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Ausgabe April 2016
Beitragsreihe 2016 von Andreas Krüger Homöopathisches Heilmittel: Opium, der Mohn den die Götter schickten.


H. Schäfer: Bei unserem letzten Interview sprachen Sie an, dass es Folgemittel für Carcinosinum gibt. Eins ist die Rose, aber vorher geben Sie noch Opium.
Wenn wir traumatisiert sind, dann befinden wir uns in einem Zustand seelischen Gefesseltseins. Traumatisierung führt oft dazu, dass wir völlig bewegungslos sind und wie ein erstarrtes Kaninchen in diesem Trauma verharren, bis am Ende nur noch der Suizid bleibt. Heilung ist immer ein Akt, diese Ketten zu zerreißen und mit therapeutischer Hilfe aufzulösen. Bevor wir vergeben, um dann letztendlich frei zu werden, der Zorn seine Ehrung und seinen Raum braucht und das Opfer auch das Gefühl haben muss, sich gegen seinen Täter durchgesetzt zu haben.
Mein Lehrer Leonard Shaw hat mir gezeigt, dass der von ihm entwickelte Weg unverzichtbar ist, indem er mit einer Frau gearbeitet hat, die unbeschreiblichen Missbrauch durch eine satanische Sekte erlebt hat, deren Onkel die Sekte leitete. Über Jahre bereitete er dieses Kind auf diesen Missbrauch vor und zu einem ganz bestimmten Planetenstand missbrauchte dann die Sekte – es waren fünf Frauen und fünf Männer – diese kindliche Nichte des Sektenleiters eine Woche lang. Sie beschrieb uns, wie sie nach drei Stunden einfach aus ihrem Körper rausging und seitdem nie wieder in ihren Körper hineinkam. Für sie gab es ein Liebesleben oder ein angstfreies Leben einfach nicht. Diese Frau hat mir das schönste Kompliment gemacht, das ich als Mann jemals bekommen habe: Sie hat mir nach ihrer Heilung gesagt, dass ich der einzige Mann war, den sie in ihrem Leben überhaupt umarmt hat. Mit dieser Frau hat Leonard Shaw gearbeitet, drei Stunden lang, in denen sie nur zitterte, gehalten von ihrer Therapeutin und Leonard Shaw ist immer wieder mit ihr in diese Situation hinein gegangen, hat sie gestärkt und gehalten, hat sie sagen lassen, wie es ihr in dieser Situation ging, hat sie die Wut auf den Onkel ausdrücken lassen, hat sie aufgefordert, ihn zu zerhacken, zu zersägen, zu häuten, hat sie ihre ganze Wut spüren lassen und irgendwann konnte sie sich auf den Stuhl der Onkels setzen. Sich auf den heißen Stuhl zu setzen, also in die Rolle des Täters zu gehen, das macht Leonard Shaw auch in Amerika in den Hochsicherheitsknästen mit Tätern, die ihre ganze Familie umgebracht haben. Irgendwann konnte diese Frau empfinden, was ihr Onkel damals empfand und tatsächlich gelang es, eine Versöhnung herzustellen.
Diese Frau hat sich komplett verwandelt, ist Heilpraktikerin geworden, hat eine Ausbildung in Traumatherapie gemacht und arbeitet jetzt in ihrer Praxis mit missbrauchten Frauen.

Und sie kann helfen, weil sie weiß, wovon die reden. Aber was hat das mit Opium zu tun?
Opium ist eines der wichtigsten Mittel für Folgen von sexuellem Missbrauch oder, wie die Schamanen sagen, von Schändung. Es ist ein Mittel, das sich dadurch auszeichnet, dass es sein ganzes Leben versucht, alles zu vermeiden, damit es nicht noch einmal passiert. Es sind meistens Menschen, die ihr Leben beziehungs- und sexuallos und fast schon kontaktlos leben, um sich nicht noch einmal dieser Situation auszusetzen. Sie haben zwar noch eine Erinnerung, dass es da etwas gab, aber diese Erinnerung ist völlig dissuiert – so, wie wenn man Opium geraucht hat, denn da merkt man ja auch nichts mehr. Opium war ja das wichtigste Schmerzmittel im Altertum.
Es passiert mir öfter in der Praxis, dass mir Menschen von unangenehmen Zuständen erzählen und wenn ich nachfrage, dann erzählt mir der Patient völlig emotionslos eine Geschichte, die unvorstellbar schrecklich ist. In diesen Momenten habe ich hier gesessen und ein heiliger Zorn stieg in mir hoch und ich habe nur noch gehört, wie ich meine pamp-gun lade und diese ganzen Schänder und Missbräucher ja fast im Auftrag dieser Klientin auf brutalste Art illiminiere oder terminiere – wie ein Terminator. Als ich dann Opium genommen habe, war es anstrengend, nächtelang unterwegs zu sein, um diese Schänder über den Weltkreis zu jagen und ihnen klar zu machen, wofür sie in die Hölle kamen. Natürlich habe ich mich dafür geschämt, denn als Krebs muss man ja alle lieben, bis mir mal jemand sagte, dass bei den Hebräern die Rache etwas relativ Legitimes ist, weil der hebräische Gott auch ein Gott der Rache sein kann. Und Rache kann auch eine Form von Ausgleich sein. Diese Träume sind bei mir bei Opium verschwunden und auch diese Gewaltgefühle sind deutlich besser geworden.
Inzwischen weiß ich, dass für mich dieses Schändungsthema zwar in diesem Leben nie eine Rolle gespielt hat – und da verweise ich auf unseren „Acidum-flur-Artikel“ –, dass ich aber in einem früheren Leben einmal ein ganz großer Schänder war und aus dieser Erfahrung geschworen habe, es nie wieder zu tun, sowie mich um alle zu kümmern, denen das passiert ist und ihnen Wiedergutmachung zukommen zu lassen. Aber Vorsicht: Es sollten jetzt nicht alle, die mal Missbrauch erlebt haben, Opium schlucken, denn das könnte zu starken Reaktionen führen, die in Ordnung sind, sofern sie therapeutisch aufgefangen werden.
Auf meiner Seite gibt es einen Link der „kleinen Eichhörnchenfrau“ von einer Frau, die sich mit missbrauchten Frauen beschäftigt hat und sie sagt, dass Missbrauch völlig unmenschlich und unmännlich ist. Und das kann ich nachvollziehen. Ich war immer dafür, dass das geahndet und bestraft wird. Aber in meiner Vorstellung von Menschsein ist es dem Menschen fremd.

Aber wenn Missbrauch nicht menschlich ist, was ist es dann?
Es ist etwas Dämonisches.

Und wie werde ich das wieder los?
Wenn ein von einem Dämon besetzter Mensch eines Tages an jemanden gerät, der ihn von Herzen liebt, fühlt sich der Dämon total bedroht – denn er wird durch Licht verascht, durch basisches Milieu, durch Liebe und durch orgastische Potenz. Das sind die antidämonologistischsten Dinge, die es gibt. Vielleicht noch Rilke, denn von Rilkes Gedichten kriegt der Dämon auch Blasen. Wenn ein Mensch an jemanden kommt, der ihm so viel Liebe entgegen bringt, dass der Dämon Atemnot bekommt, dann tut der Dämon alles, um das zu vernichten. Er wird alles versuchen, den neuen Liebsten, der ihm gefährlich werden könnte, so zu manipulieren, dass der sich so verhält, dass der andere nur flüchten kann. Der Dämon ist im Grunde gar nicht böse – er will nur nicht sein menschliches crème brulée verlieren. Die dämonische Wesenheit, die in einem Menschen ist, versucht alles, was den Menschen heilen würde, zu zerstören, denn das beraubt ihm seine Nahrungsgrundlage.
Opium ist eines der befreiensten und heilensten Mittel, das ich in der Homöopathie kenne. So blühte auf den Schlachtfeldern von Verdun, bis sie argartechnisch wieder genutzt wurden, Mohn, also Opium. Als wenn die Götter, um die Seelen der Geschändeten zu heilen, den Mohn schicken.

Das ist ein schönes Bild.
Noch eine Überleitung zur Rose für den nächsten Artikel: Die Rose wird ja immer mit dem weiblichen Geschlechtsteil assoziiert. Ich finde aber, dass sie dem Mohn viel ähnlicher ist als der Rose. Deshalb noch einmal der Satz von Hellinger, den er geschändeten Frauen mitgab: „… und die Rose duftet immer noch.“

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst. Sein aktuelles Buch, „Heiler und heiler werden“, erschien 2013 im Verlag Simon + Leutner. Weitere Informationen: www.Samuel-Hahnemann-Schule.de


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