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Ausgabe November 2015
Seelenmedizin Liebe. Wie Liebe die Seele nährt und den Körper heilt. Von Jochen Meyer


Mit einem anderen Menschen in einer Paarbeziehung liebevoll verbunden zu sein: Das ist eine unserer tiefsten Sehnsüchte, man könnte auch sagen ein Urbedürfnis unserer Seele. Schon als Embryos im Mutterbauch erfahren wir, dass wir gleichzeitig verbunden sein und wachsen können. Was wir in embryonaler Symbiose mit der uns nährenden Mutter unbewusst erlebt haben, möchten wir später als erwachsene Frauen und Männer eigenständig und gemeinsam mit einem liebevollen Partner auf eine reifere und nicht-symbiotische Weise verwirklichen: Wir sehnen uns danach, uns mit einem Partner verbunden zu fühlen und gleichzeitig über uns hinauswachsen zu können. Wir wünschen uns eine von Wohlwollen, Vertrauen und Akzeptanz getragene Verbindung, die uns stärkt und Kraft für unser Leben schenkt. Wir wünschen uns, dass wir uns in unseren Liebesbeziehungen frei entwickeln und immer mehr wir selbst sein können – statt eingeengt oder abhängig gemacht zu werden. Und wir verspüren das Bedürfnis, dieses wundervolle Verbundensein mit einem liebevollen Partner nicht nur zu erfahren, sondern es selber herbeiführen und geben zu können. Erst wenn wir dazu fähig werden, empfinden wir unser Leben als sinnerfüllend. Erst dann erleben wir unsere Beziehungen als nährend; und erst dann fühlen wir, dass unser Potential zu lieben sich erfüllt und dass die Liebe unserer Seele Flügel verleiht.
So betrachtet sind vertrauensvolle Liebesbeziehungen weitaus mehr als die Erfüllung eines in uns angelegten biologischen Programms. Sie sind nötig, damit wir unser Leben als glücksbringend und sinnerfüllend erleben können, womit geistige und philosophische Fragen berührt werden. Und sie sind lebendige, schöpferische Vorgänge zwischen uns und unseren Partnern, was seelische Fragen aufwirft wie gemeinsame Lebensthemen bewältigen, eine Paarvision entwickeln oder einander in Krisen achtsam begleiten und an- und miteinander wachsen. Auch als Paar wollen wir unseren Radius erweitern und mit anderen auf gute Weise verbunden sein.
Eine gute Beziehung ist somit Bestandteil eines glücklichen Lebens oder, poetisch gesprochen, Medizin für die Seele. Daran ist mehr, als man vielleicht zunächst denkt: Wir wissen heute, dass eine vertrauensvolle Liebesbeziehung sich nicht nur psychisch stabilisierend auf die Partner auswirkt, sondern auch zahlreiche positive „Nebenwirkungen“ auf deren Organismus hat: Hormonspiegel, Blutdruck, Herzrhythmus, Abwehrkräfte, Belastbarkeit bei Stress – all das wird davon gestärkt. Das heißt: Menschen in einer glücklichen Beziehung leben gesünder. Sie haben sogar eine deutlich höhere Lebenserwartung als Menschen ohne Partner. Und umgekehrt haben Menschen, die über lange Zeit in einer unsicheren oder destruktiven Beziehung leben und damit einem ungleich höheren Stresslevel ausgesetzt sind, ein höheres Krankheitsrisiko und eine deutlich niedrigere Lebenserwartung.

Das Gefühl des Verbundenseins
Liebe als Seelenmedizin ist aber nicht an einen Partner gebunden. Wer gerade ohne Partner lebt oder in einer schwierigen Beziehung ist, kann lernen, das Gefühl der Verbundenheit in sich zu erzeugen. Oft hilft es, sich in solch schwierigen Momenten erst einmal bewusst zu machen, dass man – selbst wenn man sich momentan einsam und verlassen fühlt – immer verbunden ist: Zum Beispiel mit den Molekülen von Wasser, Luft und Erde, die wir durch unsere Atmung und unsere Nahrung ständig zu uns nehmen. Wir sind untrennbar verbunden mit unserem Körper, in dem eine unglaubliche Zahl von Vorgängen gleichzeitig geschieht und der nahezu alles Wesentliche ohne unser Zutun regelt. Wir sind verbunden mit unseren Freunden und Familienmitgliedern, mit den Menschen, die in unserem Haus leben, in unserer Straße, unserer Stadt, unserem Land, je nachdem, wohin wir unseren Blickwinkel lenken. Ja, wir können uns sogar mit Menschen verbunden fühlen, die gerade ein ähnliches Leiden erleben wie wir und die vor ähnlichen Herausforderungen stehen.
Eine einfache und wirkungsvolle Weise, das Gefühl von Verbundenheit zu erzeugen, sind die buddhistischen Meditationen der Liebenden Güte (Metta), bei der man anderen mit offenem Herzen Gutes wünscht. Dabei spricht man bewusst eine Formel wie z. B.
„Mögest du frei sein von deinem Leid und leichter und unbeschwerter durchs Leben gehen!“
Interessanterweise beginnt man diese Meditationen immer bei sich selbst, indem man sich zunächst selbst Gutes wünscht. Bevor man an die anderen denkt, stellt man erst einmal das Gefühl von emotionaler Nähe und Verbundenheit zu sich selber her. Die buddhistischen Lehren betonen, dass eine regelmäßige Praxis der Liebenden Güte eine Transformation des Geistes bewirkt und uns ausgeglichener, empfänglicher und einfühlsamer für uns und andere werden lässt. Westliche Neurobiologen fügen hinzu, dass dies mit zahlreichen chemischen Prozessen in unseren Körpern einhergeht und messbare Auswirkungen auf unsere Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und Lebenserwartung hat. Wer also ohne Partner lebt oder gerade in einer schwierigen Beziehung steckt, kann sich somit einige der positiven Effekte einer glücklichen Partnerschaft zu eigen machen, indem er regelmäßig über sein Verbundensein meditiert. Er kann sich zumindest auf diese Weise selbst ein guter Partner sein.

Die Seele streicheln
Paare, die ihre Verbundenheit stärken wollen, frage ich zunächst, wo sie sie am meisten vermissen: Fehlt es mehr an gemeinsam verbrachter Zeit, an der Qualität der Gespräche oder an körperlicher Nähe? Fühlen sich beide vom Anderen wirklich genügend gesehen? Je nach Lage der Dinge wird die Lösung verschieden sein und unterschiedliche Strategien benötigen. Ein Mittel, das Wunder wirkt und das ich immer gern empfehle, ist Kuscheln. Einander körperlich nah sein, den Partner liebevoll im Arm halten oder von ihm gehalten werden; einfach absichtslos beieinander liegen und die Berührung genießen – das ist für beide eine Wohltat. Auch auf diese Weise können wir in einen Zustand meditativer Verbundenheit gelangen – und das sogar zu zweit! Gerade Paare, die wenig Zeit miteinander verbringen, beruflich stark eingebunden sind oder bei denen sich alles um die Kinder dreht, berühren sich oft viel zu wenig. Dabei ist liebevoller Körperkontakt so wichtig! Eine halbe Stunde in Löffelchenstellung aneinandergeschmiegt auf dem Sofa liegen beruhigt die Atmung und synchronisiert den Herzrhythmus, führt zur Ausschüttung des als „Bindungshormons“ bekannten Oxytocins, stärkt das Immunsystem und macht gute Laune. Und man muss noch nicht einmal etwas dabei tun! Nicht nur für Kinder ist Körperkontakt lebenswichtig – auch als Erwachsene brauchen wir liebevolle, achtsame Berührungen. Entscheidend hierbei ist die Qualität: Nicht jede Berührung fühlt sich gut an, wichtig ist der Kontakt und die damit verbundene Motivation. Es ist ein Unterschied, ob Sie Ihre Partnerin wirklich „nur“ halten und erwartungslos mit ihr sein wollen oder ob Sie sie insgeheim verführen möchten. Und es ist eine spannende Aufgabe herauszufinden, welche Berührungen wirklich „nährend“ sind; wie Sie einander so berühren, dass Sie sich körperlich wohl und seelisch gestreichelt fühlen. Den Partner durch liebevolle Berührungen bewusst und achtsam beschenken, gemeinsam mit ihm in diesen wundervollen Seinszustand als Paar eintauchen und dazu noch dem Körper im medizinischen Sinne Gutes tun: Ist dies nicht eine großartige Möglichkeit, die Verbundenheit zu stärken und die eigene Beziehung in einen blühenden Garten der Liebe zu verwandeln?!


Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Single-Coach und Paarberater in Berlin. Weitere Infos zur Arbeit des Autors auf www.jochen-meyer-coaching.de


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