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Ausgabe Mai 2016
Alle wollen glücklich sein. Aus dem Buch von Rick Hanson


Glück ist nicht nur ein angenehmes Gefühl. Studien haben gezeigt, dass Glück und positive Emotionen viele unterstützende Wirkungen haben. Die Emotionen organisieren den Geist als Ganzes, deshalb hat ein Empfinden des Glücks eine Wirkung auf den ganzen Geist.
Glück verringert auch die Stressreaktion im Körper, weil die Erregung des sympathischen Nervensystems gehemmt wird. Das sympathische Nervensystem ist für die Stressreaktion von Flucht oder Kampf zuständig. Durch ein Empfinden von Glück wird das beruhigende parasympathische Nervensystem stimuliert, das Gefühle wie Entspannung und Zufriedenheit stärkt. In Studien konnte beispielsweise gezeigt werden, dass positive Emotionen die Wirkung von Stress auf das Herz-Kreislaufsystem reduzieren und so die Gesundheit des Herzens stärken.
Glück steigert auch die psychologische Resilienz, unsere Stimmung wird besser und wir schützen uns vor Depressionen, Sorgen und Ängsten.
Neben diesen emotionalen Wirkungen ist Glük auch eine Haltung, eine Perspektive auf die Welt und das Leben. Glück ist grundlegend optimistisch und viele Forscher haben auf die positiven Wirkungen einer optimistischen Grundhaltung hingewiesen, darunter der Schutz vor Depression. Zudem können positive Emotionen wie Wohlbefinden und innerer Frieden – also Glück – den Folgen traumatischer Erfahrungen oder anderer schmerzvoller Erlebnisse in der Vergangenheit entgegenwirken.
Wenn Sie sich an eine schmerzvolle Erfahrung in Ihrem Leben erinnern, dann rekonstruiert Ihr Gehirn zunächst diese Erinnerung – einschließlich der emotionalen Assoziationen – aus einigen Schlüsselaspekten. Dann wird die Erinnerung im Gedächtnis neu gebildet, beeinflusst von der Stimmung, in der Sie zu dem Zeitpunkt sind, an dem Sie sich an diese traumatische Erfahrung erinnern. Wenn Sie sich also immer wieder in einer schlechten Stimmung an ein Ereignis erinnern, dann wird die Erinnerung daran immer negativer geprägt sein. Wenn Sie sich im Gegensatz dazu an das gleiche Ereignis mit einem realistischen positiven Geisteszustand erinnern, dann wird diese Erinnerung nach und nach eine neutralere oder positivere Qualität annehmen. Sie vergessen nicht, was tatsächlich geschehen ist, aber die emotionale Aufladung wird sich langsam verringern. Das kann eine große Befreiung sein.
Positive Emotionen sind auch ein Merkmal wichtiger positiver Geisteszustände und sie helfen uns, in Zukunft leichter in diese Zustande zurückkehren zu können. Daruber hinaus ist Glück eine wichtige Belohnung dafür, dass wir uns im Leben Herausforderungen stellen. Es ist nicht einfach, wenn wir uns als Menschen charakterlich entwickeln wollen, Gutes in die Welt bringen, in unseren Beziehungen angemessen handeln, regelmäßig einer sportlichen Übung oder einer Meditationspraxis folgen wollen. Aber dieses Verhalten unterstützt ein tieferes Empfinden von Glück.
Zudem bewegt uns Glück dazu, anderen zu helfen. Es ist also nicht selbstbezogen oder egozentrisch, wenn wir versuchen, ein glücklicherer Mensch zu werden. Wenn wir andererseits verärgert oder depressiv sind, dann ziehen wir uns oft in uns zurück und verschließen uns vor anderen Menschen. Eine innere Erfülltheit und Lebensfreude führt dagegen oft dazu, dass wir uns mit anderen verbinden. Wir haben das Gefühl, dass wir eine innere Fülle von Fürsorge haben, die wir auch anderen zukommen lassen können.

Was ist eigentlich Glück?
Wenn ich über Glück spreche, dann meine ich ein grundlegendes, tiefes Wohlbefinden, das mit Gelassenheit und Zufriedenheit einhergeht. Dieses Wohlbefinden wird manchmal die Form einer enthusiastischen Freude annehmen, manchmal können es subtilere Gefühle sein wie Heiterkeit, Erfülltheit oder innere Ruhe. Aber wie auch immer dieses Glück zum Ausdruck kommen mag, das Glück, das wir auch programmatisch üben können, ist nicht nur ein vorübergehendes Gefühl von Spaß oder Vergnügen, sondern eine viel tiefere, verlässlichere und wahrere Wirklichkeit. Gewiss ist es vollkommen in Ordnung im Leben eine ganze Bandbreite von Gefühlen zu haben; das ist gesund und natürlich. Wir erleben Gefühle wie Traurigkeit, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Scham und Langeweile oder Interesse, Albernheit, Ruhe, Aufregung und Zuneigung. Diese Emotionen kommen und gehen.
Glück bedeutet also nicht, dass wir eine rosarote Brille aufsetzen oder uns von den Schwierigkeiten des Lebens abwenden. Vielmehr bedeutet Glück, dass wir ein stetiges, bleibendes Wohlbefinden, tiefe Zufriedenheit und inneren Frieden nähren, die so fest wie ein Berg sind und zu einer Zuflucht, zu einem Zuhause werden können. Dieses tiefe Glück kann zu einem inneren Ort werden, aus dem wir dem Leben begegnen. Glück in diesem Sinne ist also das Gefäß für die Erfahrungen des Lebens – der Rahmen, der sie alle hält; der Raum, durch den sie hindurchfließen. Durch dieses Glück finden Sie nicht nur einen Zufluchtsort, Sie erhöhen damit auch Ihren „Sollwert“ für Glück. Im Kontext der kontemplativen Praxis bringt uns ein Empfinden von Glück eine Stabilität des Geistes. Diese innere Stabilität hat positive Wirkungen im Alltag bei der Arbeit oder im Familienleben, darüber hinaus ist sie aber auch die Voraussetzung für jede wirkungsvolle Meditation.
Jede Erfahrung von Glück verändert unser Gehirn.
Wiederholte Erfahrungen von Glück können es dauerhaft in einen positiveren Zustand bringen. Der flüchtige Strom des Bewusstseins hinterlässt bleibende Spuren im Gehirn, so wie ein Regenguss kleine Rinnsale auf einem Hügel hinterlasst. Die Ursache für diese Veränderungen im Gehirn, die manchmal als Neuroplastizitat bezeichnet wird, liegt in folgendem Grundsatz: „Neuronen, die zusammen aktiviert werden, verbinden sich.“ Dieser bekannte Ausspruch des Psychologen Donald Hebb besagt, dass die Aktivierung eines bestimmten neuronalen Netzes die Stärke der Verbindungen in diesem Netz erhöht. Das bedeutet, dass unsere Erfahrungen nicht nur wichtig sind wegen ihrer Wirkung auf unsere momentane Lebensqualität. Vielmehr bilden unsere Erfahrungen bleibende Veränderungen in der physischen Struktur unseres Gehirns. Diese Veränderungen haben eine Wirkung auf unser Wohlbefinden, unser Handeln und manchmal auch auf unsere körperliche Gesundheit.

Die Evolution des Gehirns
In der Evolution des Nervensystems begannen die Emotionen etwa bei den ersten Vögeln und Säugetieren. Vogel und Säugetiere müssen in ihrem täglichen Überleben dem gleichen Verhalten folgen wie die Reptilien und Fische. Sie müssen etwas fressen und vermeiden, dass sie gefressen werden. Aber Vögel und Säugetiere haben ein größeres Gehirn. Was ist der Grund dafür?
Die Ursache liegt in einer zusätzlichen Aufgabe, die sie erfüllen mussen. Der Unterschied zwischen Vögeln und Säugetieren und Reptilien und Fischen liegt darin, dass Vögel und Säugetiere Paarbindungen eingehen – sie paaren sich und ziehen ihre Jungen auf. Dafür brauchten sie ein größeres Gehirn, denn es ist gar nicht so leicht herauszufinden, mit wem sie sich paaren sollen – selbst für einen kleinen Vogel oder eine kleine Ratte, die vor 100 Millionen Jahren lebten. Sie mussten schon ein komplexes Verhalten zeigen: Sie mussten sich paaren, eine Zeit lang bei dem Partner bleiben, um gemeinsam die Jungen aufzuziehen. Ist es nicht wunderbar, dass die Evolution des Gehirns von der Paarbindung und der Fürsorge für den Nachwuchs angetrieben wurde? Das bedeutet, dass das Gehirn mit der Evolution von Fürsorge, Empathie und Liebe verbunden ist. Die Evolution der Emotionen wurde dann in der Entwicklung der Primaten mit großer Geschwindigkeit vorangetrieben. Die zunehmende Größe des Gehirns bei Primaten steht mit dem Sozialverhalten in den Primatengruppen in Verbindung. Das ist auch kein Wunder: Diese Primaten mussten mit so vielen Artgenossen in ihrer Gruppe gleichzeitig zurechtkommen. Sie mussten Verbindungen mit ihren Artgenossen bilden, sie mussten herausfinden, wer das Alphamännchen und das Alphaweibchen ist und aushandeln, wer wessen Rücken kratzt.
Diese Evolution der Emotionen wurde in den letzten zwei Millionen Jahren der menschlichen Evolution noch einmal stark beschleunigt. Die ersten Steinwerkzeuge gab es vor etwa zweieinhalb Millionen Jahren. Seitdem hat sich die Größe des Gehirns verdreifacht. Viele der Teile des Gehirns, die sich in dieser Zeit entwickelt haben, sind eng mit der Verarbeitung und Regulierung von Emotionen verbunden, wozu auch das Reagieren auf die Emotionen anderer gehört. Es ist schon beeindruckend, wenn wir anerkennen, dass Beziehungen und Gefühle die stärksten Triebkräfte in der Evolution des Gehirns bei Säugetieren, Primaten und Menschen waren.

Aus: Rick Hanson, Meditationen für ein glückliches Gehirn, mit freundlicher Erlaubnis des Arbor Verlags

Rick Hanson ist Neuropsychologe und Lehrer, der an der Schnittstelle von Psychologie, Neurologie und kontemplativer Praxis arbeitet. Er ist Autor des Buches „Das Gehirn eines Buddha“ im Arbor Verlag. Er lehrt an Universitäten und Meditationszentren in den USA, Australien und Europa. Rick Hanson kommt im Mai nach Deutschland. In seinen Seminaren zur „Positiven Neuroplastizität“ geht es darum, wie wir ein starkes, gesundes, achtsames und glückliches Gehirn entwickeln können.

Buchtipp: Rick Hanson, Meditationen für ein glückliches Gehirn - Wie Sie durch die Veränderung Ihres Gehirns Zufriedenheit und Frieden finden, Buch und zwei CD‘s, Arbor Verlag, 2015


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