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Ausgabe November 2015
Liebeskrisen. Von Dr. med. Daniel Dufour

Dr. med. Daniel Dufour ist der Begründer der von ihm entwickelten, ganzheitlich orientierten OGE-Methode und Autor des neuen Ratgebers zum Thema „Liebeskrisen“.
Er beschreibt hier die Auswirkungen der Verlassenheit auf Liebesbeziehungen und gibt Rat, wi

Ihr neues Buch will kein klassischer Beziehungsratgeber zur Gestaltung der „idealen“ Partnerschaft sein. Dennoch gibt es bei der Beschreibung von Beziehungsproblemen immer wieder Übereinstimmungen bei den Betroffenen. Welche sind dies, und was kann man daraus lernen?
Dr. Dufour: Wenn ein Paar eine Krise durchlebt, machen beide Partner sich sehr häufig gegenseitig für das Problem verantwortlich. Außerdem erwartet jeder, vom anderen geliebt zu werden, ohne sich über die eigenen Unzulänglichkeiten Gedanken zu machen. Keiner stellt sich die Frage, ob er nicht selbst die Ursache des Problems ist. Die Wut ob der erlebten Frustration wird meist unterdrückt oder äußert sich in heftigem Zorn. Dadurch verschließt sich der Betroffene gegen sich selbst und folglich gegen jeden echten Austausch mit dem Partner. Es gilt also zuerst einmal, die eigenen Emotionen vor sich selbst zum Ausdruck zu bringen, um anschließend mit dem Partner reden zu können. Das hat zwei Vorteile: Man begegnet sich selbst ruhig und respektvoll und kann offen und von Herzen kommend reden; und man erwartet vom Partner nicht mehr, dass er uns an unserer Stelle liebt.

Das Phänomen der Verlassenheit spielt auch in den „Liebeskrisen“ eine prominente Rolle. Was hat man darunter zu verstehen, und woran erkannt man, dass jemand daran leidet?
Dr. Dufour: Das Thema Verlassenheit spielt eine wichtige Rolle bei den Krisen, die ein Paar durchlebt. Davon Betroffene tragen meist unbewusst die Überzeugung in sich, nicht liebenswert zu sein, also der Liebe nicht wert zu sein. Deshalb sind solche Menschen davon überzeugt, immer wieder verlassen zu werden – egal, was sie tun, wie sie sich verhalten oder wie sie in einer Beziehung funktionieren. Sie leben mit dieser Angst, häufig auch mit einer Art Scham oder Schuldbewusstsein, weil sie wohl etwas Schreckliches getan haben müssen, um diesen Mangel an Liebe von Seiten derjenigen zu verdienen, die ihnen doch eigentlich die Liebe hätten geben müssen, die jedes Kind braucht. Folglich werden diese Menschen in einer Beziehung immer zwischen Extremen schwanken: Sie verlangen ständig vom Partner einen Liebesbeweis, den er um jeden Preis erbringen muss, haben Angst vor dem Alleinsein (sie fürchten sich zum Beispiel vor einer zeitweisen Trennung und vor Abschieden), zeigen die kalte Schulter, sind distanziert oder extrem eifersüchtig. Hinter all dem verbirgt sich die große Unsicherheit, mit der ein Verlassener seine Beziehungen lebt.

Die Verlassenheit kann verheerende Auswirkungen auf die Persönlichkeit und das Liebesleben eines Menschen haben und ist Ursache vieler schwieriger Verhaltensmuster. Welche Beziehungsprobleme sind hier zu nennen, und warum hat die Erfahrung von Verlassenheit so nachhaltigen Einfluss?
Dr. Dufour: Ein Verlassener ist zutiefst davon überzeugt, von anderen nicht geliebt werden zu können. Er schwankt zwischen zwei Extremen: Alles tun, um nicht verlassen zu werden, oder sich gar nicht erst wirklich auf die Beziehung einlassen. Es kann also sein, dass er in totaler Abhängigkeit lebt und sich zugunsten des Anderen völlig verleugnet und nicht mehr respektiert. Er kann aber auch wahllos neue Bekanntschaften suchen, weil er (fälschlicherweise) glaubt, dadurch in Sicherheit vor dem Trennungsschmerz zu sein. Genauso gut kann es sein, dass ein an Verlassenheit Leidender den Konflikt sucht, sodass die Partnerschaft immer auf der Kippe steht, obwohl sie nach außen zu funktionieren scheint. Und es kann vorkommen, dass er sich gar nicht erst in einer Beziehung engagiert, um nach deren Ende zu erkennen, dass der ehemalige Partner ganz offensichtlich die Liebe seines Lebens war... Von Verlassenheit Betroffene wechseln problemlos zwischen diesen Extremen hin und her, denn häufig suchen sie die Liebe des Anderen vor allem, um sich ihrer selbst zu versichern.

Um den an Verlassenheit Leidenden – aber nicht ausschließlich diesen – zu helfen, wurde die OGE-Methode entwickelt. Worin besteht das Konzept und wie unterscheidet es sich von anderen Therapieformen?
Dr. Dufour: Das Wort OGE ist ein Wortspiel, die Umkehr des Wortes „Ego“, und das Ego ist nichts anders als die Denke. Die OGE-Methode soll uns dabei helfen, unsere Eigenständigkeit und damit auch die Person, die wir wirklich sind, zu bewahren oder wiederzufinden. Diese durchdachte Methode ist sehr hilfreich und leicht zu beschreiben, aber nicht ganz so einfach in der Umsetzung, denn unsere Denke ist sehr mächtig. Das Besondere dieser Methode besteht darin, dass unsere Emotionen wirklich ausgelebt und nicht nur reguliert oder thematisiert werden. Man tut das für sich selbst, allein mit sich, um sich Gutes zu tun und so eine körperliche und seelische Entspannung herbeizuführen. Wenn man so vorgeht, bezeugt man sich selbst die Liebe, die uns erlaubt, uns selbst und folglich auch anderen gegenüber offen zu sein.

Wer sich selbst nicht liebt, kann auch keinen anderen lieben, lautet, vereinfacht gesagt, eine These Ihres Ansatzes. Wie kann es gelingen, zur Selbstliebe zurückzufinden und sich damit auch gegenüber dem Partner zu öffnen?
Dr. Dufour: Wer sich selbst nicht liebt, sucht bei anderen die Liebe, die ihm abgeht. Diese Suche wird immer erfolglos bleiben, denn niemand kann uns an unserer Stelle lieben. Wie schaffen wir es, uns selbst zu lieben? Indem man sich der eigenen Person zuwendet und die Anspannung (die ein Zeichen für die Macht der Denke ist) durch Entspannung ersetzt! Das bedeutet, dass wir im Hier und Jetzt leben müssen, was leichter gesagt als getan ist… Wir leben unsere Emotionen aus und finden uns selbst wieder, mit all unseren Vorzügen und auch mit der Fähigkeit, die Existenz zu erschaffen, die wir uns wünschen, statt eine andere nur zu ertragen... Dann sind wir auch in der Lage, offen mit unserem Partner zu kommunizieren. Wir können seine Liebe annehmen, denn wir sind ihrer würdig, und wir können ihm unsere Liebe schenken, denn jetzt wissen wir, was es heißt zu lieben!

Auch in der modernen Gesellschaft stehen Liebe und Partnerschaft unangefochten an der Spitze der persönlichen Werteskala. Sind es hier nicht auch Erfolgsdruck und überzogene Leistungsansprüche, die Beziehungen scheitern lassen?
Dr. Dufour: Die moderne Gesellschaft neigt in meinen Augen dazu, Leistungsdenken, Mühsal und den schönen Schein aufzuwerten. So räumt sie dem Ego und damit der Denke einen sehr großen Platz ein. Nur zu gern normt sie die Menschen, aus denen sie besteht, nach ihren Vorstellungen, damit sie ihr besser dienen... Aber vergessen wir nicht, dass die Gesellschaft für uns da ist und nicht um ihrer selbst willen besteht, denn sie besteht ja aus jedem und jeder von uns! Kann es sein, dass wir unserer Denke zu viel Platz einräumen, obwohl sie der Inbegriff der Nicht-Liebe ist? Die Antwort ist offensichtlich, genau wie die Schlussfolgerung: Sorgen wir dafür, dass jeder sich bedingungslos liebt, wie er es verdient. Dann werden wir nicht nur in der Lage sein zu LEBEN, sondern auch, die Gesellschaft mitzugestalten.

Dr. med. Daniel Dufour (geb. 1951) wirkte nach seinem Medizinstudium in Genf unter anderem als Chirurg in Entwicklungsländern und als Abgesandter und Koordinator für das Internationale Rote Kreuz in Kriegsgebieten. Seit 1988 leitet er die „Clinique Vitamed“ in Genf und vertritt in der Praxis einen ganzheitlichen Ansatz, demzufolge nicht die Symptome, sondern die tieferen Ursachen einer Krankheit behandelt werden.

Buchtipp: Dr. med. Daniel Dufour, Liebeskrisen, Verletzte Gefühle heilen – Beziehungsprobleme lösen, 190 S., Broschur, 14,95 € im Mankau Verlag 2015


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