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Ausgabe Juni 2016
Liebe verwundet, Liebe heilt. Von Wolf Sugata Schneider


Nichts ersehnen wir uns mehr als Liebe, deshalb ist die Gefahr der Verletzung hier am größten. Es tut weh, einander zu verweigern oder zu entziehen, was wir uns am meisten wünschen, was wir zu brauchen glauben und als Kind tatsächlich brauchten. Es tut mehr weh als die üblichen körperlichen Verletzungen. Und es ist auch nicht nur Entzug oder Verweigerung, was enorm weh tun kann, auch Angriffe können weh tun: Niemand kennt dich so gut wie deine Intimpartner; niemand kann dich so sehr verletzen, bloßstellen, demütigen wie sie.
Deshalb jetzt mal mit kühlem Kopf ganz cool und rational betrachtet: Wie sieht eine vernünftige Bilanz des Risikos aus, in der Liebe verletzt zu werden? Wie groß ist das zu erhoffende Glück gegenüber dem Risiko verletzt zu werden? Lohnt sich ein Sich-Einlassen, Sich-Öffnen? Ist es angesichts dieses Risikos nicht besser, bei sich zu bleiben und die Selbstliebe zu pflegen, wenigstens die geistige und seelische, wenn nicht auch die körperliche?

Schmerz versus Lust und Glück
Die Standardantwort heutiger Psychologen und Lebensberater ist: Wenn du Schmerz zu vermeiden suchst, vermeidest du auch Lust und Glück. Eine vernünftige Bilanzierung ist dennoch nicht zu verachten, sage ich, gegen diesen üblichen Rat, obwohl oder vielleicht auch weil mein Leben in dieser Hinsicht nicht vorbildlich war. Nach meinem an Liebeserfahrungen schon bisher (ich bin erst 63) sehr reichen Leben sage ich: Leidenschaft hat was, aber Weisheit ist auch nicht zu verachten.
Eine kühler Blick darauf, ob die Bilanz von Einsatz versus Ertrag eines emotionalen Liebeslebens positiv ist und deshalb ein Einsatz sich lohnt, muss nämlich den Vergleich anstellen und dabei berücksichtigen, dass auch das Alleinsein schmerzhaft sein kann. Und auch die Reue, bei einer Chance zur Liebe mutlos gewesen zu sein, kann nachhaltig seelisch quälen. Und schließlich muss auch das geistige und körperliche Rosten in die Kalkulation einbezogen werden – die Verfallsprozesse, die ein aus Feigheit zurückgezogenes Leben mit sich bringen, sind erheblich.

Bei Annäherung Risiko des Erdkontaktes
Andererseits sollten wir in der Zeit nach unserer Pubertät den Realitätsgehalt der Liebesekstasen unserer durchaus willkommenen Träume nicht zu hoch bewerten. Auch die tollsten Traumpartner erweisen sich bei Annäherung als Menschen aus Fleisch und Blut mit Verhaltensmustern, die nur selten dem entsprechen, was wir uns auf Wolke sieben einst vorstellten.
Nach diesem buchhalterischen Gedöns möchte ich das Thema jetzt mal etwas spiritueller angehen und dabei den christlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung eine Chance geben. Ich habe ja grad vollmundig den Eindruck zu erwecken versucht, als brächte ich aufgrund meiner reichen Erfahrungen einiges an Weisheit mit. Der Ratgeber gibt den Rat allerdings meist zuerst sich selbst und die eigenen Schwächen betreffend, das ist bekannt. Deshalb möge mein Rat, auch dieses heikle Thema betreffend, wie jeder Rat mit Vorsicht genossen werden.

Das Schwingen des Pendels
Alleinsein ist gut, Zusammensein auch. Wer das eine oder das andere vermeidet, ist auf der Flucht. Wer nicht gut allein sein kann, flüchtet von dort ins Zusammensein; die Gebundenen hingegen flüchten, wenn sie sich gefangen fühlen, in die vermeintliche Freiheit des Alleinseins. Beide haben dabei in der Regel die Gründe ihrer Flucht mit im Gepäck, die nehmen sie mit. Für manche ist ihr Beziehungsleben ein nicht endendes Flüchten, ein schwingendes Pendel von hier nach dort, sei es von einer Bindung zur nächsten oder innerhalb einer Beziehung von der Zweisamkeit zum (meist vorwurfsvollen) Rückzug.

Verbundenheit
Wen diese Wiederkehr des immer Gleichen anödet: Verstehe, dass du auch im Alleinsein immer in Beziehung bist, weil außen und innen miteinander verbunden sind. Atmen heißt in Beziehung sein mit der umgebenden Luft, reinlassen und rausgeben. Ebenso beim Essen, Verdauen, Ausscheiden. Auch im Aufnehmen (Zuhören, Lesen) und Äußern von Ideen sind wir im Austausch, nehmen wahr und werden wahrgenommen.
»Sich in eine Beziehung zu begeben« (sei sie als solche deklariert oder nicht) ist inmitten dieser Allverbundenheit etwas Spezielles. Du fügst dich damit in eine gestaltbare Struktur ein. Geschieht das bei Bewusstsein – »Sind wir jetzt zusammen oder nicht? Und was soll das heißen?« –, umso besser. Du als kokreativer Schöpfer dieser Struktur, nicht nur als Opfer von etwas, das andere mit dir gemacht haben. Zwangsheiraten sind bei uns ja selten geworden, und auch die Heirat mit einer Firma, einem Beruf oder Standort (bis dass der Tod oder ein menschlicher Richter uns scheidet), ist heute eher untypisch.

Das Kontinuum des Daseins
Für Menschen, die sich als mit ihrer Umgebung interconnected verstehen, wirken Beginn und Ende einer speziellen Beziehung nicht mehr so krass identitätsverändernd. Anfang und Ende sind dann zwar weniger euphorisierend, aber auch nicht mehr so schockierend, wie wenn das Lebensglück stark davon abhängt, mit welchem Menschen, Standort, Besitz oder welcher Lebensaufgabe man gerade identifiziert ist. Sogar der Tod eines Geliebten oder das Herannahen des eigenen Todes verliert dann an Schrecken. Die Übergänge sind dann fließender, du bist transparenter, das Kontinuum des Daseins ist für dich besser spürbar, und so sind auch die Chancen auf Kontinuität des Erwünschten größer.

Priester der richtigen Methode
Damit Beziehungen Glück bringen und nicht Streit, Schuldzuweisungen und Trennungsschmerzen, hilft es, die Regeln der gewaltfreien Kommunikation einzuhalten. Dazu gehören das gute Zuhören und Lauschen auf die Bedürfnisse des anderen, aber auch das Ausdrücken der eigenen Bedürfnisse. Einfühlen, Empathie, manchmal Schweigen, zur rechten Zeit auch wieder Reden, all das kann helfen. Es sind jedoch auch die Regeln der gewaltfreien Kommunikation missbräuchlich. Alle Regeln können missbraucht werden; auch die besten Regeln können als Verhinderer ihrer eigenen Ziele eingesetzt werden.
Alle hilfreichen Methoden tendieren dazu Experten zu erzeugen, Jargons, einen Klerus der Besserwisser und Statthalter des Richtigen. Was dann neue Aufbrüche erfordert, Ausbrüche, Rebellionen und die Rückkehr zum Geist des Anfängers. Der dann vielleicht sagt: Sei wahrhaftig! Zu lieben tut gut! Liebe verzeiht alles! Auch wenn es weh tut, kann es Liebe sein, aber es gibt vermeidbare Schmerzen.

Die Identitätskrise willkommen heißen
Wer sich auf die spirituelle Reise begibt, stürzt sich damit in eine nicht endende Identitätskrise. Der einzige Ausweg aus dieser Krise ist, sich mit der Permanenz dieses nun vielleicht bewussten Identitätswandels abzufinden. Liebe hilft dabei. Ebenso die eigene Krise als Wandlungsprozess schätzen zu lernen hilft, und die anderen Menschen auch dann zu lieben, wenn sie Besessene sind, die sich der Liebe verweigern und anderen Wunden zufügen, denn auch sie sind Bedürftige, deren Wandlungskrisen Phasen der Erstarrung durchmachen. Kann erstarrte Lava eines Tages, entgegen aller geologischen Prognosen, aus dem Erdinnern wieder erhitzt werden und ins Fließen kommen? Es hilft mir, an Wunder zu glauben.


Wolf Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Kabarettist. 1971-75 Studium der Wissenschaftstheorie. 1975-77 in Asien. 1985-2015 Hrsg. der Zeitschrift Connection. Seitdem Leben mit Flüchtlingen. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.connection.de


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