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Ausgabe Dezember 2015
Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe? Aus dem Buch von Lorenz Marti

Inwieweit man diese Frage auf so kleinem Raum beantworten kann, lassen wir hier Lorenz Marti mit freundlicher Genehmigung des Verlages zu Wort kommen.

Es ist Morgen. Ich muss gehen. Die Zeit drängt. Hastig schnüre ich meine Schuhe. Ob ich wohl noch rechtzeitig zum Bahnhof komme? Ein Schuhbändel reißt. Ausgerechnet jetzt, wo ich so knapp dran bin. Ich suche einen neuen, führe diesen mit zittrigen Fingern durch die Ösen und ziehe ihn straff an. Der Schuh sitzt. Ich verlasse das Haus.
Eine banale Geschichte, wie es im Verlaufe eines Tages unzählige gibt. Eine Nebensächlichkeit, scheinbar ohne Bedeutung. Es muss halt sein, das Schnüren der Schuhe ebenso wie der ganze übrige tägliche Kleinkram, der immer so viel Zeit in Anspruch nimmt.
Kleinkram? Von einem Schüler des berühmten jüdischen Wanderpredigers Maggid von Mesritsch ist der Satz überliefert: „Ich bin nicht zum Maggid gegangen, um bei ihm die Torah zu studieren, sondern um zu beobachten, wie er seine Schuhe schnürt.“
Und plötzlich verlangsamt sich der ganze Film. Der berühmte Weise schnürt die Schuhe. Ein Schüler schaut zu. Keiner spricht ein Wort. Wie in Zeitlupe nimmt der Schüler jede Bewegung des Meisters wahr. Er schaut genau hin, damit ihm nichts entgeht. Er lässt sich berühren von dem, was er sieht. Ihn interessiert nicht die abstrakte Lehre, sondern das konkrete Leben. Er sucht die Begegnung mit einem Menschen, der lebt, was er lehrt. Auf dem Weg über die Praxis hofft er einiges zu erfahren über das, was diesen Maggid bewegt und trägt. Und wer weiß: Vielleicht erfährt er beim Schnüren der Schuhe mehr über das Geheimnis des Lebens als beim Studium einer heiligen Schrift.
Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe? Der Schüler verrät es nicht. Die Frage bleibt offen. Gerne hätte ich selber dem Maggid einmal zugeschaut. Wahrscheinlich hätte ich gar nichts Besonderes festgestellt. Mystiker und Mystikerinnen sind Menschen wie du und ich. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie Tiefenschichten des Lebens entdecken und ergründen, die uns üblicherweise verschlossen bleiben. Diese Erkundungsreisen ins Innere des Daseins mögen sich im Alltag auf unterschiedliche Weise auswirken. Ich kann mir vorstellen, dass einige Mystiker ihre Schuhe mit einer hohen Aufmerksamkeit und Ruhe schnüren und diese kleine Verrichtung als Übung auf dem inneren Weg verstehen. Andere wiederum werden wie ich die Sache möglichst schnell hinter sich bringen. Von den ersten kann ich lernen, mit den zweiten fühle ich mich verbunden. Die ersten gehen mir voraus, die zweiten sind mir nahe.
Es gibt viele große Theorien über Gott und die Welt. Doch am Ende kommt es immer darauf an, wie ich mit den ganz praktischen Anforderungen des ganz gewöhnlichen Alltags umgehe. Der Ort, an dem die großen Fragen des Lebens zu reflektieren und zu meditieren sind, ist immer da, wo ich gerade bin. Und sei es beim ungeduldigen Schnüren der Schuhe.



Buchtipp: Lorenz Marti: Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe? - Herder, Freiburg, 2004


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