aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juni 2016
Er liebt mich und er will mich - nicht! Von Jochen Meyer

Double-Binds in Beziehungen erkennen und auflösen.

Es gibt Beziehungen, die man nur mit knapper Not überlebt. Zu den schwierigsten gehören für mein Empfinden solche, die von einem unberechenbaren Wechsel von Liebe und Zurückweisung geprägt sind. Erst kommt man nur mit größter seelischer Kraftanstrengung aus einer solchen Bindung wieder heraus und dann kann es sehr lange dauern, bis man sich wieder auf einen neuen Partner einlassen kann. Wie man konstruktiv mit einer solchen Situation umgehen und neues Vertrauen aufbauen kann, zeigt das Beispiel von Julia.

Eine Liebe, die allzu schmerzhaft war
Die Beziehung von Julia und Ralf dauerte nur ein halbes Jahr. Sie ist von einem stetigen Wechsel von inniger Liebe und Phasen der Trennung geprägt. Auf Zeiten tiefer Verbundenheit folgen Phasen völliger Entfremdung bis hin zum Beziehungsabbruch. Dominiert wird diese Beziehungsdynamik von Ralf, der sich immer dann von Julia zurückzieht, wenn sie eine intensive, schöne Zeit miteinander hatten. Für Julia ist auch es deswegen so schwierig, weil Ralfs Stimmungen urplötzlich umschlagen: Morgens hält er sie noch liebevoll in den Armen und sagt ihr, dass er noch nie so viel für eine Frau empfunden habe wie für sie. Wenige Stunden später ist Ralf auf einmal kalt und abweisend. Wie aus heiterem Himmel beginnt er, Julia zu kritisieren und meint, sie sei selbstbezogen und starrsinnig. Wenn Julia ihn wirklich lieben würde, dann würde sie ihn nicht einengen und ihm die Luft zum Atmen nehmen. Julia sei „das Allerletzte“, sie solle „aus seinem Leben verschwinden“. Ralf bricht den Kontakt zu Julia tatsächlich ab, aber jeweils nur für zwei bis drei Wochen. Danach kommt er wieder auf sie zu. Er ist wie ausgewechselt, entschuldigt sich für sein Verhalten, gelobt Besserung und beschwört Julia, dass sie seine große Liebe sei. Sie seien Seelenverwandte und füreinander bestimmt – nichts könne ihre Liebe zerstören, nichts sie auseinanderbringen. Julia schöpft neue Hoffnung, lässt sich wieder auf Ralf ein – und erlebt eine weitere Runde dieses Zyklus aus Annäherung, Verschmelzung, abruptem Hassausbruch und Trennung.

Gefangen in der Double-Bind-Falle
Was Beziehungen wie diese so schwierig macht, sind die Auswirkungen von Double-Binds – das sind Aussagen, die sich ausschließen. Wer wie Julia von seinem Partner die Botschaft empfängt: „Ich liebe dich!“ und kurz darauf „Ich will dich nicht mehr!“, erlebt ein krasses Wechselbad der Gefühle. Er weiß nicht, woran er ist und welcher Aussage er trauen soll. Er erfährt zwangsläufig eine tiefe Verunsicherung, denn beide Aussagen lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Wer wie Julia immer wieder beide Botschaften im Wechsel empfängt, kann nicht erkennen, welche wahr ist. Der Partner bleibt unberechenbar, und die Fähigkeit zu vertrauen wird nachhaltig erschüttert.
Julia beginnt, über Ralf und seine Motive zu grübeln. Doch auch sie kommt nicht hinter das, was er mit seinem ambivalenten Verhalten eigentlich ausdrückt. Wie soll sie Ralf auch verstehen? In seinen guten Momenten ist er der liebevollste Partner auf der Welt. Und dann wieder der kaltherzigste Mann, der ihr jemals begegnet ist. Wie gefühlvoll er sein kann – und wie grausam! Julia bekommt das nicht zusammen und zermartert sich den Kopf: Wer ist dieser Mann wirklich? Wie soll sie ihm vertrauen, wie sich in seiner Nähe sicher fühlen? Julia bemerkt, wie ihre Zweifel und ihre Verunsicherung größer werden; wie sie ihr Gefühl für sich selbst immer mehr verliert...
Was Julia erlebt, sind die zwangsläufigen und erwartbaren Folgen von Double-Binds. Wer von seinem Partner einmal mit Liebesbekundungen überschüttet und dann wieder mit emotionaler Kälte oder Verachtung bestraft wird, erlebt ähnliche Symptome und Reaktionen. Unser Gehirn kann einander ausschließende Botschaften nicht verarbeiten – sie sind logisch nicht auflösbar. Da wir in unseren Beziehungen aber nach einer eindeutigen Wahrheit suchen – liebt er mich nun oder liebt er mich nicht? – kreist unser Denken unaufhörlich um diese Fragen und sucht nach Antworten. Dass es in Fällen wie diesen keine Antworten gibt, weil es sie nicht geben kann, ist in unserem inneren Koordinatensystem nicht vorgesehen. Irgendwo muss es doch einen Schlüssel zur Auflösung dieses Dilemmas geben! Und so verlieren wir uns in den Kreisläufen unserer sich wiederholenden Gedanken, kommen zu keinem Ende und erschöpfen uns dabei.
Auch Julia erlebt diese Auswirkungen der Double-Bind-Falle: In ihrer immer größer werdenden Verunsicherung beginnt sie nicht, an Ralf und seiner Beziehungsfähigkeit zu zweifeln, sondern an sich selbst: „Ralf liebt mich. Soviel ist klar. Wenn er mich von sich stößt, muss er wohl sehr tief verletzt worden sein. Wenn ich ihm nur genügend Liebe gebe, kann ich ihn vielleicht heilen! Ich muss unbedingt darauf achten, dass er sich nicht von mir eingeengt fühlt.“ Julia vergrößert nochmals ihre Anstrengungen, einfühlsam auf ihn einzugehen. Noch stärker bemüht sie sich, verständnisvoll zu ihm zu sein und ihn während seiner groben Ausfälle gegen sie nicht zu verletzen – mit dem Ergebnis, dass Ralf noch hasserfüllter wird und sie mit abwertenden Bemerkungen über ihr angeblich verwahrlostes Äußeres erniedrigt.
Julia war vor ein paar Jahren schon einmal bei mir im Coaching und als sie realisiert, dass sie in der Beziehung mit Ralf ihre Selbstachtung verliert, ruft sie mich an und bittet mich um einen Termin. Nachdem ich ihr die Folgen solcher Double-Binds erklärt habe, nimmt sie all ihre Kraft zusammen und trennt sich von Ralf. Übrig bleibt eine fassungslose, zutiefst erschütterte und massiv verunsicherte Frau, die noch Wochen nach der Trennung davon träumt, Ralf würde „geläutert“ zu ihr zurückkommen und alles würde gut. Auch wenn sie sich physisch von Ralf getrennt hat – emotional ist sie dem Energiefeld ihrer Beziehung noch lange verhaftet.

Abstand gewinnen!
Wer eine solche, von Double-Binds geprägte Beziehung eingegangen ist, muss mit starken Dynamiken umgehen. Es ist wichtig zu wissen, dass so etwas jedem passieren kann und dass es kaum möglich ist, sich den destruktiven Mechanismen dieser Beziehungen zu entziehen. Double-Bind-Beziehungen sind ungeheuer machtvoll, denn das mit den schönen Phasen verbundene Versprechen auf Liebe und Erfüllung wird als größer empfunden, da es so schnell wieder aufgekündigt wird. Es entsteht eine enorme Sehnsucht, das Verlorene wiederzuerlangen. Die Liebe fühlt sich tiefer, inniger und großartiger an als in stabilen, „gewöhnlichen“ Beziehungen. Oft glauben beide, endlich ihren Seelenpartner gefunden zu haben. Dass die Beziehung als solche nicht gesund und lebensfähig ist, blenden beide Partner aus. Dabei können sie in ihren klaren Momenten durchaus sehen, dass sie nicht in einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung auf Augenhöhe sind, sondern ein verzweifeltes Drama um das Thema Nähe und Distanz aufführen. Doch dann setzt der Sog der Sehnsucht nach Erfüllung wieder ein und beide geben sich der Illusion hin, es beim nächsten Mal zu schaffen. Ein neuer Zyklus beginnt, und um so häufiger die Beteiligten ihn erleben, desto verheerender sind die Folgen: Sie können zur tendenziellen Selbstaufgabe bis hin zum Selbstverlust führen.
Für Betroffene ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass eine erfüllende Liebesbeziehung immer eine Win-Win-Situation darstellt. Hier aber ist das Gegenteil der Fall – in einer Double-Bind-Beziehung gibt es nur Verlierer. Es ist wichtig, sich klar zu machen: Wer seinen Partner so von sich zurückstößt wie Ralf, hat nicht nur gelegentlich „schlechte Tage“. Er hat ernsthafte Probleme, seine Emotionen zu regulieren und konstruktiv mit anderen intime Bindungen einzugehen. Er ist auch nicht nur manchmal etwas unentschlossen, sondern in seiner Fähigkeit beeinträchtigt, auf verbindliche und vertrauensvolle Weise zu anderen in Beziehung zu treten. Ein solcher Partner braucht nicht eine noch verständnisvollere oder noch anpassungsbereitere Partnerin, sondern eine Psychotherapie.
Für die Betroffenen ist es daher das Wichtigste, sich selbst zu schützen. Wer die emotionale Achterbahnfahrt beenden will, wird kaum darum herumkommen, aus dem fahrenden Zug auszusteigen und sich zu trennen. Den Kontakt zum Partner abbrechen und Abstand gewinnen: Das ist fast immer die Voraussetzung, um aus der destruktiven Paardynamik herauszukommen. Wer diesen Kraftakt schafft und sich von den Sogwirkungen der Double-Bind-Beziehung befreit, wird mit der Zeit realisieren, dass er mit einem anderen Partner eine heilsame, vertrauensvolle Beziehung eingehen kann. Erst wer genügend Abstand hergestellt und neues Selbstvertrauen aufgebaut hat, wird von innen her spüren, dass er von seinem Partner klare und eindeutige Botschaften erwarten darf und diese auch gern von ihm bekommen wird. Allmählich stellt sich ein neues Selbstgefühl ein, und aus diesem kann er dann auch eine neue Beziehung eingehen.

Was dafür nötig ist und wie Julia den Weg in eine neue Liebe geschafft hat, das lesen Sie im zweiten Teil meines Beitrags im KGS Berlin Juli 2016



Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. Infos: www.jochen-meyer-coaching.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.