aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juni 2016
Nimm deine Gefühle nicht zu ernst! Von Anna Georgiew

Verletzte Gefühle und deren Heilung aus buddhistischer Sicht

Als ich in einer schwierigen Lebenszeit im Chaos meiner Gefühle nicht mehr ein noch aus wusste, fragte ich meinen buddhistischen Lehrer Dzogchen Rinpoche um Rat. Ich wusste einfach nicht, wie ich mit meiner Verletzung umgehen sollte. Sie erschien mir so riesengroß, unüberwindlich, ausweglos. Ich fühlte mich dem Karussell von Gedanken und Gefühlen, inneren Vorwürfen und Selbstmitleid hilflos ausgeliefert. Rinpoche hörte mir geduldig und aufmerksam zu und riet mir unter anderem: Nimm deine Gefühle nicht zu ernst! Zunächst dachte ich: Wie bitte? Wo doch gerade meine verletzten Gefühle so laut danach rufen, vollkommen ernst genommen zu werden? Mein Ego war gekränkt. Und bei jeder anderen Person hätte ich diesen Rat wohl auch für eine recht laue Empfehlung gehalten. Schließlich drehte sich mein ganzes Leben damals größtenteils um mein Gefühlschaos. Ich ließ zu, dass ich nur noch wenig anderes wahrnehmen konnte. Gespräche mit Freunden und Helfern drehten sich nur um dieses Thema. Aber als seine Worte in der Meditation während des Retreats langsam in mich einsanken, passierte etwas Erstaunliches: Ich wurde ruhiger. In diesem Augenblick konnte ich die Weisheit, die in diesem Rat lag, wirklich spüren. Ich erkannte, dass ich selbst das Ausmaß und den Raum, den meine negativen Gefühle und Gedanken in mir einnahmen, beeinflussen konnte. Ich kam mir plötzlich nicht mehr so ausgeliefert vor. Ich konnte wahrnehmen, dass die Situation vor allem ein Resultat meiner Bewertungen und meiner eigenen Reaktionen auf meine Gefühle war. Aus einer veränderten Sicht gelang es mir auch, wieder eine andere Wirklichkeit zu erahnen. Und in dieser Wirklichkeit existierten wieder viele gute und hilfreiche Dinge in meinem Leben. Es war eine Wende.
Aber was hatte mir geholfen? Im Dzogchen, wie in anderen buddhistischen Traditionen, sieht man alle Gefühle als vorübergehende Projektionen unseres Geistes. Sie sind einerseits das Ergebnis von Bewertungen von Situationen. So bin ich z. B. verletzt, weil ich denke, dass ich schlecht behandelt werde, wenn mein Partner unfreundlich ist, weil er einen üblen Tag hatte. Oder ich bin glücklich, weil er mir ein Kompliment macht. Die eine Situation bewerte ich negativ, die andere positiv. Je nachdem, ob ich meine, dass Aufmerksamkeit durch andere eine wichtige Sache für mich ist. Gefühle sind somit auch das Produkt vorausgegangener Gedanken, Einstellungen, Erfahrungen und Handlungen, also unseres Karmas. Letztlich sind aber beide Gefühle, sowohl Verletzung als auch Freude, vergängliche Zustände unserer selbst geschaffenen Realität. Als ich dies erkannte, konnte ich meine Einstellungen und Bewertungen, die dieses Leid geschaffen hatten, neu überprüfen und verändern. Um aber dieses Wechselspiel zu durchschauen, musste mein Geist zunächst mehr Abstand zum Geschehen bekommen und vor allem ruhig werden.
Gedanken und Gefühle tauchen in unserem Geist gemäß unseren Wünschen, Befürchtungen oder Werten auf.
Unser Geist ist so beschaffen, dass er recht flüchtig zu vielfältigen Gedanken und Gefühlen neigt.
Gehen wir ihnen nicht weiter nach, haben diese keine Möglichkeit, in uns groß zu werden und verschwinden auch wieder. Emotionen an sich sind dabei weder gut noch schlecht. Sie sind einfach da und geben uns Signale. Wir haben keine Möglichkeit, sie zu verhindern oder „wegzumachen“ und es besteht auch keine Notwendigkeit dazu. Denn unsere Probleme entstehen erst durch unsere Reaktionen auf unsere Gefühle. Wenn wir unsere Emotionen zu ernst nehmen, sie für DIE Wirklichkeit halten und entsprechend handeln, verstricken wir uns noch mehr in unsere hausgemachten Projektionen. Meist machen wir dadurch alles nur noch schlimmer. Dabei sind Emotionen ganz in Ordnung- nur folgen sollten wir ihnen nicht unbedingt.
Wenn wir es schaffen, durch das Praktizieren von Achtsamkeit und Meditation unseren Geist zur Ruhe zu bringen, dann werden wir wieder aufmerksamer gegenüber der ganzen Wirklichkeit. Wir sind dann weniger abgelenkt von unseren Gedanken und Gefühlen und bekommen mehr mit, was tatsächlich im Hier und Jetzt geschieht und was wir tun. Dadurch bewerten wir unsere Gefühle und Erfahrungen weniger, können sie besser annehmen und einfach sein lassen.
An den äußeren Bedingungen hat sich nicht sehr viel in meinem Leben geändert. Die Summe der Probleme bleibt etwa gleich und es läuft auch noch nicht immer alles glatt. Aber ich habe aufgehört, das zu ernsthaft zu erwarten. Durch die Meditationspraxis habe ich zunehmend mehr Stabilität im Umgang mit mir und meinen Gefühlen gefunden. Ich erkenne schneller, welcher Film da gerade wieder im hauseigenen Kopfkino gegeben wird und kann ihn oft einfach verlassen. Das schenkt mir mehr Weichheit, Verständnis und Humor mit den anderen und mit mir selbst. Und ich bin für dieses Geschenk sehr dankbar!

Die Autorin Anna Georgiew ist Psychologin und arbeitet als Psychotherapeutin und Meditationslehrerin in Berlin. Sie ist seit 7 Jahren Schülerin von Dzogchen Rinpoche.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.