aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2015
Krisen und Chancen. Christian Salvesen im Gespräch mit Prof. Dr. Erhard Meyer-Galow

Der Unternehmensführer Prof. Dr. Erhard Meyer-Galow spricht mit Christian Salvesen über den Goldenen Wind. Der Goldene Wind ist ein Bild für die Erkenntnis der Wahrheit unserer Natur. Nur eine Kehrtwende nach innen und die tägliche Praxis der Achtsamkeit

Herr Meyer-Galow, wie kam es zu diesem Ihrem ersten Buch?
Mein jüngster Sohn Patrick hat mich dazu angeregt. Ich sprach dann mit meinem Lehrer und ZEN-Meister Willigis Jäger, der sagte: „Du musst das Buch aus deiner Erfahrung als Unternehmensführer schreiben, und du musst aber auch über die Thematik von Krankheit und Tod schreiben. Schreibe für die älteren Menschen, die brauchen deine Erfahrung, denn du bist ja nun im letzten Lebensdrittel.“ Und so war das Buch zunächst konzipiert.
Dann kam Roland Ropers ins Spiel, wir haben viel darüber diskutiert und sind übereingekommen, dass das zweite Lebensdrittel als Vorbereitung auf das dritte mit einbezogen werden muss. Es ist die Phase, wo die Kinder aus dem Haus gehen und man sich fragt: Was mache ich jetzt? So wurde das Opus erweitert und es waren zum Schluss 650 Seiten. Das Schreiben war für mich wie eine Meditation. Ich habe mich selbst beobachtet, was da aus mir herausgeströmt ist. Wenn ich das Buch heute in die Hand nehme, kann ich kaum glauben, dass ich das geschrieben habe. 2010 war ein Lebensabschnitt, wo sich offensichtlich die angesammelte Lebenserfahrung in Wort und Schrift ausdrücken musste – aus der Sicht eines Topmanagers, aus der Sicht des Schülers von spirituellen Lehrern, aus Sicht Jungscher Tiefenpsychologie, aus Sicht von Meister Eckhart, aus der Sicht von Naturerfahrung, Musik, Tanz, Kunst, Begegnung usw.

Es handelt sich bei Ihrem Buch vor allem um eine Anleitung zur spirituellen Praxis, oder?
Ja. Es scheint offensichtlich schwierig, jemanden dauerhaft auf einen spirituellen Weg zu führen. Wenige schaffen es, viele hören auf. Es gibt viel Hoffnung, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren. Man braucht eine Disziplin der täglichen Übung, die kaum einer täglich in allen Bereichen durchhält. Auf der anderen Seite ist das Leiden wichtig für die notwendige Umkehr. Ich habe noch keinen kennengelernt auf dem spirituellen Weg, der nicht von einem Leidenshintergrund kam.

Zen-Koan:
Ein Mönch fragte den Meister Ummon: „Was ist, wenn der Baum verdorrt und die Blätter fallen?“
Der Meister antwortete: „Vollkommene Manifestation des Goldenen Windes!“


Viele Autoren versuchen, ihre Leser auf den spirituellen Weg zu bringen, doch ich sagte mir: Du bist kein spiritueller Lehrer. Sei einfach pragmatisch, geh in dein Büro, und spür in dich hinein! Da kam mir die Idee mit den Erfahrungsräumen, in denen wir ja sowieso immer drin sind, aber eigentlich so herausgehen wie wir hineingehen. Das ist doch schade! Du gehst in die Natur oder in ein Konzert, spielst Klavier oder hast eine Begegnung mit jemandem –- und da passiert so wenig, weil wir nicht achtsam sind für den Augenblick.
Es geht darum, immer, in jedem Moment achtsam zu sein. Es gilt, immer zu praktizieren, auch in der Arbeitswelt. Und das führt zu einem völlig anderen Führungsverständnis. Ich habe das ja selber fast zwanzig Jahre praktiziert – bei der Führung von großen und kleineren Unternehmen, immer meinem jeweiligen Reifestand entsprechend. Dabei hatten wir alle viel Freude und zugleich geschäftlichen Erfolg. Die Leute haben länger gearbeitet, und keiner ist weggegangen.
Im Unterschied zu den mir bekannten spirituellen Büchern gehe ich auch auf die Frage ein, was meine Bemühungen möglicherweise stören oder zunichte machen kann, nämlich das allseits präsente Angebot an Zerstreuung, Ablenkung und Entspannung. Sehr viele Menschen leben doch meist im Spannungsfeld zwischen der ungeliebten Arbeit und einer von großen Industrien forcierten Ablenkungsmaschinerie. Ich kann nicht Fokussiertheit leben wollen, wenn ich zugleich der Defokussierung fröne. Dann reißt man wieder ein, was man gerade aufgebaut hat.
Und schließlich war mir sehr wichtig die Einbeziehung des „Dunklen Bruders“ oder des „Schattens“, wie sie mein Lehrer Walter Schwery nach der Jungschen Tiefenpsychologie lehrte. Er erzählte gern die Geschichte des ZEN-Mönchs, der zu ihm kam und beichtete: „Ich habe ein Problem – ich sitze seit 20 Jahren auf der Matte, aber ich ärgere mich so schnell.“ Wem geht es nicht so? Ob man nun auf der Autobahn geschnitten und in einer Warteschlange angerempelt wird, es gibt genug Anlässe im täglichen Leben, wütend zu werden. Wie gehen wir damit um? Der „dunkle Bruder“ spielt Champions League, wie Schwery zu sagen pflegte, und wir sind dagegen Amateure. Es ist wichtig zu üben und so wachsam zu sein, dass du merkst, wann der Dunkle Bruder kommt.

„Erfahrungsräume sind mein Meer, auf dem ich segele. Sie sind immer da. Sie warten auf mich. Indem ich in sie eintrete und Achtsamkeit übe, spanne ich meine Segel auf. Nur so schaffe ich die Möglichkeit, den Goldenen Wind zu spüren.“

Wie gehen wir mit den heutigen Krisen um?
Auslöser für dieses Buch war die tiefe Sorge, die mich als Unternehmer im Hinblick auf die Ursachen und die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise ergriff und noch immer ergreift. Und ich weiß genau, was das für das Kollektiv und das Individuum bedeutet. Nachdem der Deutsche seinen Nationalstolz abgelegt hatte, begann er, sich mit dem Wirtschaftswunder zu identifizieren. Wenn diese Identität weg bricht, kommt die Frage: Was ist denn meine Identität?
Wie ich im Buch ausführe, muss nach dem materiellen Wohlstand – der schwinden wird – das „Wohlergehen“ kommen. Das bedeutet für mich buchstäblich: Du musst jetzt dein Wohl ergehen! Das kann ich mit meiner Ratio noch entscheiden. Aber in dem Moment, wo ich tatsächlich gehe, ist die Ratio nicht mehr nötig. Da bin ich ganz im Gehen. Darauf ist der Fokus gerichtet, und alles andere ergibt sich dann. Das hat auch mit Loslassen zu tun. Du stehst mit deinem Gewicht auf dem einen Bein. Willst du weiter gehen, musst du dieses Bein loslassen und auf das andere vertrauen, dass es dich hält. Und dann weiter so, Schritt für Schritt. Das Gehen ist also immer ein Loslassen und Vertrauen auf die Hilfe des anderen Beines.
Deshalb ist Kinhin, das achtsame Gehen im Zen, auch so wichtig. Beim Meditieren geht es ums Loslassen. Ich muss sehr viel Vertrauen haben, dass mich nach dem Loslassen irgendetwas hält. Und es kann mich nur das halten, was wir Gott, Allah, die Leere usw. nennen, obwohl es eigentlich namenlos ist. Prof. Hans-Peter Dürr hat vom Kooperativen Hintergrundsfeld und vom Liebenden Dialog gesprochen, den er wichtiger findet als die Meditation, weil er als zusätzliche Dimension die Spontaneität mit dem Gegenüber erfährt. In gewisser Weise ist auch das Gehen der beiden Beine immer ein Dialog.
Das ist eben auch in jeder Begegnung so wichtig – wie wir beide jetzt: Geben und Nehmen. Wenn ich aufhöre zu reden, vertraue ich darauf, dass Sie es aufnehmen und wieder mir etwas sagen usw. Eine Aussage baut auf der anderen auf. Das gesamte Gespräch ist viel mehr als die einzelnen Beiträge. Dann haben wir das, was Dürr das Plussummenspiel nennt: Eins und eins ist eben mehr als zwei. In der Wirtschaft haben wir es dagegen leider allzu oft mit einem Nullsummenspiel zu tun. Der eine gewinnt, der andere verliert.

Worum geht es grundsätzlich?
Unser materielles und mentales Bewusstsein ist an seine Grenze gestoßen. Wir sind auf dem Absprung in ein transpersonales Bewusstsein, was allerdings für die Mehrheit noch hunderte von Jahren dauern kann. Doch ich stimme Raimon Panikkar zu, wenn er sagt, der Mensch der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird gar nicht mehr sein. Ich bezeichne mich zwar nicht als Mystiker, doch ich habe – inspiriert von C. G. Jung und von Erkenntnissen der Mystiker und meiner spirituellen Lehrer– zwei Großunternehmen erfolgreich geführt. Die Menschen waren mit großer Begeisterung dabei. Und es gelingt sehr wohl in einem spirituellen Sinne mit anderen Menschen so umzugehen, dass wir keinen Schaden anrichten – bei der Kreatur und Natur - , dass wir mit den Entscheidungen unseren inneren Frieden finden, dass wir genügend Themen haben, wo wir sagen, wir produzieren Dinge, die die Menschheit unbedingt braucht. Und wir versuchen möglichst, die Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Ein so geführtes Unternehmen entspricht dem, was Panikkar meinte.

Was würden Sie sagen, wie viele Spitzenunternehmer haben einen spirituellen Hintergrund wie Sie? Mehr als eine Hand voll?
Ich möchte das nicht bewerten und schätzen, so und so viele sind das. Es gibt ja feine Nuancen bei den Reifungsprozessen von Führungspersönlichkeiten. In den von mir geführten Unternehmen konnte ich zumindest Menschen aussuchen mit Herz, mit einem christlichen Verständnis von Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit, mit Empathie und Kongruenz im Handeln – wie immer man das benennt. Und da horcht man heute auf, wenn ein Unternehmer wie Deichmann oder Götz Werner mit den dm-Drogerien für seinen Führungsstil gelobt wird. Es geht nicht darum, wie viele da nun spirituell ausgerichtet sind, sondern dass einer überhaupt den Weg beginnt, spirituelles Wachstum zuzulassen, damit der äußere Mist, das egozentrische Verhalten, verschwinden kann.
Es nützt übrigens überhaupt nichts, wenn ich ethische Richtlinien erlasse, wie jedes Unternehmen es macht unter dem Druck der Öffentlichkeit, denn damit ist das Böse oder das Dunkle nicht verschwunden. Es ist immer da und bleibt bei jedem Menschen da. Das Verhalten muss aus dem inneren Wachstum kommen und nicht aus einer Anweisung des Vorstands. Dann ist eher dauerhaft gewährleistet, dass man anderen nicht schadet und selbst inneren Frieden findet. Und das ist alleine ausschlaggebend, nicht dass man viel weiß, kann und hat.

Können Sie noch einmal etwas zu den Erfahrungsräumen sagen, die ja in Ihrem Buch eine wichtige Rolle spielen und wo es um praktische Anleitungen geht.
Die Erfahrungsräume sind mir bewusst geworden durch Graf Dürckheim, der ja mein erster Lehrer war. Er fragte die Menschen, die zu ihm kamen – und so auch mich: „Denk mal zurück in deinem Leben. Gab es da Momente, wo du besonders glücklich warst?“ Meistens fielen den Menschen Naturerlebnisse ein. Also es gibt Erfahrungsräume - in denen sind wir ständig, besonders intensiv in der Kindheit, die uns näher bringen an das Feld. Und wenn wir uns dann öffnen, nachdem wir unseren Fokus gesucht haben, kommt das Loslassen. Und nach dem Loslassen gibt es keinen Unterschied zwischen dem Objekt und mir. Wir sind eins. Und plötzlich spüre ich das, was mit der Stille und der Leere gemeint ist. Ich entwickle mich. Ich wachse innen und wirke außen gemäß dem Status der inneren Reife.
Begriffen habe ich das in der Natur nach meinem Interview mit der über 90-jährigen Künstlerin Rosemarie Sack-Dyckerhoff, die darauf hinwies, dass sie mit ihren Plastiken eigentlich den Raum darstellt. Und so ist es auch mit den Bäumen im Wald. Dazwischen ist die Leere. Da musste ich 69 Jahre alt werden, um das bei einem Spaziergang im Stadtwald zu erleben! Und so möchte ich, dass die Leser merken: Es gibt ja Räume, in denen erfahre ich das, was mich und alles unsichtbar umgibt und hält. Ich sitze auf einem Berg und folge dem, was der berühmte Pater Enomyia-Lassalle immer predigte: “Begründe dich, richte dich auf und lass im Geiste los!“ Lausche und achte einfach mal auf das, was passiert. Da brauche ich keinen strengen ZEN-Weg mit stunden- und tagelangem Sitzen. Das ist gut für diejenigen, die das können. Aber allen anderen muss man doch einen gangbaren Weg weisen.
Sie müssen nicht irgendwo hin. Sie müssen nur loslassen. Sie räumen durch die Meditation die Fixierung auf den ganzen Unrat weg. Zum einen bekommen wir dadurch Energie und fühlen uns so erneuert. Und wenn das alles weg ist, geschieht die Einsicht oder Wandlung von alleine, aber – als Gnade. Wenn die Absicht dahinter ist, Gnade erfahren zu wollen, dann ist es schon wieder weg. Aber was ganz wichtig als Botschaft ist: die ganz feine Veränderung der eigenen Person, Jahr für Jahr, dass ich selbst mich anders sehe, mit den anderen anders umgehe und die Lebensqualität spüre, die sich entwickelt hat, aufgrund meiner Meditation, meiner Achtsamkeit. Wenn man das einmal gespürt hat, diesen „Goldenen Wind“ - und das kann relativ schnell geschehen - dann gibt es keinen Weg mehr zurück. Dann geht es nur noch weiter. Man spürt die Veränderung selbst und vor allen Dingen: unsere Umgebung spürt das an unserer Gelassenheit, Heiterkeit, an unserem Humor und unserem Mitgefühl für alle Wesen.

Die Fragen stellte Christian Salvesen



Professor Dr. Erhard Meyer-Galow, 1942 in Frankfurt/Main geboren, ist von Beruf Chemiker und war in führenden Positionen der deutschen Wirtschaft tätig, so unter anderem als Vorstandsvorsitzender der Hüls AG und der Stinnes AG. Er war Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker und wurde 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ein langjähriger spiritueller Weg führte ihn zur Bewältigung von Krisen in seinem Leben.

Buchtipp:
Erhard Meyer-Galow: Leben im Goldenen Wind. Jetzt bin ich endlich mal da! Reifungs- und Transformationsprozess eines Topmanagers. 432 S., geb., Frieling & Huffmann, 2011, € 26.90


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.