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Ausgabe Juni 2016
Vaterlandschaften. Ein Filmgespräch mit dem Regisseur Peter Kees

Das Gespräch führte die Mediatorin Isabell Lütkehaus

Aus seinem subjektiven Erleben heraus erzählt Peter Kees den jahrelangen Kampf eines Vaters, gegen den Willen der Mutter am Leben der gemeinsamen Tochter teilhaben zu wollen. Der Film zeigt, was ins Rollen kommen kann, wenn Gerichte und Behörden nach Lösungen suchen, nachdem die Eltern sich nicht einigen konnten. Die Sichtweisen und Beweggründe der Mutter kennen wir nicht. Isabell Lütkehaus fragt den Filmemacher, was er aus dem Erlebten lernen konnte, zu Reaktionen auf seinen Film sowie nach den aus seiner Sicht notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen.

Wo stehen Sie momentan im Kontakt mit Ihrer Tochter?
Seit der Geburt meiner Tochter ist der Kontakt zu ihr leider nur sehr eingeschränkt möglich. Da es keine Verständigung zwischen uns Eltern gab, hat uns eine Einrichtung, die uns „freiwillig begleitete Umgänge“ angeboten hat, den Rat gegeben, die Umgangsregelungen gerichtlich klären zu lassen. Nach den Beschlüssen vor Gericht durfte ich meine Tochter zunächst eineinhalb Stunden pro Woche sehen, später dreieinhalb Stunden pro Woche, schließlich einen ganzen Tag alle vierzehn Tage, alternierend einen halben Tag in den Wochen dazwischen. Schon an diesen Regelungen kann man erkennen, dass der Staat bei der Lösung dieser Art von privater Problematik überfordert ist. Ein Grund, warum ich einen Film über diese Situation gedreht und veröffentlicht habe. Gerichtliche Auseinandersetzungen regeln zwar in solchen Fällen, dass Umgänge überhaupt möglich sind, doch sie verhindern zugleich eine notwendige Befriedung der Eltern, die vor allem für die Kinder notwendig sind. Wie in vielen anderen Fällen reiht sich auch hier ein Gerichtstermin an den nächsten. Das führt sicher nicht zur Lösung der Grundproblematik. Wünschenswert wäre eine friedliche Verständigung der Eltern, aus der heraus sich eine patchworkartige Situation entwickeln könnte. Das aber setzt die Bereitschaft beider Seiten voraus. In meinem Fall sind die Umgänge gerichtlich geregelt; ein nächstes Verfahren ist allerdings bereits angekündigt. Ich halte das für keinen guten Weg.

Wie erklären Sie sich das Verhalten der Kindesmutter?
Das Verhalten der Mutter möchte ich nicht kommentieren. Es liegt mir fern, sie in der Öffentlichkeit zu beurteilen. Das habe ich auch in dem Film so gehalten.

Was konnten Sie aus Ihren Erfahrungen der letzten Jahre lernen?
Ich würde mir genauer überlegen, mit wem ich ein Kind in die Welt setzte. Ich war sicher zu naiv und zu gutgläubig und habe natürlich auch Fehler gemacht, mich beispielsweise zu einer „Samenprobe“ überreden lassen, obwohl ich das selbst gar nicht wollte. Ob ich nochmals mit juristischen Mitteln kämpfen würde, weiß ich nicht. Die Erfahrung vor Gericht jedenfalls zeigt, dass diese Art von Auseinandersetzungen sicher nicht dem Wohl des Kindes dient. Ich kann nur jedem raten, andere Wege zur Einigung zu finden. Wenn es nicht geht, lassen sich diese Probleme juristisch nicht wirklich lösen.

Welche Reaktionen erhielten Sie auf dem Film?
Diese sind in der Regel nicht losgelöst von der Thematik. Es gibt jede Menge Väter, die in vergleichbaren Situationen stecken und sehr dankbar darüber sind, dass ich mit diesem Film einen Beitrag in den notwendigen gesellschaftlichen Diskurs einbringe. Die Resonanz in den Medien zeigt, dass die gesellschaftliche Problematik immer brisanter wird.
Ganz im Sinne von Beuys oder Schlingensief folge ich hier dem Gedanken „Zeige deine Wunde.“ Unabhängig von der inhaltlichen Auseinandersetzung findet aber auch eine Diskussion über die Ästhetik des Filmes statt, immerhin habe ich mit dem Umstand, Kameramann und Protagonist in einem zu sein, eine eigene Filmsprache entwickelt, die auf Zooms und Kamerabewegungen verzichtet. Verwundert bin ich eigentlich, dass bislang keine Kritik gekommen ist. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein solches Projekt auch Anlass zu Kontroversen bietet. Was mich sehr gefreut hat, ist, dass sich ein Familienrichter gemeldet hat, der den Film zu Fortbildungen verwenden möchte. Damit könnte meine Arbeit unmittelbar Früchte tragen. Auch bei einer der nächsten Vorstellungen, am 9. Juni in Wiesbaden, wird es im Anschluss eine Diskussion geben, an der eine Familienrichterin teilnimmt. Das Private politisch zu begreifen, ist ein Ansatz, der aus den späten 60er und frühen 70er Jahren kommt. Als Künstler beziehe ich mich in vielen meiner Arbeiten darauf. Es war die Fluxus-Bewegung, die Leben gleich Kunst begriff und Kunst gleich Leben. Auch dieser Ansatz entspricht meiner künstlerischen Tätigkeit.

Was für gesellschaftliche Veränderungen halten Sie für notwendig?
Paare können scheitern. Eltern bleibt man dennoch. Die Frage ist, wie kann es Eltern bei Trennungen gelingen, ihre Kinder im Zentrum zu sehen. Wenn das nicht gelingt, was kann der Staat dann tun? Wie könnte er im Sinne der Kinder unterstützen? Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt, alte Rollenbilder sind überholt, Trennungen inzwischen an der Tagesordnung. Die Gesetzeslage entspricht nicht mehr unserer gesellschaftlichen gegenwärtigen Realität, sie hinkt hinterher. Deshalb ist es dringend notwendig, diese Gesetzgebungen zu überarbeiten. Der europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat hierzu bereits mehrfach gemahnt. Mit einer Gesetzesänderung verbunden sollten zugleich andere Wege entwickelt und ausgebaut werden, wie beispielsweise der des Cochemer Modells, in dem man versucht, Verfahren zu vermeiden und außergerichtliche Lösungen zu finden. Wesentlicher Focus sollte gerade bei Problemfällen zudem auf einer gemeinsamen Aufarbeitung der Konfliktsituation gelegt werden. Notfalls auch mit juristischen Sanktionen. Familienrichter dürften außerdem nicht nur juristisch ausgebildet sein, sondern müssten auch Kompetenz erwerben, die die menschliche Seite bedenken. Das fehlt völlig, vielleicht von Einzelfällen abgesehen. Bei diesen Überlegungen geht es im Kern auch um die Frage, wie begreift sich eine Gesellschaft und ihre Zukunft. Aus meiner Sicht ist hier dringend Handlungsbedarf.

Der Film: Vaterlandschaften
Ein Mann und eine Frau verlieben sich, zeugen ein Kind. Wenige Monate vor der Geburt verlässt die Schwangere ihren Partner, bricht den Kontakt ab: Das ist die Geschichte, die der Künstler Peter Kees im Film erzählt. Seine Geschichte. Er ist Regisseur, Kameramann und Erzähler in Personalunion. Im Film zeigt er die ohnmächtige Situation eines Vaters, der ausgeklammert wird: Um sich um seine Tochter kümmern zu können, zieht er von Berlin nach Bayern in die Nähe des Kindes. Fast machtlos ist er dort den Entscheidungen der Mutter ausgesetzt: das Warten auf die Geburt des eigenen Kindes, nichts erfahren zu können, selbst über die Geburt nicht informiert zu werden, dann, das Kind nicht sehen dürfen, von der Mutter wegen angeblichen Stalkings angezeigt zu werden, den Kampf um Umgang mit dem eigenen Kind, der schließlich vor Gericht landet und zu Fremdbestimmung durch Jugendamt, Umgangspfleger, Verfahrensbeistand und Gericht führt...
Über mehr als drei Jahre hat sich der Künstler in dieser Langzeitbeobachtung mit der Kamera begleitet.

Infos zu „Vaterlandschaften“ von Peter Kees auf www.vaterlandschaften.de und https://www.facebook.com/vaterlandschaften

Dr. Isabell Lütkehaus unterstützt als Mediatorin in ihrer Berliner KonsensKanzlei Trennungspaare dabei, Verantwortung für die neue Situation zu übernehmen und eigene, nachhaltige Lösungen zu finden.


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