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Ausgabe April 2016
Gut gehen. Von Elke Schmid

Wie geht’s? Gut geht‘s. Aber gehen wir auch gut? Diese Frage stellt sich Elke Schmid, Regisseurin und Trainerin für gesundes und sicheres Auftreten.

Es scheint zunächst einmal abwegig, sich damit auseinander zu setzen, denn das Gehen ist die Grundbewegung des Menschen. Gehen kann jede(r). Es hat unsere evolutionäre Entwicklung entscheidend vorangebracht. Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Sie haben auf ihren Streifzügen im Schnitt täglich 30 Kilometer zurückgelegt. Sie waren gut durchtrainiert.
Die globale Mobilität und die digitale Kommunikation in unserer überhitzten Leistungsgesellschaft bremsen uns jedoch immer mehr aus. Das Gehen kommt abhanden – und der Mensch sich selbst auch. Er fühlt sich ausgebrannt, auch schon in jungen Jahren. Die Krankmeldungen sprechen deutliche Zahlen. Depression und Burnout stehen an oberster Stelle. Laut einer Studie des Robert Koch-Instituts sind mehr als die Hälfte aller erwachsenen Deutschen weniger als 2,5 Stunden pro Woche aktiv (das ist die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO): aus Zeitnot, Gewohnheit und aus Bequemlichkeit... Wir sitzen in der Bahn, im Büro, am Computer, auf dem Sofa, vor dem Fernseher, im Kino- oder Theatersessel, im Restaurant - wir sitzen...Und am Wochenende verausgaben wir uns meistens bis zur Erschöpfung, um das spürbare Defizit wieder auszugleichen. Wir vertrauen auf spezielle Ausrüstungsgegenstände und folgen dem neuesten, meist schweißtreibenden Fitnesstrend, auch wenn sich unser Innerstes eigentlich nach einer ruhigeren Gangart sehnt.

Gehen lernen
Kinder erlernen das Gehen, soweit keine körperliche Beeinträchtigung vorliegt, intuitiv richtig, wie das Atmen. Aber bereits im Kinderzimmer nimmt das Bewegungspensum ab. Der Leistungsdruck beginnt immer früher. Schon im Laufe des Erwachsenwerdens vermindert sich häufig die natürliche Bewegung des Gehens. Starre Schuhe auf glattem Boden, schwere Umhängetaschen, stundenlanges Sitzen vor dem Computer, Bewegungsmangel im Allgemeinen, Tempo und Stress, führen zu Fehlhaltungen und Verspannungen. Verspannungen sind ein Ungleichgewicht, das sich bis in die Fußmuskulatur fortsetzt. Umgekehrt beeinflusst auch die Gangart den kompletten Organismus. Viele Rückenprobleme beginnen im Fuß.
Fehlhaltungen, sprich Verschiebungen aus der Körpermitte, manifestieren sich über viele Jahre hinweg, wirken sich auf alle Gelenke aus und sind als gewohnter Bewegungsablauf im Körper abgespeichert. Sie sind Teil unseres Selbstausdrucks. Und so gehen wir. In Schonhaltung und mit verkümmerter Muskulatur.

Gut gehen
Gehen ist ein komplexer, ganzkörperlicher Vorgang, der durch gezielte Impulse wieder optimiert werden kann, um gut zu gehen. Das bedeutet, die körpereigenen Achsen in den Bewegungsablauf zu integrieren. Dadurch bewegt sich auch der Oberkörper im Gehen – der ganze Körper geht. GUT GEHEN heißt, aus der Körpermitte bewegter zu gehen - und mit jedem Schritt unsere Muskulatur zu nutzen und zu trainieren.

Das Gehen wieder zu optimieren ist ein Prozess
Impulse aus dem Training werden direkt im Alltag umgesetzt. Dann geht es um die Schulung der Selbstwahrnehmung und die Analyse der eigenen Bewegungsstruktur. Am Anfang steht die Wiederbelebung der Achsenbewegung und die Arbeit am Schritt, besser gesagt dem Fuß.
Denn der Fuß ist nicht nur die Basis unseres Gehens sondern auch eine Meisterleistung der Natur. Auf den Füßen lastet das gesamte menschliche Körpergewicht. Mit seinen 26 Knochen, 33 Gelenken, 20 Muskeln sowie 114 Bändern pro Fuß stabilisiert und hält er die Bewegung. Die gesamte Statik der Wirbelsäule beginnt in den Füßen. Wir brauchen sie für unsere Standfestigkeit, unser Gleichgewicht, unsere Stoßdämpfung und Fortbewegung. Unsere Füße sind mit den inneren Organen derart verbunden, dass diese von der Fußsohle über Reflexpunkte mit jedem Schritt massiert werden können (Fußreflexzonenmassage quasi im Alltag). Vorausgesetzt, man geht barfuß oder in flexiblen dünnen Schuhen. Deshalb wirkt sich die optimale Nutzung der Fußsohle, und damit der Einsatz des Fußes beim Gehen, positiv auf unsere Gesundheit aus. Die Fußbewegung gewinnt im Gehirn die Oberhand über die Emotionszentren und stabilisiert unser emotionales Gleichgewicht. Wer kennt nicht den Bewegungsdrang in angespannten Situationen.

Körpersprache und Selbstbewusstsein
Das Gehen ist ebenso unsere Körpersprache und vermittelt das Image der eigenen Person. GUT GEHEN ermöglicht sicheres und authentisches Auftreten in jedem Kontext, verleiht Präsenz, Achtsamkeit und Selbstbewusstsein. GUT GEHEN läßt uns im Augenblick sein. Es fördert die Kreativität und Entscheidungen, denn das Gehen ist mit dem Denken verbunden. Gedankenschritte, Gedankengänge – das wird schon seit der Antike praktiziert.

Wege
Laut Statistik umrundet jeder Mensch im Schnitt zweimal die Erde in seinem Leben. Es ist unsere Freiheit. Gehen ist die Öffnung zur Welt. Angesichts der Flüchtlingsströme gewinnt die ureigene Mobilität wieder an Bedeutung und zeigt uns, welche Wege wir imstande sind zurückzulegen.
Da stellt sich die Frage: Wieviele Schritte gehen wir täglich? Die Charité in Berlin empfiehlt 10.000 Schritte amTag. Mit ungefähr 4.000 Schritten, bei einer Schrittlänge von ca. 50 Zentimetern, käme man in Berlin vom Alexanderplatz bis zum Brandenburger Tor. Je mehr wir gehen, desto besser. Neue Wege und Umwege. Jeder Schritt lohnt sich für das Wohlbefinden im Hier und Jetzt. Mit sich unterwegs sein – das erlangt man durch gute Bewegung.



Die Autorin Elke Schmid ist Regisseurin und Trainerin für gesundes und sicheres Auftreten. Sie arbeitet mit Menschen aus allen Lebensbereichen in Workshops und Gruppen- oder Einzeltrainings. Neben dem Studium der Theaterwissenschaft, Literatur und Geschichte in München war das Gehen die Basis ihrer Schauspielausbildung bei Gerhardt Rieckmann. Seit 1995 trainiert sie Menschen für Schauspiel und Auftritt neben ihrer künstlerischen Arbeit. Sie arbeitet zur Zeit mit ihrem Kollegen Thomas Schütt an ihrem Projekt: der ÉCOLE FLÂNEURS, einer Schule des Flanierens und der Entschleunigung in der Stadt. Weitere Infos auf www.gutgehen.com und www.ecoleflaneurs.wordpress.com


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