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Ausgabe Juni 2016
Angst und Verletzlichkeit. Aus dem Buch von Dr. Lissa Rankin

Verlust ist etwas Natürliches und kann Wachstum bewirken, so Lissa Rankin, Ärztin und Spezialistin für Body-Mind-Medizin, in ihrem neuen, grundlegenden Buch: Mut zur Angst – wie wir uns durch das, was wir fürchten, heilen können. Wir möchten ihnen dieses

Wenn wir es zulassen, können Schmerz, Trauer und Verlust uns aus dem stumpfen Dahindämmern des kleinen Ichs herausreißen und unsere Seele aus dem Käfig unangebrachter Angst befreien. Es ist ein Geschenk, mit dem sich die meisten von uns nicht leichttun. Wir haben heute meist ein ungesundes Verhältnis zu Verlust, während indigene Völker Verlusterfahrungen eher als etwas Natürliches betrachten, das zum Leben dazugehört. In unserer materialistischen Kultur haben wir jedoch keinen mythologischen Überbau mehr, der uns helfen würde, mit einem Verlust fertigzuwerden. Für uns kommt er einem Fehlschlag gleich. Schon unsere Kinder bekommen zur Strafe Dinge weggenommen. So bringen wir ihnen bei, Verlust mit einem Fehler in Verbindung zu bringen, mit Scham, Schuldgefühlen und der Idee, »nicht brav« gewesen zu sein. Wir begrüßen Verluste nicht als grundlegenden Bestandteil von Wachstum, sondern versuchen, uns um jeden Preis gegen sie abzusichern. Doch ohne Verlust, in welcher Form auch immer, gibt es keine Veränderung. Nichts beginnt, ohne dass etwas anderes dafür endet. Um Letzteres zu vermeiden, nehmen wir Stillstand hin und lassen unsere Seele einen schleichenden Tod sterben. Alles, was mit Risiken verbunden wäre, ist für uns inakzeptabel. So entsteht Angst. Im Geiste die Tragödien durchzuspielen, die uns erwarten könnten, ist nur einer von vielen Wegen, uns angesichts der Tatsache zu wappnen, wie verletzlich uns die Liebe macht, da immer auch deren Verlust drohen könnte. Die meisten von uns haben erlebt, wie wir in einem Moment der Dankbarkeit überwältigt realisieren, was wir alles haben - und plötzlich walzt uns eine entsetzliche Angst nieder, morgen schon könnte es damit wieder vorbei sein.
Für Brene Brown war die Erkenntnis aus ihren Befragungen frappierend, in welchen Momenten wir uns am verletzlichsten fühlen. Oft geschieht dies nämlich gerade dann, wenn die Dinge nicht besser stehen könnten: wenn wir uns tief gerührt über unsere schlafenden Kinder beugen, wenn unsere Arbeit uns so richtig Freude macht, wenn der Krebs in Remission gegangen ist oder wenn wir uns verlieben. Mit anderen Worten: Am meisten Angst haben wir, wenn wir für unser Gefühl am meisten zu verlieren haben. Gerade weil uns etwas so viel bedeutet, weil wir so sehr lieben, weil wir so viel haben, ist die Vorstellung, es könnte im nächsten Moment weg sein, entsetzlich, und objektiv betrachtet kann dies natürlich jederzeit passieren. Das Leben ist unbeständig, und es gibt nichts, was wir tun könnten, um uns vor dieser herben Wahrheit zu schützen.
Also legen wir uns einen Schutzpanzer zu. Durch Perfektionismus zum Beispiel, aus dem fehlgeleiteten Glauben heraus, wenn wir irgendeiner von außen kommenden Definition von »perfekt« entsprächen, bewahrte uns das davor, beschämt, beschuldigt und verurteilt zu werden - genau die Dinge, die wir am meisten fürchten. Ein weiterer Schutzpanzer ist die Betäubung: durch Alkohol, Zigaretten, Drogen, Essen, Sex, Koffein oder auch - für mich persönlich die Droge der Wahl -, indem wir immer viel zu tun haben.
Womit können wir uns trösten in einer Welt, die uns immerzu genau dem auszusetzen droht, wovor wir am meisten Angst haben? Wie verhindern wir, dass wir unser Herz verschließen - ausgerechnet den Menschen gegenüber, die wir am meisten lieben -, weil wir den Gedanken nicht ertragen, wir könnten sie verlieren?

Verlust als Initiation
Wir hassen es, uns dieser schmerzharten Wahrheit zu stellen, aber im Leben ist nichts von Dauer. Eines Tages werden wir alles verlieren, was uns kostbar ist, und die größten Lektionen lehrt uns das Leben meist über Verlusterfahrungen.
In ihrem Buch Broken Open schreibt Elizabeth Lesser: »Not und Unglück sind ein natürlicher Teil des Menschseins. Wenn wir uns vor der Unvermeidlichkeit von Veränderungen zu schützen suchen, hören wir nicht auf die Seele. Wir hören auf unsere Angst vor Leben und Tod, unser mangelndes Vertrauen und den Willen unseres kleineren Ichs, die Vorherrschaft zu behalten. Auf die Seele zu lauschen heißt, nicht mehr gegen das Leben anzukämpfen - es nicht mehr zu bekämpfen, wenn Dinge in die Brüche gehen; wenn sie nicht so laufen, wie wir wollen; wenn wir erkranken, wenn wir betrogen, schlecht behandelt oder missverstanden werden. Auf die Stimme der Seele zu lauschen bedeutet Verlangsamung, tiefes Fühlen, uns selbst klar zu sehen, uns Unbehagen und Ungewissheit zu ergeben ... und abzuwarten.«

Viele von uns laufen mit einem Schutzpanzer herum, der uns von der Außenwelt abschirmt. Verlusterfahrungen bieten die Chance - ob wir es wollen oder nicht -, diesen Panzer zu knacken.

Ein solches Erlebnis kann unerträglich schmerzhaft sein, als lägen im wahrsten Sinne des Wortes unsere Nerven blank, sodass wir uns am liebsten einen noch dickeren Panzer zulegen würden. Aber Sie können sich auch dafür entscheiden, den Panzer von einem herben Verlust »knacken« zu lassen, um weit offenen Herzens ein reicheres, tieferes Leben zu führen.
Wenn Not und Elend zuschlagen, müssen wir sie zunächst einmal betrauern und unsere echten Gefühle empfinden. Dann jedoch können wir uns sagen: »Schau an: seelisches Wachstum! Sei es so. Lass uns optimalen Nutzen daraus ziehen.«
Angesichts schlimmer Widrigkeiten sind wir immens versucht, an einem herbeigesehnten Ausgang festzuhalten. Wann immer ich mich dabei ertappe, für ein bestimmtes Ergebnis zu beten, erinnere ich mich wieder an eine taoistische Erzählung:
Ein alter Bauer hatte schon seit vielen Jahren seine Äcker bestellt, als eines Tages sein Pferd durchbrannte. Als die Nachbarn davon hörten, bedauerten sie ihn. »So ein Pech aber auch!«
»Mag sein«, sagte der Alte. Am nächsten Morgen war das Pferd wieder da, und mit ihm drei Wildpferde. »Wie wundervoll!«, riefen die Nachbarn jetzt. »Du Glückspilz!«
»Mag sein«, sagte der Alte.
Tags darauf schwang sich der Sohn des alten Bauern auf den Rücken eines der ungezähmten Pferde und brach sich ein Bein, als es ihn abwarf. Wieder waren die Nachbarn zur Stelle und kommentier-ten: »Wie tragisch. So ein Unglück!« - »Mag sein«, sagte der Alte. Wieder einen Tag später trafen Beamte des Militärs in den Dörfern ein, um sämtliche jungen Männer zum Militärdienst einzuberufen. Als sie den Sohn des alten Bauern mit seiner Verletzung sahen, zogen sie weiter. Die Nachbarn gratulierten dem Alten dazu, wie gut sich alles gefügt hatte.
»Mag sein«, erwiderte der Alte.

Wir können nicht absehen, ob ein mutmaßliches Unglück sich letztlich als Segen entpuppt. Ich habe aufgehört, darum zu beten, was ich haben will, und wünsche mir nur mehr: »Möge das Höchste wahr werden.«

Die Erlaubnis, uns das Herz zu brechen
Beziehungen loszulassen ist vielleicht die heikelste Form von Verlust. Irgendwie habe ich den Glauben geerbt, dass meine Beziehungen - vor allem zu Menschen, die ich liebe - dazu gedacht wären, für immer zu halten. Ich hatte immer schon die Vorstellung, wenn ich jemanden nur genug liebte, würden wir noch mit über neunzig nebeneinander im Schaukelstuhl sitzen. Und wenn nicht, dann hätte wohl jemand ziemlichen Mist gebaut - vermutlich ich. Meine Therapeutin witzelt gerne, ich sei schließlich Ärztin, und Wiederbelebungsversuche seien also mein Metier. Ich überschlage mich förmlich, um eine Beziehung zu retten, die mir wertvoll ist, selbst wenn alle Welt bereits erkennt, dass sie vorbei ist. Irgendjemand sagte einmal, Menschen könnten aus einem bestimmten Grund, für eine bestimmte Zeit oder auch für ein ganzes Leben in unser Dasein treten. Erkennen zu lernen, wann was gegeben ist, lohnt sich.
Dass uns gelegentlich das Herz gebrochen wird, gehört zum Menschsein. Der Schmerz kann so unerträglich sein, dass wir uns vielleicht einen Schutzpanzer zulegen und Nähe nicht mehr zulassen.
Meine Tochter Siena und ich haben viel über dieses Thema gesprochen. Mit fünf brach ihr ein kleines Mädchen namens Vivien das Herz - Tochter meiner besten Freundin und zwei Wochen nach Siena geboren. Die beiden kannten sich bereits mit drei Monaten, hatten sich seitdem aber nicht mehr gesehen, da Siena und ich in San Francisco lebten, Vivien dagegen in Chicago. Sie hatten fantastische Geschichten voneinander gehört, und endlich kam der Moment, da meine beste Freundin und Vivien uns besuchten und die beiden leibhaftig zusammenkamen. Sie spürten gemeinsam Feen in einem Zengarten auf, spielten am Strand, krochen jede Nacht bei der anderen ins Bett, saßen mit Roberto, dem Spielzeugpinguin, miteinander in der Badewanne, aßen Fish and Chips im britischen Pub, sahen sich zusammen das Feuerwerk zum 4. Juli an und durchlebten noch weitere magische Abenteuer. Die ganze Woche über hatte Siena keine Augen mehr für mich, ihren Vater oder meine beste Freundin. Doch dann schaltete sich das Leben, der große Lehrer, ein, und Vivien musste nach Hause zurück.
Siena weinte bei ihrem Abschied stundenlang. Sie war untröstlich. Sie warf sich aufs Bett, zeigte auf das Gästebett, in dem Vivien geschlafen hatte, und jammerte: »Jedes Mal, wenn ich ihr Bett sehe, und sie ist nicht da, tut mir das Herz so weh!« Auch mir war weh ums Herz, nachdem gerade eine Freundin von mir gestorben war, also weinte ich gleich mit.
»Mami«, sagte Siena, »es tut so weh, Vivien lieb zuhaben, dass ich glaube, ich will sie nie wiedersehen.«
Ich zog Siena auf den Schoß und sagte ihr, wie gut ich sie ver-stehen könne. Wie weh es tue, wenn jemand, den man liebt, von einem gehe. Dass die Liebe es aber wert sei. Dass wir diese Freude, jemanden zu lieben, nur dann voll genießen könnten, wenn wir bereit seien, diesen Menschen loszulassen. »Weißt du«, erklärte ich ihr, »wir müssen die Menschen, die uns lieben, die Erlaubnis geben, uns das Herz zu brechen.«
Sie sah mich stirnrunzelnd an. »Aber Mami, ich würde dir nie, nie, nie das Herz brechen!«
»Tja«, gab ich zurück. »Vielleicht tust du es trotzdem mal. Ganz ohne es zu wollen. Du könntest von mir fortgehen, und ich würde weinen, und dann würde ich dein Bett sehen und mir vielleicht wünschen, du hättest nie darin geschlafen, weil es so wehtut, dass du nicht mehr da bist.«
Und wieder kamen Siena die Tränen. »Aber das würde ich dir nie antun, Mami! Ich würde nie von dir weggehen. Ich werde dich immer lieben und mit dir in diesem Haus leben, bis ich alt bin.«
Ich erzählte ihr von dem großen Sturm in meinem Leben und wie ich meinem Vater, ihrem Opa, erlaubt hatte, mir das Herz zu brechen. Und wie er es getan hatte, indem er zwei Wochen nach ihrer Geburt gestorben war. Wie er mein Herz so sehr hatte aufbrechen lassen, dass sein ganzer Inhalt sich über den Boden ergoss und ich es am liebsten mit dickem Wunddraht ganz fest wieder verschlossen hätte, auf dass es nie wieder aufginge. Und wie ich dann aber beschloss, mein Herz offen zu lassen, so sehr es auch wehtat. Und ich sagte Siena, dass irgendwann jemand, den sie lieben und dem sie die Erlaubnis geben würde, ihr das Herz zu brechen, es sicherlich genauso täte. Dann wäre ihr vielleicht so zumute wie jetzt gerade, und sie würde ihr Herz womöglich für immer verschließen wollen.
Siena verstand die Botschaft. »Mama, wenn man sich verliebt, sollte man sein Herz immer einen kleinen Spaltbreit offen lassen - selbst wenn man das Gefühl hat, man sollte es besser verschließen. So kann die richtige Person nämlich immer noch durch den Spalt reinschlüpfen.«
Ein Jahr später - Siena war mittlerweile sechs - starb unsere geliebte Familienhündin Grendel unvermittelt an einem Herzinfarkt. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Während wir die tote Grendel umschlungen hielten, wimmerte Siena so, wie wir es alle gerne getan hätten, und klagte: »Grendel, ich habe dir erlaubt, mir das Herz zu brechen, und du bist hingegangen und hast es gemacht!« Selbst dem Personal in der Tierklinik kamen die Tränen.
Zwei Monate nach Grendels Verlust - unsere Herzen waren immer noch wund - stellte Siena fest: »Mama, ich bin jetzt so weit. Ich kann einem neuen Hund erlauben, mir das Herz zu bre-chen.« Wir redeten darüber, dass Hunde nicht so lange leben wie Menschen und dass wir uns irgendwann wahrscheinlich auf einen neuerlichen Verlust gefasst machen müssten, wenn wir uns einen neuen Hund zulegten. Aber wenn wir den Hund schon als Welpen bekämen, tröstete ich sie, würde das bis dahin hoffentlich mindestens zehn Jahre dauern. Siena nickte zustimmend, und so zog die zwei Monate alte Bezoar bei uns ein.
Wir alle haben es immer wieder erlebt, dass uns das Herz gebrochen wird. Das Schwerste dabei ist, sich auch dann ein offenes Herz zu bewahren, wenn derlei gleich mehrmals hintereinander geschieht. Dann sein Herz zu verschließen ist der leichte Weg aus der Bredouille. Nachvollziehbar. Wer wollte es uns verdenken? Doch so würde einem die Liebe entgehen.

Aus: Lissa Rankin, „Mut zur Angst“, mit freundlicher Erlaubnis des Verlags


Die Autorin Dr. Lissa Rankin ist Ärztin für Body-Mind-Medizin, Gründerin des Whole Health-Medicine-Institute, Bestseller-Autorin, Referentin und Herausgeberin eines eigenen Blogs. Ihre Mission: das Gesundheitssystem gesunden zu lassen. Sie bildet Ärzte aus, hilft Patienten, selbst eine aktive Rolle im Heilungsprozess zu spielen, und ermutigt die Akteure des Gesundheitswesens, Selbstheilungsphänomene zuzulassen. Lissa Rankin lebt mit Mann und Tochter in San Francisco.

Buchtipp:
Dr. med. Lissa Rankin, Mut zur Angst - Wie wir uns durch das, was wir fürchten, heilen können, gebunden mit Schutzumschlag, 368 S., Kösel Verlag 2016


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