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Ausgabe Mai 2016
Slow Sex. Entspannter, cooler Sex im Hier & Jetzt. Von Hella Suderow & Christian Schumacher


Ist SlowSex die neue Technik für den ekstatischen Orgasmus – oder gar eine neue Verheißung am tantrischen Liebeshimmel?
Wenn wir dies glauben oder uns dadurch so manches erhoffen, wird die Enttäuschung nicht lange auf sich warten lassen. Fragen wir uns doch einmal: Was verbinde ich mit Sex? Wir stellen dann vielleicht fest, dass der Sex uns oft als Muntermacher, als Einschlafmittel, als Trostspender, als Kontrolleinrichtung, als Retter unserer Beziehung oder Ehe, als Möglichkeit, ein Gefühl der Sicherheit zu finden oder einfach als Lieblingsstrategie dient, um ganz banal Stress abzubauen. Manchmal gebrauchen wir ihn auch als Mittel, unangenehme Zustände wie Einsamkeit oder Resignation zu kompensieren. So gibt es scheinbar viele Wege, den Sex zu benutzen, wobei dessen Spiritualisierung, wie wir sie beispielsweise im tantrischen Kontext vorfinden, bei weitem nicht die belangloseste ist. Man kann sich daher an dieser Stelle durchaus fragen: „Geht es hierbei vielleicht um eine Erotisierung unserer Konditionierungen oder gar unserer seelischen Bedürfnisse? Und ist dies dem Sex eigentlich angemessen oder beinhaltet die Möglichkeit, sich sexuell miteinander zu verbinden, noch ganz andere Dimensionen?“
Aus unserer Erfahrung können wir diese Frage eindeutig bejahen. Doch: Von welchen Dimensionen sprechen wir da und wie können wir sie finden?
Die schlechte und die zugleich gute Nachricht ist: Wir können nichts dafür tun. Will heißen: Es gibt nichts hinzuzufügen, also keine neue Techniken zu erlernen, eher gilt es manches wegzulassen. Hier kommt nun SlowSex (wie Diana & Michael Richardson und wir ihn lehren) ins Spiel.
Die Einladung des SlowSex ist es, eine innere Haltung einzunehmen, die uns dazu befähigt, den jeweiligen Moment der sexuellen Begegnung achtsam und bewusst wahrzunehmen. Gleichzeitig lernen wir, uns unserer sexuellen Gewohnheiten, die meist schneller mit im Bett sind, als wir uns vereinigen können, gewahr zu werden. Solche Gewohnheiten können sein: eine Performance abliefern, Leistung bringen durch ganz viel Tun, gefallen wollen, sexuelle Fantasien benutzen, den Orgasmus im Auge haben und diesen auf jeden Fall, ganz zielstrebig erreichen wollen. Uns ist währenddessen nicht klar, dass wir hier meist in einem Programm-Modus und somit mehr oder weniger automatisch agieren.
Wir nennen es unser biologisches PaarungsProgramm (nach Marnia Robinson: Das Gift an Armors Pfeil). Hier sind wir im Grunde den Tieren gleich und benötigen zur Ausführung des sexuellen Aktes wenig bis gar keine Bewusstheit. Im Gegensatz zu den Tieren können wir Menschen jedoch dieses Programm und die damit verbundenen Gewohnheiten wahrnehmen und ggf. benennen. Wir können Bewusstheit in diesen zutiefst unbewussten Bereich hinein bringen, dadurch auch mal innehalten, Kontakt zu den eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen aufnehmen und bemerken, was uns im sexuellen Miteinander noch wichtig ist: vielleicht willkommen und angenommen sein, eine seelische Verbindung ermöglichen oder eine Form von Begegnung erleben, die uns ganz tief im Herzen berührt.
Und das soll schon alles sein? Ja und zugleich Nein. Ja im Hinblick auf die innere Gestimmtheit, die dazu beitragen kann, dass wir uns im Sex endlich mal erlauben zu entspannen. Nein, es ist nicht alles, denn die meisten von uns sind nicht darin geübt, auf Knopfdruck einen im Inneren entspannten und bewussten Raum herzustellen. Wer meditiert, weiß dies aus eigener Erfahrung. Denn in der Meditation setzen wir uns, gerade wenn wir am Anfang einer inneren Praxis stehen, zuallererst mit der Unfähigkeit auseinander, die Aufmerksamkeit in einem definierten Zeitraum auf keinen oder auf einen frei gewählten Inhalt zu richten. Erst im Laufe einer gewissen Praxis fällt es uns dann irgendwann leichter, diese Aufmerksamkeit zu lenken, um somit der Achtsamkeit und Bewusstheit einen Raum zu öffnen. Hierfür gibt es Hilfsmittel oder Werkzeuge, die uns darin unterstützen können, den Geist allmählich zu beruhigen, wie z.B. die willentliche Konzentration auf den eigenen Atem. Nichts anderes ist SlowSex.

Meditation und Sexualität
Hier bringen wir dies zusammen. Auch hier nutzen wir „Werkzeuge“, die sogenannten Liebesschlüssel, die uns während des Sex behilflich sind, den jetzigen Moment bewusster wahrzunehmen und zugleich Geist und Körper zu entspannen: Es sind dies langsame und entspannte Bewegungen, Augenkontakt, eine entspannte Konzentration auf den Atem, das Kommunizieren während des Liebesspieles bzgl. der eigenen Befindlichkeit und Bedürfnisse, ein bewusstes Entspannen des Beckens bei der Frau und auch dem Mann und einiges mehr. Als natürliche Folge stellt sich erfahrungsgemäß eine gewisse Ruhe und Sicherheit im sexuellen Miteinander ein. Etwas in uns kann sich nun tief entspannen und loslassen. Manchmal lösen sich dabei Blockaden in Form alter Verletzungen und Emotionen. Das ist durchaus erwünscht und darf sein, denn es weist uns nur darauf hin, dass sich gerade ein tiefer Reinigungsprozess ereignet, der uns wieder befähigt, feinfühliger für kleinste Körperempfindungen und Gefühlsregungen zu sein und dadurch ein tiefgreifendes Heilungs- und Transforma-tions-Potenzial in sich birgt.
Sex wird somit, neben seiner Aufgabe der biologischen Fortpflanzung, wieder einer Bestimmung zugeführt, die unserer auf Leistung und Effektivität getrimmten Gesellschaft völlig abhanden gekommen ist: nämlich sich auch auf körperlicher Ebene nährend zu begegnen, tiefe Intimität und echtes Vertrauen zu erleben und zu erfahren, dass wir uns in der sexuellen Begegnung miteinander entwickeln und weiterwachsen können.

Sich füreinander Zeit nehmen
Möglich ist dieses Geschehen allerdings nur dann, wenn wir uns dabei Zeit geben, Zeit für die Liebe - Zeit für die Langsamkeit und uns und dem Anderen Verständnis, Geduld und Mitgefühl entgegenbringen. Wir wissen fast alle nicht, wie es ist, körperlich so miteinander zu sein, dass sich dadurch die Liebe und Verbundenheit zwischen zwei Menschen wirklich ausdrücken kann.
Je bewusster wir uns also im Sex begegnen, desto mehr tragen wir gemeinsam dazu bei, dass Langeweile und Lustlosigkeit, wie wir sie oft aus längeren Beziehungen kennen, einem Erleben weichen, das uns echte Verbundenheit und Nähe schenken kann, jenseits von Routine oder Event. Von Sensation zu Sensibilität, das ist der tiefe Sinn und eigentliche Weg des SlowSex.

Hella Suderow & Christian Schumacher lehren SlowSex seit acht Jahren und leiten und begleiten Paare in ihren MakingLove-Re-treats. Sie waren damit lange Jahre neben Diana & Michael Richardson und autorisiert durch die beiden, weltweit das erste und einzige Paar. Somit können die beiden - mittlerweile aus einer reichhaltigen Erfahrung schöpfen. Weitere Infos zur Arbeit der Autoren auf www.paarweise.info


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