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Ausgabe Mai 2016
Sich öffnen. Lieben heißt, sich dem anderen zuzumuten. Von Jochen Meyer


Gehörst du auch zu denen, die alles lieber mit sich selbst ausmachen? Die ihren Partner nicht mit ihren Problemen „belasten“ wollen? Tust du dich schwer damit, deine Gefühle offen zu zeigen? Dann kann es gut sein, dass du dich in deiner Beziehung häufiger allein fühlst, weil du eine wesentliche Dimension von Partnerschaft vermeidest. Erst wenn du dich mit dem zeigst, was dich wirklich bewegt, machst du deinen Partner zum Partner, denn erst dann kann er sich wirklich als Partner bewähren.

Wir alle haben Angst, uns ganz zu zeigen
Wir alle haben mehr oder weniger Angst, uns ganz zu zeigen. Wir alle erleben peinliche Momente, die wir am liebsten vor unseren Partnern verstecken möchten. Wir erleben Niederlagen und machen Fehler. Wir erreichen nicht, was wir uns vorgenommen haben. Wir fühlen uns ohnmächtig, schuldig oder wie Versager; wir fühlen uns überfordert und schämen uns dafür. Sich dem eigenen Partner mit solchen Gefühlen zu zeigen: Das braucht Größe und Selbstvertrauen. Schließlich wissen wir nicht, wie unser Partner reagieren wird. Gedankenblitze zucken durch unseren Kopf: „Er wird mich verurteilen, wenn er das ganze Ausmaß meiner Fehler erkennt. Er wird mich verlassen, wenn ihm klar wird, wie unzulänglich ich bin. Außerdem hat er schon genug eigene Probleme. Da will ich ihn nicht noch mit meinen eigenen Sorgen belasten.“
So oder ähnlich denken wir in solchen Momenten und halten unsere wahren Gefühle zurück. Doch ist dir wirklich klar, was du deinem Partner antust, wenn du dich ihm vorenthältst? Indem du bestimmte Seiten an dir verbirgst, verhinderst du, dass dich dein Partner vollständig kennen und lieben lernt. Du begrenzt seine Liebe zu dir. Dabei willst du doch ganz von ihm geliebt werden, oder? Dann höre auf mit diesem Versteckspiel. Zeig‘ mehr von dir! Zeig‘ dich auch in den Momenten, in denen du dich schwach oder schlecht fühlst. Hör‘ auf, immer stark und pflegeleicht sein zu wollen oder jemand, der immer gut drauf ist und keine Probleme hat. Sei eine Zumutung! Mute dich deinem Partner zu mit dem, was du bisher verbirgst! Das verlangt nicht nur Selbstvertrauen von dir, sondern jede Menge Mut – doch du wirst sehen, dass eure Liebe dadurch stärker und tiefer wird.

In Zumutung steckt Mut
Dass ich eine Zumutung sein und mich meiner Freundin mit meinen Schattenseiten bewusst zumuten darf, habe ich erst lernen müssen. Auch heute erlebe ich, dass ich vermeintlich schwachen Seiten ihr gegenüber am liebsten verstecken möchte. Zum Beispiel, wenn mich mein Business wieder einmal voll fordert und ich mich damit überfordert fühle. Doch ich erlebe auch, dass meine Freundin damit zurechtkommt, wenn ich erschöpft bin und ihr sage, dass ich am Wochenende Zeit für mich brauche, um mich zu erholen. Natürlich ist sie nicht immer begeistert, doch ich weiß auch, dass es besser für uns beide ist, wenn ich mich ihr mit meinem Erschöpftsein zumute als wenn ich mich selbst verleugne und „ihr zuliebe“ etwas unternehme, bei dem ich zwar physisch anwesend, innerlich aber abwesend bin.
Wichtig ist mir, dass meine Freundin weiß, wie es mir geht, und so erzähle ich ihr davon.
Ich versuche nicht mehr, mich zu verstellen oder etwas zurückzuhalten, was mir unangenehm ist. Inzwischen weiß ich, dass ich mich ihr zumuten kann. Ich weiß, dass sie mich so akzeptieren und meine Zumutungen tragen kann. Ich weiß auch, dass ich das an anderen Tagen wieder ausgleiche, indem ich in die Beziehung investiere und sie zum Beispiel zu gemeinsamen Aktivitäten einlade. Und ich schaue, dass ich mich dabei achtsam und einigermaßen fair verhalte. Mich zumuten heißt für mich nicht, dass ich ihr gegenüber als Kotzbrocken oder Pascha auftrete oder einfach mein Ding durchziehe. Und wenn ich spüre, dass meine Freundin etwas auf dem Herzen hat und sich schwer damit tut, sich mir damit zu zeigen, lade ich sie umgekehrt ebenfalls ein, mir davon zu erzählen und sich mir anzuvertrauen. So stellen wir ein gewisses Gleichgewicht her und lernen, dass wir einander zumuten können.

Erst wenn ich mich dir zumute, mache ich dich zum Partner
Auch in meinen Paarberatungen ist das oft ein Thema. Zum Beispiel bei Sonja und Klaus, beide Mitte 40 und seit drei Jahren ein Paar. Immer wieder bricht die Verbindung zwischen ihnen ab; beide ziehen sich dann voneinander zurück. Inzwischen sind sie von ihrer Beziehung ziemlich enttäuscht und fragen sich, ob sie überhaupt noch eine Chance haben. Sonja fühlt sich einsam, wenn Klaus nicht erzählt, wie er den Arbeitstag verbracht hat und wie es ihm geht. Klaus hingegen irritiert die emotionale Gereiztheit von Sonja, wenn diese ihm vorwirft, er würde mauern und sie sei ihm gleichgültig. Im Verlauf unserer Sitzungen zeigt sich: Beide fühlen sich vom anderen nicht geliebt; beide unterstellen dem anderen, er würde sich zurückziehen. Beide reden allerdings nicht offen über das, was sie wirklich bewegt. Beide muten sich zuwenig zu.
Im Laufe unserer Sitzungen lernen Sonja und Klaus, mehr von sich preiszugeben. Klaus erkennt, wie wichtig es für Sonja ist, an seinem inneren Erleben teilzunehmen. Er beginnt, ihr von den belastenden Aspekten seiner Arbeit zu erzählen. Zum ersten Mal spricht er davon, wieviel Druck er tatsächlich hat. Es überrascht ihn, dass Sonja ruhig bleibt und sogar erleichtert ist: „Endlich weiß ich, was du alles leisten musst an so einem Tag!“ Klaus hatte erwartet, dass Sonja entsetzt ist über seine beruflichen Belastungen; jetzt erlebt er, dass sie ihn sogar dafür bewundert. Sonja wiederum erkennt, dass Klaus sie aus Liebe schonen (und nicht zurückstoßen) wollte, wenn er ihr dies bisher verschwieg. Von seiner Offenheit gerührt, kann sie Klaus nun von ihren Gefühlen erzählen und darüber sprechen, wie groß ihre Angst ist, wenn sie so wenig von ihm weiß und sich so allein gelassen fühlt. Klaus wiederum erkennt, wie groß und zugleich unbegründet seine Angst ist, er könne Sonja verlieren, wenn er ihr zuviel von seiner Arbeitsbelastung zumuten würde. Indem sie sich mit ihren Ängsten und ihren verletzlichen Seiten zeigen, erkennen beide, wie groß ihre Liebe wirklich ist. Und dass sie viel stärker und belastbarer sind, als sie bisher gedacht haben. Nach nur fünf Sitzungen mit mir haben beide wieder zueinander gefunden – die Liebe fließt wieder und beide schauen zuversichtlich nach vorn.

Wenn du ganz geliebt werden willst, musst du dich auch ganz zeigen
Sonja und Klaus erkennen, was vielen Paaren bewusst wird, wenn sie sich einander mehr zumuten: Wir bestehen nun einmal aus Licht und Schatten! Dass wir Schattenseiten haben, macht uns doch erst aus. Und Paarsein heißt, auch dies miteinander zu teilen. In einer echten Partnerschaft ist Raum für beides. Eine solche Beziehung kann eine echte Kraftquelle sein.
Das bedeutet aber auch: Wenn dein Partner dich mit deinen Schattenseiten lieben soll, darfst du sie ihm nicht vorenthalten. Also trau dich: Sprich davon, wie es dir wirklich geht. Erzähle von deinen Gefühlen, wenn du nicht mehr weiter weißt. Sei mutig und öffne dich – wenn dein Partner dich liebt, wird er dir zuhören. Es wird ihn berühren, dich so verletzlich zu sehen. Er wird dich mit deinem Schmerz annehmen und dich unterstützen, so gut er kann. Nur dann kannst du erfahren, dass du nicht von deinem Partner abgelehnt wirst, verurteilt oder was sonst du Schlimmes befürchtest hast. Nur dann kannst du erleben, dass dein Partner bei dir bleibt. Ja, dass er sich vielleicht sogar insgeheim freut, weil du ihm endlich die Chance gibst, dir ein echter Partner zu sein. Nur wenn du dich deinem Partner zumutest, kann er wirklich Partner sein – jemand, der bedingungslos zu dir hält und auch in schwierigen Momenten fest an deiner Seite steht.


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin.


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