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Ausgabe Juni 2016
Heilung vom Trauma. Aus dem Buch von Bessel van der Kolk

Vom verkörperten Schrecken und dessen Heilung handelt das neue Buch des höchst renommierten Autors Bessel van der Kolk, der sein Leben der Trauma-Forschung und -Behandlung widmete. Sein neues Buch darf sicherlich als sein Lebenswerk gesehen werden. Uns be

Sich Körper und Geist wieder zu eigen machen
Niemand kann Krieg, Misshandlungen, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch oder ein anderes entsetzliches Ereignis »behandeln«; was geschehen ist, ist geschehen; man kann es nicht ungeschehen machen. An den Auswirkungen jedoch, die ein Trauma in Körper, Geist und Seele hinterlässt, kann man etwas ändern: an den bedrückenden Empfindungen in der Brust, die vielleicht Angst oder Depression genannt werden; an der Angst vor Kontrollverlust; am ständigen Auf-der-Hut-Sein vor Gefahren und Zurückweisungen; am Selbsthass; an den Albträumen und Flashbacks; an dem benebelten Geisteszustand, der es Traumatisierten unmöglich macht, sich völlig auf eine Aufgabe oder Aktivität zu konzentrieren; an der Unfähigkeit, das Herz einem anderen Menschen zu öffnen.
Traumata rauben uns das Gefühl, dass wir selbst entscheiden, was in unserem Leben geschieht – das, was in den folgenden Kapiteln Self-Leadership genannt wird.
Das Schwierigste auf dem Weg zur Genesung ist, sich Körper und Geist wieder zu eigen zu machen – also sich selbst. Erst dann kann man sich wieder frei fühlen, zu wissen, was man weiß, und zu fühlen, was man fühlt, ohne sich von Emotionen überwältigen zu lassen, wütend zu werden, sich zu schämen oder zusammenzubrechen.
Um dies zu können, müssen die meisten Menschen eine Möglichkeit finden, sich zu beruhigen und zu refokussieren; sie müssen lernen, die wiedererlangte Ruhe auch angesichts von an die Vergangenheit erinnernden Vorstellungsbildern, Gedanken, Geräuschen und Körperempfindungen aufrechtzuerhalten; sie müssen sich eine Möglichkeit erschließen, in der Gegenwart völlig präsent zu sein und sich auf die Menschen in ihrer Umgebung einzulassen; und sie brauchen keine Geheimnisse mehr für sich zu behalten, auch keine darüber, wie sie es in der Vergangenheit geschafft haben, ihr Überleben zu sichern.
Die genannten Ziele sind keine Schritte, die Traumatisierte nacheinander und in einer bestimmten Reihenfolge in die Tat umsetzen müssen. Vielmehr überschneiden sich die genannten Aspekte, und einige sind für manche schwerer zu realisieren als für andere, je nach individueller Situation. Ich habe viele Methoden bei meiner Arbeit mit Patienten ausgiebig genutzt und sie auch selbst ausprobiert. Einige Patienten sprechen besonders gut auf eine ganz bestimmte Methode an, aber den meisten helfen in den einzelnen Phasen des Genesungsprozesses verschiedene Methoden. Zu vielen der Methoden, die ich in meinem Buch beschreibe, habe ich wissenschaftliche Studien durchgeführt und deren Ergebnisse in Fachzeitschriften publiziert.

Ein neuer Fokus für die Genesung
Am Anfang von Gesprächen über Traumata steht häufig eine Geschichte oder eine Frage: »Was ist im Krieg passiert?« – »Sind Sie schon einmal sexuell belästigt worden? « – »Ich möchte Ihnen diesen Unfall/diese Vergewaltigung schildern.« – »Gab es in Ihrer Ursprungsfamilie jemanden, der viel getrunken hat?« Aber ein Trauma ist wesentlich mehr als eine Geschichte über etwas, das vor langer Zeit geschehen ist. Die Emotionen und physischen Empfindungen, die ein Mensch während eines Traumas erlebt hat, treten bei ihm später nicht als Erinnerungen in Erscheinung, sondern als störende körperliche Reaktionen in seinem gegenwärtigen Leben.
Um ihr Leben wieder in die eigenen Hände nehmen zu können, müssen Traumatisierte sich mit ihrem traumatischen Erlebnis noch einmal konfrontieren: Früher oder später werden sie sich mit dem, was ihnen widerfahren ist, auseinandersetzen müssen, aber erst, wenn sie sich wieder sicher fühlen und wenn klar ist, dass sie durch die erneute Konfrontation nicht retraumatisiert werden. Zunächst jedoch müssen sie Möglichkeiten finden, mit dem Gefühl fertig zu werden, dass sie von Empfindungen und Emotionen, die mit dem in der Vergangenheit Erlebten zusammenhängen, überwältigt werden könnten.

Entscheidungen, die getroffen werden müssen
Wir sind auf dem besten Weg, eine traumabewusste Gesellschaft zu werden. Fast täglich publiziert einer meiner Kollegen eine neue Studie über traumabasierte Beeinträchtigungen der Aktivitäten von Geist, Gehirn und Körper. Die ACE-Studie zeigte, wie Missbrauch, Misshandlungen und Vernachlässigung im Kindesalter Gesundheit und Sozialverhalten negativ beeinflussen. Und James Heckman erhielt einen Nobelpreis, weil er nachweisen konnte, dass frühe Interventionen bei Kindern aus armen und problematischen Familien gewaltige Kosten einsparen, weil aufgrund dessen die Zahl erfolgreicher Highschool-Abschlüsse deutlich steigt, die Kriminalität verringert wird, die Beschäftigtenzahlen erhöht werden, während Gewalt in der Familie und in der Öffentlichkeit stark verringert wird. Auf der ganzen Welt treffe ich auf Menschen, die diese Forschungsergebnisse ernst nehmen und selbst unermüdlich an der Entwicklung und Anwendung effektiverer Interventionen arbeiten, nämlich engagierte Lehrer, Sozialarbeiter, Ärzte, Psychotherapeuten, Krankenpfleger, Philanthropen, Schauspieldirektoren, Justizvollzugsbeamte, Polizeibeamte und Meditationslehrer.
Fortschritte in der Neurowissenschaft haben uns zu einem besseren Verständnis dessen verholfen, wie Traumata die Gehirnentwicklung, die Selbstregulation und die Fähigkeit, fokussiert und mit anderen Menschen in Einklang zu bleiben, verändern. Mit Hilfe komplizierter Imaging-Verfahren ist es gelungen herauszufinden, wie und wo PTBS im Gehirn entsteht, so dass wir jetzt verstehen, warum Traumatisierte sich durch Geräusche und Lichter gestört fühlen und weshalb sie manchmal Wutanfälle bekommen oder sich bei der kleinsten Provokation aus dem Kontakt zurückziehen. Wir wissen heute, wie Ereignisse im Laufe des ganzen Lebens eines Menschen Struktur und Funktion seines Gehirns und sogar die Gene verändern, die er an seine Kinder weitergibt. Und wenn wir viele der Prozesse verstehen, die traumatischen Belastungszuständen zugrunde liegen, so ermöglicht uns dies die Entwicklung der verschiedensten Interventionen, die jene Gehirnbereiche, die bei der Selbstregulation, Selbstwahrnehmung und Aufmerksamkeit eine Rolle spielen, wieder funktionsfähig machen. Wir wissen inzwischen nicht nur viel über Möglichkeiten, Traumata zu behandeln, sondern auch darüber, wie wir ihre Entstehung von vornherein verhindern können.
Und doch bin ich, nachdem ich einmal wieder an einer Totenwache für einen Teenager, der bei einer Schießerei in Boston umgekommen war, teilgenommen oder Berichte über die neuesten Budgetkürzungen in den Schulen verarmter Städte und Wohngebiete gelesen habe, der Verzweiflung nahe.
Wenn ich Vorträge über Traumata und ihre Behandlung halte, bitten mich manchmal Zuhörer, die Politik außen vor zu lassen und mich auf die Darstellung neurowissenschaftlicher und therapeutischer Aspekte zu beschränken. Ich wünschte mir selbst, ich könnte Traumata und Politik voneinander trennen, aber so lange wir in einem Zustand des Leugnens verharren und nur Traumata behandeln, deren Ursprünge aber ignorieren, sind unsere Bemühungen zum Scheitern verurteilt. In der heutigen Welt entscheidet Ihre Postleitzahl in stärkerem Maße als Ihre DNS darüber, ob es Ihnen gelingen wird, ein Leben in Sicherheit und bei guter Gesundheit zu führen.
Das Einkommen, die Familienstruktur, die Wohnsituation, die berufliche Position und die Ausbildungschancen sind nicht nur ausschlaggebend dafür, in welchem Maße Menschen Gefahr laufen, traumatische Belastungszustände zu entwickeln, sondern auch dafür, ob und in welchem Maße sie in den Genuss effektiver Hilfe bei der Überwindung ihrer Probleme gelangen. Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen, soziale Isolation, die enorme Verbreitung von Schusswaffen und schlechte Wohnverhältnisse begünstigen allesamt die Entstehung von Traumata. Und bestehende Traumata begünstigen die Entstehung weiterer Traumata. Und verletzte Menschen verletzen andere Menschen.
Mein wichtigstes Erlebnis bezüglich der Heilung kollektiver Traumata war meine Teilnahme an den Versammlungen der South African Truth and Reconciliation Commission, die auf dem Prinzip Ubuntu basierten, einem Wort der Xhosa-Sprache, das bedeutet, dass man das, was man hat, mit anderen teilt, so wie es der Satz »Mein Menschsein ist untrennbar mit dem deinen verbunden« zum Ausdruck bringt. Ubuntu trägt der Tatsache Rechnung, dass wahre Heilung nur möglich ist, wenn wir anerkennen, dass wir als Menschen ein gemeinsames Schicksal haben. Wir alle sind soziale Wesen. Unser Gehirn präferiert gemeinsames Arbeiten und Spielen. Traumata machen das System soziales Engagement funktionsunfähig und beeinträchtigen die Kooperation, das Geben und Nehmen nährender Zuwendung und die Fähigkeit, als Mitglied einer Gemeinschaft seinen Beitrag zum Wohl aller zu leisten.

Aus: Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken mit freundlicher Erlaubnis des Verlages


Der Autor Bessel van der Kolk ist Gründer und Leiter des Trauma-Center in Brookline (USA). Außerdem ist er Professor der Psychatrie an der Universität in Bosten. Weltweite Vortrags- und Seminartätigkeit.

Buchtipp:
Bessel A. van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann, 496 S., Probst Verlag 2016


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