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Ausgabe Mai 2016
Was kommt? Von Steve Harrison

Das ständige Bemühen nach einer Verbesserung unserer selbst, der Versuch, ein glückseliges Leben zu führen in einem fortwährenden Jetzt, das Streben nach Erleuchtung - das alles ist an eine Grenze gestoßen. Das Jetzt, dem wir uns hingeben wollten, liegt b

Wir haben das Ich hinter uns gelassen und sind in einen Zustand der Einheit eingetaucht. Jetzt hat uns auch der Zustand der Einheit verlassen. Jedweder Zustand hat uns verlassen. Das ist der Preis, den wir zahlen, um der Ko-Kreation des Lebens Ausdruck zu geben. Es kostet uns das Gefühl von Ich, von Sinnhaftigkeit, von Zeit, von Sicherheit. Es lässt uns in einer wertfreien Welt zurück, in der es auf unsere Vorlieben und Abneigungen nicht ankommt. Keine Moral wird uns jetzt noch helfen. In der Welt, die wir nun bewohnen, lässt sich nichts Vorhersagbares mehr ausmachen. Angst ist kein Hemmnis mehr, im Gegenteil – wir nutzen die Energie, um selbst im Angesicht des sicheren Todes neue Dinge zu erschaffen. Wir sind die schöpferische Kraft, die Quelle, genauso wie die Vielzahl der Formen, die aus dieser Quelle kommen.
Ko-Kreation ist das, was bleibt, wenn alles andere wegfällt. Und was als Nächstes kommt, ist die Schöpfung, die daraus hervorgeht. Gerade hierin liegt das menschliche Potenzial. Und es reicht sogar darüber hinaus. Unser Potenzial ist bei weitem nicht ausgeschöpft – wir leben nur einen ganz schmalen Ausschnitt unserer Möglichkeiten.

„Das ganze Konzept der Spiritualität ist ein Hirngespinst. Es behauptet, da gebe es eine spirituelle Welt und daneben eine nicht-spirituelle Welt. Aber was ist die nicht-spirituelle Welt? Wenn ich am Morgen aufwache und zur Arbeit gehe, ist das nicht-spirituell? Wenn wir alle Vorstellungen von Spiritualität fallen lassen, ist dann nicht alles spirituell? Wozu braucht man dann spirituelle Praktiken? Warum versuchen wir, in diese spirituelle Welt zu gelangen, wenn wir uns doch bereits mittendrin befinden? An der Spiritualität ist nichts falsch – außer dass es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt.“
Steve Harrison in „Und jetzt? – Die Frage auf die Antworten des Lebens“


Jeder einzelne Aspekt unseres Lebens und alles, woran wir uns halten, könnten eine radikale Veränderung durchlaufen. Am Anfang steht die Verschiebung unserer gedanklichen Welt, einer Struktur, von der wir glaubten, sie sei eine wirkliche Abbildung der Welt. Sie hat sich jedoch immer mehr als die imaginäre Projektion einer virtuellen Welt erwiesen. Unsere Ideen sind starr und fix. Sie machen eine Welt von Möglichkeiten unmöglich. Gleichzeitig taucht das Unmögliche in vielfältiger und überraschender Weise auf. Es verwirrt unsere Sicherheiten und bringt uns in Kontakt mit der Wirklichkeit der Manifestation und mit dem Potenzial von dem, was als Nächstes kommt.
Wo wir auch sind und wie auch immer die Umstände unseres Lebens sein mögen – jeder von uns ist sowohl der Motor als auch ein unbeschreiblicher Ausdruck des energetischen Flusses der Ko-Kreation, eine Mutation der Gegenwart in das, was als Nächstes kommt – als Nächstes nach «Jetzt».

Ich habe sämtliche Wege des Begreifens, die ich finden konnte, verfolgt, einschließlich langer Perioden der Meditation, insbesondere in Asien. Ich hatte Kontakt zu einigen sehr verborgenen, aber machtvollen Lehrmeistern. Ich fand heraus, dass die Entdeckung, nach der ich suchte, nicht in all diesen Bestrebungen zu finden war.
Am Ende von all dem stellte sich heraus, dass ich immer noch da war. Alle Eigenschaften, mit denen ich mich auf den Weg gemacht hatte, waren noch da. Ah, und das ist etwas sehr Interessantes. Was ich entdeckt habe, war, dass ich ein menschliches Wesen bin. Das war der verbindende Punkt – meine Menschlichkeit, nicht irgendein Zustand, den ich erzeugt hatte, um mich davon zu entfernen.
Steve Harrison in „Und jetzt? – Die Frage auf die Antworten des Lebens“


Veränderung als Leitbild
Was in unseren sozialen Strukturen und Funktionen als Nächstes geschehen wird, ist völlig unbekannt. Es könnte sehr wohl keinen Bezug mehr zu dem haben, was heute allgemein als Realität akzeptiert wird. Wir wissen nicht, wie eine solche Veränderung zu geschehen hat. Vielleicht entsteht sie durch das Erwachen eines neuen menschlichen Bewusstseins. Vielleicht durch den Zusammenbruch des Alten – in einem groß angelegten traumatischen Taumel aus Krieg, Seuchen und ökologischem Desaster.
Es könnte sein, dass diese Transformation darin besteht, Veränderungen zu umarmen, ohne sich auf utopische Ideen, falsche Propheten, messianische Führerfiguren oder irgendwelche Formen des Widerstandes einzulassen.

Können wir schöpferisch tätig werden und das Wirkliche als Grundlage nehmen?Können wir den Wandel zum Leitbild machen und das, was als Nächstes kommt, als unbegrenztes Feld der Möglichkeiten erkennen?
Das Schöpferische ist in diesem Sinne weder Märchen noch Spekulation, obgleich es sich manchmal so anhören mag. Es ist das volle Sicheinbringen in unser wirkliches Leben, stets mit der Herausforderung von dem, was als Nächstes kommt. Ohne ein Leben, das in umfassender Verbindung steht zu allem, sind sämtliche Überlegungen, was möglich ist, lediglich eine unterhaltsame Fiktion. Wenn wir bereit sind, auf der Welle des Möglichen zu reiten, anstatt uns ihr in den Weg zu stellen, dann können wir beginnen, das zu erschaffen, was als Nächstes kommt. Schöpfung manifestiert sich aus dem Bereich der unbegrenzten Möglichkeiten heraus. Sie ist greifbarer Ausdruck des Mysteriums des Lebens. Formen und Funktionen sind unsere Art von Dialog mit dem Mysterium. Und obgleich es keinen Handelnden gibt, sind wir letztlich doch das, was wir tun.

Die nicht-kursiven Textteile aus: Steve Harrison, „Was Kommt“, mit freundlicher Erlaubnis des Spuren Verlags



Steve Harrison ist ein amerikanischer Buch-Autor und Mystiker, der Grundbegriffe der spirituellen Erfahrung und Praxis hinterfragt. Seine Bücher erschienen allesamt auf Deutsch im Verlag Edition Spuren Schweiz.


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