können.

Naturromantik
»Naturheilmethode« ist heutzutage ein sehr beliebter romantischer Begriff. Auf uns Zivilisationsgeschädigte wirkt er anziehend. Wir denken dabei an die Schönheit eines blühenden Gartens oder eines von Menschenhand unberührten Biotops und vergleichen das mit einer Fabrik oder der künstlichen Welt einer architektonisch versauten Vorstadt. Wir sind jedoch nicht nur Zivilisationsgeschädigte, wir sind auch von der Zivilisation Gerettete, deren Lebenserwartung heute doppelt so hoch ist wie die von Naturvölkern. Mit »Natur« verehren wir das Ursprüngliche, Authentische, ohne genau zu wissen, was wir damit meinen. Chemie ist nicht Natur, denken wir, obwohl die organische Chemie doch auf ihre Art genau das beschreibt. Alle Kultur ist aus »der Natur« hervorgegangen, sie zeichnet den Menschen aus und übrigens nicht nur ihn – auch alle sozialen Tiere mit ausreichend langer Brutpflege haben Kultur und individuelle Persönlichkeiten.

Transzendenz
Probleme können nicht auf der Ebene gelöst werden, auf der sie entstanden sind, sagt ein viel zitierter Satz von Einstein. Ich verstehe diesen Satz als Inbegriff von Transzendenz: ein Darüberhinausgehen über das, worin man sich gerade befindet. Ein Erreichen einer anderen Ebene, die dann jedoch auch wieder Transzendenz verlangt, denn auch auf der nächsten Ebene entstehen Probleme, die dort nicht lösbar sind. Geist verstehe ich als die Fähigkeit, die Ebene wechseln und immer wieder neu hinschauen zu können auf das, was man gerade tut und wo man steht.
Das Ich braucht nicht diskreditiert zu werden. Besser man versteht es als Hort von Selbsterkenntnis, als Stätte kontinuierlicher Transzendenz. Dann werden Heilungssysteme nicht zu neuen Kranheitsursachen und spirituelle Praktiken nicht zu Hindernissen für die Befreiung. Das A&O unserer persönlichen Entwicklung ist die Selbsterkenntnis, und das gilt auch im Bereich von Heilung und Spiritualität, sonst wird dort das zum Problem, was als Lösung gedacht war.

Einfachheit
Unser heutiges Leben ist ziemlich kompliziert geworden. Holzhacken und Wasserholen, die Praxis der Zenmönche, das war mal. Heute muss ein Handy eingerichtet werden und die Steuererklärung abgegeben. Das Manual des neuen Staubsaugers, der ohne ständig zu wechselnde Beutel auskommt, ist zu studieren und, Teufel nochmal, war da nicht eine Abgabefrist für irgendeine Behörde? Außerdem ist heute Freitag, da ist die Mülltonne rauszustellen, sie ist schon übervoll. Und was, wenn das Navi nicht funktioniert oder dort das Update nicht installiert wurde, wie soll ich dann die Adresse des Osteopathen finden, den ich wegen meiner Rückenprobleme und Schlafstörungen brauche?
Dabei ist das Leben eigentlich sehr einfach. Einatmen, ausatmen, einatmen und weiter so. Ist doch ganz leicht. Beim Gehen einen Fuß vor den anderen setzen. Und nochmal: linker Fuß, rechter Fuß. Nicht alles ändert sich, jedenfalls nicht sofort. Erst beim Einschlafen anfangen nachzudenken ist auch nicht optimal; besser ist, es, in dafür reservierter Zeit zu durchdenken, bevor eine Entscheidung getroffen wird. Beim Ausschalten des Herdes nicht zugleich an die Schulzeugnisse der Kinder denken, sonst musst du nochmal zurück, weil du nicht weißt, ob du ihn wirklich ausgeschaltet hast. Und was die Heilung anbelangt, ist auch das eigentlich ganz einfach: Wir brauchen erstens den Mut zu ändern, was wir ändern können; zweitens die Fähigkeit hinzunehmen, was wir nicht ändern können; und drittens die Intelligenz, das eine vom anderen zu unterscheiden. Diese drei Punkte helfen auch bei der Frage, ob gerade Hingabe oder Selbstheilung angesagt ist – Vertrauen in etwas außerhalb oder etwas innerhalb von mir selbst.

Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien.
1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. www.connection.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.